„Ein Tisch ist ein Tisch“

12

(c) Opposition24.de [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Warum wir in Deutschland keine Lügenpresse haben. Ein Gastbeitrag von Josef Hueber

„Ein Tisch ist ein Tisch“ – so betitelte der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel (*1935) eine seiner vielen tiefsinnigen Erzählungen, die einer scheinbar selbstverständlichen Wirklichkeitserfassung das Vertraute nehmen und ins Absurde entrücken.

Ein alter, einsamer Mann verfällt aus Langeweile auf den kuriosen Gedanken, die Welt seiner Gegenstände umzubenennen und sich so die Zeit mit dem Erwerb seiner von ihm geschaffenen, neuen Sprache zu vertreiben. Täglich wird der neue Wortschatz umfangreicher. Aus dem „Bett“ wird ein „Bild“, aus dem „Stuhl“ ein „Wecker“, aus der Zeitung ein „Bett. Und so weiter. Alles willkürliche Festlegungen. Am Abend, so die Erzählung, geht er müde ins Bild und zum Frühstück setzt er sich auf den Wecker. Nur für den Leser erwartungsgemäß, aber für den alten Mann tragischerweise, muss er nach vielen sprachlichen Neudefinitionen feststellen, dass damit die lebensnotwendige Möglichkeit der Kommunikation für ihn nicht mehr existiert. Die Menschen um ihn werden zunehmend fremd, da sie ihn nicht mehr verstehen. Wenn sie etwas zu ihm sagen, muss er lachen, da er ihre Sprache nicht mehr versteht. Die Komik seiner sprachlichen Erfindungen nimmt ein trauriges Ende. Er spricht am Ende „nur noch mit sich selbst“. Er ist vollständig isoliert.

Bichsels Fiktion ist eine geradezu passgenaue Parabel auf die immerwährende Versuchung, nicht zu ’sagen, was ist‘ (nach Rudolf Augstein). Dies resultiert, gerade im Bereich der öffentlichen Information und Kommentierung, in einer Verfälschung der Wirklichkeit.

Der Verdächtige eines Verbrechens, der einen falschen Aufenthaltsort zur Tatzeit des Mordes angibt, macht davon Gebrauch. Das nennen wir Lüge.

Daneben gibt es jedoch auch die gezielte Irreführung durch Unschärfen der Wirklichkeitswiedergabe, bis hin zur beabsichtigten Ausblendung oder Umdeutung von Wirklichkeit. Das Orwellsche Neusprech oder die während des Stalinismus von unerwünschten Personen retuschierten Bilder stehen dafür. Das nennen wir Propaganda.

Der Begriff „Lügenpresse“ ist – abgesehen von seiner historischen Belastung – ungeeignet, um in der Bundesrepublik die gegenwärtige -cum grano salis- freiwillige Gleichschaltung der großflächig links- und grünlastigen Presse bzw. der öffentlich- rechtlichen Medien in der jetzigen, prekären Situation gesellschaftlicher Bedrohung durch Massenzuwanderung zu beschreiben.

Was uns Lesern oder Zuschauern in den Printmedien oder in den Nachrichten-, Dokumentations- oder Diskussionssendungen geboten wird, sind in aller Regel keine Fake-News. Die präsentierten Bilder, Zahlen und Zitate kommunizieren keine „Lügen“. Da ist noch eine gewisse Strecke zurückzulegen bis zum Karl-Eduard-von-Schnitzler-Journalismus.

Was aber zum Tragen kommt, ist Manipulation der Art, die man als subtilere Form der Massenindoktrination bezeichnen könnte.

Sie besteht zum einen darin, tendenziöses Denken der Redaktion mit den Fakten mittels einhämmernder Attribute ständig zu vermischen und damit eine reine Faktenpräsentation zu suggerieren.

Als noch raffiniertere Form der Indoktrination darf, noch weitergehend, das Ignorieren von Fakten gelten.

Für den ersten Fall denke man hier an die axiomatische Qualifizierung von konservativ ausgerichteten Parteien des In- oder Auslandes als „rechts“, „(rechts)populistisch“ oder „rechtsradikal“ , während man das links-grüne Spektrum der Parteien, selbst wenn sie ihre Wurzeln in der DDR-Diktatur haben, niemals als „linkspopulistisch“, „sozialistisch“ oder „linksradikal“ bezeichnet.

Zwei Beispiele zur Methode der (versuchten) Unterschlagung unliebsamer Fakten.

