Viele Deutsche erleben in diesem Jahr zum ersten mal, was es heißt, Weihnachten im Krieg zu feiern. Einem Krieg, der anders ist als jene, die Deutschland bisher kannte. Einem Krieg, der zu uns gekommen ist und im realen Sinne des Wortes alles, was im Wege ist, überrollt wie auf der Strandpromenade in Nizza oder jetzt auf einem Berliner Weihnachtsmarkt. Waren die letzten großen Kriege von deutschen Machthabern angezettelt, zeigen letztere sich nun angesichts des importierten Kriegs, dem man freundlich und ohne „Obergrenze“ die Grenzen öffnete, völlig ratlos. Ein Gastkommentar von Herwig Schafberg

„In Europa gehen die Lichter aus“, sagte der britische Außenminister Grey nach dem Beginn des 1. Weltkrieges.

Es hat den Anschein, als wären die führenden Staatsmänner der europäischen Großmächte damals in einen Krieg hinein geschlittert, den sie nicht wollten. Man könnte auch sagen, daß sie nicht fähig und bereit waren, eine verhängnisvolle Entwicklung aufzuhalten, die sie mit der Generalmobilmachung ihrer Streitkräfte und Ultimaten in Gang gesetzt hatten.

Ginge es nach dem Willen jener Mächte der Finsternis, die ihre Kräfte im Laufe der letzten Jahre zum Krieg gegen die „Ungläubigen“ mobilisiert haben, würden bald wieder die Lichter in ganz Europa ausgehen – nicht bloß im Juli dieses Jahres auf der Strandpromenade von Nizza und vor wenigen Tagen auf dem Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche, wo jeweils Attentäter mit dem Lastwagen vorsätzlich in eine Menschenmenge rasten und dabei viele Menschen verletzten oder sogar töteten.

Im einen wie im anderen Fall brüstete der Islamische Staat (IS) sich mit dem Attentat als legitime Kriegshandlung im Kampf gegen die „Ungläubigen“.

Ob die Attentäter tatsächlich dem Aufruf des IS gefolgt waren, möglichst viele Menschen bei uns zu erstechen, zu erschlagen, zu erschießen, mit Sprengstoff zu töten oder wie in diesen Fällen zu überfahren, können wir nur ahnen, wissen es aber nicht; denn der eine wurde noch am Tatort in Nizza und der andere anscheinend auf der Flucht in Mailand erschossen. Wir wissen nur, daß fast alle Attentäter, die im Laufe der letzten Jahre in Europa ihr mörderisches Unwesen trieben, keine Juden oder Christen und auch keine Hindus oder Buddhisten waren, sondern Muslime – und daß sie weder aus Mexiko noch aus Australien stammten, sondern maghrebinischer oder afghanischer Herkunft waren. Von dort scheint auch der junge Mann zu sein, der schon vor einiger Zeit als islamistischer „Gefährder“ eingestuft und – wie es scheint – dennoch ungehindert zum Massenmörder auf einem Berliner Weihnachtsmarkt wurde.

Im 1. Weltkrieg schossen Männer, die sich nicht kannten, aufeinander und taten dieses auf Befehl von Männern, die sich zumeist kannten, aber nicht aufeinander schossen.

Doch in dem weltweit geführten Krieg, mit dem wir es heute zwischen dem zentralasiatischen Afghanistan und dem nordafrikanischen Mali sowie auf Nebenkriegsschauplätzen wie in New York, Boston und Orlando, Madrid, London, Brüssel, Paris, Nizza und jetzt auch in Berlin zu tun haben, sind es nicht reguläre Soldaten, die aufeinander schießen, sondern heimtückische Attentäter, die plötzlich aus dem Verborgenen auftauchen und wahllos jeden Menschen zu töten versuchen, der ihnen arg- und wehrlos über den Weg läuft. Und sie tun das mit oder ohne Befehl von Männern, die sich nicht so sehr als Vertreter einer Staatsmacht verstehen, sondern sich viel mehr im Besitz göttlicher Vollmachten wähnen.

Im 1. Weltkrieg gab es klare Frontlinien, an denen sich Soldaten gegenüber lagen und den Kriegsdienst leisteten, zu dem sie verpflichtet waren. Sie taten das, weil ihnen kaum etwas anderes übrig blieb, als den Befehlen zu gehorchen und viele von ihnen überzeugt waren, daß sie das im Interesse des eigenen Landes ebenso tun müßten wie die Gegner auf der anderen Frontseite. Es waren also Männer, die in der gleichen Lage waren wie ihre Gegner, daher durchaus Verständnis für einander aufbringen konnten und hofften, daß der Krieg bald vorbei sein würde.

Diese Hoffnung war es wohl, die viele von ihnen zu Weihnachten 1914, 1915 und zuletzt 1916 bewog, aus ihren Schützengraben zu klettern und aufeinander zuzugehen.

