Ein Erlebnisbericht von Ricardo Lola Sara Korf , Zürich (Schweiz)

Es war die Zeit nach der „Wiedervereinigung“ 1990, welche eigentlich ein Beitritt des Ostens nach dem sogenannten „Grundgesetz“ (GG) der Bundesrepublik Deutschland- nach Art. 23 GG war.

Schnell, vielleicht zu schnell, zerbrach im Osten Deutschlands ALLES in der untergegangenen Deutschen Demokratischen Republik (DDR): Träume, Illusionen, Hoffnungen und ein gesamtdeutsches „Glücksgefühl“, eine Euphorie, die letztlich, lediglich profitgierige Geschäftsleute, neue Politmonarchen und viele, viel zu viele verlorene Seelen erschuf. Eine Elite wurde durch eine andere Elite ausgetauscht.

Freudetrunken, taumelnd vor lauter überwältigenden Erlebnissen, wohlgenährt und ausgestattet mit einem überhöhten Selbstbewusstsein sah man der Zukunft entgegen. Die vorangegangene Indoktrinierung und ideologische Manipulation deutscher Staatsbürger, auf BEIDEN Seiten der Mauer, wurde konsequent ignoriert. Die heutige Gesellschaft in Deutschland ist lediglich eine zwangsläufige Folge dieser Ignoranz.

Vergessen wir nicht: In jener Zeit wurden Volkseigene Betriebe (VEB) und Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) der DDR durch die eiligst ins Leben gerufene sogenannte Treuhandanstalt (THA, kurz Treuhand) aufgelöst- und zu Schleuderpreisen, oft zum „symbolischen“ Preis von 1 Deutschen Mark (DM), an finanzstarke Westkapitalisten „veräußert“. Die Arbeitslosigkeit stieg rasant und konnte auch nicht durch sogenannte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) aufgehalten werden.

Zumindest die Gefahr eines 3. Weltkriegs schien vorerst gebannt – in meinen Augen die wahrlich größte Errungenschaft der sogenannten Wende! Denn das US-Nationalarchiv hat seit einigen Monaten detaillierte Ziellisten für Nuklearwaffen freigegeben. Auf der „To-Do-Liste“ standen 1200 Städte des „Ostblocks“. Allein auf Ost-Berlin wären 68 Atombomben abgefeuert worden! Wir reden hier von einer Fläche von 403 Quadratkilometern mit einer Einwohnerzahl (1989) von 1.297.212 Einwohnern!

Zu jener Zeit war ich, einen Tag nach meinem Abitur, zum Bezirksgeschäftsführer der Grünen Partei im ehemaligen Bezirk Neubrandenburg gewählt, und in Vollzeit angestellt worden.

Zwischen dem 22. und 26. August 1992 kam es in Rostock-Lichtenhagen, einer Plattenbausiedlung mit höchster Arbeitslosigkeit, zu Ausschreitungen gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst) und ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische „Vertragsarbeiter“ im sogenannten „Sonnenblumenhaus“. 

Die verkohlten und verräucherten Sonnenblumen-Ornamente, eine Kachelwand am Rande des Plattenbaus, waren die einmalige Chance für die damalige grüne Sonnenblumen-Europakönigin Claudia Roth aus dem Europaparlament – im weit entfernten Strasbourg. Die West-Grünen waren ja zuvor mit 3,8% aus dem Bundestag geflogen.

Die delikate Angelegenheit des hohen, grünen „Staatsbesuchs“ von Claudia Roth aus dem Europaparlament wurde mir übertragen- man könnte auch sagen: zugemutet.

Angekommen im damaligen Promi-Hotel „Vier Tore“ in Neubrandenburg, schon in DDR-Zeiten zulässig auch für West-Gäste, wollte Claudia schleunigst nach Rostock-Lichtenhagen an den Schauplatz des tragischen Geschehens.

Wann, wenn nicht dort, konnte man politisch Pluspunkte für die Grünen sammeln. Und wenn schon mal zu Gast im Osten, war es ihr dringlichster Wunsch, auch das deutsche Ost Volk in Mecklenburg/Vorpommern kennen zu lernen.

Auf dem Weg nach Rostock stellte sie mir wasserfallartig die Frage: „Wie konnte das alles nur geschehen?“ Und ihre Anschlussfrage war: „Meinst Du es kommen viele Reporter, wenn ich dort ankomme?“ Ja, wie konnte das wohl alles nur geschehen?!

Der mir als Bezirksgeschäftsführer von den West-Grünen großzügig geschenkte und buchstäblich „bruchreife“ VW-Polo verbrauchte auf der Strecke Neubrandenburg-Rostock ganze zwei Liter Öl, denn der „Öko-Motor“ war weder Winter- noch Sommerfest. Es bröckelte innen – wie außen und hinter jeder Ampel hinterließ ich eine ölige Duftmarke, beim Parken war es dann eine ganze Öllache.