Als erstes diene die Stellungnahme der vorgeblich unsere Demokratie sichernden ARD zur nicht erfolgten Berichterstattung über die Ermordung eines 15-jährigen Mädchens in der Stadt Kandel durch einen ‚mutmaßlichen‘, 15-jährigen unbegleiteten Flüchtling aus Afghanistan. Auf Anfrage nach dem Grund für diese Unterschlagung des Ereignisses erfolgte folgende Erklärung:

„Warum waren wir so zögerlich? Das hat einen guten Grund. Nach allem, was wir bisher wissen, handelt es sich um eine Beziehungstat. So schrecklich sie gewesen ist, vor allem für die Eltern, Angehörigen und Bekannten – aber tagesschau und tagesschau.de berichten in der Regel nicht über Beziehungstaten. Zumal es hier um Jugendliche geht, die einen besonderen Schutz genießen.“

In einem anderen Fall, der ermordeten Maria Ladenburger in Freiburg, wurde die Nicht-Berichterstattung damit begründet, dass es kein “ gesellschaftlich, national und international relevantes Ereignis“ gewesen sei.

Kann man in beiden Fällen von einer LÜGE sprechen? Gewiss nicht!

Dem kritischen Beobachter kann jedoch nicht entgehen, dass wir es bei diesen Beispielen mit einer sich weitgehend freiwillig gleichschaltenden Mainstream-Medienlandschaft zu tun haben, die, regierungsfreundlich gesinnt, Störfaktoren in Form von hard facts nicht vermitteln will, weil die Wir-schaffen-das-Stimmung nicht ins Gegenteil umschlagen darf.

Karl Kraus (* 1872, † 1936), österreichischer Publizist, scharfer Kritiker der Presse und vermutlich der Schöpfer des Begriffes „Journaille“, legte seine Feder in die Wunde, wenn er überscharf diagnostizierte:

„Die Verzerrung der Realität im Bericht ist der wahrheitsgetreue Bericht über die Realität.“

***

Sie wollen Philosophia Perennis unterstützen?

… oder auf Klassische Weise per Überweisung:

IBAN: DE04 3002 0900 0803 6812 81 
BIC: CMCIDEDD – Kontoname: David Berger – Betreff: Spende PP