„Wir hatten einen Waffenstillstand am Weihnachtstag,“ schrieb ein britischer Soldat nach Hause, „und unsere deutschen Freunde (!) waren sehr freundlich. Sie kamen herüber, um uns zu sehen, und wir tauschten Corned Beef gegen Zigaretten.“ Und auf beiden Seiten der Front sangen Soldaten auf Deutsch und Englisch gemeinsam „Stille Nacht, heilige Nacht“, wie ein anderer Augenzeuge berichtete. Sogar auf den Schlachtfeldern an der Somme, auf denen vom Juli bis November des Jahres rund eine Million Menschen ums Leben gekommen waren, gab es derartige Verbrüderungen. „Deutsche Soldaten kamen zur britischen Seite und tauschten Zigaretten,“ heißt es in einem Brief. Und mancherorts spielten sie gegeneinander Fußball, bis das „Fest des Friedens“ vorbei war und sie wieder aufeinander schossen. Sie taten das, weil sie bedauerlicherweise glaubten, es tun zu müssen – aber nicht aus Haß aufeinander.

„Unseren Haß kriegt Ihr nicht,“ war auch auf Plakaten zu lesen, mit denen sich ein paar gute Seelen dieser Tage in Berlin an die unsichtbaren Kriegsgegner von heute wandten.

Das dürfte jene vermutlich nicht beeindrucken, aber nach dem Geschmack des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller sein, der bisher nicht viel Gescheiteres von sich gab, als gebetsmühlenartig vor Haß zu warnen sowie für „Weltoffenheit und Toleranz“ zu werben, statt Entschlossenheit und Militanz zur Abwendung weiteren Unheils zu demonstrieren.

Wenigstens wurden nach der Todesfahrt des LKW-Attentäters auf dem Weihnachtsmarkt Betonpoller zur Sicherung dieses sowie weiterer Festveranstaltungen vor solchen Anschlägen aufgestellt. Solche Sicherungen wurden auf Plätzen anderer Städte im In- und Ausland schon vor den Veranstaltungen installiert. Daß man es in Berlin nicht rechtzeitig getan hatte, gehört zu einer Reihe von Versäumnissen, die den Terror an der Gedächtniskirche begünstigten und den politisch Verantwortlichen im Land Berlin sowie im Bund anzulasten sind.

Margot Käßmann, die von der Evangelischen Kirche mit den Jubiläumsfeiern für den Haßprediger Martin Luther beauftragt ist, hat anscheinend andere Vorstellungen von Terrorbekämpfung und will, daß wir versuchen, „Terroristen mit Liebe zu begegnen.“

Damit wäre sie 1916 an der Somme vermutlich gut angekommen, hätte die Weiterführung des Krieges allerdings nicht verhindert. Wie eine liebevolle Begegnung mit Terroristen heute zustande und was dabei heraus kommen könnte, bleibt ein Hirngespinst dieser frommen Frau; denn es ist wohl nicht damit zu rechnen, daß Moslemterroristen von dem Wunsch beseelt sind, etwa nach dem Vorbild britischer sowie deutscher Weltkriegssoldaten mit uns Corned Beef zu tauschen und „Stille Nacht, heilige Nacht“ zu singen.

Anders als Käßmanns grüne Betschwester Kathrin Göring-Eckart, die zunächst lediglich ihr Mitgefühl, „sonst nichts“ zum Ausdruck bringen wollte und damit für Politikerverhältnisse erfreulich leise war, konnten es manche Männer aus der Politik mal wieder nicht lassen, mit vorlauten Bemerkungen unangenehm aufzufallen. Kaum waren bei dem Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt dutzende Menschen verletzt und getötet, wollte Marcus Pretzell, der AfD-Vorsitzende von Nordrhein-Westfalen, ohne jegliche Kenntnis des Täters, dessen Herkunft und Motive wissen, daß die Opfer „Merkels Tote“ wären. Als hätte er auf solch ein Stichwort gewartet, um seinen Kampf gegen rechts wortstark fortzuführen, hielt Ralf Stegner, der SPD-Vorsitzende von Schleswig-Holstein, sich kaum mit Betroffenheitsritualen auf, sondern drosch verbal sofort heftig auf den Gegner von der AfD ein.

Haben wir Verhältnisse wie in der Endzeit der Weimarer Republik, als die Kommunisten nicht in den Nationalsozialisten, sondern in der SPD den Hauptfeind sahen?

Während Zänker wie Ralf Stegner, Cem Özdemir sowie andere Besserwisser aus Politik und Medien zum Zickenkrieg gegen den vorlauten Schreihals Pretzell antraten, freuten sich Sympathisanten des Terrors auf Facebook – nicht einmal in geschlossenen Kreisen, sondern öffentlich – unverhohlen über das Attentat, da es „die Richtigen“ (?) getroffen hätte, und forderten unmißverständlich zu weiteren Mordanschlägen mit LKW oder PKW auf, weil es damit einfach wäre, auf schnellem Wege möglichst viele „Kuffar“ („Ungläubige“) zu töten. Der Feind steht nicht rechts, Herr Stegner und Herr Özdemir, sondern ist mitten unter uns und kann in seinen Sympathisantenkreisen jederzeit neue Kräfte zum Krieg in unseren Städten mobilisieren.

Den Kriegsakt auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche hat aber nicht Frau Merkel zu verantworten, Herr Pretzell; denn der Tunesier, der inzwischen der Tat verdächtigt wird, passierte vermutlich gar nicht im Flüchtlingsstrom auf der Balkanroute unkontrolliert die Landesgrenze, sondern kam vorher aus Italien ins Land und damit über eine Grenze, an der es dem Schengen-Abkommen gemäß keine Grenzkontrollen gab.

Wir brauchen kein postfaktisches Gelaber und Getwitter, meine rot, grün oder blau angelaufenen Herren, sondern gekonnte Faktenanalysen zur Entdeckung von Chancen und Risiken, technischen Möglichkeiten und Gesetzeslücken im Antiterrorkampf. 

Wir müßten „mit dem Terror leben“, meinte Bundesinnenminister Lothar de Maiziere. Wir wollen uns aber nicht damit abfinden, Herr Minister, und uns auch nicht von Ihnen – wie im Falle des abgesagten deutsch-englischen Fußballspiels in Hannover – Informationen über aktuelle Gefahrenlagen vorenthalten lassen.

Nachdem es kurz zuvor während eines deutsch-französischen Fußballspiels in Paris vor dem Stadion, aber auch und vor allem im Zentrum der Stadt mehrere Terroranschläge mit ein paar hundert Verletzten und Toten gegeben hatte, scheute sich der französische Ministerpräsident Manuel Valls nicht, in dem Zusammenhang von Krieg zu sprechen. Und er war nicht der einzige. In Deutschland dagegen traute sich nach dem Anschlag in Berlin bisher lediglich der saarländische Innenminister, das Wort „Krieg“ in den Mund zu nehmen, und wurde sofort angefeindet.

Wer von Krieg spreche, folge der Logik der Terroristen, war in der Süddeutschen Zeitung zu lesen.

Der zieht – besser gesagt – logische Schlußfolgerungen daraus, daß islamistische Terrorpaten uns vor geraumer Zeit den Krieg erklärt haben und bekämpfen. Ob dieser Krieg 2001 mit dem Angriff auf die Twin Towers des New Yorker World Trade Center oder erst später begann, mögen künftige Historiker mit dem Abstand herausfinden, der zur umfassenden Einschätzung der Entwicklung ratsam ist.

Wir müssen uns erst einmal darauf einstellen, daß der Feind mitten unter uns ist und mit Terror unsere Städte heimsucht. Wer davor die Augen verschließt, macht sich ebenso lächerlich wie seinerzeit der irakische Propagandaminister, der vor laufender Kamera das Eindringen amerikanischer Streitkräfte in Bagdad leugnete, obwohl im Hintergrund des Kamerabildes deutlich Panzer der US-Army in den Straßen der Stadt zu sehen waren.

„Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin!“ An der Vorstellung erfreute man sich in der Friedensbewegung der achtziger Jahre, als von Krieg weit und breit nichts zu sehen war.

Doch wohin gehen wir, wenn der Krieg zu uns kommt und im realen Sinne des Wortes alles, was im Wege ist, überrollt wie auf der Strandpromenade in Nizza sowie auf einem Berliner Weihnachtsmarkt? Wollen wir nicht mehr am Strand promenieren und auf Weihnachtsmärkte gehen, sondern uns vor Angst im Bett verkriechen?

Angst wäre kein guter Ratgeber, meinte die Bundeskanzlerin vor geraumer Zeit zu unserer Beruhigung und flog bald darauf in einem gut gesicherten Flugzeug sowie in Begleitung von 12 deutschen Polizisten auf ihre Kanarische Ferieninsel, wo sie zudem 7 spanische Polizisten, Taucher und ein Sprengstoffkommando zu ihrem Schutz hatte. Und wenn die Kanzlerin zu einer Wahlkundgebung auf dem Kranoldplatz in Berlin-Lichterfelde kommt, dann haben die Anwohner ihre Fenster und die Geschäftsleute am Platz ihre Ladentüren sicherheitshalber zu schließen. Unter solchen Umständen kann man wohl angstfrei „mit dem Terror leben“, Herr Innenminister!

Wahrscheinlich haben wir noch nicht lange genug mit dem Terror gelebt und uns noch nicht so an die Gefahren gewöhnt wie die Menschen in Israel – die Juden ebenso wie die Araber. Vermutlich sind die politisch Verantwortlichen und die Behördenfachleute einschließlich der Polizei hierzulande technisch sowie moralisch auch noch nicht genug auf den Antiterrorkampf gerüstet und sollten nach Israel fahren, um sich dort beraten zu lassen; denn von den Israelis zu lernen, heißt überleben zu lernen.

Und vielleicht wären wir besser aufgestellt, wenn wir an der Spitze der Regierung keine Angela Merkel hätten, sondern eine Golda Meir.

Foto: © Andreas Trojak [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons