Ein Gastbeitrag von Frank Jordan

In knapp vier Wochen wird in Deutschland gewählt. Stimmung und allgemeiner Umgang auf sozialen Netzwerken werden zunehmend gereizt oder fatalistisch. Aufrufe dringlicher, drängender. Die viel beklagte „Spaltung der Gesellschaft“, glaubt man dem allgemeinen Tenor, wird deutlicher sichtbar.

Warum eigentlich wird sie beklagt, diese Spaltung? Wie – bitte sehr? – sollte möglich sein, dass nicht Risse, Gräben und allgemein Trennendes auftreten zwischen Dutzenden Millionen von Individuen? Es ist nicht das Drama, als das man es zu verkaufen versucht, sondern das Normalste der Welt. In jeder Familie, jeder Gemeinschaft tun sich solche „Spalten“ auf.

Was man uns als „Gräben“ wischen Gleich und Ungleich, zwischen links und rechts, zwischen Geschlechtern, Generationen, Einkommens- und Vermögensklassen oder zwischen Tradition und Moderne aufschwatzt, ist bei genauer Betrachtung stets wohlstandsversiffte Problem-Bewirtschaftung mit dem immer gleichen Ziel: Ausbau der staatlichen Zeitgeist-, Opfer- und Fürsorge-Maschinerie unter dem Schlagwort der sozialen Gerechtigkeit. Würde das Geld, das man der arbeitenden Bevölkerung via Steuern abpresst knapp, wäre eine Weiterverschuldung des Staates unmöglich, würden 90 Prozent dieser Probleme schlicht und einfach verschwinden.

Faul sein können Menschen, weil „man“ es sich leisten kann. Parallel-Gesellschaften, die sich aus drei Generationen bildungsferner Individuen zusammensetzen, können existieren und expandieren, weil „man“ in der Lage ist, ihre Existenz ohne Leistung zu sichern.

Männer und Frauen trennen sich, weil Hunger keine Gefahr darstellt. Über die Idee eines 55’000köpfige Funktionärsmolochs in Brüssel, die grenzenlose Finanzierung politischen Freiertums und bürgerlicher Schmarotzerei würde man in einer starken freien Gemeinschaft selbstverantwortlicher Individuen bloß lachen. Die Enteignung via Negativ-Zinsen, Geldentwertung und Bargeldeinschränkung wäre uns bestenfalls einen Witz wert.

Das Verrückte an der Sache ist etwas anderes: Zum großen Teil sind wir als Gesellschaften nämlich viel weiter, als gespalten. Wir sind zersplittert. Wir sind ein Inselreich von Millionen von Ichs.

Der Archipel Ego. Der wichtigste Graben vor dem jeder steht und von dem die PR-mäßig gross aufgebauschte Spaltung ablenken soll, verläuft ganz anderswo durch und kann auch nur dort zugeschüttet oder überbrückt werden: Durch jeden einzelnen von uns.

Es ist der Graben zwischen der Mentalität einer kindischen Selbstüberhöhung und Demut, wischen leistungsfreiem Bedientwerden und freiwilligem Dienen. Zwischen dem Recht des Forderns und Dankbarkeit. Zwischen Freiheit und Knechtschaft.

Hier und nirgendwo sonst stehen sich bequemes Schuldabschieben und kristallklare harte Verantwortung, antriebsloses Mitstolpern und freier Wille, die Scheinsicherheit der Masse und die einsame Panik des Ungewissen, das Schweigen als Schrei der Feigen und das Ja oder Nein des unbedingt Freien so unerbittlich gegenüber. Hier und nirgendwo sonst liegt die Quelle aller Spaltung. Hier und nirgendwo sonst lässt sich zuerst der Mensch und dann die Gesellschaft zerreißen zwischen Minderwertigkeiten und Größenwahn. Und es ist hier und nirgendwo sonst, wo unsere Sache verhandelt und entschieden wird. Es ist der schönste Graben der Welt. Es ist der Graben zwischen dumpfem geducktem Am-Leben sein und Leben schlechthin.

Irrtum vorbehalten ist es ein chinesisches Sprichwort, das sagt, wer sich selbst betrachte, leuchte nicht. Ben Harper singt davon, dass einer brennen müsse um zu scheinen. Und das gendermässig personifizierte Böse, Hemingway, prägte den Satz: „Schreiben ist einfach – du setzt dich an die Maschine und blutest.“

Solchen im Besten erlittenen Entwürfen von einem außerhalb unserer selbst Neues erschaffenden Leben stehen wir heute als Gesellschaft diametral gegenüber.

