
(David Berger) Ein dicht gefüllter Vortragssaal, gespannte Zuhörer und ein Thema, das an Brisanz kaum zu überbieten ist: Der Berliner Historiker Michael F. Feldkamp zeichnet anhand bislang wenig beachteter Quellen ein überraschendes Bild vom Vatikan im Kalten Krieg. Seine Forschungen zeigen, dass selbst das Zentrum der katholischen Kirche ins Visier der DDR-Staatssicherheit geriet – und eröffnen damit einen ebenso spannenden wie aufschlussreichen Blick auf das Zusammenspiel von Kirche, Politik und Geheimdiensten im 20. Jahrhundert.
Der Berliner Historiker Michael F. Feldkamp gehört zu den profilierten Kennern der neueren Kirchengeschichte und der vatikanischen Diplomatie. Als langjähriger Mitarbeiter und Archivar des Deutschen Bundestages sowie Autor zahlreicher Studien zur Geschichte des Heiligen Stuhls hat er sich insbesondere mit der Rolle des Vatikans im 20. Jahrhundert beschäftigt. Seine Arbeiten zeichnen sich durch intensive Archivforschung aus – unter anderem in den lange verschlossenen Beständen des Vatikans, die seit 2020 schrittweise zugänglich sind.
Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Kommunismus als passender Ort
Neben seinen Studien zu Papst Pius XII., über die wir hier vielfach berichtet haben, hat Feldkamp auch ein weniger bekanntes, aber brisantes Thema untersucht: die Aktivitäten der DDR-Staatssicherheit im Umfeld des Vatikans. Der Vortragssaal in der Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Kommunismus im vornehmen Berliner Nikolaiviertel war schon zehn Minuten vor Beginn des Vortrags von Feldkamp zu diesem Thema bis auf den letzten Platzt gefüllt, unter den Hörern zahlreiche bekannte katholische Geistliche aus dem konservativen Spektrum der Catholica.
Anhand von Archivmaterialien und langjähriger Studien zu dem Thema konnte Feldkamp anschaulich zeigen, dass das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (Stasi) tatsächlich versuchte, in kirchliche Strukturen – bis hinein in den Vatikan – einzudringen. Dass dies nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das sich das „Aggiornamento“, die Öffnung der Kirche zur „Welt“ hin auf die Fahnen geschrieben hatte und einer freundlicheren „Ostpolitik“ des Vatikan seit Johannes XXIII. gelang, verwundert freilich nicht.
Private Partys im Vatikan ausspioniert
Im Zentrum von Feldkamps Untersuchungen steht dabei der Fall des in Aachen geborenen Benediktiners Eugen Brammertz, der zuerst in Trier, dann in Rom beim „Osservatore Romano“ (offizielle Zeitung des Vatikanstaates, Foto r.: © Sentruper, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons) wirkte. Zuvor hatte er bereits als Soldat im Zweiten Weltkrieg und in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft Erfahrungen machen müssen, die vermutlich zu seinem Abrutschen in kommunistische Ideen beitrugen. Die Tätigkeit beim „Osservatore Romano“, die er weitgehend unauffällig ausübte, durch die er aber kaum ausgelastet war. In der großen und weiträumig angelegten Benediktinerabtei San Anselmo auf dem römischen Aventin, die zugleich als römische Hochschule des Ordens dient, konnte Brammertz unauffällig unter dem Decknamen „IM Lichtblick“ für die Stasi arbeiten.
Dabei scheint es nach derzeitigen Stand eher unwahrscheinlich, dass er tief in die Kurie, besonders das für seine Tätigkeit interessante Staatssekretariat eindringen konnte. Vielmehr galt er als „Partylöwe“, dem es gelang, zu privaten Feiern im Vatikan geladen zu werden und dort Klatsch und Gerüchte aufzufangen und weiter nach Ostberlin zu melden, auch weitere Informanten soll er angeworben haben. 1978 wurde er lustigerweise mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland (nicht der DDR!) ausgezeichnet. Erst nach seinem Tod 1987 verdichteten sich die Hinweise auf seine Tätigkeit für die Stasi.
Am Vatikan biss sich die Stasi die Zähne aus
Die Forschungen Feldkamps zeigen, dass die Stasi den Vatikan als strategisch wichtiges Ziel betrachtete, man versuchte über Geistliche an Informationen zu gelangen. Hintergrund war der Kalte Krieg: Der Heilige Stuhl verfügte über ein weltweites diplomatisches Netzwerk und hatte großen Einfluss auf katholische Gläubige – auch in Osteuropa. Dass die Einflussversuche, mit denen die DDR Informationen aus dem Vatikan gewinnen wollte, dennoch weitgehend hilflos, die Informationen, die Brammertz lieferte kaum relevant waren, zeigt die Tatsache, dass man den kurz bestehenden Arbeitskreis „katholische Kirche“ bei der Stasi recht bald wieder auflöste. Die Infiltrationsversuche der Stasi gestalteten sich schwieriger als erwartet- Der Vatikan ist eben ein komplexes und teilweise abgeschottetes System, in dem externe Geheimdienste nur schwer dauerhaft Fuß fassen konnten, der aber selbst über den besten „Geheimdienst“ der Welt verfügen dürfte.
Ein spannender Abend nicht nur für Katholiken in dem immer weniger antikatholisch werdenden Berlin. Auch die bewundernswerte Fähigkeit Feldkamps Gesichte auf spannende und unterhaltsame Weise lebendig werden zu lassen, ohne je banal zu wirken, trug dazu bei, dass die Hörer – trotz des zu kleinen Vortragsraumes – Feldkamp gespannt lauschten und sich danach eine Diskussion anschloss, die vom großen Hintergrundwissen der Beteiligten zeugte.
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