Marko Wild

I

Am Abend vor der Abreise packte ich mein Reisegefährt. Unseren Bus, einen T5 ohne jegliche Extras, aber in Überlänge. Als Matratze, Taschen, Kisten und für die Stadt oder Notfälle mein Rad sicher verstaut waren, gab es noch jede Menge Platz. Denn ich reiste nicht allein und hatte keine Ahnung, wieviel er mitnehmen würde, mein Passagier. Sima, so hieß er. Ein Russlanddeutscher. Er wollte oder sollte (genau kann ich das bis heute nicht sagen) bis Nowosibirsk mit mir fahren.

Kennengelernt hatte ich ihn über einen anderen Russlanddeutschen, den ich in einem Baumarkt hatte telefonieren hören und wegen seines russischen Akzents aus einer Eingebung heraus angesprochen hatte, ob er eventuell jemanden in Nowosibirsk kenne, bei dem ich für ein paar Tage unterkommen könnte (damals hatte ich noch kein Übernachtungsangebot erhalten). Dieser Russlanddeutsche meinte, ein Bekannter – ebenfalls Russlanddeutscher – wolle diesen Sommer nach Nowosibirsk. Ich bat darum, mich ihm vorzustellen. So traf ich Sima.

Als wir uns im März 2015 das erste Mal sahen, stand mir einer gegenüber, der etwa so alt war wie ich, einsneunzig groß und – man kann es schlecht anders sagen – ungeheuer dick war. Ein menschlicher Koloss. (Fahrrad, gestand er mir später einmal, fahre er nicht, weil er fürchte, keines würde ihn aushalten.) Sima trug ganzjährig Jogginganzüge in gedeckten Farben und hatte eine rasierte Glatze unter einem Baseball-Käppchen. In diesem Aufzug verkörperte er mehr als jeder andere Mensch, den ich bis dahin getroffen hatte, das Klischee des einfachen Russen. Zwar sprach er weder akzentfreies noch grammatikalisch korrektes, dennoch aber ganz passables Deutsch, was man nicht von allen Russlanddeutschen behaupten kann. Simas Heimatstadt lag in der Nähe von Nowokusnezk, gut 400 Kilometer hinter Nowosibirsk, im Oblast Kemerowo. Er lebte seit 15 Jahren in Deutschland und wohnte zusammen mit seiner Mutter und weiteren Russlanddeutschen als Nachbarn in einer kleinen, nicht besonders anspruchsvollen Reihenhaussiedlung zur Miete.

Warum und weshalb er im Sommer nach Nowosibirsk fahren wollte, sagte er nicht. Und ich fragte nicht. Fahren bedeutete fahren, nicht fliegen. Das genügte mir. Denn auch ich wollte fahren. Ob wir nicht zusammen fahren könnten, fragte ich ihn.

Kann man schon zusammen fahren“, antwortete er. „Muss man sehen. Vielleicht erst bisschen kennen lernen. Kann man noch nicht sagen jetzt. Aber möglich schon.“

Die Antwort gefiel mir. Auch ich wollte ihn zunächst ein wenig kennen lernen und schlug vor, gemeinsam angeln zu gehen. Sima, der wie die meisten russischen und russlanddeutschen Männer sehr gerne angelte, war einverstanden. Ein paar Wochen später fuhren wir an einen See und – angelten. Sima verspeiste einen Schokoriegel nach dem anderen (mir wurde Angst) und unterhielt sich lautstark und derb-lustig mit unseren Nachbarn. Das ganze Seeufer war eine einzige Promenade angelnder Russen und ihrer Ausrüstung. Manchmal warf Sima meine Rute aus (ich hatte bis dahin nur wenig Erfahrung) oder knetete einen Futterball zum Anködern. Auf dem Heimweg sagte er, was er tatsächlich von dem einen oder anderen hielt, dessen Lebensqualität Simas Ansicht nach unter zu viel Arbeit litt:

Idiot!“.

Sima bemühte sich, immer nur so viel zu arbeiten, dass ihm noch genügend Zeit zum Angeln und anderen Dingen blieb. Auch lebte er noch bei seiner Mutter, um sich von seinem geringen Gehalt trotzdem einige Annehmlichkeiten leisten zu können. Auf seine Art war Sima extrem clever.

Ab diesem Treffen war unsere gemeinsame Fahrt – ohne dass wir es konkret ausgesprochen hätten – beschlossene Sache. Ich sah Sima danach erst Anfang Juni wieder. Auf einer winzigen Eckbank sitzend, von Simas Mutter mit gefüllten Teigtaschen bewirtet, erstellten wir dann eine bis auf zwei Tage flexible Planung für den Abreisetermin. Sima reichte Urlaub ein und ich verließ mich auf sein Wort, dass er tatsächlich mit mir zusammen nach Nowosibirsk fahren würde. Etwas unwirklich war es schon. Man trifft einen wildfremden Menschen und sagt, „Verzeihung, würdest du im Sommer mit mir nach Nowosibirsk fahren?“ – Und er antwortet: „Klar, warum nicht. Hatte ich ohnehin vor.“ Danach sieht man sich noch einmal und hofft, es werde schon irgendwie gelingen. Um ehrlich zu sein. Ich wollte das auch gar nicht mehr in Frage stellen. Denn ich war einfach nur froh, jemanden dabei zu haben, der Russisch sprach, Strecke und Land kannte und mir das Alleinsein vertreiben würde.