Jeder ist Mittelpunkt eines eigenen Alls. Gefordert, beklagt, die Stimme erhoben wird nur für sich selbst.

Das „Du“, „Er“ oder „Sie“ in den heischenden Sätzen ist sentimentales Beiwerk. Der mit elektronischen Herzchen bedachte Nächste oft bloß „zu Markierender“ auf dem Selfie.  Kreativität ist bizarr-bunter Konformismus in der Komfortzone staatlicher Förderung. Leben wird in Likes gemessen. Für alles andere gibt es die Menschenrechte, aus denen sich jeder Anspruch ableiten lässt.

Dass sich dabei mitten am Tag Unvereinbares gegenübersteht ohne dass es auffällt oder gar stört wird übersehen. Auf der einen Seite ein brachial-säkularer Fatalismus, der da sagt, das Leben sei nur Materie, Zufall und ansonsten unterhaltsames Lärmen, auf der anderen Seite ein übersteigerter Wahn des individuell Wünsch- und damit Machbaren.

Als Beispiel kann der sprachliche Umgang mit Extremsituationen des Lebens – Geburt, Krankheit, Tod – dienen. In der Schweiz hat es sich eingebürgert, dass man sagt, einer oder eine habe eine Sepsis „gemacht“, oder einen Herzinfarkt oder eine Embolie. Als wär’s eine Art ausschließlich dem Willen und Wollen des Betroffenen unterliegende Kompetenz. Der Mensch ist Macher und Könner und hat alles im Griff. Gnadenlos wird aufgerechnet und gerichtet. Dem Gegenüber stehen jährlich zehntausende verhinderte Leben. Und obwohl wir uns ermächtigen, über die Existenz und Beschaffenheit unserer Nachkommen zu entscheiden, werden Abtreibungen nicht „gemacht“. Eine Abtreibung „hatte“ man, wie Mumps oder Masern. Aktiv abgetrieben wird nur in Filmen des Staatsfunks.

Das ist der Graben, Leute! Hier ist die Spaltung. Auf der einen Seite Leben, Freiheit, Entscheidung, Verantwortung und Schuld.

Auf der anderen allgemeine Schuldlosigkeit und Untätigkeit – kleinmütiges, hilfloses, schicksalsergebenes Existieren, das sich gerne auch Emanzipation und Aufklärung nennt.

Hier muss entschieden werden, auf welcher Seite man verweilen will. Lautstark fordern, sich exponieren und vorwagen über die kultivierten Wohlstands-Scheingräben, um sich dann eingeschüchtert von der Schildwache des politisch Korrekten und gerade noch rechtzeitig an den Rettungsseilen allgemein akzeptierten Opfertums zurückzuhangeln ins Lager der blökend Unentschiedenen, läuft dann nicht mehr. Sätze, die mit „Ich als Frau“ beginnen und die nicht nur die Sprecherin quasi prophylaktisch, sondern alle Frauen von vornherein als Opfer klassieren und in den Status von „Berechtigten“ (zu was auch immer) erheben, gibt’s dann nicht mehr. Schluss mit Rettungsseilen. Panik ist programmiert. Glück auch.

Es wird schwer. Es braucht einer heute schon wieder sehr viel Mut für sein „Ja“ oder sein „Nein“ und für sein Dabeibleiben. Nachtsicht ist keine zu erwarten. Genauso wenig wie Humor von Frau Merkel. Woher die Kraft nehmen, wenn man – stumm vor Angst – das Kratzen der Sohlen hört, wenn bisher Zugewandte sich abwenden? Dankbarkeit hilf. Das eigenen Ausgetragenworden- und Amlebensein ist täglicher Grund zu feiern. Wer dieses Wunder sieht, den Pulsschlag fühlt, der will für sich und die Seinen mehr, als bloß ungeschoren davonkommen. Der so an seinem Urgrund Dankbare, lebt als Befreiter.

Der Der Freie hat die eigene Freiheit im Auge und auch die der anderen, die die seine bedingt. Der wirklich Freie ist nie Schmarotzer, Dieb, Neider, Profiteur. Der Freie ist vor allem dies: Der Freiheit stolzester Diener. Nie der Menschen gefügiger Knecht.

Wir haben die Wahl. Jeder von uns. Und alles, was danach kommt, werden wir uns verdient haben. So oder so.

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Und hier zu seinem neuen Buch: Frank Jordan: DIE MINISTERIN

lichtschalg

3 Kommentare

  1. Ich denke das es sowohl eine Frage der Erziehung, der späteren eigenen Erziehung (und sozusagen der seelischen Weiterentwicklung) als auch eine Frage der selbst gemachten Erfahrungen ist welche die Menschen dazu veranlaßt eben nicht in der eigenen Nabelschau zu verharren, sondern sich regelmäßig und ganz natürlich zu fragen, – schadet meine Entscheidung anderen Mitmenschen, wievielen nutze ich mit meinen Entscheidungen.

    Dazu muß man sich auch in Schicksale versetzen können welche man selbst (Gott sei dank) vielleicht nie persönlich erlebt hat bzw. von denen man weiß das man sie nie (mehr) erleben wird.

    Überdenke ich z.B. die Abtreibungen, so kann man diese unterschiedlich betrachten.
    Einerseits z.B. nach Vergewaltigungen. Kann man Frauen zumuten (minderjährig ? krank, bereits alleinerziehend) diese Kinder auszutragen ?
    Es gibt ein Für und Wider.
    Einerseits sind diese potenziellen Kinder völlig unschuldig daran das sie so und nicht anders gezeugt worden sind, zudem sind sie immer genetisch stets auch zur Hälfte der betroffenen Frau.
    Aber ein solches Kind kann aufgrund der tagtäglichen Erinnerung an die Art und Weise der Zeugung 9 Monate lang eine extreme seelische Belastung der Frau sein, ist es mit Sicherheit auch.
    Kann man als Frau ein solches Kind lieben ? Möglich ist es. Aber wohl eher selten.

    Gibt die Frau das Kind nach der Geburt zur Adoption frei wäre dies wahrscheinlich für sowohl das Kind als auch für die Frau das Beste. Zuvor jedoch muß sie durch diese 9 Monate durch. Das wird sehr hart werden.

    Bei einer Abtreibung bleibt das schlechte Gewissen. Egal unter welchen Umständen dieses potentielle Kind gezeugt wurde, – es ist die Hälfte von einem selbst, genetisch gesehen. Man treibt sich also ein bischen selbst ab. Für eine normal empfindende Frau auch nicht gerade leicht.

    Geht es um die Entscheidung krankheitsbedingt ein Kind abtreiben zu müssen, so ist das Problem dasselbe. Entweder die Frau verstirbt bei der Geburt, das Kind erleidet schwere Schäden durch zwingende Medikamenteneinnahme … es ist stets und immer die alleinige und schlußendlich auch sehr einsame Entscheidung der Frau. Es ist auch sie die ein Leben lang dann mit ihrer Entscheidung leben muß, – egal wie immer diese ausfällt.

    Man kann es drehen wie man (Mann) will, – die Frauen tragen schlußendlich immer diese Last alleine.

    Ich stand noch niemals vor dem Problem eine solche Entscheidung treffen zu müssen. Dafür bin ich sehr dankbar. Wie ich entscheiden würde kann ich nicht sagen. Zu pauschalisieren und dadurch den Frauen, welche vor diesem Problem standen oder stehen, ein schlechtes Gewissen einreden zu wollen – vor allem als Männer – halte ich zumindestens für sehr anmaßend.
    Es läßt sich gut reden wenn man (Mann) weiß das er selbst niemals ein solches Problem haben wird.

    WENN jedoch eine Abtreibung – aus welchem Grund auch immer – unausweichlich ist, so sollte diese auf die max. ersten 12 Wochen begrenzt werden und bleiben.
    Keine Frau weiß oder ahnt immer bereits nach 4 Wochen das sie schwanger ist. Meine beiden Kinder – sehr gewollt und herbei gesehnt – haben sich seinerzeit derartig gut „getarnt“ das ich es beim Sohn erst in der 14. Woche wissen konnte (Routineuntersuchung beim Arzt und ein fröhliches „ich gratuliere ihnen“ von selbigen und ich mit völlig erstauntem Gesicht) und bei der Kleinen in der 16. Woche fast dasselbe. Es war alles völlig normal. Körperlich und gesundheitlich war alles wie immer. Es waren sozusagen „Überraschungseier“. ^^

    Als Mann sich dann hinzustellen und zu glauben das Frau das gewiß doch bereits nach 3-4 Wochen spätestens immer wissen MÜSSE ist völlig neben der Realität. (Ausnahmen bestätigen die Regel.)

    Ich plädiere dafür nach jeder Vergewaltigung routinemäßig sofort die „Pille danach“ anzubieten ohne jegliche Verwaltungsprozedur. Damit wäre bereits sehr viel gewonnen für die betroffenen Frauen.

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