Ist das Kerngeschäft der Kirche noch das Seelenheil der Gläubigen? Da sind zumindest Zweifel angebracht. Die römisch-katholische Kirche ist die längste Zeit schon dabei, ihre wirtschaftliche Existenz ohne ihren früheren Markenkern „Seelsorge“ sicherzustellen. Buchneuerscheinung im Vatikan: „Wage zu träumen!“ – Ein Gastkommentar von Dr. theol. Philipp Tropf

Unter dem Titel „Wage zu träumen!“ erschien am 4. Dezember des zu Ende gegangenen Jahres im Münchner Kösel-Verlag ein neues Buch von Papst Franziskus. Vor dem Hintergrund der Corona-Krise übt er darin scharfe Kritik – und richtet zugleich den Blick auf eine „bessere Welt“, die als „Chance“ mit und durch Corona erwachsen könne. Es ist ein Buch, das viele Fragen aufwirft – möglicherweise mehr, als es Antworten gibt. Das passt zu ihm, dem Papst vom „anderen Ende der Welt“, wie er sich am Abend seiner Wahl selbst vorgestellt hat. Denn er ist ein Widerspruchsgeist – weder die Traditionalisten noch die Modernisierer in seiner Kirche werden schlau aus ihm.

Und doch vereint er auch Fans hinter sich, die ihm die Aufbruchsstimmung abnehmen, die er verbreiten will. Dies gab mir den Anlass, das neue Buch des Papstes zur Hand zu nehmen, ihm über die Feiertage noch genauer als sonst zuzuhören und manchen der entstandenen Fragen nachzugehen.

Ist die Wirtschaft für die Krise verantwortlich?

Franziskus übt in seinem Buch scharfe Kritik an den bestehenden Systemen und Ideologien, die zur Entstehung der Krise beigetragen hätten. Verantwortlich seien – seiner Ansicht nach – unter anderem die „globale und freie Wirtschaft“ sowie der Kapitalismus, „die Angst im Volk schüren, nur um ihre eigene Macht zu festigen“. Für den Papst gibt es kein Zurück zur Normalität vor der Pandemie. Er fordert vielmehr eine „Neuordnung der Gesellschaft“ und erklärt, warum sie umgestaltet werden müsse. Die Corona-Krise habe die großen gesellschaftlichen Probleme wie ein Brennglas verdeutlicht, heißt es dort. „Wirtschaftliche Ungleichheit, Existenzängste und die Sorgen um die Gesundheit bestimmen das tägliche Denken“. Er fordert „ein Umdenken in der Post-Covid-Welt“.

Zum Schluss entwickelt der Papst eine „inspirierende und praktische Blaupause“ für den Aufbau einer „besseren Welt“, hieß es schon in der Ankündigung des Buches. Dabei stellt er die „Armen“ und das „Klima auf unserem kranken Planeten“ in den Mittelpunkt, an denen sich Politik und Wirtschaft auszurichten hätten. Er stützt sich dabei auf die neuesten Erkenntnisse renommierter Wissenschaftler, Ökonomen und – man lese und staune – auf „Aktivisten“. Das Credo seines Buches lautet: „Mit offenem Herzen und einem Blick zu den Armen können wir die Welt zu einer besseren verändern! Dann kann auch Dein Leben gelingen!“ Alle diese Ansichten wiederholte er gebetsmühlenartig in seinen verschiedenen Weihnachtsansprachen vor den leeren Kirchenbänken im Petersdom.

Wie politisch darf ein Papst sein?

Ist der Papst ein Sozialist? Viele Beobachter dürften sich das augenblicklich ernsthaft fragen. Die Themenpalette seiner Predigten, Enzykliken und Bücher scheint aus einem linken Manifest oder dem Wahlprogramm der Grünen entnommen zu sein: Soziale Gerechtigkeit, Multi-Kulti-Wir-Gefühl, Willkommenskultur für Flüchtlinge, die Homoehe, Coronaleugner und – natürlich – der unvermeidliche Klimawandel. Allesamt säkulare Angelegenheiten, um die sich normalerweise die Vereinten Nationen, die politischen Staaten und die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten schon in überreichem Maße kümmern.

Für einen weiteren Anhaltspunkt in diese Richtung dürfte nun auch sein neues Buch sorgen: Was vom Titel her („Wage zu träumen! Mit Zuversicht durch die Krise“) den Anschein eines spirituellen Ratgebers von Pater Anselm Grün hat, entpuppt sich bald als eine Art politische „Regierungserklärung“ des Papstes. „Kein Zurück zur Normalität vor der Corona-Pandemie“, lautet eine der zentralen darin enthaltenen Botschaften.

Soll das Image einer modernen „political correctness“ suggeriert werden?

Vielmehr schildert der Papst – im Gleichschritt mit dem gängigen Mainstream – seine Vision von einer „Neuordnung der Gesellschaft“ und erklärt auch, wie diese sicherer und gerechter gestaltet werden müsse. Das klingt dann gar nicht mehr so spirituell, wie es auf den ersten Blick soll. „Wirtschaftliche Ungleichheit“ und „Angst um die Gesundheit“ sollten das tägliche Denken bestimmen.

Wir bräuchten, laut Franziskus, „Mut zur Veränderung“ – nur so könnten wir „besser als je zuvor“ aus dieser Krise hervorgehen. Der Papst formuliert vernichtende Kritik an den bestehenden politischen und wirtschaftlichen Systemen: Sie seien – nach seinem Dafürhalten – sogar „Schuld an der gegenwärtigen Krise“!

Warum ist er deutschenfeindlich?

