Der inzwischen als dominanter Preis im Genre „Aufarbeitung der DDR-Diktatur“ renommierte und mit 20.000 Euro ausgestattete Karl-Wilhelm-Fricke-Preis geht in diesem Jahr an die Filmemacherin und Regisseurin Freya Klier. Wie die Stiftung Aufarbeitung mitteilte, wird die Preisverleihung wegen der COVID19-Pandemie in diesem Jahr nicht als sogen. Publikumsveranstaltung stattfinden. Die Übergabe des Hauptpreises im Haus der Bundesstiftung wird daher am 10. Juni 2020 ab 11 Uhr live im Internet gestreamt.

Der bekannte Fluchthelfer Dr. Burkhart Veigel, der in den 1960er Jahren in der Zeit nach dem Bau der Berliner Mauer Hunderten Menschen durch gewagte und innovative Aktionen zur Freiheit verhalf, ist der großzügige Spender. Veigel stellte 2017 der Stiftung Aufarbeitung zu diesem Zweck sein Privatvermögen zur Verfügung. Damit wurde eine langfristige Preisvergabe sichergestellt.

Der Anspruch der Preisverleihung ist hoch angesetzt. Nach dem Spender soll der Karl-Wilhelm-Fricke-Preis „die kritische Auseinandersetzung mit den kommunistischen Diktaturen fördern, den antitotalitären Konsens in der Gesellschaft stärken sowie die Demokratie und die innere Einheit Deutschlands festigen.“ Mit dem Preis sollen „Einzelprojekte, Persönlichkeiten und Initiativen ausgezeichnet“ werden, „die mit ihrer Arbeit das Bewusstsein für Freiheit, Demokratie und Zivilcourage stärken.

Der Preis wurde nach dem ersten Preisträger, dem Journalisten und Publizisten Dr. h. c. Karl Wilhelm Fricke (*03.09.1929) benannt, der diese Auszeichnung 2017 für sein Lebenswerk erhielt. Fricke hatte sein Leben der Opposition und dem Widerstand gegen die kommunistische Diktatur in SBZ und DDR gewidmet und war nach seiner Entführung durch das MfS der DDR dafür 1956 in einem Geheimprozess zu einer langjährigen Zuchthausstrafe verurteilt worden, die er nach der U-Haft in Hopfenschönhausen in Brandenburg-Görden und Bautzen absitzen musste.

Fluchtversuch, Haft, Studium, Berufsverbot und Ausweisung

Anders die diesjährige Preisträgerin Freya Klier, die sich relativ spät öffentlich der Opposition zuwandte und der vermutlich dadurch eine erneute Inhaftierung durch eine Ausweisung aus der DDR 1988 erspart geblieben war. Allerdings scheiterte 1968 nach dem Abitur ein Fluchtversuch der 1950 in der DDR Geborenen über die Ostsee mit dem Ziel Schweden. Der Verurteilung zu 16 Monaten Freiheitsentzug folgte eine vorzeitige Entlassung. Nach vorübergehenden Arbeiten als Postangestellte und Kellnerin studierte Klier ab 1970 (bis 1975) Schauspiel an der Theaterhochschule Leipzig und im Staatstheater Dresden. Die inzwischen mit dem Musiker und Komponisten Gottfried Klier verheiratete Schauspielerin (aus der Ehe ging die 1973 geborene Tochter und Berliner Fotografin Nadja Klier hervor)  arbeitete danach am Theater in Senftenberg, bevor sie von 1978 bis 1982 Regie am Institut für Schauspielregie in Berlin studierte. Durchaus erfolgreich, wie ihre Biografie ausweist, denn die seit 1982 am Theater Schwedt als Regisseurin tätige Klier erhielt für die Uraufführung der Legende vom Glück ohne Ende (Ulrich Plenzdorf, 1934 – 2007) 1984 den Regiepreis der DDR.

Dem Erfolg folgte 1985 allerdings ein Berufsverbot, nachdem sich die zunehmend kritische junge Frau Anfang der 1980er Jahre dem oppositionellen Friedenskreis Pankow und der Friedensbewegung angeschlossen hatte. Seitdem trat sie zusammen mit ihrem zeitweiligen Ehemann (1986-1992), dem Schriftsteller und Liedermacher Stefan Krawczyk in kirchlichen  Räumen auf. Das Engagement eskalierte im November 1987, als Klier und Krawczyk gemeinsam in  einem offenen Brief an das für Kultur zuständige ZK-Mitglied Kurt Hager den „gesellschaftlichen Zustand der DDR“ kritisierten und Reformen forderten. Außerdem wollten beide Dissidenten mit eigenen Spruchbändern an dem am 17. Januar 1988 abgehaltenen Massenaufmarsch zur Ehren der ermordeten  Kommunisten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht teilnehmen und damit sowohl kritisch auf gesellschaftliche Missstände hinweisen als auch auf die eigenen Berufsverbote aufmerksam machen. Klier und Krawczyk verzichteten allerdings auf eine Teilnahme, nachdem bekannt wurde, daß auch Ausreisewillige ihren Protest kund tun wollten. Die beiden DDR-Rebellen wollten „ihr eigenes Anliegen nicht mit dem der Ausreisewilligen vermengen.“

