Ein Gastbeitrag von Herwig Schafberg

„Allahu Akbar!“ war aus dem Munde des jungen Attentäters zu hören, als er auf seine Opfer los ging. „Ungläubiger, du musst sterben!“ schrie er, als er auf eines seiner vier Opfer einstach – ja, einstach; denn es war nicht Ali David Sonboly, der letzten Freitag vor einem Münchener Einkaufszentrum nahe des Olympiageländes neun junge Menschen erschoss, sondern ein anderer „psychisch Kranker“, der vor ein paar Wochen an einem Bahnhof bei München sein blutiges Handwerk mit dem Messer verrichtete.

Und Verrichten ist ein treffendes Wort zur Bezeichnung der Tat eines Menschen, der sich damit zum Scharfrichter über Leben und Tod anderer Menschen erhob. Ob ein Amokläufer oder ein anderer „psychisch Kranker“ Terrorist ist, wenn er zum Massenmörder wird, mag für die politische Semantik von Bedeutung sein, ändert jedoch nichts an dem, was seine Opfer zu erleiden haben. Und das ist Terror!

Palästinensischer Terror auf dem Flughafen von München: Der Weg, der in München mit Terroropfern gepflastert ist, begann nicht erst vor kurzem am oben erwähnten Bahnhof, sondern schon lange vorher in einem Altersheim der Israelitischen Kultusgemeinde, auf das Unbekannte 1970 einen Brandanschlag mit etlichen Toten verübten.“ 

Sowie am Münchener Flughafen, als dort im selben Jahr palästinensische Terroristen das Feuer auf Passagiere eröffnete, die auf ihren Abflug nach Israel warteten und dabei zum großen Teil getötet wurden. Nur wenige Wochen später gab es in München erneut einen palästinensischen Terroranschlag, dem ebenfalls vorwiegend jüdische Flugreisende auf dem Weg nach Israel zum Opfer fielen. Soweit die Attentäter gefasst wurden, kamen sie nicht etwa vor Gericht, sondern wurden straflos abgeschoben. Und der mutmaßliche Drahtzieher war zu Gast beim damaligen Bundeskanzler Willy Brandt.

Hatte Brandt gehofft, mit der Freilassung der palästinensischen Terroristen „zur Beruhigung der politischen Lage“ – wie es hieß – beizutragen und die Bundesrepublik Deutschland damit vor weiterem Terror zu bewahren, wurde er eines Besseren belehrt, als Palästinenser während der Olympischen Spiele 1972 in München die israelische Olympiamannschaft überfielen, etliche Sportler sowie Funktionäre der Mannschaft als Geiseln nahmen und sich mit denen in ein arabisches Land fliegen lassen wollten. Beim kläglichen Versuch der bayrischen Polizei, die Geiseln auf dem Flughafen zu befreien, wurden diese von den Geiselnehmern in die Luft gesprengt. Soweit Letztere gefasst wurden, kamen sie zwar in Haft, wurden aber nach einigen Wochen ebenso freigelassen, nachdem Palästinenser ein Flugzeug mit deutschen Urlaubern  in ihre Gewalt gebracht und gedroht hatten, alle ihre Geiseln zu töten, falls die inhaftierten Attentäter nicht frei kämen.

Es ist bis heute nicht völlig geklärt, ob bzw. inwieweit die palästinensischen Terroristen bei ihren Attentaten in München willige Helfer unter deutschen Linksextremisten hatten. Wir wissen lediglich, dass Mitglieder der Bader-Meinhoff-Terrorbande sich zur Kampfausbildung in Lagern palästinensischer Freischärler aufgehalten hatten und 1977 aus der Gefängnishaft frei gepresst werden sollten, als Palästinenser ein Flugzeug mit deutschen Urlaubern kaperten. Nachdem eine Spezialeinheit des Bundesgrenzschutzes das Flugzeug in Mogadischu gestürmt und die Geiseln befreit hatte, kam es bisher nicht wieder zur Tötung von Flugreisenden auf einem deutschen Flughafen oder zur Entführung deutscher Flugreisender.

