Alexis Charles-Henri-Maurice Clérel de Tocqueville, am 29. Juli 1805 in Verneuil-sur-Seine geboren und 1859 in Cannes verstorben gilt als Begründer der vergleichenden Politikwissenschaft. Vor mehr als 150 Jahren geschrieben – 1835 in Paris erschienen – ist der Text so aktuell wie je:

Ich will mir vorstellen, unter welchen neuen Merkmalen der Despotismus in der Welt auftreten könnte: Ich erblicke eine Menge einander ähnlicher und gleichgestellter Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen, um sich kleine und gewöhnliche Vergnügungen zu verschaffen, die ihr Gemüt ausfüllen.

Jeder steht in seiner Vereinzelung dem Schicksal aller anderen fremd gegenüber: Seine Kinder und seine persönlichen Freunde verkörpern für ihn das ganze Menschengeschlecht; was die übrigen Mitbürger angeht, so steht er neben ihnen, aber er sieht sie nicht; er berührt sie, und er fühlt sie nicht; er ist nur in sich und für sich allein vorhanden, und bleibt ihm noch eine Familie, so kann man zumindest sagen, dass er kein Vaterland mehr hat.

Über diesen erhebt sich eine gewaltige, bevormundende Macht, die allein dafür sorgt, ihre Genüsse zu sichern und ihr Schicksal zu überwachen. Sie ist unumschränkt, ins Einzelne gehend, regelmäßig, vorsorglich und mild.

Sie wäre der väterlichen Gewalt gleich, wenn sie wie diese das Ziel verfolgte, die Menschen auf das reife Alter vorzubereiten; stattdessen aber sucht sie bloß, sie unwiderruflich im Zustand der Kindheit festzuhalten; es ist ihr Recht, dass die Bürger sich vergnügen, vorausgesetzt, dass sie nichts anderes im Sinne haben, als sich zu belustigen.

Sie arbeitet gerne für deren Wohl; sie will aber dessen alleiniger Förderer und einziger Richter sein; sie sorgt für ihre Sicherheit, ermisst und sichert ihren Bedarf, erleichtert ihre Vergnügungen, führt ihre wichtigsten Geschäfte, lenkt ihre Industrie, ordnet ihre Erbschaften, teilt ihren Nachlass; könnte sie ihnen nicht auch die Sorge des Nachdenkens und die Mühe des Lebens ganz abnehmen?

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Aus: Alexis de Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika. Der Text aus dem Jahr 1840 wurde übernommen von der Internetseite des „Deutschen Arbeitgeberverbandes“ auf dem viele interessante Textbeiträge zu finden sind:  http://www.deutscherarbeitgeberverband.de

Vorschaubild: CC Wikipedia

4 Kommentare

  1. Toqueville beschreibt hier etwas von Thomas Morus‘ Utopia, von einem sorgenden Staat, von Gouvernementalität u.a.
    Aber auch die Schwäche eines (formal) konstitutionellen sozial-liberalen Zustands.

  2. Es ist schon erstaunlich, wie bereits Alexis de Tocqueville das Unvermögen seiner Zeitgenossen beklagt, über den eigenen Tellerrand schauen zu können, wobei mir seine Zustandsbeschreibung sehr viel eher für unsere heutige Gegenwart zuzutreffen scheint.
    Wenn man sich die Zeit des Erscheinens seines Werks (1835) und die damals herrschenden wirtschafts- und sozialpolitischen Verhältnisse in Mitteleuropa anschaut, die noch weitgehend vom vorindustriellen Pauperismus geprägt waren, dann kann er sich damit nur auf den seinerzeit zahlenmäßig noch eher kleinen „dritten Stand“ des prosperierenden Bürgertums bezogen haben, dem wir in heutiger Zeit durch den im Laufe der Industrialisierung für uns alle ermöglichten Massenwohlstand und der damit ermöglichten Handlungs- und Freizeitspielräume am ehesten in der Breite vergleichbar geworden sind.
    Was aber war und ist im Detail die Ursache für die beklagte Beschränktheit, die der souveränen Inanspruchnahme von Freiheit im Wege steht?

  3. Wunderbar, David Berger! Ein alter Text, der aktueller in der Tat kaum sein könnte. Und wir – wenn Sie mir erlauben, dieses Wörtchen zu sagen – machen mit solchen Zeilen dem Namen des Blogs alle Ehre. 🙂 Bravo!

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