Impressionen aus dem Havanna der BRD – Gastbeitrag von Dr. Bernd Fischer

In den letzten beiden Jahren wurde oft geklagt, dass es für die Bürger der BRD wegen Corona kaum mehr möglich war in exotische Gegenden zu reisen. Dem soll hier widersprochen werden, denn, abgesehen von der harten Quarantäne um die Jahreswende 2020/21 herum bestand immer die Möglichkeit in das rot-grün regierte Berlin zu reisen, das Havanna der BRD mit den eindrucksvollen Ruinen der einst dort vorherrschenden deutsch-preußischen Kultur. Als Kunst- und Musikliebhaber kommt man ohnehin kaum umhin, ab und zu an diesen Ort zu reisen, um in den Genuss der dort immer noch vorhandenen Hochkultur kommen, auch wenn die Musentempel dieser Stadt ähnlich wie das Stadtschloss oder das Denkmal Friedrichs des Großen unter den Linden in diesem bunten Konglomerat der Kulturen mittlerweile bereits wie Fremdkörper wirken. Schon die Anreise erwies sich als sehr aufschlussreich über den Zustand der Stadt.

Niemand hat die Absicht einen Flughafen zu bauen!

Bei diesem bekannten Slogan gingen wohl die meisten davon aus, dass es sich um einen Kalauer handelte! Eine Ankunft auf dem neuen Flughafen belehrt einen eines Besseren. Die gemachten Erfahrungen lassen vermuten, dass in der Tat niemand die Absicht hatte, diesen Flughafen fertig zu stellen—auch wenn er jetzt widerwillig in Betrieb genommen wurde—geschweige denn ihn in vernünftiger Weise zu betreiben. Es ließ sich wohl trotz ernsthafter Bemühungen nur nicht verhindern. Nach der Ankunft gelangt man über eine Teleskopbrücke in das Terminal, in der man als überdurchschnittlich großer Mensch kaum stehen kann. Ein guter Auftakt, denkt man sich. Gleich darauf gestaltet sich die Suche nach Toiletten als schwierig, um nicht zu sagen als unmöglich. Lediglich eine Toilette mit dem Hinweis „Nur für Personal“ lässt sich ausfindig machen. Auf diese stürzen sich dann alle Mitreisenden wie ganz selbstverständlich. Scheinbar waren sie mit den eigenartigen Gegebenheiten in BER bereits bestens vertraut. Nächste Station: Kofferband! Hier gestaltet sich die Suche nach einer Überblickstafel, die die Flüge den Bändern zuordnet, als erfolglos. Ebenso eine Nachfrage bei einem der Flughafenmitarbeiter: „Junger Mann, det weeß ick doch nich. Da müssense einfach mal um de Bänder rumlofen! Dann sehense schon, wo det is, wa?!“ Es war nun auch nicht mehr gänzlich überraschend, dass auch von den Koffern keine Spur war. Erkundigungen wurden ebenso unbestimmt und patzig beschieden wie die Frage nach der Überblickstafel. Vermutlich gelten derartige Nachfragen in Berlin mittlerweile als politisch inkorrekt, da sie von der grün-sozialistischen Stadtregierung als Relikte der deutschen Kolonialpolitik oder von sonst irgendetwas Schlimmen erkannt worden sind. Schließlich wurde nach einer Stunde mit Bestimmtheit verkündet, dass die Koffer am Abflugsort gar nicht eingeladen worden waren! Während noch zwischen den Passagieren und den Flughafenangestellten heftig debattiert wurde, welche Schritte nun zu unternehmen seien, tauchten zur großen Verblüffung aller die Koffer urplötzlich doch noch auf, und zwar —wie originell! — auf einem völlig anderen Kofferband als vorgesehen. Welcome to Berlin! You are leaving the sector of rationality!

Aim low und unterbiete dich!

Auf dem Hinweg in die Stadt stand der Flughafen-Express zur Verfügung, mit dem man in etwa einer halben Stunde am Hauptbahnhof ist. Ist man dort angekommen, muss man, sofern man im Westen der Stadt untergekommen ist, noch in die S-Bahn umsteigen, so dass die Reise in diesen Teil der Stadt sehr zeitaufwändig ist. Rolltreppen, die vom Terminal hinunter zum Bahnhof führten, suchte man vergebens. Man kann sich also entweder endlos lange bei den wenigen Aufzügen anstellen oder die Koffer selber mehrere Stockwerke hinuntertragen. Kennen Sie zufällig Königs-Wusterhausen oder Wünsdorf-Waldstadt? Nein? Dann würden Sie, geneigter Leser, wohl auch nicht wissen, ob die Züge oder Busse zu diesen Orten am Berliner Hauptbahnhof halten! Diese und ähnliche Ortsnamen stehen nämlich auf der Anzeigetafel bei der Kofferausgabe. Explizite Hinweise auf Züge, die zum Hauptbahnhof führen, fehlen. Wie soll etwa ein aus China kommender Tourist sich so zurechtfinden? All dies wirkt in seiner Gedankenlosig- und Stümperhaftigkeit wie ein Sinnbild für den gesamten Bundesslum, wie manche Spötter diese merkwürdigste aller Hauptstädte mittlerweile auch bezeichnen! Aim low und unterbiete dich dann noch!

Ein Abend in der Philharmonie wirkt wie ein Echo aus einer vergangenen Zeit, zumindest wenn man sich auf die im Frack musizierenden Berliner Philharmoniker konzentriert und nicht im Auditorium, das immerhin annähernd zur Hälfte gefüllt war, umherblickt. Wenn jemand, der zum ersten Mal in die Philharmonie ginge, fragte, was er anziehen solle, dann kann man mittlerweile ohne Bedenken antworten: irgendetwas, es spielt keine Rolle! In dieser Hinsicht ist Berlin inzwischen gänzlich zur grünen Musterenklave geworden. Alles wird einem zugemutet: verwaschene Jeans und T-Shirts, Surfer-Schuhe, kurze Hosen usw. Anzüge, Kostüme oder gar Krawatten haben im Bundesslum mittlerweile den Status exotisch anmutender Kleidungsstücke. Bald wird ihnen wohl auch von offizieller Seite der Makel des politisch Inkorrekten angeheftet werden, da sie vermeintlich die Inklusion gewisser gesellschaftlicher Randgruppen behindern. Rot-rot grün wird dafür schon irgendeinen Vorwand finden. Das Konzert war allerdings fabelhaft. Die Präzision, mit der die Symphoniker Sinfonien von Mozart und Haydn spielten, sucht nach wie vor seinesgleichen. Der Dirigent, Jean-Christophe Spinosi, stand dabei zum ersten Mal am Pult der Philharmoniker. Sehr feinfühlig begleitete er den Countertenor Philippe Jaroussky auch bei Arien von Rossini und Vivaldi. Er darf gerne wiederkommen.

Rheingold und ein Pennälerscherz

Ein Abend in der Deutschen Oper hat allerdings gemischte Gefühle hervorgerufen. Eigentlich hätte es ein großer Abend werden sollen, denn immerhin erlebte ein künstlerisches Projekt seinen Auftakt, welches es in dieser Form an der Deutschen Oper zuletzt vor 37 Jahren gegeben hat.  Mit der Premiere des Rheingolds begann nämlich die Ablösung der legendären Ring-Inszenierung von Götz Friedrich aus den Jahren 1984/85. Entsprechend gespannt war man auf die Umsetzung durch den Regisseur Stefan Herheim, dem aufgrund seiner phantastischen Parsifal-Inszenierung in Bayreuth im Jahr 2008 immer noch bei jeder Neuinszenierung turmhohe Erwartungen entgegenschlagen, obwohl er wohl nie wieder das Bayreuther Niveau erreicht hat. Bereits die Lohengrin-Inszenierung an der Berliner Staatsoper im Jahr 2009 war ein ziemlicher Reinfall und wurde sehr bald wieder abgesetzt. Was er diesmal bot, übertraf allerdings diese Inszenierung an Niveaulosigkeit noch bei weitem. Dem Urteil des Kritikers Peter Jungblut ist wenig hinzuzufügen: „Statisten in Unterwäsche und jede Menge Rambazamba“, titelte er. Dazu noch Flüchtlinge gleich in der Anfangsszene; sich an den Zeitgeist anbiedern geht ja immer. Lediglich eine Szene soll exemplarisch zur Illustration des Herheimschen Scheiterns herausgegriffen werden. Die wohl größte Klippe bei der Inszenierung des Rheingolds ergibt sich durch die Verwandlung Alberichs mittels des Tarnhelms in einen „Riesen-Wurm“. Herheim löste dies auf Pennälerweise: Alberich drehte sich mit dem Rücken zur Bühne und öffnete seinen Mantel, um Wotan und Loge seine ihm ganz eigene „Riesenschlange“ vorzuführen… Passt irgendwie zu Berlin; so kann jeder! Inszenieren für alle, Hauptsache schön bunt! Auch das Programmheft, das im Wesentlichen aus einem nichtssagenden Interview mit Herheim und einem merkwürdig konfusen Beitrag seines Hausdramaturgen, Alexander Meier-Dörzenbach, bestand, war niveaulos gestaltet. Man verließ das Haus mit dem Gefühl, dass alle (abgesehen von den Musikern unter Donald Runnicles und den Sängern, die sich beachtlich schlugen) mit einem gerüttelten Maß an Resignation agierten: so, als ob es im Berlin des Jahres 2021 ohnehin nicht mehr so sehr auf etwas ankäme…

 

Dit is alles verhaltensorginell!