Mordanschlag durch das MfS

Wie gefährlich ihre Aktivitäten während der Sterbephase der DDR eingestuft wurden, lässt sich aus einem Mordanschlag durch die Staatssicherheit ersehen. Am 8. November 1987 wurden nicht nur die Bremsleitungen ihres Pkw durchtrennt, sondern auch Nervengift im Auto aufgebracht. Das MfS hatte die Aktion „Störenfried“ bereits Wochen zuvor genau geplant: Zunächst wurden am Rande der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration 105 Personen, darunter auch Stephan Krawczyk und Vera Wollenberg (Lengsfeld), verhaftet. Die jetzige Preisträgerin hatte sich daraufhin mit einem Appell an die Künstler der (westdeutschen) Bundesrepublik gewandt und diese aufgefordert, nicht mehr in der DDR aufzutreten. Nur wenige Tage später nahm das MfS einige führende Bürgerrechtler fest, darunter neben Klier auch Wolfgang TemplinBärbel Bohley und andere. Kliers Anwalt Wolfgang Schnur stellte sich wenig später (nach dem Mauerfall) als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) des MfS heraus. Nachdem Schnurs Äußerungen als gezielte Desinformationen erkennbar wurden, stellten Klier und Krawczyk am 2. Februar 1988 einen Antrag auf Ausreise aus der DDR. Nur Stunden später wurden sie abgeschoben. Im Westen angekommen, forderten sie auf einer Pressekonferenz „ihre sofortige Wiedereinreise in die DDR.“ Ihre Begründung: Sie hätten die DDFR „unfreiwillig“ verlassen.

Heute lebt Freya Klier als freischaffende Autorin und Filmregisseurin in Berlin. Zur jetzigen  Preisverleihung haben sicherlich ihr überzeugendes Engagement beigetragen, neben der DDR-Vergangenheit und ihrer Bewältigung auch die Nationalsozialistische Diktatur in Deutschland und den stalinistischen Sozialismus in Deutschland und Russland zu thematisieren. Dabei habe sie sich „besondere Verdienste in der Aufklärung von Schülern über die nahe Vergangenheit der DDR erworben.“

Scharfe Kritik um den Rauswurf von Hubertus Knabe

Klier engagiert sich weiterhin gesellschaftlich, war Gründungsmitglied des im Juni 1996 gegründeten Bürgerbüro e.V., einem Verein zur Aufarbeitung von Folgeschäden der SED-Diktatur, ist seit 2005 Mitglied des P.E.N.-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, wo sie seit 2006 die Writers-in-Prison-Gruppe leitet. Sie ist außerdem Mitglied der Konrad-Adenauer-Stiftung und engagierte sich im Bundestagswahlkampf 2009 für die Fortsetzung der Kanzlerschaft von Angela Merkel (CDU). 2016 setzte sie sich gemeinsam mit anderen ehemaligen DDR-Bürgerrechtlern für die Wahl Norbert Lammerts zum Bundespräsidenten ein.

Dass Klier dennoch eine kritische Sichtweise auf Vorgänge um die Aufarbeitung der Vergangenheit beibehalten hat zeigte sich 2018, als sie als Mitglied des Stiftungs-Beirates der Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen wegen der Entlassung des langjährige Direktors Hubertus Knabe zusammen mit Heidi Bohley u.a. aus Protest zurücktrat.

Sonderpreise für Initiativen

Die Jury vergab unter der Leitung der ehem. BStU-Chefin Marianne Birthler drei mit je 5.000 Euro ausgestattete Sonderpreise an Aufarbeitungs-Initiativen. Aus Anlass des 30. Jahrestages der deutschen Einheit wird die Initiativgruppe Lager Mühlberg e. V. für ihr Engagement des Gedenkens an das sowjetische Speziallager ausgezeichnet. Die Initiative, Mitglied der UOKG, hatte bei ihrer Arbeit stets auch die Erinnerung an das zuvor bestehende NS-Kriegsgefangenenlager eingeschlossen. Ein zweiter Sonderpreis geht an das Martin-Luther-King-Zentrum Werdau für Gewaltfreiheit und Zivilcourage e. V.. Das Zentrum setzt sich seit 1999 für die Aufarbeitung der DDR-Diktatur und die entsprechende Bildungsarbeit ein. Den dritten Sonderpreis erhält das National Human Rights Museum in Taiwan, das 2018 für die Erinnerung an die Opfer politischer Verfolgung unter der Einparteiendiktatur der Kuomintang errichtet wurde.

Quelle: Redaktion Hohenecker Bote

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