Sonntag, 30. November 2025

Keine Nebensächlichkeit: Vatikan verabschiedet sich von der lateinischen Amtssprache

Mit dem neuen Kurien-Regelwerk, das Leo XIV. unterzeichnete, heißt es, Behörden der Kurie sollten ihre Akten „in der Regel in Latein oder in einer anderen Sprache“ verfassen. Damit ist Latein als Standard-Sprache für alle Dokumente des Kirchenstaates abgeschafft. Ein weiterer schlimmer Bruch mit der Tradition in Rom. Gastbeitrag von Dr. phil. Heinz-Lothar Barth, Bonn.

„Annuntio vobis: Latein ist gestrichen“. Selbst die weltliche Presse nahm sich des Problems an. Der Bonner General-Anzeiger berichtete in seiner Ausgabe vom 27. November 2025, und zwar sogar auf S. 1, unter der oben zitierten, etwas reißerischen Überschrift knapp und präzis: „Leo XIV. hat das Verwaltungsregelwerk des Kirchenstaats ändern lassen. Da hieß es bislang im Artikel 50: ‚Die Behörden der Kurie schreiben ihre Akten in der Regel in Latein.’ Jetzt tritt ein fataler Halbsatz hinzu: ‚oder einer anderen Sprache`’.

Latein ist nicht mehr die offizielle erste Amtssprache

Auch die Anforderung ‚guter Lateinkenntnisse’ der Angestellten wurde gestrichen. Ergo: Latein ist nicht mehr die offizielle erste Amtssprache.“ In einer anderen Sprache, z. B. Englisch, Französisch, Italienisch oder Spanisch, solche Dokumente zu verfassen, war früher nur als Ausnahme vorgesehen. Jetzt sind andere Sprachen offenbar gleichberechtigt. Was soll dann aber in der offiziellen deutschen Fassung die Beibehaltung des Zusatzes „in der Regel“ zum präpositionalen Ausdruck „in Latein“? Offenbar wird er ja auch mit auf die Fortsetzung „oder einer anderen Sprache“ bezogen, sonst müßten Syntax und Interpunktion geändert werden.

Der jetzt gewählte Satz wäre nur dann sinnvoll, wenn konkrete andere Sprachen als ausschließlicher Ersatz angeführt würden. Dies ist aber nicht der Fall. Im Vatikan ist nicht nur seit vielen Jahren ein Rückgang solider Lateinkenntnisse zu beobachten, sondern Collegium logicum scheint ebenso einer Auffrischung zu bedürfen, wie man auch an vielen anderen Texten erkennen kann.

Die Internetseite von DOMRADIO überschrieb am 25.11. 2025 ihre entsprechende Meldung selbst noch auf Latein: „Tempora mutantur“ („Die Zeiten ändern sich“). Da war die katholische Kirche rund zweitausend Jahre ganz anderer Meinung gewesen, was nicht nur ihr offizielles Idiom angeht. Selbst ein Politiker wie Bundespräsident Horst Köhler achtete noch die Vergangenheit, wenn er erklärte: „Keine Zukunft ohne Herkunft“ (Die Bundesregierung, Rede von Bundespräsident Horst Köhler, Bulletin 31-2 vom 13. April 2008).

Latein als „gleichsam goldenes Kleid der Weisheit“

Erstaunlich, was selbst noch der „Konzilspapst“ Johannes XXIII. zum Latein sagte! Solche und ähnliche Dokumente des Lehramtes zur Bedeutung der lateinischen Sprache für die katholische Kirche sind gesammelt worden von Pater Caelestis Eichenseer in einem lateinischen Aufsatz: Recentiores textus Vaticani, qui ad Latinitatem eiusque usum spectant (Neuere vatikanische Texte, die sich auf die lateinische Sprache und ihren Gebrauch beziehen), Vox Latina 26,100/1990, 215-225. und 26,101, 366-390.