Das instabile Fahrgestell war gelb lackiert. Die rostigen Stellen waren notdürftig mit unzähligen Aufklebern, im Durchmesser bis zu 50 Zentimetern, lieblos beklebt. Die Werbeaufkleber sendeten derweil klare Botschaften: „Atomkraft NEIN DANKE!“, „Alternative DIE GRÜNEN“, „NATO RAUS!“ und natürlich fehlten auch nicht die vielen Sonnenblumen- Markenlogos der Grünen.

Knapp zwei Jahre später zerbrach das rostige Gestell an der Schwelle eines Bahnübergangs- wohl unter der Schwere seiner politischen Last. Glücklicherweise konnte ich noch rechtzeitig flüchten, bevor die Bahn das VW-Modell mit sich davon jaulte.

Zweieinhalb Stunden dauerte damals die Hinfahrt zum Ort des traumatischen Geschehens in Rostock-Lichtenhagen und letztlich kam, zu Claudia Roths Enttäuschung, nur die Lokalpresse „Ostseezeitung“ und der lokale Radiosender des Norddeutschen Rundfunks (NDR).

In der heutigen Zeit, wo sie Scharen von Journalisten umzingeln, wäre dies natürlich undenkbar!

Mit viel Mut und Naivität ging sie auf die deutschen Rostocker „Mitmenschen“ zu. Schließlich wollte sie ja auch die ostdeutschen Mitmenschen hautnah kennen lernen und verstehen, wieso es dazu kam. Mit ihrer bekannt stürmischen Art brachte sie nicht nur mich, sondern auch die Polizei vor Ort in arge Bedrängnis.

Die Situation wurde zunehmend brenzlig und nur mit Mühe trieb ich sie zurück in Richtung VW-Droschke und wir fuhren im Anschluss zu Wolfgang Richter, dem damaligen Ausländerbeauftragten, dem Helden jener verhängnisvollen Nacht. Schließlich hatte er die vietnamesischen Gastarbeiter vor dem erzürnten „Mob“ über das Dach des Plattenbaus gerettet, während die „böse, rechte Polizei“ tatenlos zusah und angeblich nicht beherzt genug eingegriffen hatte.

Bundes-Verdienstheld Wolfgang Richter schilderte, noch immer unter Schock, die Horrornacht.

Claudia Roth ließ sich nicht nur von ihm, sondern auch vom damaligen Rostocker Polizeichef einen ausführlichen Rapport der Ereignisse geben. Ihre Schilderungen berührten sie zutiefst und schon nach wenigen Sekunden flossen die bitteren Tränen ungehemmt- begleitet von Wimmern und Stöhnen.

„Wie konnte das alles nur passieren?“, schluchzte Claudia immer wieder.

Tränen überflutet flüchtete ich mit ihr zur lokalen Polit-Prominenz, unter anderem zu Joachim Gauck, in ein geschmackvolles, holzgetäfeltes Rostocker Restaurant.
Aufgetischt wurde einheimische Küche: Fischsuppe, Gemüse der Saison, Schweinsbraten mit Kartoffeln und natürlich Salat aus der Region.

Immer noch schockiert über den Pöbel der Plattenbausiedlung in Rostock-Lichtenhagen ging es im klapprigen VW-Polo zu der von ihr gewünschten „Großveranstaltung“ der Grünen von Waren-Röbel-Müritz in die Stadt Röbel (heute im Zentrum des Müritz-Nationalparks der Mecklenburgischen Seenplatte).

Dort erwarteten uns meine regionalen Kreisvorsitzenden und vereinzelte Mitglieder der umliegenden Kreisverbände. Viele waren es ja nicht – zirka 20 Mitglieder und Funktionsträger kamen zum Plausch mit Claudia Roth.

Claudia war verwirrt, als sich ihr die Teilnehmer der Veranstaltung vorstellten. Im Gegensatz zu den grünen Politrevoluzzern der Westgrünen erwarteten sie vor allem Ornithologen, Naturschützer, Förster, Pfarrer und einige Öko-Bauern der ersten Stunde. Beschwerlich hinzu kam, dass von diesen knapp 60% frisch arbeitslos geworden waren.

Noch gut erinnere ich mich an ihre aufmunternde Erzählung, als sie mir auf den langen Autofahrten beschrieb, wie sie eigentlich in das Europaparlament gekommen sei.

„Ich habe keine große Rede auf dem grünen Bundesparteitag gehalten. Ich musste nur sagen, dass ich die ehemalige Managerin der West Punkband „TON STEINE SCHERBEN“ war und schon wurde ich auf die Liste gesetzt.“

Derweil waren für „meine“ Grüne in Mecklenburg/Vorpommern das Europaparlament und die EU wie eine Luftspiegelung, eine Fata Morgana in der europäischen Wüste. Die Veranstaltung fand im klassischen Ambiente einer DDR-Kneipe statt. Wir setzten uns gemeinsam an die Spitze der Tafel, einem aus mehreren Holztischen zusammengeschusterten mecklenburgischen Hochzeitstisch. Tische unterschiedlicher Höhe, Breite und Form, bedeckt mit gestärkten, weißen Tischdecken, wurden umrahmt von teilweise instabilen Holzschemeln und Stühlen herum.