Die schmerzhafteste Stelle dieses Buches aber ist die, an der er speziell deutsche Gefühle verletzt: „Meine Zeit in Deutschland war eine traumatische Erfahrung!“, so der Papst. Er vergleicht die Empfindungen, die man in der Einsamkeit einer Corona-Quarantäne spüre, mit der Isolation, der er während seines Studienaufenthaltes in Frankfurt am Main durch Deutsche ausgesetzt gewesen sei. 1986 wurde Franziskus von seinem Orden an die dortige Jesuitenhochschule geschickt, um seine Doktorarbeit zu schreiben. Dieses Werk ist allerdings unvollendet geblieben…

Was will der Papst?

Er geißelt den Freiheitsdrang der Menschen: In „Wage zu träumen!“ verurteilt er die bürgerlichen Proteste gegen die restriktiven staatlichen Auflagen in der Corona-Pandemie. Die von den Regierungen zum „Schutz der Bevölkerung“ angeordneten Einschränkungen würden von einigen Gruppen „fälschlicherweise als politischer Angriff“ auf ihre persönliche Freiheit betrachtet, schreibt er. Statt dessen möge man sich für den „Aufbau einer besseren Welt“ engagieren.

Er schreibt davon, „unvorhergesehene Möglichkeiten entdecken zu können“. Dagegen wirft er den Bürgern, die gegenüber der Coronapolitik kritisch denken, vor, sich nicht in gleichem Maß gegen gesellschaftliche Probleme wie Rassismus und Kinderarmut einzusetzen. „Gegen so etwas würden sie nie protestieren; sie sind unfähig, sich außerhalb ihrer kleinen Welt der Interessen zu bewegen“, schreibt Franziskus wörtlich. Das dröhnt wie ein gesellschaftsverändernder Revolutionsruf nach sozialistischer Einheitskultur!

Was ist das Kerngeschäft der Kirche?

Sollte der Papst sich nicht eher auf die „kleine Welt“ konzentrieren, die er zu verantworten hat: Die katholische Kirche? Hat er dort nicht genügend Probleme zu bewältigen? Gibt es in der Kirche die Benachteiligung der Frau? Gibt es da Diskriminierung der sexuellen Selbstbestimmung? Gibt es da Macht- und Geldgier? Gibt es da Unterdrückung von Demokratie und Rechtsstaat? Wichtiger als beispielsweise die Zulassung Wiederverheirateter zu den Sakramenten scheint ihm die gesegnete Homoehe zu sein. Wichtiger als die Entschädigung der Missbrauchsopfer scheint ihm die Aufrechterhaltung des Zölibats zu sein. Wichtiger als die Christen scheinen ihm alle anderen – insbesondere die Muslime – zu sein. Wichtiger als bewährte Gesellschaftsstrukturen scheint ihm „der Aufbau einer neuen Weltordnung“ zu sein!

Ist das Kerngeschäft der Kirche noch das Seelenheil der Gläubigen? Da sind zumindest Zweifel angebracht. Die römisch-katholische Kirche ist die längste Zeit schon dabei, ihre wirtschaftliche Existenz ohne ihren früheren Markenkern „Seelsorge“ sicherzustellen. Das Vermögen wächst – entgegen allen anderslautenden Beteuerungen. Die katholische Kirche hat in der langen Zeit ihres Bestehens unermessliche Reichtümer erworben. Sie ist heute an allen möglichen Unternehmen beteiligt, verfügt über die Vatikanbank und besitzt überall auf der Welt die prächtigsten Immobilien in bester Lage. Ihre Finanzgeschäfte, aber auch der Wert ihrer Immobilien und Kunstschätze sind streng gehütete Geheimnisse. Von den unvorstellbaren Erträgen wird zwar ein (geringer) Teil an Bedürftige ausgeschüttet, aber zum Großteil dienen sie dem Erhalt ihrer Machtstrukturen. Offenbart sich hier nicht das wahre Antlitz des ungezügelten Kapitalismus?

Wage zu träumen?

„Wage zu träumen!“, heißt das neue Buch von Papst Franziskus. Ich wage es, davon zu träumen, dass der Papst sich wieder mehr auf spirituelle Themen besinnt und unserer christlich-abendländischen Kultur den Rücken stärkt. Dass er uns eine frohe Botschaft vermittelt und keine Angst mehr schürt. Dass er sich um religiöse Angelegenheiten kümmert und sich aus der Politik heraushält. Dass er sich um „sein“ Volk sorgt. Dass er weniger einer sozialistischen Einheitskultur und mehr der Freiheit des Christentums dient. Und er nicht ständig erwartet, dass sich alle anderen ändern, nur die eigene Kirche nicht.

Zum Autor: Philipp Tropf wurde 1977 im unterfränkischen Alzenau geboren. Er studierte Theologie, Philosophie und Psychologie in Heiligenkreuz und Salzburg. 2009 wurde er im Fach Kirchengeschichte promoviert. Er empfing in Würzburg die Priesterweihe und wirkte in Rhön und Spessart. Ende 2017 wurde er durch die Amtskirche mit Berufsverbot belegt, nachdem er sich offen zu seiner Frau Bettina bekannt hatte. Bettina und Philipp Tropf führen gemeinsam das Unternehmen Bephitro.

Zu Ostern 2020 haben sie das Buch „TODESURSACHE: UNFEHLBARKEIT! Eine Kirche nimmt Abschied von dieser Welt“ (160 Seiten, 14.99) veröffentlicht.

Seit November 2020 ist Philipp Tropf auch Bundesgeschäftsführer der WerteUnion.

Das Buch kann hier bestellt werden: verlag@bephitro.de

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