Ein Gastbeitrag von Marko Wild

Ich kenne ein Mädchen, das kürzlich in seinem Sportverein Fasching hatte. Eigentlich wollte es sich als Prinzessin verkleiden. Da es aber befürchtete, die anderen Mädchen würden ebenfalls als Prinzessinnen kommen, verkleidete es sich als Schmetterling.

Hinterher fragte ich, wie es denn gewesen sei. „Schön,“ erwiderte es. „Aber weißt Du was komisch war? Es gab keine einzige Prinzessin. Aber neun Hexen!“

Sie wissen, worauf ich hinaus will. Unsere Kultur hat über weite Strecken ihren Sinn für das Schöne, das Erhabene, das Wertvolle und das Gute verloren. Man könnte tausend andere Belege aufzählen. So lange schon erfreuen sich die Menschen im sogenannten „Werte-Westen“ am Bösen, am Scheußlichen, am Grausamen.

Man gehe einmal in einen x-beliebigen Schreibwarenladen. Meist gibt es da ein Regal mit Trivialliteratur. Man wird keine Probleme haben, dreißig, vierzig „Roman“-Rücken nebeneinander zu erblicken, auf denen die Schlagworte „Mord“, „des Todes“, „Verfluchte“, „Böse“ oder „Schrecken“ dominieren. Schon vor Jahrzehnten trafen sich Arbeitskollegen von mir und schauten sich gemeinsam Videos aus der Reihe „Gesichter des Todes“ an – Filmaufnahmen von echten Verunglückten, von teilweise entsetzlich entstellten Menschen. Ich fand allein den Gedanken abstoßend.

Abstoßend fand ich auch ein T-Shirt, das ich als Jugendlicher irgendwo gesehen hatte. Die Brustseite zeigte eine Comiczeichnung. Eine offensichtlich weibliche Maus war mit dem Kopf in eine Mausefalle geraten, die ihr den Nacken zerquetschte. Die Maus verdrehte die Augen und die Zunge hing seitlich heraus. Hinter der Maus stand ein Mäuserich, und – während er seine Augen in einem ganz ähnlichen Ausdruck verdrehte – verging sich an der Maus. Darunter stand „Die Dröhnung“. Das Bild schockierte mich. Wer bitte läuft mit sowas draußen herum?

Diese kleinen Anekdoten bildeten für mich zusammen mit vielen, vielen anderen Eindrücken, Erlebnissen und Erfahrungen das Bild des angeblich so glorreichen Westens. Ich wurde in der DDR geboren. Solche Dinge hatte es im „Unrechtsstaat“ nicht gegeben. Dort stand zwar die Würde des Menschen nicht in der Verfassung (immerhin aber gab es eine echte Verfassung).

Dennoch gewinne ich vor allem rückblickend den Eindruck, dass die Würde des Menschen in der DDR bei aller Repression durch die Staatsmacht, insgesamt mehr geachtet wurde, als im gegenwärtigen Deutschland. Mehr geachtet im Miteinander und in dem, was als angenehm, als schön und human galt.

Neun Hexen, aber keine Prinzessin… Das Mädchen tat mir leid. Weil sein Empfinden offenbar aus der Zeit gefallen ist. Weil es in seinem Herzen ein aufrichtiges Bedürfnis nach etwas Schönem hat, derweil die Welt um es herum der Finsternis und dem Hässlichen zustrebt.

Ist das eine Welt, in der kleine Mädchen glücklich groß werden können? Wird diese Welt nicht alles daran setzen, jedes zarte, reine Kinderherz zu zerreißen, bis es sich ebenfalls für die dunkle Seite entscheidet? Falls das tatsächlich die gegenwärtige westliche Welt ist, dann stellt sich die Frage, ob sie es verdient hat, zu überleben.

Eine Welt, die kaum noch Wahrhaftiges hervorbringt, eine Welt, in der das Böse gut und das Hässliche schön genannt werden, eine Welt, die sich am Abscheulichen ergötzt und ihre Freude daran hat, Menschen zu zerstören, die Mörder auf Bewährung frei lässt und ungeborenes Leben millionenfach tötet, eine Welt, die jene verfolgt und zu zerstören versucht, die ihr den Spiegel vorhalten, die auf der Suche nach dem Echten in all dem Falschen sind . . . ist es nicht fair, wenn ein Gericht über diese Welt kommt und diese Welt beendet? Und sei es in Gestalt einer ebenso bösen, fremden Macht?

Sind Männer, die zu feige sind um gegen all das Unrecht in diesem Staat aufzustehen, und statt dessen lieber malochen, bis der Arzt kommt, „unschuldig“?

Sind Frauen, die ihre Körperlichkeit missbrauchen, um im Internet Aufmerksamkeit zu generieren, „unschuldig“?

prinzWirft man dem Westen nicht zu recht vor, er sei moralisch vollkommen zerstört? Neun Hexen, aber keine Prinzessin.

Die Prinzessin steht symbolisch für die Reinheit, wie der Prinz für das Heldentum. Es gibt zur Prinzessin keinen größeren Kontrast als die Hexe. Hier die jugendliche, schöne, reine, aufrichtige Jungfrau – dort die alte, bucklige, hässliche, intrigante, böse, verbrauchte Magierin.

Der Prinz hat es nicht nur mit dem Feind von außen zu tun, sondern vor allem mit der Hexe.

Ich habe Zweifel, ob es sich lohnt, für eine Welt zu kämpfen, deren Sinnbild die Hexe ist. Nein, in Wahrheit habe ich keine Zweifel.

Die Welt der Hexe muss untergehen, muss von der Hexe befreit werden.

Falls es noch Prinzen gibt in Deutschland, dann werden diese nur für die Jungfrau kämpfen, nur für die Prinzessin.

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Zum Autor: Marko Wild ist ein 1975 geborener Sachse. Er wuchs bis zu seinem 15. Lebensjahr in der DDR auf, wo er nicht nur die verglichen mit heute sehr gute humanistische Bildung des damaligen Schulsystems, sondern auch eine nicht minder gute christliche Lehre der lutherischen Theologie erfahren durfte, welche ihn bisher durch alle Unbilden einer ebenso schönen wie wahnsinnigen Welt getragen hat.

Seine Eltern waren der Ansicht, dass man einen Beruf zu erlernen hätte. So wurde er zunächst zum Technischen Zeichner ausgebildet. Danach absolvierte er das Fachabitur, weigerte sich jedoch, anschließend das ihm dringend nahegelegte Bauingenieurwesen zu studieren. Statt dessen schlug er den Weg eines Musikers und Journalisten ein.

Heute lebt er mit seiner Familie in einer ländlichen Gegend im östlichen Bayern. Eines vielleicht gar nicht so fernen Tages wird er sicher wieder nach Sachsen zurück ziehen.

Marko Wild war Gebirgsjäger, Taxifahrer und Außendienstler. Er schrieb für ein lokales Printmedium und diverse Blogs. Er jobbte in der Geödäsie und schraubte Schiffsdiesel auseinander. Er fuhr mit dem Auto quer durch Russland bis in die Mongolei, bestieg den Kilimanjaro und wanderte durch das Rif-Gebirge.

Er studierte Journalismus und Kulturwissenschaften in Leipzig. Er komponiert, textet und arrangiert. Er ist Abenteurer und Künstler, Philosoph und Beobachter, Sänger, Gitarrist und Autor, Querdenker und als manifestiertes Nein fast immer dort anzutreffen, wo alle Ja sagen. Nicht aus Prinzip, aber um bestimmter Prinzipien Willen.

Marko Wild hat vier Kinder in die Welt gesetzt, drei CDs aufgenommen, zwei Romane geschrieben, eine Frau geheiratet und null Sympathie für die gegenwärtige Richtung der Bundesregierung sowie ihrer zeitgeistgeschwängerten Helfer und Klone in Politik, Medien und der Antifa.

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Foto: Edward Burne-Jones, La principessa sabra (c)  Sailko (Own work) [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons