Ein Gastbeitrag von Marko Wild

Die konservative Seite hat sich oft genug selbst analysiert und ist dabei fast immer zum gleichen Ergebnis gekommen: die einzelnen Richtungen sind einander nicht loyal genug.

Schon kleinste Interessenunterschiede genügen, dass man sich voneinander distanziert, sich spalten und manipulieren lässt. Ich behaupte: damit wird lediglich ein Symptom beschrieben. Nicht aber seine Ursache beschrieben.

Die national-konservative Bewegung leidet meiner Ansicht nach an einer einseitigen Überbetonung der im Prinzip richtigen Erkenntnis, dass man zu Lösung großer gesellschaftlicher Probleme

a) verantwortungsethisch handeln und

b) deshalb sein Augenmerk auf das „Große Ganze“ richten müsse. Die Korrektur der gesellschaftlichen Schieflagen peilt die national-konservative Bewegung fast ausschließlich über die Metaebene an.

Was im politischen Diskurs das Gebot der Stunde sein mag, bleibt indes beim Herunterbrechen auf die konkrete Situation oft seltsam empathielos.

Hier hat die Linke mit ihrem gesinnunsethischen, in Wahrheit gesinnungstotalitären Ansatz einen großen Vorteil: es gelingt ihr zu vermitteln, dass ihr das Schicksal des Einzelnen etwas bedeutet. Dass er nicht nur mittelfristig von ihr profitieren wird, sondern schon jetzt und hier als Einzelner wertgeschätzt, anerkannt und gebraucht wird. Selbst wenn es sich hierbei um Propaganda und eine Unwahrheit handelt, denn die Linke war von Anbeginn an kollektivistisch ausgerichtet.

Die national-konservative Bewegung hingegen hat an dieser Stelle eine systemische Blindstelle. Denn sie will zu Großes: nicht weniger als die Rettung der Zukunft für das deutsche Volk und Deutschland als Nation.

Unter diesem gewaltigen Anspruch erschöpft sich das Gebrauchtwerden des Einzelnen momentan in Spendenaufrufen oder der Bitte um Mithilfe bei gefährlichen AfD-Wahlkampfauftritten. Ansonsten aber ist – sofern er nicht der AfD beitritt – jeder gezwungen, mehr oder weniger zum Einzelkämpfer zu werden. Der einfache Deutsche erhält so den Eindruck, er sei auch in diesem Kampf lediglich Mittel zum Zweck, Verschiebungsmasse. Das ist zu wenig. Das Volk begreift durchaus, wenn es im Kampf der Metaebenen nur stört.

Ich könnte die aufgestellte Behauptung durch Beispiele belegen. Durch Anfragen, auf die niemals auch nur eine Eingangsbestätigung erfolgte. Durch arbeitsintensives Engagement, das nur auf Desinteresse stieß, durch Erfahrungen mit und um intransparente Führungsgremien, die vom „Volk“ entkoppelt diesem Woche für Woche „Widerstand“ vorspielen, durch elitäre Zirkelbildungen, zu denen keiner Zugang findet, dessen Einbindung nicht durch entsprechende Netzwerke schon vorbestimmt ist. Die Erfahrung fällt das Urteil: die Farben, Ziele und Bekenntnisse mögen sich unterscheiden – im Kern aber ähneln sich politische Bewegungen.

Wie bei den Linken so zählt auch bei den National-Konservativen, je größer das Spiel, desto weniger der real existierende, konkrete Mensch etwas, sondern nur sein überhöhtes, entpersonifiziertes Zerrbild. Dann eben als „Leistungsträger“ oder „kleinste Stütze der Gesellschaft“. Was am Menschen an sich liegen mag: er kann seiner Natur weder entfliehen, noch sie durch Überstülpen der vermeintlich besseren Ideologie ändern.

Dennoch stellt sich die Frage: Warum ist das so? Und vor allem:

Warum gelingt es der Linken, die Wertschätzung des Einzelnen wenigstens zu vermitteln, wenngleich bei entfesselter Ideologie nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte, und warum gelingt dies den National-Konservativen nicht?

Die Antwort lautet meiner Ansicht nach:

… weil die linke Ideologie sich von Beginn an, das heißt, seit der französischen Revolution, explizit als Konkurrenz zum Christentum begriffen hat und folglich dessen Substitut werden wollte.

Die linke Ideologie hat dabei eines der zentralen Merkmale des Christentum verstanden: die Wertschätzung Gottes gilt nicht nur der Menschheit allgemein (verantwortungsethische Metaperspektive), sondern jedem einzelnen konkreten Menschen (gesinnungsethische Individualperspektive). Wollte die linke Ideologie also das Christentum ersetzen, musste sie glaubhaft eine ähnliche Wertschätzung des Individuums vermitteln können. Und das tat sie.

Niemals zuvor ist das Individuum stärker gehätschelt und in den Fokus gerückt worden, als seit dem Siegeszug der linken Ideologie.

Stichwort „soziale Frage“, Stichwort „Psychoanalyse“, Stichwort „Feminismus“ – um nur ein paar zu nennen. Stets wurde des Menschen Augenmerk erfolgreich auf sein persönliches irdisches Schicksal gelenkt und er dazu veranlasst, mit diesem unzufrieden zu sein. So entstand der (falsche) Eindruck, es ginge um ihn – den einzelnen Menschen.

