Heute kann Queen Elizabeth II. auf 65 Jahre als Königin zurückschauen. Philosophia perennis gratuliert ihr aus vollem Herzen mit einem Beitrag, den Herwig Schafberg zum 90. Geburtstag der Königin im vergangenen April verfasste.

“God save our gracious Queen,“ heißt es am Anfang der britischen Nationalhymne und weiter: „Long live our noble Queen.” Und Gott scheint es mit dieser Queen gut gemeint zu haben; denn sie wurde am 21. April des vergangenen Jahres 90 Jahre alt und ist mit 65 Regierungsjahren the longest reigning Moarch in british history.

Infolgedessen kennen die allermeisten Briten nur die Queen auf dem Königsthron und viele können sich kaum einen anderen auf  dem Thron vorstellen. Das deutsche Nachrichtenmagazin Spiegel bezeichnete sie schon als „Elisabeth die Ewige“ und ich würde mich nicht wundern, wenn mancher Brite sich inzwischen fragte, ob sie vielleicht unsterblich wäre.

queen-2Es war im Jahre 1952, als Elisabeth II. den Thron bestieg. Seinerzeit hielt im Kreml noch Joseph Stalin mit eiserner Faust die inzwischen längst aufgelöste Sowjetunion im Griff. Deutschland war kurz zuvor geteilt worden und hatte im westdeutschen Teilstaat mit Konrad Adenauer einen Bundeskanzler, der von einem damals noch lange nicht vereinten Europa träumte und sich um Aussöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern bemühte – vor allem mit den Amerikanern, Briten und Franzosen, die neben der Sowjetunion Sieger im 2. Weltkrieg geblieben waren. Zu den treibenden Kräften jenes Krieges gegen Deutschland hatte Winston Churchill gehört, der bei Elisabeths Thronbesteigung noch Premierminister und damit der erste von bisher zwölf politischen Verantwortungsträgern war, die der Königin während der vergangenen 64 Jahre in dem Amt gedient haben.

From Empire to Commonwealth

Das Britische Empire, in dem sie nominell die Herrschaft antrat, war seinerzeit noch ein Weltreich, zu dem im viktorianischen Zeitalter des 19. Jahrhunderts ein Viertel der Menschheit gehört hatte. The Empirial Family entwickelte sich aber im Laufe des 20. Jahrhunderts zum Commonwealth of Nations, in dem die meisten dieser Nationen unabhängig wurden und es bei Elisabeths Herrschaftsantritt zum Teil schon waren. Daher war sie als britische Königin nicht zugleich Kaiserin von Indien wie ihre Vorgängerin Viktoria, blieb aber Staatsoberhaupt von Australien, Neuseeland, Kanada, Jamaika sowie ein paar weiteren Staaten, die zum Empire gehört hatten.

queen-3Als sie ihrem Vater auf den Thron folgte, war sie gerade in Kenia, das ebenso wie andere Kronkolonien auf dem afrikanischen Kontinent Anfang der sechziger Jahre in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Hinzu kam, dass die Briten sich aus ihren Interessengebieten östlich von Suez zurückzogen, so dass unter der Herrschaft von Königin Elisabeth II. das Britische Empire auf die Inseln des United Kingdom of Britain and Northern Ireland beschränkt wurde, zu denen allerdings auch überseeische Besitzungen wie die im Krieg gegen Argentinien 1982 blutig umkämpften Falklandinseln gehören.

„Divide et Impera“ hieß die Maxime, die von den Briten sinngemäß angewendet worden war, um Teile der indigenen Bevölkerung in den Kolonien sowie Protektoraten auf ihre Seite zu ziehen und mit diesen andere zu beherrschen. Es waren Handelskompanien und Kolonisten, die unter dem Schutz der britischen Krone mit einheimischen Häuptlingen oder Fürsten gemeinsame Sache bei der Ausbeutung der Ressourcen gemacht, aber auch viel zur Erschließung dieser Länder und zur Modernisierung der dortigen Verkehrs-, Gesundheits- und Bildungsinfrastruktur getan hatten. Demgemäß ausgewogen ist die Beurteilung des britischen Kolonialismus durch Staatsmänner aufstrebender Länder wie China und Indien, die nicht bloß die Folgen der Ausbeutung durch die Briten beklagen, sondern deren Anstöße zur Modernisierung ebenso zu schätzen wissen.

