(Ifis) „Türken haben schließlich Deutschland wieder aufgebaut“: Auf diesen Satz, der in den letzten Tagen eine eigentümliche Karriere hinlegte, stieß ich vor Jahren durch einen deutsch-türkischen Freund zum ersten Mal.

Es war einfach seine These zu widerlegen, aber trotzdem hält sich dieses Vorurteil.
Wie also sehen die Fakten aus?

Zunächst kann man ganz klar sagen: Türkische Gastarbeiter kamen, als der Wiederaufbau nach dem Krieg bereits vorbei war.

Die Jahre 0

Selbst in der Dresdner Innenstadt, die komplett zerstört war, war die sogenannte Enttrümmerung 1957 abgeschlossen. Die Phase der Demontage endete weitgehend mit dem Petersberger Abkommen von 1949.

Die SPD, damals noch im Bestreben, sich als einzige Partei, die deutsche Interessen vertritt, darzustellen, stemmte sich dagegen. Der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher schmähte in diesem Zusammenhang Kanzler Adenauer als „Bundeskanzler der Alliierten“.

Wie sah Deutschlands Stunde 0 aus?

Gesamtwert der Demontagen waren ca. 10,4 Mrd. DM (50/50 West/Ost) zu Preisen von 1950 (1 US $ = 4,20DM). Der Marschallplan betrug bis 1954 2,4 Mrd. $,  wovon 1 Mrd. $ zurückgezahlt wurde. Also ca. 1,4 Mrd. $. Die Besatzungskosten in Höhe von ca. 2,4 Mrd. $, 10 Mrd. DM pro Jahr mussten ebenfalls von Deutschland (West) erbracht werden.
Die Industrieproduktion lag bei 1/3 derjenigen von 1938. Die Lebensmittelproduktion lag bei 51% des Stands von 1938, offiziell gab es 1947 zwischen 1.040 und 1.550 kcal./Tag.

Das deutsche Wirtschaftswunder: Ludwig Erhardt

Die Währung wurde nominal um 93% geschrumpft, die Erfolgsgeschichte der DM begann. Mit der stabilen Währung im Hintergrund strich Erhardt bereits 1948 die Rationierung von Lebensmitteln. Wer Geld hatte, konnte sich etwas leisten. Und, wie Erhardt glaubte: „Die Menschen werden hart arbeiten um diese DM zu bekommen.“
Er behielt Recht. Und senkte die Steuern, so dass der Durchschnittsverdiener nur etwa 18% zahlte. Mehrwertsteuer und Nebensteuern kannte man damals noch nicht.

Innerhalb eines halben Jahres wuchs die Produktion um rund 50%. 1958 lag sie bei 400% der Produktion von 1948 vor der Währungsreform. In der Sowjetisch Besetzten Zone stagnierte die Entwicklung währenddessen. Das westdeutsche Bruttosozialprodukt wuchs weiter. Nimmt man 1950 als Basis, dann war es preisbereinigt 1960  2,2 mal so hoch; 1970  3,6 mal so hoch: Die zweitstärkste Wirtschaftsmacht weltweit war entstanden.

Welche Rolle spielten die türkischen Gastarbeiter beim deutschen Wirtschaftswunder?

Kurz gesagt: keine, sie kamen als die Party fast vorbei war.

Erst 1961, als 6 Jahre nach dem ersten Anwerbe-Abkommen mit Italien, wurde der Zugang für türkische Arbeitnehmer geöffnet. Hintergrund war die seit Mitte der 50-er Jahre bestehende Vollbeschäftigung. Die Arbeitslosenquote erreichte den absoluten historischen Tiefstand im Jahr 1962 mit 0,4%.

Im Jahr 1961 lebten 6.800 Türken in Deutschland. Vermutlich würde sich selbst der Sultan schwer tun, zu erklären wie diese Menschen Deutschland wiederaufgebaut haben.

In den ersten 10 Jahren kamen dann im Schnitt etwas über 60.000 Türken pro Jahr an. Also 0,2% der damals ca. 27 Millionen Erwerbstätigen, nach 10 Jahren also rund 2%. Das heißt, dass man nicht einmal behaupten kann, dass eine nennenswerte Unterstützung des Wirtschaftswachstums erfolgte.

Zum Vergleich:

Der Produktivitätszuwachs, also die Steigerung der Leistung pro Arbeitsstunde, stieg in Deutschland in diesen Jahren um rund 50%. Dieser Faktor war also rund 25x gewichtiger für das deutsche Wirtschaftswachstum, als die Steigerung der Erwerbstätigen um rund 2% durch türkische Gastarbeiter.

Wer behauptet also Türken hätten Deutschland wieder aufgebaut?

Claudia Roth glänzte bereits 2004 mit dieser Behauptung, lange bevor der Begriff „Fakenews“ erfunden war. Begeistert wurde dieser sachlich falsche, aber politisch höchst willkommene Spruch aufgenommen und ist auch nach fast 15 Jahren immer noch quicklebendig.

Zuletzt entblödete sich Sigmar Gabriel mit der Behauptung:

„sie (die Türken) haben das Land aufgebaut“,

…im Juli 2017. Dass diese falsche Behauptung die Arbeit der Nachkriegsgeneration herabwürdigt, scheint Gabriel nicht zu stören und den Medien nicht aufzufallen.

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Quellen:

Der Spiegel, 1.12.1949

German Economic Miracle

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