Rechtsradikaler Terror auf dem Münchener Oktoberfest: Drei Jahre später wurde München erneut zum Schauplatz eines Terroranschlags, als während des Oktoberfestes 1980 an einem Eingang zu den Festwiesen eine Bombe platzte, mehrere Menschen zu Tode riss und Hunderte verletzte. 

Der Verdacht richtete sich zunächst auf die Rote Armee Fraktion (RAF), die von der Baader-Meinhoff-Bande gegründet worden war. Unter den Toten war jedoch ein junger Mann, der des Terroranschlags konkret verdächtigt wurde. Und in dessen Wohnung fand man nicht etwa ein Bild von Che Guevara über dem Bett, sondern von Adolf Hitler. Dennoch wurde Gundolf Köhler, der mutmaßliche Attentäter, als verwirrter Einzeltäter hingestellt und der Fall damit abgetan, ohne dass ermittelt wurde, ob er Mittäter oder wenigstens Mitwisser in rechtsradikalen Kreisen gehabt hatte. Ermittlungen in der Richtung wurden erst 2014 – über 20 Jahre nach dem Anschlag – aufgenommen.

Möglicherweise hatte Gundolf Köhler ähnliche Motive gehabt wie Anders Breivik, dessen terroristische Mordserie in Norwegen sich am Samstag zum fünften Mal jährte. Das war einen Tag nach Ali David Sonbolys „Selbstmordanschlag“ in München und gab zu Spekulationen Anlass, der Attentäter wäre nicht islamistisch, sondern „ausländerfeindlich“ motiviert gewesen.

Das mag manche enttäuschen, weil solch eine Motivation nicht gut in ihr Moslem-Feindbild passen würde, andere dagegen erleichtern, weil es ihnen lieber wäre, wenn der Feind nicht als Moslem, sondern als „Rechter“ in Erscheinung getreten wäre.

Der Terror von „psychisch Kranken“ geht weiter

Dieser „psychisch kranke“ Amokläufer war selber iranischer Herkunft; es hat aber den Anschein, als hätte er sich als Deutschen betrachtet und sich an Türken wie auch anderen Muslimen für die erlittene Schmach als Mobbing-Opfer rächen wollen. Der Islamische Staat (IS) brüstet sich zwar damit, dass er ein Kämpfer für das islamische Kalifat gewesen wäre; doch als Iraner war er vermutlich Schiit, möglicherweise sogar Christ und weder mit der einen noch mit der anderen Konfession ein „Rechtgläubiger“ aus der Sicht der IS-Fanatiker.

Seit den Aufrufen der IS-Propagandisten zu Terroranschlägen auf „Ungläubige“ in Europa und den Anschlägen auf einem U-Bahnhof in Brüssel, in den Straßen von Paris sowie auf der Strandpromenade von Nizza wird längst damit gerechnet, dass auch Deutschland bald zum Opfer dieses Terrorismus wird.

Und mit den Axthieben eines IS-Sympathisanten kürzlich auf einer Bahnfahrt nach Würzburg schien ein terroristischer Massenmord zum Greifen nahe zu sein. Unter diesen Umständen war es nicht verwunderlich, dass die ersten Nachrichten von den Schüssen vor dem Münchener Einkaufszentrum einen islamistischen Terroranschlag vermuten ließen und die ganze Stadt in einen Ausnahmezustand versetzt wurde.

Wir müssten uns an die Terrorgefahr gewöhnen, heißt es in den Medien. Aber die Gefahr, bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen, sei nicht so groß wie im Straßenverkehr.

Der Vergleich mag stimmen, ist aber dennoch zynisch, wenn man bedenkt, dass erst vor wenigen Tagen ein  islamistischer Zwangsneurotiker und insofern ebenfalls „psychisch Kranker“ auf der Strandpromenade von Nizza mit einem LKW in eine Menschenmenge raste und dabei 84 Menschen unter seinen Rädern zu Tode kamen sowie über 200 Menschen verletzt wurden. Zu den Todesopfern gehörten auch Deutsche, deren Angehörige hoffentlich nichts von einem solchen Vergleich in der Zeitung gelesen haben.

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Foto: Olympiastadion Muenchen © By Arad Mojtahedi (Arad Mojtahedi) [Public domain], via Wikimedia Commons