Ein Gastbeitrag von Collin McMahon (Jouwatch)

„Ich bin Zuhälter und will ein Puff aufmachen, für 13 minderjährige Mädchen aus El Salvador…” So beginnt das Interview, das 2009 die erste ernsthafte Krise der Obama-Regierung auslösen sollte, ein Zündfunke für die entstehende anarcho-libertäre Tea Party sein sollte, und der Durchbruch für die größte Website der amerikanischen Neuen Rechten: Breitbart.com.

Die jungen Filmemacher Hannah Giles und James O’Keefe hatten sich als Nutte und Zuhälterverkleidet und das Büro der „Community Organizer” von ACORN (Association of Community Organizations for Reform Now) in Baltimore besucht, eine bundesweite Bürgerrechtsgruppe, die die Interessen von sozial Benachteiligten zu vertreten vorgab und mit Bundesmitteln und sogar einem Teil der US-Volkszählung betraut war. Die schwarze Beraterin Tanja Thompson erklärt dem Zuhälter und seiner Prostituierten ohne mit der Wimper zu zucken, wie sie das Unternehmen am besten von der Steuer absetzen können, die Arbeit als „Performancekunst” deklarieren und die unter 15jährigen Kinderprostituierten am besten gar nicht offiziell angeben sollten. Es ist so unfassbar, dass man es für Satire halten kann – wären da nicht die ähnlichen Videos aus WashingtonBrooklynPhiladelphiaSan DiegoSan Bernadino und Los Angeles. Und wäre der neue Präsident im Weißen Haus, der strahlende Hoffnungsträger Barack Obama, nicht in seiner ganzen politische Karriere eng verflochten mit den Bürgerrechtskämpfern und Community Organizern gewesen. Es war der erste Rückschlag für die Demokraten und die Obama-Regierung, ein Weckruf für die konservativen Rebellen, die sich unter Berufung auf die Bostoner Tea Party gegen die Britische Krone organisierten, und der erste große Sieg für den Mann, der die Neuen Medien für die konservative Revolution entdecken sollte: Andrew Breitbart (1969-2012).

Im Juni 2009 kam der junge dokumentarische Filmemacher James O’Keefe mit einem Video zu Andrew Breitbart. O’Keefe und seine Kollegin Hannah Giles hatten sich als Zuhälter und Nutte verkleidet und Beratungstermine bei den gemeinnützigen Bürgerrechtsaktivisten von ACORN  besucht. Die ACORN-Berater hatten ihnen in fünf Städten Amerikas ohne mit der Wimper zu zucken detailliert Auskunft dazu gegeben, wie sie einen Puff mit minderjährigen Mädchen einrichten können und das Geld an der Steuer vorbeischleusen („Lasst euch bar bezahlen und vergrabt das Geld in einer Büchse im Garten“). In San Bernadino hatte die Beraterin Tresa Kaelke sogar ihre Hilfe angeboten, Leute einzuschüchtern oder gar umzubringen: Schließlich habe sie ihren Ex-Mann auch schon persönlich unter die Erde gebracht.

Es war eine Enthüllungsgeschichte, zu schön, um wahr zu sein. Vor allem da Strahlemann Präsident Barack Obama eine lange Verbindung zu ACORN und der „Community Organizer” Szene hatte, Spenden für ACORN gesammelt und sie vor Gericht vertreten hatte. Die Konservativen in den USA gaben ACORN auch eine Mitschuld an der Immobilienkrise, die Amerika zu dieser Zeit beutelte.

Die Bürgerbewegten hatten Banken mit Rassismusvorwürfen unter Druck gesetzt, Immobiliendarlehen an eigentlich Kreditunwürdige (Subprime Lending) in Ghettogegenden zu vergeben, Hausbesetzungen organisiert und zum teils gewaltsamen Widerstand gegen Zwangsvollstreckungen aufgerufen.

