Aids und Corona: Warum lernen wir nicht aus unseren Erfolgen?

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Wäre solch eine Schaufensterdekoration während der Aids-Krise möglich gewesen: Statt "Anzeichen von Covid" -" Anzeichen von HOV" auf dem Schild?

Keine Frage: Aids und Corona sind verschieden. Unterschiedlich ist aber auch das Verhalten von Politik und Gesellschaft. Da stellt sich die Frage: Was hat sich in den letzten 40 Jahren geändert? Wie haben wir uns verändert?  Warum sind wir nicht in der Lage, aus den Erfolgen von damals zu lernen? Ein Gastbeitrag von Frank Steinkron

Als AIDS sich Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre ausbreitete, herrschte wie heute eine große Unsicherheit. Eine „Schwulenseuche“ mit damals tödlichen Folgen!

Natürlich war die Krankheit nicht so leicht übertragbar wie Covid 19. Doch barg jeder intimere Körperkontakt ein hohes Risiko. Selbst ein flüchtiger Kuss galt zunächst als gefährlich. Und wie bei Covid 19 konnte man bei AIDS die Erkrankung niemandem ansehen. Jahrelang wussten die Betroffenen sogar selber nicht, dass sie infiziert waren und als Spreader fungierten, besonders in manchen Szenekreisen mit hoher Promiskuität. Bisexuelle Väter konnten ihre Ehefrauen anstecken, das Virus übertrug sich selbst über Blutkonserven. In der Dritten Welt nahm die Krankheit sogar pandemische Züge an.

Rita Süßmuth oder Peter Gauweiler?

Einige Politiker wie Peter Gauweiler meinten, man müsse die Schwulen internieren. Andere sahen in AIDS eine Strafe Gottes. Wie aber reagierten Medien und Regierung? Recht bald schon erhoben sich laute Protest gegen allzu einseitige Sichtweisen und zu drastische Reaktionen. Immer häufiger wurden Maßhaltung, Verantwortungsbewusstsein und Vernunft eingefordert. Aufklärung statt Panikmache, Prävention statt Restriktion, lautete die Devise, die sich vor allem Familien- und Gesundheitsministerin Rita Süßmuth auf die Fahnen geschrieben hatte.

Der Erfolg gab den Stimmen der Vernunft Recht, zumal die rational geführte Debatte es auch ermöglichte, die Rolle der Homosexuellen in der Gesellschaft zu überdenken. Man begann, die Schwulen nicht mehr als Verursacher, sondern als Opfer der Krankheit wahrzunehmen – und als Opfer jahrhundertealter Diskriminierung. Die Gesellschaft empfand Empathie, die zu mehr Toleranz führte.

Was hat sich in den letzten 40 Jahren geändert?

Auch heute geben sich Politiker empathisch, indem sie wie der Bundespräsident medienwirksam eine Kerze ins Fenster stellen. Doch außerhalb dieser sentimentalen Gesten werden Kritiker der Corona-Maßnahmen als Covidioten, als Coronaleugner und als Nazis beschimpft.

Fraglos hat AIDS viele Opfer gefordert, die zum Teil unter elenden Bedingungen starben. Aber niemand verfiel auf den Gedanken, derart umfassend die Grund- und Freiheitsrechte einzuschränken, wie dies heute geschieht. Die Medien verhielten sich kritisch, aber nicht alarmistisch. Die Regierung handelte besonnen und nutzte die Stimmung nicht aus. Die Bevölkerung war besorgt, aber nicht hysterisch. Und zumindest auf offizieller Ebene nahmen die Diffamierungen ab. Inzwischen haben wir gelernt, mit AIDS zu leben. Durch AIDS sind wir sogar eine offenere Gesellschaft geworden.

Keine Frage: die beiden Krankheiten sind verschieden. Unterschiedlich ist aber auch das Verhalten von Politik und Gesellschaft. Da stellt sich die Frage: Was hat sich in den letzten 40 Jahren geändert? Wie haben wir uns verändert?  Warum sind wir nicht in der Lage, aus den Erfolgen von damals zu lernen?

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