12 Kommentare

    • Dichter Tatenlos
      Kurz und knackig. Danke! Tausende Zeilen der Widerlegung hätte ich bringen müssen. Konkrete Beispiele der der deutschen Schand- und Lügenpresse seit dem völkerrechtwidrigen Angriffskrieg gegen Serbien 1999 bis heute... Das Wort Lügenpresse wurde nicht von den Nationalsozialisten erfunden, das "lügen wie gedruckt" in allen Spielarten ist viel älter und hat sogar auch mit dem Katholizismus zu tun... Schnitzler wurde längst überholt ohne einzuholen, denn er hat immer betont parteiisch im Sinne des Sozialismus zu sein, die Lügenpresse heute tut so, als würde sie im Sinne der Meinungsfreiheit und Demokratie schreiben - was für eine schlimmere Heuchelei. Ich wünsche allen ein friedliches und gesegnetes 2018!
  1. Aufbruch
    Für mich ist Lüge eine Lüge, auch wenn sie durch noch so raffinierte SED-geschulte Dialektik verbrämt wird. Die Wahrheit zu verschleiern oder zu verdrehen, ist die Unwahrheit und damit Lüge. So einfach ist das. Dass diese Art Berichterstattung vor allem die Printmedien in den Ruin treibt, scheint niemanden der Verantwortlichen zu stören. Da muss halt der Steuer- oder Gebührenzahler ran, wie bei den Öffentlich-Rechtlichen. Also genau diejenigen, denen man die Lügen auftischt und die daher ihre Abonnements kündigen, sollen, wenn es nach den Pressehäusern geht, für die ihnen aufgetischten Lügen zwangsbezahlen. Vielleicht ist das ja tatsächlich Thema in den kommenden Koalitionsverhandlungen. In Deutschland ist ja mittlerweile so vieles abartig. Warum nicht auch das?
  2. Zahal
    Ein Tisch ist ein Tisch, bleibt ein Tisch und wird niemals ein Stuhl werden, richtig. Die Welt hat heute - leider hinter der Bezahlschranke einen guten Beitrag veröffentlicht. Zitat: Viele Flüchtlinge fühlen sich im Clandenken aufgehoben. Gerne nutzen sie die Möglichkeiten der technologischen und permissiven Moderne – siehe Handy, siehe auch Porno. Zwar verlieren sie, ihren Angaben zufolge, oft ihre Ausweisdokumente, fast nie aber das mobile Telefon. Sie sind über alle Möglichkeiten, Fluchtrouten, aber auch Routen ins deutsche Sozialsystem, sehr schnell sehr gut informiert. Sie verstehen es, Kontrollen zu umgehen. Sie wollen teilhaben, aber nur als Konsumenten, als Empfänger, als Mitnehmer. Sie begreifen das Gastland als ein Wirtstier und kommen gar nicht auf die Idee, sie könnten ihm etwas schuldig sein. Ohne jedes Schuldgefühl nutzen sie es aus. Sie setzen die Herkunft im Hier und Jetzt ungerührt fort. Und nehmen das, was „der Westen“ technisch zu bieten hat, wie selbstverständlich, wie ein Menschenrecht mit. Und scheren sich einen Teufel um das, was Deutschland als Rechtsstaat und Bürgergesellschaft ausmacht und begründet. Sie wollen profitieren, ohne teilzunehmen. Sie wollen haben, ohne zu geben. Sie wollen Sozialbürger werden, ohne Bereitschaft, politischer Bürger zu werden. Sie haben keine Achtung vor der zivilen Verfasstheit dieser Republik. https://www.welt.de/debatte/article172121994/Warum-wir-das-Alter-von-Fluechtlingen-ohne-Ausweis-testen-sollten.html
  3. schattenboxerblog
    Ich stimme zu, dass man es sich mit dem Ausdruck "Lügenpresse" zu einfach macht. Deshalb, sollte man die links- und liberalradikalen Kasper auch "Lügen- und Lückenpresse" nennen! MfG Schattenboxerblog
  4. Frankie von Pia
    Vom Ansatz her richtig, allerdings sehe ich die Medien doch schon ein Stück weiter. Den ersten Schritt Richtung Karl-Eduard-von-Schnitzler-Journalismus ist getan. Es wurden nämlich sehr wohl, grade in der Berichterstattung zur Ukraine Krise und auch im Zuge der Flüchtlings- und Griechenland Krise, gefälschte Bilder und Informationen präsentiert. Entweder wurden diese falschen Infos direkt in den Redaktionen selber produziert oder es wurden wissentlich gefälschte Infos der Regierung weiter gegeben. Wir sind also über den Punkt, an dem nur etwas weggelassen wird, im falschen Zusammenhang dargestellt wird oder aus dem Kontext gerissen ist, hinweg. Es wird eindeutig und wissentlich gelogen! Und gelogen wird nicht, um die Einschaltquoten oder Auflagen zu erhöhen. Das wäre zwar nicht ehrenhaft, aber zumindest im gewissen Umfang nachvollziehbar. Es wird gelogen um politisch zu manipulieren.
  5. G. Strecker
    Ein Freund von mir sagte "Zu einer Katze muß man auch Katze sagen!" Das gilt heute leider nicht mehr. Aber mal ne andere Frage: Warum wird eigentlich der Bürgermeister von Kandel nicht wegen Beihilfe zum Mord angeklagt? - Der hat doch das ganze Drama mit seiner "Kuppelparty" erst -wissentlich- initiiert!!!
    • Brockenteufel
      Die Antwort darauf steht doch im Artikel:"... weil die Wir-schaffen-das-Stimmung nicht ins Gegenteil umschlagen darf."
  6. Andreas Arnold
    Hervorragender Bericht. Alles richtig! Informationen ausblenden, suggerieren und suggestib berichten. Nutzung stets der selben Adjektive und Adverben bei der Berichterstattung über bestimmte Themen....und, und, und....All dies sorgt für eine verfälschte Darstellung der Wirklichkeit...ja, stimmt, Lüge ist anders aber im Sinne und der Einfachheit der Darstellung wegen halte ich den Ausdruck für legitim: Lügenpresse
  7. winston
    "Ein Tisch ist ein Tisch". Stimmt. Ein verlogener Sack voll Scheiße ist ein verlogener Sack voll Scheiße. Stimmt auch.
  8. Hajo
    Besser gar kein Bericht als nur ein halber, denn das führt zu Irritationen und diese wiederrum zu falschen Annahmen oder gar zu inneren Fragezeichen. Die Presse befindet sich in vielerlei Hinsicht in einem Zwiespalt. Auf der einen Seite lebt sie in ihrer Wirtschaftlichkeit von umfassender Information und auf der anderen Seite sieht sie sich zur falschen Rücksicht verpflichtet, was den Bericht einschränkt und dadurch unvollständig und langweilig erscheinen läßt. Kommt dann noch der Verdacht hinzu, daß die Berichterstattung manipuliert wird durch schönschreiben einer Nachricht, dann hat die Redaktion ihr Vertrauen verspielt und genau das ist zur Zeit das Problem der Mainstream-Presse mit den zum Teil drastischen Rückgängen ihrer Auflagen. Das ist vergleichbar mit allen Handlungen im täglichen Leben, denn wer einmal lügt dem glaubt man nicht und die Konsequenzen müssen sie nun selbst tragen und sie sollten sich mal überlegen ob es nicht besser wäre sich als Berichts- und Kontrollinstanz zu sehen, was ja ihrem eigentlichen Auftrag entspricht, als zum rechten Arm der Regierenden zu avancieren um damit ein Stück Politik betreiben zu können, denn das ist nicht nur anmaßend, sondern auch kontraproduktiv und deshalb können sie wirtschaftlich auch baden gehen, denn diese Art von Presse braucht niemand, das haben wir leider schon zu oft in unserer Geschichte erleben müssen.