Claudia wurde abgemustert wie eine Art Außerirdische und das eiserne Schweigen der ersten Minuten brach der Kreisvorsitzende von Röbel. Er fragte Claudia Roth, ob es denn im fernen Europa auch Fördergelder für seine Idee von einem Fahrradverleih geben könnte. „Na, da kann ich Dir helfen.“, versprach Claudia.

Nachdem ein exzellenter Karpfen an einer feinen, mecklenburgischen Dill-Soße serviert und im Anschluss ein klassisches, deftiges Schweins-Eisbein an Sauerkraut kredenzt wurde, das Bier in Strömen floss, und auch der ein oder andere Kümmelschnaps, Kornschnaps – oder Kräuterschnaps auf den Tisch kamen, begann die Runde endlich Fahrt aufzunehmen.

„Du sag mal Clooodia, du bist doch da so im Europaparlament, verdienst viel Geld und so, eigentlich bist du doch gar keine von uns Grünen?!“.

Claudia Roth antworte sinngemäß: Na klar bin ich eine von Euch! Ich liebe die Menschen im Osten. Das habe ich immer getan. Und gerade ihr Ostdeutschen braucht unsere Unterstützung.

Danach hielt sie einen Vortrag über Migration. Wobei das Wort „Migration“ gänzlich neu für die Anwesenden war und sie auf Nachfrage auch nicht genau erläutern konnte, was dieses Fremdwort „Migration“ denn eigentlich bedeuten sollte.

Knalleffekt war die Frage eines hart arbeitenden Bauern, der sie fragte: „Die wollen hier für Röbel und Waren ein Asylantenheim bauen. Du kennst dich doch mit Recht und so aus. Wie ist das, wenn die Asylanten in meinen Garten kommen und ich die Asylanten mit meiner Flinte abknalle? Das ist doch mein Grund und Boden! Ist das dann strafbar?“

Claudia Roth antwortete nicht, sondern brach in Tränen aus.

Ich gab ihr einen Kick mit dem Fuß und flüsterte in ihr Ohr: „Reiß` dich zusammen!!!“
Sie ächzte die ganze Zeit, zitterte und ich suchte eiligst den Fluchtweg. Es half nur eine Notlüge:

„Wir haben heute noch einen Termin. Herzlichen Dank für Eure Gastfreundschaft, aber wir müssen jetzt los. Wir sind ohnehin schon viel zu spät.“

Unter den stämmigen Armen der beiden Kreisvorsitzenden von Waren und Röbel wurde sie zu meinem Beifahrersitz im VW-Polo geschleift und einigermaßen stabil platziert.
Den Kopf zwischen ihren Beinen heulte Claudia Roth die gesamte Stecke. Es war eine Stunde Fahrt voller Emotionen. Gut zureden half nicht. Ich war letztlich froh, als wir das Hotel „Vier Tore“ in Neubrandenburg, körperlich unbeschadet, erreicht hatten.

Am nächsten Morgen rief mich ihr Mitarbeiter aus Strasbourg an und machte mir Vorwürfe. Claudia wollte nicht mehr das sichere Hotelzimmer verlassen und war nach all den Eindrücken und Anstrengungen schwer krank.

Großes Theater, Theatralik –und sie verabschiedete sich nicht vom „geliebten“ grünen Ostvolk. Stattdessen ließ mich ihr Mitarbeiter wissen, dass sie vorerst nie wieder in die deutschen Ostländer reisen wolle.

Ich sah sie dennoch, an der Spitze des berüchtigten Hamburgers „Schwarzen Block der Autonomen“ bei der Demonstration durch die Plattenbausiedlung in Rostock-Lichtenhagen.

Danach kam sie vorerst nie wieder in den Osten.

In meinen späteren Berliner Tagen begegnete ich in einem Schwulenclub einem ihrer neuen Mitarbeiter im Bundestag. Er sagte mir nur sinngemäß: Wenn sie deinen Namen hört und an die Reise nach Mecklenburg/Vorpommern erinnert wird, dann bekommt sie Schüttelfrost.

Nun ja: Traumatische Erlebnisse sind nie einfach zu verdauen – auch für eine aktuelle Vizepräsidentin des DEUTSCHEN BUNDESTAGS in Berlin ,- und schon gar nicht für ein gedemütigtes deutsches Volk!

Und Ende Oktober erscheint nun ihr wahrscheinlich mit viel Phantasie verfasstes Buch. Ich bin schon jetzt NICHT gespannt! Andernfalls würde wohl auch beim Lesen in Tränen ausbrechen.

Glück auf, Claudia Roth!

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