Die Konservativen hingegen begriffen sich seit jeher als das natürliche Gefäß, welches das Christentum durch die Gezeiten trägt. Bis heute.

Weil man das als selbstverständlich voraussetzte, unterzog man sich diesbezüglich nie einer ernsthaften Selbstprüfung. Jedenfalls nicht in den letzten siebzig Jahren. Sei es die Identitäre Bewegung, sei es PEGIDA, sei es die AfD, seien es Burschenschaften, seien es altgediente Bundeswehroffiziere, die nach ihrem Ausscheiden endlich Tacheles reden (dürfen), seien es konservative alternative Medien wie die Junge Freiheit usw. – argumentiert wurde und wird zwar „christlich“.

Allerdings, und hier kommen wir zu des Pudels Kern, leider fast ausschließlich „kulturchristlich“.

Die christliche Lehre – die die vollkommenste Grundlage für einen praktikablen Spagat zwischen Verantwortungsethik und Gesinnungsethik darstellt – wird von den National-Konservativen durch den Filter der Kultur gepresst. Einer Kultur, die neben Golgatha eben stets auch Akropolis, Kapitol und ein bisschen Walhalla berücksichtigt.

Einer Kultur, die Luther mit Aristoteles und Augustin mit dem deutschen Idealismus zu vereinen sucht. Eine Geisteskultur, die so übervoll mit Wissen ist, dass für den Glauben schon lange nur noch die Nische in der Wand bleibt. Und selbst das meist aus Traditionsbewusstsein.

Die intellektuellen Eliten der national-konservativen Bewegung sind in der politischen Debatte durch die Bank weg nicht fähig, mehr, als einen kulturell-verbrämten Anspruch des Christentums zu formulieren.

Das ist die Kehrseite des Schatzes einer lebenslang erworbenen, Hochbildung: der intellektuelle Relativismus hat hier zwar ein höheres Niveau, doch sein Hang, Liebgewonnenem durch geistige Kompromissbildung sein angestammtes Plätzchen nicht zu versagen, anstatt es gnadenlos auszusortieren, kommt auch hier zum Tragen. Paulus schreibt, er habe sich entschlossen, nichts zu wissen, außer Christus, den Gekreuzigten. Das war nicht integrativ. Und überhaupt nicht diplomatisch. Doch es war langfristig erfolgreich.

Wo die National-Konservativen aus dem kulturchristlichen Schutzraum heraus argumentieren, haben sie der gesinnungsethischen Totschlagkeule der Linken zwar rethorische Brillanz, kulturelle, ethische und faktische Überlegenheit entgegen zu setzen, aber nichts Erlösendes, auf das eigentlich alle warten. Dies wird exemplarisch in ihrer unterentwickelten Gesinnungsethik, im oben angesprochenen „Nicht-Sehen“ des konkreten Einzelnen deutlich. Ihre Botschaft bleibt seltsam unterkühlt, die Bewegung strebt immer noch zerfasernd auseinander.

Denn nicht Wissen, nicht Bildung oder Eloquenz, sondern nur Liebe, die in der Liebe zu Christus gründet und die weit über Ämter, Wahlsiege oder mediales Dominanzstreben hinausgeht, könnte dieses Land in einer Weise erwecken, durch welche ihm doch noch Rettung zuteil würde – so unvorstellbar dieser Gedanke auch klingen mag.

Nicht „Deutschland erwache“, sondern das Hinführen der verirrten Schafe zum guten Hirten wäre die Aufgabe der National-Konservativen. Nicht Nebenaspekte wie jene, ob der Euro überhaupt fnktionieren kann, sind das, was Deutschland zuvorderst diskutieren muss. Sondern ein Denken und Handeln auf der Grundlage einer echten biblischen Ethik. Dann klären sich genannte Fragen recht schnell.

So, wie auf kirchlicher Ebene die Kirchenleitungen dafür verantwortlich wären, wären das auf politischer Ebene die AfD, auf kultureller Ebene Publizisten, Videoblogger, Musiker usw. Hier müsste auch nicht permanent die missionarische Keule geschwungen werden. Es genügte, wenn eine klar christlich motivierte Grundschwingung vorhanden wäre, die hie und da einmal lauter und deutlicher durchklänge. Dies ist jedoch, von viel zu wenigen Ausnahmen abgesehen, im Grunde nicht der Fall.

Die jungen Philosophen der national-konservativen Bewegung wissen ebenso wenig von dem, was Paulus sich zu wissen geschworen hatte, wie die Granden der AfD, wie das Gros der alternativen Blogger oder die Chefs von PEGIDA.

Das, was Deutschland widerfährt, kann nicht mit Rückbesinnung auf „Kultur“ aufgehalten werden.

Es sind nicht Grimms Märchen, nicht Kant, Schiller und Schopenhauer, die Deutschland retten werden. Es braucht dazu eine stärkere Kraft. Es braucht das Kreuz.

Doch ist dieses eben, wie geschrieben steht, den Griechen eine Torheit. In gewisser Weise sind wir längst „Griechen“ geworden. Und die griechischsten Griechen sind die intellektuellen Eliten der national-konservativen Bewegung.