Am 22. Februar 1962 hatte nämlich der „Papa buono“ im Vorfeld des II. Vatikanums die Apostolische Konstitution Veterum sapientia („Die Weisheit der Alten“) veröffentlicht. Fassen wir kurz den für uns wichtigeren ersten, mehr theoretischen Teil zusammen, im zweiten Abschnitt geht es um die Praxis der lateinischen Sprache, wo sogar die Theologieprofessoren verpflichtet werden sollten (!), ihre Vorlesungen im traditionellen Kirchenidiom zu halten  Nach dem Heilsplan Gottes wurden die Völker der Antike, so Johannes XXIII., in ihren jeweiligen Kulturen gewissermaßen auf das Kommen des Erlösers vorbereitet. Daher hat die Kirche immer jene Sprachen, in denen die menschliche Weisheit eingekleidet war, unter ihnen ganz besonders das Griechische und Lateinische, „gleichsam das goldene Kleid der Weisheit selbst“, hoch in Ehren gehalten („Graecam Latinamque linguas, sapientiae ipsius auream quasi vestem, summo quidem honore coluit“). Man darf, so möchte ich hinzufügen, noch ergänzend an die dreifache Ausfertigung der Kreuzesinschrift „Jesus von Nazareth, König der Juden“ (Johannesevangelium 19,20) erinnern, die dem Hebräischen, dem Griechischen und eben auch dem Lateinischen als den drei „heiligen Sprachen“ eine erhabene Würde, geradezu eine Weihe verlieh. Das Idiom der Römer, das Jahrhunderte lang die Menschen des Römischen Reiches untereinander verbunden hatte, wurde durch göttliche Vorsehung zur Sprache des Stuhles Petri, der sich ja in Rom befindet, und vereinigte nun die christlichen Völker Europas miteinander. Für das kirchliche Lehramt bedeutete es einen unermeßlichen Segen, sich ohne Sprachbarriere weltweit mit den für Glauben und Theologie Verantwortlichen, ja darüber hinaus mit allen gebildeten Katholiken in einem klaren und erhabenen Idiom austauschen zu können, wie all jene Menschen auf diese Weise auch ihrerseits miteinander kommunizieren konnten. Niemanden benachteiligt die lateinische Sprache, so betonte der Nachfolger Petri, niemanden bevorzugt sie, nationalem Egoismus läßt sie keinen Raum. Welcher Wert hierin liegt, läßt sich leicht abschätzen, wenn man sieht, wie heute, nachdem man die lateinische Messe praktisch abgeschafft hat, oft zwischen Angehörigen verschiedener Nationen, die regional zusammenleben, um die Liturgiesprache gerungen wird. Und gerade in einer Zeit, wo die Welt durch Fernkommunikation und schnelle Verkehrsmittel gleichsam kleiner geworden ist und die Menschen sich durch den Massentourismus ständig begegnen, schafft man das Latein, das die Gläubigen miteinander verbindet, auf allen Ebenen de facto ab! Soll es künftig etwa durch Englisch ersetzt werden?

Vorzüglich für die Feierlichkeit und Heiligkeit des Kultes

Neben der Universalität des Lateins, die übrigens nicht minder für die Zeit als für den Raum gilt und unsere Gebete mit denen der Märtyrer der Antike und der Heiligen des Mittelalters vereinigt, kommen ihm noch weitere Vorzüge zu, die es zur Kirchensprache geradezu prädestinieren. Papst Pius XI. hatte in seinem Apostolischen Schreiben Officiorum omnium  vom 1. August 1922 der lateinischen Sprache drei herausragende Eigenschaften attestiert, die auch in Veterum sapientia zitiert werden: Sie ist universalis, immutabilis, non vulgaris (allgemein, unveränderlich, nicht gewöhnlich). Es handelt sich also um eine weltweit verbreitete und zugleich erhabene, dem Alltag entrückte Sprache. Sie eignet sich daher vorzüglich für die Feierlichkeit und Heiligkeit des Kultes. Auch andere Religionen kennen, nebenbei bemerkt, Kultsprachen, wie der Islam das Arabische, das z. B. kein Türke ohne entsprechende Ausbildung versteht. Auch die Orthodoxie benutzt mit dem Altgriechischen und dem Kirchenslawischen nicht alltägliche Idiome.

Als sog. „tote Sprache“ genießt das Lateinische den Status der Unveränderlichkeit, obgleich wir Klassischen Philologen lieber den modernen Terminus „Reflexionssprache“ verwenden, um nicht sozusagen der krankhaften Liebe zu einer Leiche bezichtigt werden zu können. Dieser Status fügt sich hervorragend zu einer Religion, die auf ewigen, dem Wesen nach unveränderlichen Wahrheiten basiert. „Wenn wir sagen, ein Welpe entwickle sich zum ausgewachsenen Hund, dann meinen wir nicht, er entwickle sich allmählich zur Katze, sondern wir meinen, daß er mehr und nicht weniger Hund wird“ schrieb der große englische Gelehrte und überzeugte Katholik G. K. Chesterton zur prinzipiellen Unveränderlichkeit der kirchlichen Lehre (Thomas von Aquin – Franz von Assisi, Bonn 2003, 23). Nur auf dieser klar begrenzten Basis ist eine gewisse Dogmenentwicklung möglich. Oder wie Vinzenz von Lérins 434 von einem wahrhaften Fortschritt im Glauben sprach, aber eine Veränderung strikt ausschloß („vere profectus ille fidei, non permutatio“, Commonitorium 23,11 f.).

