Kulturmarxismus – ein leerer Kampfbegriff?

Wir befinden uns in einer tiefgreifenden kulturellen Krise in Deutschland. Der „Kulturmarxismus“ ist dabei als zentrale ideologische Triebkraft hinter den gefährlichen gesellschaftlichen Veränderungen auszumachen. Grundlegende Institutionen wie Religion, Nation und Familie werden gezielt infrage gestellt. Um dem damit verbundenen Untergang unserer Heimat zu wehren, ist eine bewusste Rückbesinnung auf traditionelle Werte nötig. Gastbeitrag von Dr. Felix Wachter.

Seit einigen Jahren findet eine spannende Entwicklung statt. In immer weiteren Kreisen beginnt sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass wir es in Deutschland nicht nur mit einer massiven Migrations- und Wirtschaftskrise zu tun haben. Nein, die Wurzeln des dramatischen Niedergangs unseres Landes reichen viel tiefer. Es geht vor allem um eine weit umfassende kulturelle Krise. Oft wird in diesem Zusammenhang vom „Kulturmarxismus“ gesprochen. Doch was verbirgt sich hinter diesem Begriff genau? Ist der Kulturmarxismus mehr als ein politisches Schlagwort oder Blitzableiter?

In heutigen Debatten wird oft der Eindruck erweckt, als sei die rot-grüne Politik eine Politik die vor allem „für“ etwas sei, während die anderen immer nur „dagegen“ sein können. Eine genauere Analyse der marxistischen Ideologie – auf der bis heute jede linke Politik aufbaut – zeigt jedoch, dass auch diese Ideologie ein „Dagegen“ kennt. Die Negation des Marxismus setzt genau dort an, wo es um den sensibelsten und kostbarsten Bereich eines Staates geht: Um seine kulturellen und geistigen Fundamente.

Ein Geist, der stets verneint

Karl Marx hat bekanntlich verkündet, Religion wäre nur „Opium fürs Volk“. Sie ist demnach etwas, das wie ein Opiat schläfrig macht. Die Religion vertröstet die Menschen auf ein besseres Dasein im Jenseits und hält sie so davon ab, gegen die Probleme im hier und jetzt aufzubegehren. Durch diese Brille gesehen, ist der Glaube nur ein Schleier durch den Herrschaftsinteressen verdeckt werden. Über die Religion sollen die Massen klein und ruhig gehalten werden. Letztlich ist sie somit nur ein Unterdrückungsapparat und bizarres Possenspiel, von dem man die unaufgeklärten Menschen befreien muss. Lenin, der Marx konsequent und logisch zu Ende dachte, bekannte dann auch ganz offen: Ziel des Kommunismus ist nicht die Zurückdrängung oder Reformierung der Religion, sondern ihre Auslöschung. Die späteren Ausrottungsversuche in der Sowjetunion haben ein deutliches Zeugnis davon abgegeben, dass es Lenin mit solchen Aussagen ernst war.

Ferner richtet sich der Marxismus nicht an Staaten, sondern an „die Welt“. Sein Ziel ist die Weltrevolution. Friedrich Engels ging selbstbewusst davon aus, dass nach der kommunistischen Revolution der Staat neben Spinnrad und Bronzeaxt ins Museum der Altertümer wandern würde. Die Gliederung der Menschheit in Völker und Nationen ist somit im marxistischen Prisma nur ein vorübergehender Zustand, eine Etappe auf dem Weg zur Verwirklichung der Vision einer klassenlosen Weltgesellschaft. Diese entspricht genau dem, was Carl Schmitt als „unstaatliche Society“, als Gegenmodell zum traditionellen Staat bezeichnet hat: Eine wahllos an einem Ort zusammengewürfelte Menschenmenge, in der es nur noch Einzelinteressen, aber kein wechselseitiges Verantwortungsgefühl oder tiefergehendere Gemeinsamkeiten mehr gibt. Auch hier war es wieder Lenin, der die wahren Absichten des Kommunismus unverblümt ausgesprochen hat: Der Marxismus will die Vereinigten Staaten von Europa, aber nur als Zwischenziel zum Letztziel einer Weltrepublik. In diesem Zusammenhang ist es sehr interessant, dass die Errichtung einer staatenlosen Weltgesellschaft heutzutage einen zentralen Konvergenzpunkt von Marxismus einerseits und „Großkapital“ andererseits bildet. Die Lenin-Büste in Klaus Schwabs Büro kann hierfür als sinnfälliges Symbol gesehen werden.

An keinem anderen Punkt wird allerdings so deutlich, wie sehr der Kultur-Marxismus bereits umgesetzt worden ist, wie im Bereich der Familienpolitik. Die von Olaf Scholz geforderte – und heute in weiten Teilen umgesetzte – „Lufthoheit über Kinderbetten“ gehört ohne Frage zur DNA des Kommunismus. Wohl nur die wenigsten wissen, dass eine solche Verstaatlichung der Erziehung ein fester Programmpunkt des „Kommunistischen Manifests“ gewesen ist. Denn nach marxistischer Analyse besteht die Wurzel des Klassenkampfes im Kampf der Geschlechter. Der Geschlechterkampf kann dieser zufolge nur durch die Vollbeschäftigung der Frau beigelegt werden. Es liegt dann auf der Hand, dass bei einer Vollbeschäftigung beider Geschlechter, die Aufgabe der Kindererziehung an den Staat fallen muss. Doch auch die heutige Banalisierung der Sexualität kann auf die marxistische Ideologie zurückgeführt werden. Für Lenin war die menschliche Sexualität nicht anders zu beurteilen als ein Schluck Wasser aus dem Glas – eine Aussage, die zeigt, wie sehr man am Wesen des Menschen vorbeisehen kann.

Religion, Nation, Familie: Diese drei bilden die Zielscheibe des Kommunismus und sind Gegenstand seiner permanenten Attacken. In Wahrheit ist der Marxismus deshalb in erster Linie nicht eine positive Gesellschaftsvision, sondern ein Abbruchunternehmen. Er ist der Versuch in das Heiligtum einer Nation einzudringen und sich daran zu vergreifen. Der historische Kommunismus hat das immer wieder bewiesen. Etwa für Mao Zedong waren Religion und Familie Grundsäulen der alten Gesellschaft, die es zu zertrümmern gilt. Ein „neuer Mensch“ ohne die traditionellen Bindungen sollte geschaffen werden. Das Ergebnis war eine humanitäre Katastrophe beispiellosen Ausmaßes.

Kulturmarxismus: Anderes Gewand, selbes Wesen

Maos Diktatur und der Sowjet-Kommunismus sind untergegangen. Doch der böse Geist des Kommunismus lebt heute in der Form des Kulturmarxismus weiter. Die Antifa-Parole „kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat“ ist ein Widerhall des ursprünglichen kommunistischen Hasses auf die wichtigsten menschlichen Grundwerte. Es ist infam, wenn heute Menschen, die sich gegen den Abriss der abendländischen Kulturtradition zur Wehr setzen, vorgeworfen wird, einen „Kulturkampf“ anzuzetteln. Andersherum wird ein Schuh daraus: Es waren die Linken, die den Kulturkampf begonnen haben und diesen über viele Jahrzehnte erfolgreich und fast ohne jeden Widerstand führen konnten. Was aktuell einsetzt, ist lediglich der Akt einer – wenn auch reichlich späten – Selbstverteidigung.

Nikita Chruschtschow sprach einmal die prophetischen Worte: „Ihr werdet den Kommunismus nicht ohne Weiteres akzeptieren. Aber wir werden euch weiterhin kleine Dosen Sozialismus verabreichen. Bis ihr schließlich aufwacht und feststellt, dass ihr bereits Kommunismus habt.“

Die Erfahrung gibt Chruschtschow recht. Der Marxismus ist in der Lage, sich immer wieder chamäleonartig an die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse anzupassen und dabei tatsächliche oder vermeintliche Missstände für sich zu nutzen. Doch an seinen Zielen ändert er dabei nicht das Geringste. Sein Wesen bleibt immer das gleiche.

Wenn wir sehen, wie stark heutzutage die Fundamente einer menschlichen Gesellschaft unter Beschuss stehen, können wir klar den Daumenabdruck des Kommunismus erkennen. Der Kulturmarxismus wirkt dabei subtil, aber dafür sehr wirksam als ideologische Unterströmung. Vielen Menschen ist nicht einmal annähernd bewusst, wie viel Marxismus heute in den Köpfen steckt. Mit Antonio Gramsci lässt sich sogar sagen, dass der Alltagsverstand bereits vom Kommunismus geprägt ist. Ideen, die ursprünglich aus dem Marxismus kommen, werden für normal und selbstverständlich angesehen.