Zum Abschied gab es noch ein Gespräch mit Berliner Lehrerinnen. Eine berichtete von der „Sprachpolizistin“, die man an ihrer Schule platziert hat. Sie redigiert alle offiziellen Schreiben und prüft sie auf politische Korrektheit. Bei derartigen „Sprachpolzisten“ handelt es sich in der Regel um junge Kolleginnen, die frisch aus den ideologischen Kaderschmieden der Universitäten gekommen sind. Beispielsweise achten sie darauf, dass man den Begriff „verhaltensauffällig“ nicht mehr verwendet. Stattdessen soll man von „verhaltensorginell“ oder „verhaltenskreativ“ sprechen! Man stelle sich vor wie leicht diese Begriffe einem Lehrer über die Lippen gehen, dem ein Schüler gerade den Arm ausgekugelt hat! Derartige Sprachregelungen sind weitere Beispiele für die (sprachliche) Umerziehung, die von links-grünen Kreisen im Sinne des Orwellschen Newspeaks beabsichtigt wird. Beim Orwellschen Newspeak geht es darum, die Sprache so zu verbiegen und zu vereinfachen, dass Missstände überhaupt nicht mehr adäquat benannt werden können. „Verhaltensorginell“ hat mit „verhaltensauffällig“ nichts zu tun! Viele Lehrer aus dem Osten fühlen sich dabei an die Sprachregelugen in der DDR erinnert. Eine andere Lehrerin beklagte sich über den Druck, der auf sie ausgeübt werde, die Jungen beim Basteln dazu anzuhalten, die Farben Pink, Rosa und Lila zu verwenden, obwohl diese das gar nicht möchten. Eine dritte berichtete von den Vorgängen an ihrer Schule bei der Aufnahme neuer Schüler. Da wurden mit dem Hinweis auf die Wünsche der Trägerschaft einige nicht fremdartig klingende Namen von der finalen Liste willkürlich gestrichen und durch Namen, die auf einen Migrationshintergrund schließen lassen, ersetzt, obschon diese Gruppe eigentlich zuvor schon ausreichend berücksichtigt worden war. Nur zwei Lehrer des Kollegiums hätten in der Lehrerkonferenz protestiert. Erst nach der Sitzung bekundeten dann viele andere Kollegen im kleinen Kreis, wie empörend sie dieses Vorgehen empfanden. Ein schönes Sinnbild für die politische Stimmung in der gesamten BRD.

Beim Schlendern durch manche Stadtteile schaudert es einen vor dem bereits erreichten Grad an Verwahrlosung; insbesondere in den Stadtteilen, von denen es heißt, dass dort Schwulen bereits vereinzelt von der Polizei geraten wurde in andere Stadtteile zu ziehen. Die Parallele zu manchen Pariser Banlieus wird jedenfalls immer augenfälliger, und man bekommt eine Ahnung vom vereinten Europa, wie Frau Merkel sich es vorstellt. Es steht zu vermuten, dass der Berliner Senat demnächst auch für die Beschreibung solcher Zustände (bzw. für deren Nichtbeschreibung im Orwellschen Sinne) eine Leitlinie herausgeben wird. Dann blieben wohl nur noch Begriffe wie ordnungsorginell oder bunt übrig…

Die Rückreise zum Flughafen musste schließlich mit der S-Bahn angetreten werden, da der Flughafen-Express aufgrund einer Betriebsstörung ausgefallen war. Diese Fahrt dauert somit eine knappe Stunde. Die S-Bahn hält auch an der Station Terminal 5, obwohl dieser seit Monaten geschlossen ist. Beim Wiederanfahren der Bahn sah man eine japanische Familie ganz verloren auf dem von Distelpflanzen überwucherten, menschenleeren Gleis stehen. Sie waren versehentlich zu früh ausgestiegen, denn, wie zu erwarten war, erfolgten keine Durchsagen, die die Reisenden informiert hätten. Mit dieser Szene, die aus einem Wim-Wenders-Film hätte stammen können, endete der Aufenthalt in einer sehr verhaltensorginellen Stadt.

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