Außerdem war Obama an der ACORN-Kampagne zur Wählerregistrierung im Ghetto beteiligt gewesen, Stimmen, die großteils den Demokraten zugute kamen. Im Wahlkampf 2008 zwischen John McCain und Barack Obama hatte sich herausgestellt, dass einige ACORN-Mitarbeiter bei der Wählerregistrierung betrogen hatten und Wähler einfach erfunden hatten. McCain sprach von „Wahlbetrug in großem Stil„, die Obama-Kampagne von „an den Haaren herbeigezogenen Vorwürfen.“

Nun hatten James O’Keefe und Hannah Giles die Munition geliefert, um ACORN zu vernichten.

„Wir werden nicht nur ACORN hochgehen lassen“, sagte Breitbart. „Wir werden die Medien hochgehen lassen.“

Breitbart war klar, dass die Mainstreammedien versuchen würden, die Geschichte zu vertuschen. Zu frisch war ihre Liebesaffäre mit dem charismatischen Popstar im Weißen Haus, dem ersten schwarzen Anführer der freien Welt. „Ihr habt euch mit den Falschen angelegt“, sagte er O’Keefe, der wissen wollte, wieviel das Material wohl wert sei.

„Wenn ihr eine Doku über die Waffenlobby der NRA oder die Söldner von Blackwater gemacht hättet, würde Hollywood daraus einen Film drehen, der gleichzeitig in New York, Hollywood und Cannes Premiere feiern würde und ihr würdet am Pool in St. Tropez Austern schlürfen und euch überlegen, ob ihr Harvey Weinstein zurückrufen sollt oder nicht. Aber so…“

Und hier begann die Freundschaft zwischen Breitbart und O’Keefe Fuß zu fassen. Denn O’Keefe hatte keinen Tobsuchtsanfall, er verließ das Büro nicht wutschnaubend, um einen anderen zu finden, der ihm für seine spektakuläre Enthüllung Geld zahlen würde – er blieb bei Breitbart, der sich nun Gedanken machte über eine Strategie, wie sie die Medien dazu zwingen konnten, über die Story zu berichten. Breitbart war gerade dabei, seine erste eigene Website zu launchen, Big Government.com, die eine libertäre Plattform gegen ausufernde Steuern und Staatsintervention sein sollte. Aber die Plattform, die irgendwann Breitbart.com werden sollte, existierte noch nicht.

Niemand hatte Interesse, als Investor mit einem „rechten” Projekt in Verbindung gebracht zu werden. Breitbart lieh sich das Geld schließlich von seinem Vater, $25.000, und es konnte losgehen.

Von Arianna Huffington und Matt Drudge hatte er gelernt, wie man eine Geschichte in die Länge zieht, häppchenweise damit rausrückt anstatt alles auf einmal. „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie dich aus, und dann gewinnst du“, hatte Gandhi gesagt. Breitbart vermutete, dass das linke Meinungskartell alles tun würde, um die Story zu untergraben. Clinton-Chefstratege John Podesta hatte nach dem Clinton-Lewinsky-Skandal mit Geld des linken Investors George Soros die Website mediamatters.org gegründet, um Geschichten abschießen zu können, die den Demokraten schaden könnten.

Laut Breitbarts Darstellung wurden die „Talking Points” von Media Matters häufig 1:1 von den Mainstreammedien von CNN bis New York Times übernommen. Und er hatte im Prinzip nur die körnigen Videos eines unbekannten 23-jährigen Filmemachers in einem Zuhälterkostüm auf seiner Seite. Er entschied sich für eine graduelle, virale Veröffentlichung auf möglichst vielen Plattformen parallel, anstelle von einer großen Enthüllungsstory auf Big Government. Diese Strategie war damals gar nicht so offensichtlich wie sie vielleicht rückblickend wirkt. Die meisten etablierten Journalisten, denen er das Material zeigte, rieten ihm zum „nuklearen Erstschlag“, alle Videos auf einmal zu veröffentlichen, um maximale Wirkung zu erzielen.

Breitbarts „steter Tropfen höhlt den Stein”-Herangehensweise, die er von Huffington und Drudge gelernt hatte sollte sich bewähren – ging es doch in erster Linie darum, die Systemmedien vorzuführen und ihre Untätigkeit anzuprangern, und nicht nur ein paar amoralische ACORN-Angestellte als „Einzeltäter“ gefeuert zu bekommen.

Zuerst gab Breitbart den Mainstreammedien ihre Chance: Er zeigte die Skandalvideos einem Bekannten bei ABC News, der sofort die Brisanz des Materials erkannte. ABC würde die Story jedoch nicht bringen, so der Mann, weil sie „zu politisch” sei. Eine bemerkenswerte Aussage für einen politischen Nachrichtensender, die Breitbart in seinem Ansinnen bestätigte. Als nächstes reichte er die Clips an den konservativen Sender Fox News weiter, nicht nur um die größtmögliche Reichweite zu erzielen, sondern auch um die Videos von den Profis im Justitiariat beim Murdoch-Sender prüfen zu lassen. Er befürchtete immer noch halb, irgendeinem aufwändig inszenierten Fake aufgesessen zu sein. Wenn die Rechtsanwälte und Faktenchecker bei Fox der Story grünes Licht gaben, dann konnte er sich auf der sicheren Seite wähnen. Die ganze Nacht konnte er deswegen kaum ein Auge zumachen. Um fünf Uhr morgens erreichte ihn die Nachricht, dass Fox & Friends bereits mit der Story auf Sendung war, statt um sechs Uhr Megyn Kelly. Das war der Startschuss: BigGovernment.com ging am 10. 9. 2009 mit der Story des Jahrzehnts online.

Die ACORN-Aktivisten und Mainstreammedien spielten Breitbart nun genau in die Hände: Anstatt Fehlverhalten zuzugeben und Aufklärung zu versprechen wurden die Videos als Fake oder als Einzelfälle abgetan, woraufhin Breitbart noch mehr belastendes Material aus weiteren Städten veröffentlichte.

Am Ende der Woche hatte ACORN angefangen, Mitarbeiter zu entlassen, die in die Vorfälle verwickelt waren – ein stillschweigendes Schuldbekenntnis. Irgendwann konnten die großen Medien und die Obama-Regierung die Skandalstory nicht mehr ignorieren. Wie so oft in politischen Skandalen waren die Vertuschungsversuche viel schädlicher als das eigentliche Vergehen. Für die junge Tea Party Bewegung, die sich in Opposition zum Nanny-Staat und Steuerwucher befand, war es ein Magnet, um den sie sich vereinigen konnten.

Am 14.9. 2009 stimmte der US-Senat dafür, ACORN die Bundesmittel zu streichen. Am 22.2.2010 hörte ACORN auf als nationale Organisation zu existieren. Es war der erste Triumph für die konservative Gegenöffentlichkeit von Andrew Breitbart.

Andrew Breitbart starb am 1. 3. 2012 an Herzversagen. Die Inschrift auf seinem Grab lautet:

„Hier liegt ein Riese.”

 Heute hat Breitbart.com geschätzte 45 Millionen Leser im Monat.

James O’Keefe betreibt nun die Enthüllungsplattform Project Veritas. Im Wahlkampf 2016 veröffentlichte er eine Reihe von Undercover-Videos, in denen hochrangige Mitglieder von Hillary Clintons Wahlkampfteam angeblich Wahlbetrug geplant und Schwarzgelder eingesetzt haben sollen. Außerdem soll die Clinton-Kampagne Provokateure eingesetzt haben um Schlägereien auf Trump-Veranstaltungen zu verursachen. Diese Serie von Enthüllungsvideos Rigging the Election bilden die Grundlage von Wahlbetrugs-Behauptungen aus dem Trump-Lager. Bei der Amtseinführung von Donald Trump enthüllte O’Keefe angebliche Pläne der Antifa, Giftgas einzusetzen und Züge zu blockieren, um Washington lahmzulegen. Am Montag 26.6.2017 hatte er ein Video veröffentlicht, in dem ein CNN-Redakteur zugibt, dass sein Sender eine „Hexenjagd“ gegen den Präsidenten Donald Trump führt.

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Collin McMahon ist Autor („Lukas und Skotti“) und Übersetzer („Gregs Tagebuch“). Er schreibt gerade an einem Buch über Donald Trump. Dies ist ein Auszug daraus. Bei Verlagsinteresse bitte Zuschrift.

Der Beitrag erschien zuerst bei JOUWATCH