In Afrika dagegen gibt es Länder, in denen die Lebensbedingungen zum großen Teil schlimmer als zu Kolonialzeiten sind und Männer an der Macht, die für die gegenwärtige Misere den vergangenen Kolonialismus verantwortlich machen, statt zu ihrer Verantwortung für die eigene Misswirtschaft zu stehen. Das war schon so zur Zeit von Idi Amin, der es vom Kompanieführer in der britischen Kolonialarmee zum Staatsführer im unabhängigen Uganda gebracht hatte, mit der Ausweisung von Briten indischer Herkunft der Wirtschaft des Landes erheblichen Schaden zufügte und dann auch noch die Queen als Oberhaupt im Commonwealth ablösen wollte. Ähnlich verhält es sich heutzutage mit Robert Mugabe in Zimbabwe, der nicht zuletzt mit der Enteignung britischstämmiger Farmer zur Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation im Lande beitrug, diese jedoch dem Kolonialismus anlastet.

Dem Kolonialismus wird zudem nachgesagt, dass er die guten alten Sitten in Afrika verderben wollte. Als Beispiel nennen Mugabe sowie andere afrikanische Staatsführer die angebliche Förderung gleichgeschlechtlicher Liebe, auf die sie mit drastischer Verschärfung der Strafen für homosexuelle Kontakte reagiert haben, statt von solchen Kontakten eine Einschränkung der maßlosen Fortpflanzung zu erhoffen; denn die Bevölkerung des Kontinents wächst schneller als die Wirtschaft – und das trägt in hohem Maße zu der Misere bei, der immer mehr Afrikaner durch Migration nach Europa inklusive der britischen Inseln zu entkommen suchen.
 
The Queen a bloody German?
Doch die Briten erschwerten schon vor geraumer Zeit die Zuwanderung, weil die Zahl derer, die aus den Commonwealth-Ländern auf die Inseln gekommen waren und die britische Staatsangehörigkeit für sich beanspruchten, stärker zugenommen hatte, als es der Regierung ihrer Majestät und vielen ihrer Untertanen lieb war.

So hörte ich Anfang der siebziger Jahre am Speakers-Corner im Londoner Hydepark, wie ein Redner indischer Herkunft darauf bestand, dass er Brite wäre, damit aber auf den heftigen Widerspruch eines alteingesessenen Engländers stieß. Dieser gab allerdings nach einer Weile zu bedenken, dass er mit seinen ethnogenetischen Vorbehalten nicht zu weit gehen dürfte, weil er sonst eventuell einräumen müsste, „that the Queen is a bloody German.“

Es stimmt, dass die Vorfahren der Königin aus Hannover und Sachsen-Coburg-Gotha kamen; doch interessanter als der Hinweis auf die deutsche Abstammung der Royal Family ist die Deadline, die der Engländer in seinen Gedanken zog. Einerseits mochte er zwar seinen Gesprächspartner nicht als Briten anerkennen, weil der indischer Abstammung war, andererseits aber keinen Zweifel an der britischen Identität seiner Königin aufkommen lassen. Das hätte wohl die Identität der Briten insgesamt tangiert; denn die Königin trägt die Krone, die symbolisch das Band ist, das im weiteren Sinne das Vereinigte Königreich mit seinen Kronkolonien sowie Dominions in der Emperial Family zusammenhielt und zum Teil noch hält, soweit die Königin Staatsoberhaupt in den unabhängig gewordenen Dominions ist – und die im engeren Sinne Engländer, Waliser und Schotten bis heute zu Briten vereint. Davon wird im Weiteren noch die Rede sein.

Rule Britannia, Britannia rule the waves

So heißt ein altes Lied, das auch heute noch häufig bei offiziellen Anlässen gesungen wird, als ob das Land immer noch eine seebeherrschende Weltmacht wäre. Aus der Emperial Family ist zwar the Commonwealth of Nations geworden und im gleichen Maße das Weltreich Großbritannien zu einem kleinen Inselreich geschrumpft, doch imperiale Traditionen werden weiter gepflegt und die Königin mit ihrer überregionalen Bedeutung ins Zentrum der weltweit wirkenden Prachtentfaltung gestellt.

So war es beispielsweise auf einer Feier zum Diamond jubilee of Her Majesty, the Queen, im Jahre 2012, als die Königin am Buckingham Palace vor einer riesigen Menschenmenge sowie vor laufenden Kameras aus aller Welt höchst persönlich ein Feuerwerk entzündete und damit auch die Initialzündung für ähnliche Lichteffekte im ganzen Land sowie in anderen Ländern des Commonwealth rund um den Globus auslöste. Zu den Klängen von „Land of hope and Glory“ sollte dieses weltweite Spektakel ein Zeichen der Einheit und des Dankes an die Queen zum diamantenen Thronjubiläum sein.

Royal Image “Made in Britain”

Bei Kritik an der Monarchie und deren Prachtentfaltung wird häufig auf die hohen Kosten verwiesen – nicht bloß in Britannien, sondern auch hier, als ob deutsche Steuerzahler dafür aufkommen müssten. Anscheinend können solche Krämerseelen nicht den Wert erkennen, den es hat, wenn beispielsweise die Hochzeit von Prince William und seiner Braut mit großem Pomp werbewirksam inszeniert wurde. Es war ein geradezu filmreifes Spektakel, das jeden britischen Steuerzahler nur 66 Cent kostete – also etwa ein Zehntel dessen, was er für eine Kinokarte auszugeben hätte.

Und es war gut angelegtes Geld, wenn man bedenkt, dass den staatlichen Ausgaben in Höhe von rund 25 Millionen Euro geschätzte Einnahmen für Hotelübernachtungen und Souvenirs – vom Geschirrtuch bis zur Kotztüte jeweils mit dem Konterfei des Brautpaares – in Höhe von rund 750 Millionen Euro gegenüberstanden. Hinzu kam, dass mehr als zwei Milliarden Menschen und damit etwa ein Drittel der Menschheit am Fernsehschirm Zeugen dieser perfekt inszenierten Aufführung waren und damit potentielle Kunden der Marke „Made in Britain“ wurden. Prinz Philipp, Ehemann der Queen, nannte einst die Royal Family eine Firma. Wenn es diese company nicht schon gäbe, müsste man sie noch gründen; denn sie ist das Beste, das Britannien zur Imagewerbung in der Welt zu bieten hat.

Im Übrigen war das, was zu dieser Hochzeit aus der königlichen Requisitenkammer hervor gezaubert wurde, bescheiden im Vergleich zu dem, was König Jakob I. 1613 zur Hochzeit seiner Tochter in Szene setzen ließ:  Eine Seeschlacht gegen die Türken, bei der Letztere klar geschlagen wurden, wie es sich damals gehörte. Heute verzichtet man auf solche Kriegsspiele, weil sie zu teuer sowie politisch inkorrekt wären und man vielleicht auch nicht riskieren möchte, dass der türkische Präsident Erdogan mal wieder beleidigt ist und zu einer antibritischen Inszenierung gereizt wird wie einst der ugandische Präsident Idi Amin, der eine angeblich erlittene Schmach durch die Briten während der Kolonialzeit dadurch kompensieren wollte, dass er sich von britischen Kaufleuten in einer Sänfte tragen ließ. Es waren vielleicht solche Eskapaden, die dem blutrünstigen Tyrannen bei deutschen Kommunisten den Ruf eines Antiimperialisten einbrachten.

Der rumänische Kommunistenführer und Staatspräsident Ceaucescu hingegen wollte sich nicht von Briten in einer Sänfte tragen lassen, sondern an der Seite von Königin Elisabeth in einer goldenen Kutsche durch London fahren. Wie ein Mitarbeiter des Präsidenten, der dessen Staatsbesuch in Britannien vorbereitet hatte, später erzählte, wäre Ceaucescu kein Abkommen mit den Briten so wichtig gewesen wie eine Kutschfahrt „mit der ehrwürdigen Königin“, als ob der „am meisten geliebte Sohn des Volkes“, wie er sich von der kommunistischen Propaganda feiern ließ, seinen Landsleuten damit sagen wollte: Seht nur, wie weit es ein stotternder Schusterjunge wie ich gebracht hat: Auf Augenhöhe mit einem gekrönten Haupt unterwegs zum königlichen Palast! Dieser führende Genosse ließ es sich übrigens nicht nehmen, ein ganzes Altstadtviertel in Bukarest zum Bau einer prächtigen Residenz für sich bauen zu lassen, und hatte zum Zeichen seiner Würde stets ein Zepter bei sich, wenn er auf seinem thronartigen Platz in der rumänischen Nationalversammlung Hof hielt.

The same procedure as every year

Anders als das Machtgehabe dieses kommunistischen Emporkömmlings, das kaum zu den Idealen einer sozialistischen Republik passt, entspricht es einer alten Tradition der parlamentarischen Monarchie im Vereinigten Königreich, dass die Königin jedes Jahr mit Zepter und Krone im Parlament erscheint, um im Oberhaus die Thronrede zu halten. In the same procedure as every year wird dann ein Bote zum Unterhaus hinüber geschickt, der den honourable Members of the House of Commons verkündet: „The Queen commands you to attend her speeech in the House of Peers!“ Und alle folgen unter Führung des Premierministers brav diesem königlichen Befehl, obwohl jeder weiß, dass die Queen keine echte Befehlsgewalt hat und in ihrer Rede nichts verkünden wird, was ihr nicht vom Premierminister vorgeschrieben ist.

Dieser wird zwar von ihr ernannt und nicht vom Parlament gewählt; aber die Königin ernennt in der Regel denjenigen zum Premierminister, der die Mehrheit des Parlaments, insbesondere des House of Commons, hinter sich. Das ist gesetzlich ebenso wenig fixiert wie vieles andere in Britannien. Dort kommt man gut ohne Gesetze aus, soweit man Gewohnheiten hat und daraus Regeln ableitet, an die sich alle halten, auf die es ankommt – allen voran die Queen. Solange sie sich wie in den vergangenen 64 Jahren vorbildlich an die ungeschriebenen Regeln hält und man erfahrungsgemäß darauf vertrauen kann, dass sie ihr Amt nicht missbraucht, gibt es im Vereinigten Königreich kaum jemand, den die Briten für so sincerious und des Amtes würdig halten wie die Queen.

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Offiziell ist sie es, die herrscht; tatsächlich regiert sie jedoch nicht, sondern überläßt das Regieren inklusive Kriegseinsätzen der Royal Army, Royal Navy und Royal Airforce ihrem Premierminister ebenso wie die Rechtsprechung den Gerichten, die das „im Namen der Königin“ tun. Und dabei kann es geschehen, dass ein Einbrecher es im Buckingham Palace bis an das Bett der schlafenden Queen schafft, aber weitgehend ungestraft davon kommt, weil die Königin nicht als Zeugin vor einem Gericht erscheint, das in ihrem Namen urteilt.
Nein, die Königin mischt sich nicht in das politische Tagesgeschäft ein und hält sich fern vom Streit der Parteien im Parlament wie auch vor Gericht, selbst wenn sie persönlich wie im genannten Fall betroffen ist, sondern ist als Person aufgegangen in dem hohen Amt, das sie bekleidet, und steht ihrem Amtsverständnis entsprechend majestätisch erhaben über den Händeln ihrer Untertanen.

Proud to be British

„I just love everything about our Queen and what she represents,“ schwärmte David Beckham, einst Kapitän der englischen Fußballmanschaft, und bezeichnete sie als “the number one leader“. Mit den Worten würde Beckham wahrscheinlich den meisten Briten aus dem Herzen sprechen. Die britische Demokratie ist zwar die traditionsreichste im neuzeitlichen Europa, lässt aber die Herzen nicht so hoch schlagen wie die Monarchie mit ihren reichen Traditionen, der sakralen Weihe sowie der royalen Würde, mit der Elisabeth II. seit dem Antritt ihrer Herrschaft stolz Haltung zeigt.

Hinzu kommt, dass sie mit unermüdlicher Pflichterfüllung zu einem Vorbild wurde that is „making proud to be British“, wie Prinz Charles sie in einer Ansprache unter dem Beifall tausender Menschen pries. Und es ist nicht bloß Stolz, den die Queen erzeugt, sondern sie stiftet auch Identität, wie der Prinz vermutlich mit den Worten zum Ausdruck bringen wollte, sie stände für „Unity in diversity“. Davon war schon weiter vorne die Rede.

Man könnte auch sagen: Die Queen steht nun schon seit 64 Jahren und insoweit für die meisten Briten von Geburt an für Beständigkeit im Laufe der Veränderungen von der Emperial Family mit ihrem Kolonialismus zum Commonwealth of Nations mit seinen Wanderungsbewegungen in umgekehrter Richtung. Und an den Grenzen scheint die Zahl der Flüchtlinge aus den vielen failed states weiter anzuwachsen. Vielen Briten kommt es so vor, als sei die Welt aus den Fugen geraten – nicht bloß fern der Heimat, sondern auch daheim mit der Entwicklung von der anglikanisch-protestantischen Society zu einer multikulturellen Gesellschaft mit ihren schwarzen suburbs sowie muslimisch sozialisierten Milieus, in denen kriminelle Energie zum Teil mit religiöser Idiotie zusammen wächst.

Daneben wirken die Fassaden, hinter denen sich Verbrechen im fiktiven „Midsummer“ abspielen, wie eine Idylle aus der „guten alten Zeit“, in der es einen Schwarzen bestenfalls als Boy eines Lords gab. Doch die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Menschen, so dass nicht auszuschließen ist, dass auch Inspector Barnaby eines Tages entweder der multikulturellen Entwicklung oder aber dem Gender-Mainstreaming zum Opfer fällt, von einem schwarzen Moslem oder einer lesbischen Frau abgelöst wird und dann weniger denn je darstellt, was Zuschauer im In- und Ausland besonders an John Nettle als Gentleman in der Rolle des Ordnungshüters Ihrer Majestät zu schätzen wussten.

Die Königin hebt sich ab vom Mainstream und erscheint – geomorphologisch betrachtet – wie ein Zeugenberg, der aus einer älteren Schicht herausragt, die von neueren Schichten überlagert ist. Sie ist im Wesentlichen nicht mit der Zeit gegangen und bietet daher eine Projektionsfläche für die Sehnsucht vieler Menschen zurück zu vertrauten Verhältnissen, in denen klar zu sein schien, wer zu „merry old England“ gehörte, bevor es mit der Masseneinwanderung überfremdet wurde, jeder seinen Platz in der Fünf-Klassen-Gesellschaft hatte, bevor diese mit der Gleichstellung aller in Unordnung geriet – und Verhältnissen, in denen Geschlechtsunterschiede nicht als gesellschaftliche Konstrukte, sondern als ebenso naturbedingt galten wie heterosexuelle Ehen, die anders als homosexuelle Partnerschaften der gesellschaftlichen Norm entsprachen.

Es ist vielleicht auch die Sehnsucht nach Verhältnissen, in denen Menschen ihre Identität nicht so sehr im individuellen Lifestyle suchten, sondern lieber kollektiv identitätsstiftend Traditionen pflegten. Zu denen gehörte es unter anderem, dass nicht jeder sofort das Kino verließ, wenn eine Filmvorführung beendet war, sondern alle gemeinsam still stehen blieben, wenn nach dem Abspann auf der Leinwand das Bild der Königin erschien und die Nationalhymne erklang: „God save our gracious Queen!“
 
Trooping the Colour

Die Königin ist aber nicht bloß regelmäßig auf der Kinoleinwand projiziert zu sehen gewesen, sondern bei mancherlei Gelegenheiten auch leibhaftig – etwa bei Paraden wie „Trooping the Colour“, das bis heute zur jährlichen Geburtstagsfeier der Queen stattfindet.

Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, war es bei solch einer Gelegenheit, dass ein Wirrkopf mit einer Waffe, die sich erst später als Schreckschusspistole herausstellte, schießend auf die Königin zurannte, die damals hoch zu Ross die Parade abnahm. Zuschauer schrieen hysterisch auf, Polizisten eilten herbei und das königliche Pferd scheute. Einzig die Königin verlor nicht die Ruhe, sondern bewahrte Haltung und brachte lediglich mit einer kurzen Handbewegung ihr Pferd ebenso zur Ruhe.

„Das hat das alte Mädchen gut gemacht!“ lobte ein Abgeordneter der Labour Party, der sonst eher als Gegner der Monarchie auffiel. Vielleicht gehört er zu denen, die als Republikaner anfingen, sich später aber geehrt fühlten, wenn sie auf Knien von Ihrer Majestät zum Ritter geschlagen oder gar zum Peer erhoben wurden.

Man vergleiche die Selbstbeherrschung der Königin bei dem genannten Attentatsversuch mit dem aufbrausenden Verhalten des bolivianischen Präsidenten Evo Moralez, der sich bei einem Fußballspiel zwischen ihm sowie seinen Bediensteten auf der einen und Mitarbeitern der Stadtverwaltung von La Paz auf der anderen Seite von einem Gegenspieler gefoult fühlte, sich daraufhin nicht beherrschen konnte und dem Spieler in der Halbzeitpause in den Schritt trat. Das war aber noch nicht alles; denn der Gegenspieler hatte anscheinend sträflich übersehen, dass „der Präsident immer Vorfahrt hat“, wie der Sportminister erklärte, und wurde von der Polizei vorläufig festgenommen.

Ließe man Ihre Majestät auf solche polternden, stotternden, zickigen sowie hitzigen Emporkömmlinge und Größenwahnsinnigen wie Idi Amin, Ceaucescu, Erdogan und Moralez zuschreiten, wäre kaum zu übersehen, dass der Weg vom Erhabenen zum Lächerlichen nur ein kurzer Schritt ist.

Was für eine Frau, was für eine Königin und – ich wage es zu sagen – was für ein Herrenmensch; denn nur ein Mensch, der sich selbst beherrschen kann, ist auch zur Herrschaft über andere geeignet!
 
Show us you care, Madam!

So sehr die meisten Briten ihre Königin stets bewundert haben, vermissen doch viele an ihr in manch einer Situation Gefühlsäußerungen. Und dieses Defizit wäre ihr 1997 fast zum Verhängnis geworden, als die Masse der Bevölkerung nach dem tödlichen Autounfall von Diana, der beliebten Princess of Wales, tief bestürzt war, die Königin aber nicht sofort zur Anteilnahme an der Bestürzung aus dem Feriendomizil zurück nach London eilte und viele Menschen sich deshalb im Stich gelassen fühlten. So war anscheinend die weit verbreitete Stimmung, die von der Boulevardpresse angeheizt wurde. Eine Zeitung verstieg sich sogar zu der Forderung: „Show us you care, Madam,“ Sollte Ihre Majestät sich etwa mit all denen gemein machen, die sich nicht genierten, in der Öffentlichkeit die Contenance zu verlieren? Oder sollte die Mutti einfach nur nach Hause kommen und ihre weinenden Landeskinder trösten? Die Mutti verstand, kam und spendete Trost mit einer Fernsehansprache. Damit war die akute Gefahr für die Monarchie abgewendet.

Was würde sich denn ändern, wenn die Monarchie abgeschafft wäre? Es hatte viele Jahre zuvor eine Umfrage gegeben, mit der man herausfinden wollte, wen die Briten gerne als Staatsoberhaupt hätten, wenn ihr Land nach dem Ableben der Queen eine Republik wäre. Genannt wurde seinerzeit an erster Stelle Prinzessin Anne, die Tochter der Königin, und an dritter Stelle Prinz Charles, der älteste Sohn Ihrer Majestät. Damals gab es noch gar nicht Prinz William, der in der Zwischenzeit zum Liebling der Nation herangewachsen ist und bei einer aktuellen Umfrage vermutlich alle anderen, die in Frage kämen, hinter sich lassen würde – dicht gefolgt von seinem Bruder Harry. Mit diesen beiden Prinzen und ihrer königlichen Großmutter in der Mitte ist die Royal Family heute beliebter als jemals zuvor.

Für weiteren Nachwuchs in der 3. Generation nach der Queen ist gesorgt. Es ist noch nicht lange her, dass Prinz William beim Sport im Freien an einen Zaun pinkelte und irgendjemand geistesgegenwärtig seine Digitalkamera zückte, um ungeniert the main vein of His Royal Highness im Bild festzuhalten und es im Internet zu veröffentlichen. Seither will mancher Voyeur wissen, dass der Prinz nicht gerade den Kürzeren zieht, wenn es um die Fortpflanzung der Windsor-Dynastie geht, die inzwischen mit der Geburt seiner Kinder George und Charlotte glücklich erfolgt ist.

Ich weiß jedoch nicht, ob der Prinz damit die Monarchie über sich selbst hinaus retten kann; denn die Holztafeln, auf denen im Tower of London jeweils die Namen der Könige aufgeschrieben werden, haben nur noch Platz für zwei Monarchen, wie ich bei Besuchen im Tower bekümmert feststellte. Das würde also nur noch für Charles und William reichen. Und wie soll es dann weitergehen?

God save the Queen and the other members of the Royal Family!

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