Deshalb ist es wichtig, hierüber aufzuklären und immer wieder die Frage zu stellen: woher kommen eigentlich die Gedanken, die unsere heutige Gesellschaft prägen? Dass der Kommunismus sich heute weniger wirtschaftspolitischen Fragen widmet, sondern sich mehr auf die Kulturpolitik verlegt hat, macht ihn in meinen Augen umso gefährlicher.

Als Konservative und Rechte wissen wir jedoch, dass der Kommunismus ein System ist, das letzten Endes immer wieder an sich selbst scheitern muss. Die Geschichte hat gezeigt, dass der Kommunismus nie in der Lage war, aus sich etwas Positives hervorzubringen. Der Marxismus weiß nicht, was den Menschen eigentlich ausmacht, er ist ein Geist der nur verneinen kann. Religion und traditionellen Gesellschaftsstrukturen sind keine Unterdrückungsinstrumente oder Symptome geistiger Unreife. Sie sind Ausdruck der menschlichen Natur, die stets nach Sinn und Gemeinschaft sucht.

Mit Johannes Paul die Kulturrevolution einläuten

Als Christen sind wir aber gerufen, nicht nur Kritik zu üben, sondern vor allem an einer positiven gesellschaftlichen Vision mitzuwirken. Johannes Paul II. hat diese Vision die „Zivilisation der Liebe genannt“. In dieser Zivilisation werden menschliche Grundwerte wie Menschenwürde, Dialog und tätige Nächstenliebe wieder in den Vordergrund gestellt. Sie ist das Gegenmodell zu einer kulturmarxistisch geprägten „Low-Trust-Society“.

Das Vermächtnis von Johannes Paul besteht nicht nur in der „Theologie des Leibes“, sondern auch in seiner kreativen Vertiefung der Katholischen Soziallehre. Sie gibt Christen – und allen Menschen guten Willens – das geistige Rüstzeug, um kompetent an heutigen politischen Diskursen teilzunehmen. Das Scheitern der modernen Ideologien wird immer mehr offenbar. Die Menschen sind wieder auf der Suche. Als Christen liegt es an uns, Antworten auf die drängenden Fragen zu geben und eine bessere Zeit vorzubereiten – sowohl durch Gebet wie Aktion.

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Zum Autor: Felix Wachter wurde 1987 in Prien am Chiemsee geboren. Er studierte Philosophie mit den Forschungsschwerpunkten Erkenntnistheorie, Religionsphilosophie und Ethik in München. Anschließend erfolgte die Promotion im Bereich politischer Philosophie in Eichstätt. Felix Wachter ist wohnhaft in Ingolstadt und ist für die AfD als Fachreferent und Kommunalpolitiker tätig. Darüber hinaus engagiert er sich im Verein Europa Aeterna für die Verbreitung der christlichen Sozialethik sowie für eine vertiefte Erkenntnis klassisch-abendländischer Politikphilosophie.

Gerade ist sein neues Buch erschienen: Philosophie der Einheit. Die staatsphilosophischen Grundlagen von Platons Nomoi und ihre Aktualität

Platons Nomoi, sein ausführlichstes, in Dialogform verfasstes Werk über die Gesetzgebung und den idealen Staat, steht am Anfang aller abendländischen staatstheoretischen Überlegungen. Bis heute wird um die adäquate Verfasstheit und Zielsetzung eines Staatsgebildes in allen politischen Lagern des modernen Rechtsstaats lebhaft gerungen. Felix Wachter geht in seiner Dissertation in historischen Rückblenden den großen Fragen der Staatstheorie nach, wobei er Platons philosophisch-politische Grundgedanken in einem ideengeschichtlichen Kontext und in ihrer bleibenden Aktualität aufzeigt (Wachter, Felix: Philosophie der Einheit. Die staatsphilosophischen Grundlagen von Platons Nomoi und ihre Aktualität
2025, 345 S., Gb., Verlag: Oxalis, ISBN-10: 3903000299 ISBN-13: 9783903000292, 26,00 €, hier bestellen).

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