Sima selbst hatte diese Fahrt schon neun oder zehn Mal gemacht. In Russland war er eine Art Autohändler gewesen. Nach der Übersiedelung hatte er dieses Geschäft von Deutschland aus zunächst fortgesetzt. Er hatte günstige Gebrauchtwagen aufgekauft, sie nach Sibirien gefahren und sie dort teuer verkauft. Vom Gewinn hatte er dann den Rückflug bezahlt. Ein tadelloser Kreislauf. Westliche Autos waren zu jener Zeit rar und begehrt in Russland. Später allerdings verzigfachte die russische Regierung die Zollkosten für gebrauchte Importwagen. Die Binnennachfrage sollte angekurbelt werden. Seitdem hatte sich dieses Geschäft immer weniger gelohnt. Sima war irgendwann ausgestiegen und deshalb nun schon einige Jahre lang nicht mehr in seiner alten Heimatstadt gewesen. Der Zweck, zu dem Sima diese Fahrten früher unternommen hatte (Geld verdienen), und die sich daraus für ihn ergebende Reisegeschwindigkeit (Zeit ist Geld) waren ein Umstand, den wir vor Antritt niemals besprochen hatten. Ein Versäumnis, das später für nicht wenige Spannungen sorgen sollte.

Nachdem die Sache mit Sima fix war, schrieb ich einige Leuten in Nowosibirsk an und stellte mich als Journalist vor, der eine Reportage über die sibirische Metropole zu schreiben beabsichtige. Ich bat um Hilfe bei der Suche nach günstigen Übernachtungsmöglichkeiten, denn ich wollte gerne privat unterkommen. Das ist günstiger, man ist näher an der Wirklichkeit und findet schneller ins Land. Für mich sehr überraschend antworteten gleich drei in Nowosibirsk lebende Deutsche auf meine Anfrage und meinten, ihre Wohnung stünde mir offen. Das Unternehmen ließ sich zu diesem Zeitpunkt – etwa sechs Wochen vor Abreise – ausgesprochen gut an. Fast alle, die geantwortet hatten, waren noch im Urlaub außerhalb Russlands und wollten just zu der Zeit wieder zurück sein, zu der auch ich plante, in Nowosibirsk anzukommen. Das Glück schien mir hold. Auch die zwei Monate unbezahlten Urlaub, nach denen ich angefragt hatte, bekam ich genehmigt. Ich war daher sehr zuversichtlich, genau das Richtige zu tun. Den Bus brachte ich noch einmal zur Durchsicht, ließ einen Ölwechsel machen und zeichnete für meine Kinder einen Kalender zum Abstreichen der Tage.

In aller vogelzwitschernden Morgenfrühe des 27. Juni 2015, einem Samstag, fuhr ich bester Stimmung in den verkehrsberuhigten Bereich jener erwähnten Reihenhaussiedlung ein, hielt vor einer der mittleren Haustüren und klingelte bei Sima, um ihn abzuholen und unsere große Reise anzutreten. Der Mann im grauen Baumwoll-Jogginganzug stand schon im Treppenflur und wartete.

II

Sima hatte dabei: ein Kopfkissen, ein Herrenhandtäschchen mit seinen Papieren, einen (sehr schweren) Koffer, der während der gesamten Fahrt nie geöffnet wurde und einen baumwollenen Einkaufsbeutel, der ein geschnittenes Brot, ein eingeschweißtes Stück Schinkenspeck, eine 2-Liter-Plastikflasche mit einem stark gezuckerten Billiggetränk sowie einige unidentifizierbare Kleinigkeiten enthielt. Auf den Beifahrersitz legte er eine zusammengefaltete, orange-gelbe Sofadecke, auf der er bis zum Ende der Fahrt sitzen sollte. Und das war’s.

Ich fragte ihn, ob er nicht mehr Gepäck habe. Ja wenn er gewusst hätte, dass noch so viel Platz im Auto sei, hätte er schon mehr mitgenommen, meinte er. Ich erwiderte, zu eben jenem Zweck sei ich ja vorgestern noch einmal bei ihm gewesen – um von ihm ganz genau zu erfahren, wieviel Gepäck er mitzunehmen gedächte; dann hätte ich ihm den Platz dafür frei gehalten. Wir kamen zu dem Schluss, dass wir uns wohl in diesem Punkt missverstanden haben mussten und Sima tröstete sich damit, dass wir ja ohnehin nicht so lange unterwegs sein würden. Schließlich könne man, wenn man voll durchziehe, in dreieinhalb Tagen in Nowosibirsk sein.

