(Kopekenstudent) Anfang es Jahrtausends studierte ich in Leipzig Journalismus. Was ich zunächst intellektuell nicht genau benennen konnte, weil mir dazu der Abstand und damit das begriffliche Instrumentarium fehlte, das ahnte und empfand ich spätestens ab dem zweiten Semester immer stärker in Form einer dumpfen, unseligen Macht, gegen die mein Verstand vergeblich anrannte: die Journalistik an der Universität Leipzig war wieder das, wofür sie zu DDR-Zeiten (Spitzname „Rotes Kloster“) berüchtigt war:
eine (links)ideologische Kaderschmiede.

Wie überall taten sich hier besonders die Geisteswissenschaften hervor, zu denen mein zweiten Pflichtfach gehörte und die gerade zu meiner Zeit einen extra schicken Neubau erhalten hatten. Manches Erlebnis konnte ich – mit einem Fachabitur für Technik als Seiteneinsteiger irgendwie in die Geisteswissenschaften hineingeschneit und deswegen ideologisch weitgehend unbeleckt – nicht einordnen und versuchte es als „intellektuelle Kuriosität“ abzutun. Dennoch spürte ich, dass dies mehr als nur kurios und viel eher realer Irrsinn war, der besonders meinen christlichen Glauben in seiner Substanz angriff.

Genderdiskussionen

Gut erinnere ich mich einer Runde aus etwa 40 Studenten und einem Professor, der uns in Simmels Philosophie des Geldes einführen wollte. Dabei es kam zu einer hitzigen Diskussion über Geschlechter. Von jenen 40 Studenten war der einzige, der die Position vertrat, es gebe ein männliches und ein weibliches Geschlecht und es wäre vom Moment der Geburt an klar, ob das, was da das Licht der Welt erblicke, ein Junge oder ein Mädchen sei, ich.

Der Professor saß, süßlich lächelnd, zurückgelehnt auf seinem Stuhl und schwieg kategorisch, während er beobachtete, wie ich gegen eine immer wilder werdende Überzahl an Studenten (besonders Studentinnen) nach Argumenten suchte, um die Verpeilten vom meiner Meinung nach Offensichtlichen zu überzeugen. Was mir freilich nicht gelang. Von Judith Butler und Butlerismus hatte ich damals noch nichts gehört. Weshalb ich das Seminar etwas verstört verließ und lange nicht einordnen konnte, was da gerade geschehen war.

Die Universität als Selektionsinstrument

Doch es gab auch Sternstunden. Unvergessen die Vorlesungsreihe „Kulturgeschichte Deutschlands“ von Harald Haumann. Sie gipfelte für mich in der fast mathematischen Beweisführung, dass die Universität nicht in erster Linie eine Bildungseinrichtung ist, in der möglichst viel Wissen über ein Fachgebiet generiert und weitergegeben wird, sondern ein Selektionsinstrument, mit Hilfe dessen sich die vom Adel entledigte Gesellschaft erneut hierarchisch strukturiert. Denn mit der Abschaffung des Adels blieb die Frage unbeantwortet, wer mit welcher Begründung von nun an über andere herrschen dürfen sollte. Diese eine Vorlesung träufelte mir mehr Wermut in den universitären Trunk, als jede andere. Doch es war ein guter Wermut – einer, der die Verwirrung verkleinerte und die Erkenntnis vergrößerte.

Eine andere „Sternstunde“ waren meine Exkursionen in andere Studiengänge. Diese waren zu Diplomzeiten nicht nur möglich, sondern in unseren Falle auch ausdrücklich erwünscht. Zur Horizonterweiterung. Zwei Semester lang besuchte ich die Vorlesung „Ethnologie des Nahen Ostens“. Das ethnologische Institut war genau das Gegenteil des modernen Glastempels GWZ (Geisteswissenschaftliches Zentrum): es gab dunkle, mit Bohnerwachs gepflegte Parkettböden, Holzstühle und Schiebetafeln aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Der Professor war ein älterer Herr, der perfekt zu den dunklen Bohnerwachsböden passte.

„Die Freiheit des Wortes und seine Feinde“

Es überraschte mich, dass die Ethnologie ganz selbstverständlich mit der sogenannten „Völkertafel“ des Alten Testaments arbeitet, weil dies schlicht und ergreifend die ausführlichste und zuverlässigste Altertumsquelle für die Entstehung der Völker ist. Nicht überrascht hingegen war ich, dass der Islam in jener Vorlesung als das beschrieben wurde, als was ihn auch heute die Kritiker der islamischen Zuwanderung beschreiben – eine archaische-brutale, absolut intolerante Religion und Gesellschaftsordnung, die wenig Gutes aber sehr viel Blutvergießen hervorgebracht und faszinierende Zivilisationen zerstört hat.

Und dann war da noch die fakultative Vorlesungsreihe „Die Freiheit des Wortes und seine Feinde“, welche unser Institutsleiter über größere Abstände verteilt die vorlesungsfreien Nachmittagsstunden verlegte. Manchmal lud er dazu bekannte Gäste ein, denen wir Studenten Fragen stellen sollten. Einmal war Freimut Duve da und parlierte über die Unabhängigkeit des Kosovo und dass diese unbedingt nötig sei, weil es ja etwa 1.5 bis 2 Millionen Kosovaren gebe. Ich fragte ihn, ob er sich denn auch für ein unabhängiges Kurdistan einsetzen würde, denn es gebe ja auch 20 bis 30 Millionen Kurden. Duve eierte herum und beantwortete die Frage nicht.

Der beste Gast jedoch war Hans Leyendecker von der Süddeutschen Zeitung, die uns Michael Haller, der Instituts-Leiter, als Paradebeispiel für guten Recherche-Journalismus nahegelegt wurde. Leyendecker stand in der großen Aula am Rednerpult und hielt einen knapp einstündigen Vortrag zur Freiheit des Wortes. Was er im einzelnen sagte, habe ich vergessen. Doch war ich davon sehr beeindruckt und glaubte, gerade Zeuge eines aus journalistischer Sicht Glanzmoments all dessen geworden zu sein, worum es im Journalismus ging: um Wahrhaftigkeit, um Mut, um Standhaftigkeit, um intellektuelle Tiefe, um Fairness, um Ausgewogenheit und so weiter.

„Kann es sein, dass all das, was sie eben ausführten, von einem christlichen Hintergrund motiviert ist?“

Nach der Vorlesung ging ich zu Leyendecker, bat um sein Kärtchen (das er mir auch gab) und stellte die Frage, die während seiner Rede immer größer und drängender in mir geworden war: „Kann es sein, dass all das, was sie eben ausführten, von einem christlichen Hintergrund motiviert ist?“ Und Leyendecker antwortete, wenn ich das so aufgefasst hätte, dann habe ich das zutreffend aufgefasst. Ich bedankte mich und ging. Doch wie erhaben fühlte ich mich innerlich: hier hatte ein Mann gesprochen, dessen journalistischer Ansatz auf zutiefst christlichen Überzeugungen ruhte! Genau so wollte ich auch sein.

Es dauerte nicht lange, dass die SZ in meinem Ansehen sank. Besonders in den letzten Jahren entwickelte sie zu einem regelrecht linksideologischen Hetz-Blatt. Leyendecker hatte ich längst aus den Augen verloren. Große Rechercheleistungen waren von ihm meines Wissens nicht mehr gekommen. Dafür scheint er sich nun auf andere Art einen Namen machen zu wollen.

Unter seiner Präsidentschaft wurde jetzt die AfD vom Evangelischen Kirchentag 2019 ausgeladen. Dies gelte ausschließlich für Diskussionsveranstaltungen, erklärte Leyendecker. Der Mann, der einmal eine hervorragende Vorlesung zur „Freiheit des Wortes und seine Feinde“ gehalten hatte, begründet diese Ausladung damit, es gehe zwar ums Zuhören, aber einem Gauland würde er nicht zuhören wollen – Gauland als Synonym für die gesamte AfD.

Welch eine traurige Entwicklung!

In diesem Moment erinnerte ich mich wieder des Mannes, der vor anderthalb Jahrzehnten da vorn in der Aula gestanden und uns Studenten die Prinzipien eines aufrechten, wahrhaftigen und mutigen Umganges mit dem Wort nahegelegt hatte. Welch eine traurige Entwicklung er doch genommen hatte: der Verfechter der Freiheit des Wortes war zu einem Feind der Freiheit des Wortes geworden. Die Zeiten ändern sich und die Menschen mit ihnen…

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