Es wundert einen nicht, daß gerade Sakralität und Unveränderlichkeit des Lateinischen die Progressisten auf den Plan riefen. Denn wer das Programm der „Entsakralisierung“ betreibt und für wen nach Heraklitischem Vorbild „alles im Fluß ist“ („panta rhei“), dem ist die Sprache der Römer natürlich ein Dorn im Auge. Zum Schluß des ersten Abschnitts betonte das lehramtliche Dokument Johannes’ XXIII. die Bedeutung der lateinischen Sprache und der in ihr aufbewahrten Literatur für die geistige Schulung junger Menschen, ja für unsere gesamte Kultur, aber nicht minder auch für unsere Humanität, unsere Menschlichkeit. In diesem Zusammenhang fällt ein Satz, der angesichts einer eiskalten Machermentalität vieler in Naturwissenschaft und Technik tätiger Zeitgenossen heute aktueller denn je erscheint: „Cum prorsus in animo id insideat, quod magis natura et dignitate hominis dignum sit, ardentius acquirendum est id, quod animum colat et ornet, ne miseri mortales, similiter ac eae, quas fabricantur, machinae, algidi, duri et amoris expertes exsistant“ – „Da das, was in höherem Maße der Natur und Würde des Menschen entspricht, gänzlich in der (Geist-)Seele angesiedelt ist, muß man sich das mit brennenderem Eifer aneignen, was die Seele pflegt und mit Schmuck ausstattet, damit nicht die armen Sterblichen ähnlich wie die Maschinen, die sie herstellen, kalt, hart und bar der Liebe sind.“ Gerade diese „Seelsorge“ zu leisten, ist die lateinische Sprache und die mit ihr verbundene Kultur sehr geeignet.

Latein garantiert historische Einheit der Kirche

Wollen wir noch einen unverdächtigen, weltlichen Zeugen für unser Anliegen aufrufen! Gemeint ist der Klassische Philologe Jürgen Leonhardt (Universität Tübingen), der in seinem schönen Buch „Latein – Eine Weltsprache“ (München 2009, 243) schreibt: „Latein garantiert die historische Einheit der Kirche, und die katholische Kirche ist immerhin eine der ältesten noch bestehenden Institutionen der Welt. Sieht man jedoch auf die Geschichte des Lateinischen als Weltsprache, tritt ein ganz anderer Aspekt in den Vordergrund, den man zwar stets gesehen, aber meines Erachtens immer unterbewertet hat: Für die katholische Kirche als die einzige multinationale Organisation Europas in der frühen Neuzeit war Latein unverzichtbar als bindende Klammer zwischen Völkern und Ländern. Welches Bild hätte die Kirche abgegeben, wenn der Papst im 18. Jahrhundert die Messe auf Italienisch gelesen hätte?“ Gilt diese kluge Einsicht – mutatis mutandis – nicht auch heute noch?

Abschließen wollen wir unsere kurzen Ausführungen zum Latein in der katholischen Kirche mit einem beeindruckenden Text, in dem die Verfasserin uns vor dem Verlust dieses herrlichen antiken Idioms im Christentum warnt. Denn durch die Liturgie wird das Latein heute ja nicht mehr ausreichend geschützt, jetzt soll auch noch seine Funktion als Amtssprache der Kirche weitgehend verlorengehen. Es handelt sich um ein spätes Gedicht der heute zu Unrecht vergessenen herausragenden katholischen Schriftstellerin Gertrud von le Fort. Mit ihm drückte sie ihre Sorgen über die Reformen im Zuge des II. Vatikanums aus. Besser als mit vielen wissenschaftlichen Worten verstand sie es, in poetischer, ja beinahe prophetischer Weise anzudeuten, was heutzutage gerade auch manche jüngere Menschen an dieser heiligen Sprache fasziniert; so wenden sich ja weltweit immer mehr Jugendliche der traditionellen lateinischen Messe zu: „Rühr sie nicht an, die heilige Sprache der Väter! Rühr sie nicht an mit kleinen verständigen Händen. So viel weiser denn du, viel tiefer dringt sie hinab als der Tag – Unsägliches bergend, Unsägliches immerzu raunend in deine Einsamkeiten. Und heilig wäre vieles, was wir vergessen, was du nicht mehr verstündest. Sie aber kennt ihren Weg. Auf großen Gräbern liegt ihre Fahne. O rühr sie nicht an: Freiwaltend ist alles Große.“

Möge die Gottesmutter, die „inimica omnium haeresium“, die „Feindin aller Irrlehren“, uns durch ihre Fürsprache am Thron ihres göttlichen Sohnes erwirken, daß wir die ganze Schönheit und Wahrheit der katholischen Kirche bewahren oder, wenn wir sie verloren haben, wiederentdecken dürfen! Beten wir auch für die Millionen und Abermillionen Menschen, die schuldlos oder durch eigenes Versagen in die Finsternis geraten sind, die uns alle in diesen furchtbaren Zeiten in Kirche und Staat so schwer bedrückt!

Literaturempfehlungen:

August Doerner – Margarethe Kuppe – Ueli Köchli – Heinz-Lothar Barth [Hrsg.], Latein – Sprache der katholischen Kirche und des Abendlandes, Jaidhof/Österreich 2000

Wilfried Stroh, Latein ist tot, es lebe Latein – Kleine Geschichte einer großen Sprache, 3Berlin 2007

Heinz-Lothar Barth, Latein – „Muttersprache“ der katholischen Kirche und ihre Feinde, Una Voce Korrespondenz 54,2/2024, 58-76.

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