Ich erwiderte, das würde mit Sicherheit nicht geschehen. In dreieinhalb Tagen 6000 Kilometer bedeutete 1700 Kilometer pro Tag zu fahren. Das sei völlig ausgeschlossen. Sima, der sich nicht aus dem Konzept bringen ließ, meinte, das ginge ganz gut, wenn man keine Pausen mache und immer einer schlafe, während der andere am Steuer sitze. Ich könne aber nicht schlafen, wenn jemand anders fahre, entgegnete ich. So ging das eine Weile hin und her, bis wir das Thema vorerst beendeten und beschlossen, erst einmal aufzubrechen und zu schauen, wie weit man denn heute überhaupt kommen würde.

Man musste Sima vorsichtig anfassen. Ging es nicht nach seinem Kopf, konnte er unberechenbar werden. Das hatte ich leider erst spät gemerkt. Zu spät möglicherweise. Doch das war mein Fehler und ließ sich nicht mehr rückgängig machen. Zwei Tage vor Abreise war mir nämlich eingefallen, dass wir nie über eine Beteiligung an den Spritkosten gesprochen hatten. Weshalb ich an jenem Abend noch einmal zu ihm hingefahren war, um in dieser Sache mit ihm einig zu werden. So sehr ich mich allerdings bemühte, ihm den Punkt vernünftig darzulegen, mit seiner Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Sima gab sich entrüstet, geradezu verletzt, als würde ich von ihm etwas vollkommen Abwegiges verlangen. Selbstverständlich würde er nichts bezahlen. Er habe immer gesagt, er wäre bereit, als Passagier mitzufahren. Dass auch Passagiere nirgends kostenlos mitfahren konnten, war für ihn kein Argument. „Passagier, nur Passagier. Wenn ich bezahlen soll, dann ich kann auch fliegen. Du willst, dass ich bezahle? Ich muss nicht mit dir fahren“, sagte er. Man hätte ihn schon gewarnt, fuhr er fort. Mit einem Deutschen wolle er fahren? Ob er denn verrückt sei, habe man ihn gefragt. Er aber, er habe mir eine Chance geben wollen. Und jetzt das. Nein, das Beste sei, alles auf der Stelle abzubrechen.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Augenblicklich schraubte ich meine ursprünglichen Erwartungen (halbe/halbe bei den Spritkosten) maximal nach unten. Versuchte nur noch, irgendwie aus dem Dilemma herauszukommen, ohne mein Gesicht zu verlieren:

Sima, selbst wenn du dich an den Fahrtkosten beteiligst, kommst du immer noch viel günstiger weg, als mit dem Fugzeug. Ich verlange ja keine Unsummen. Wenn du nur eine Tankfüllung übernehmen würdest, würde mir das schon deinen guten Willen zeigen. Aber dich ganz umsonst mitzunehmen, finde ich irgendwie unfair mir gegenüber. Kannst du das nachvollziehen?“

Er konnte nicht. Fast aufbrausend legte er mir folgenden Gedankengang dar: Ha! eine Flugverbindung könne er jederzeit für 500 Euro bekommen. Hin- und Rückflug! „Wollen wir reingehen? Soll ich dir im Internet zeigen?“ Und eine Fernbusverbindung koste noch weniger. (Ich wusste nich mal, dass es Fernbusse nach Nowosibirsk gab.) Wo denn da der finanzielle Vorteil sei, wenn er sich an den Spritkosten beteiligen würde? Und außerdem arbeite er auch. Ja, er arbeite unterwegs für mich. Immerhin würden wir uns beim Fahren abwechseln. Mehrere Tage lang müsse er fahren, gegebenenfalls auch Nachts, auf Schlaf verzichten, das sei anstrengend, er müsse sich konzentrieren, aufpassen und wenn er von der Polizei angehalten werde, müsse er das bezahlen. Doch, doch, obwohl er es nicht tun müsse, habe er sich das schon vorgenommen: Er würde für seine Fehler vor der Polizei selbst aufkommen. Weiter. Die Fahrt koste ihn mehrere Tage Zeit. Mit dem Flugzeug wäre er in einem Tag dort. Für diese Tage müsse er sich auch verpflegen. Dies alles koste ihn Geld und er wäre gar nicht scharf darauf, so lange mit mir unterwegs zu sein. Das mache er nur, um mir einen Gefallen zu tun, weil ihm klar sei, dass ich in Russland allein nicht zurecht kommen würde. Aber bitte, er denke, es sei besser, lieber jetzt einen Schlußstrich zu ziehen.

Ich sah ein, dass ich keine Chance hatte. Denn ich brauchte ihn mehr, als er mich. Also versuchte ich, zu beschwichtigen. Das schaffte ich mit Mühe und als ich wieder nach Hause fuhr – nicht ohne von ihm noch einmal zur Pünktlichkeit ermahnt worden zu sein, denn er habe keine Lust, eine halbe Stunde auf mich zu warten – war ich heilfroh und dankbar, dass es mir gelungen war, ihn überhaupt an Bord gehalten zu haben. Doch dieses Erlebnis war mir eine Lehre. Ich würde auf der Hut sein müssen.

***

Fortsetzung folgt