Der Sack Reis in China fällt täglich um

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Warum ich pro Jahr keine 600 Euro mehr für toilettenuntaugliches Zeitungspapier zahlen möchte. oder: Höchste Zeit, auf Online umzusteigen. Gastbeitrag von Josef Hueber

Der Tisch ist gedeckt, die Kaffeemaschine gluckst. Im Bademantel geht es zum Briefkasten, wo die lokale Tageszeitung (noch) pünktlich in der Blechrolle steckt. Ein Fünfzigerlappen pro Monat, jährlich schlappe, wart‘ mal, 600 Euro. Ich frage mich beim Durchblättern, warum ich es wissen – und bezahlen – muss, dass vorgestern in China wieder ein Sack Reis umgefallen ist.

Doch gemach, Schritt für Schritt entlang dem klein-provinziellen Lesevergnügen!

Als erstes ran an die Todesanzeigen. Für meine Frau Grund genug, das journalistische Übungsmaterial im Abo zu halten. „Du musst wissen, wer hier gestorben ist.“.Sie erscheinen zwischen oder nach den Sportmeldungen. Tod neben Superkraft, nationale oder regionale Balltreter neben Gästen auf Erden, wie es im Kirchenlied heißt. Oh je! War der überhaupt krank? fragen wir uns, meine Frau und ich. Aber auf dem Bild sieht er noch sehr jung aus. Was wird wohl aus seiner Frau jetzt? Alleine kann sie nicht leben. Alleine, ohne ihn, hat man die nie getroffen.

Seitenweise Werbung, mal ganzseitig, mal dazwischen gepfercht. Was gibt es an Sonderangeboten bei Aldi, Lidl, Edeka? Nix wie hin!

Ach ja, Bilder und Bilderchen, klein, sub-standard (sprich: sapp-ständert) in der Auflösung, Gruppenfotos mit 10-15 Personen, deren Gesichter nicht erkennbar sind, weil sie von Kopf bis Fuß drauf müssen. Farblich miserabel. In der Faschingszeit davon massenweise, weil irgendwie machen Identifizierungsübungen am Frühstückstisch frohgesinnt. Vereine und tolle Aktionen, wie Laufen für irgendwelchen gutmenschlichen, wirkungslosen Zweck, und unter jedem Bild, wo irgendjemand eine Auszeichnung für eine tolle – völlig irrelevante – Leistung erhält, Text drunter: XY „freut sich“. Wenn eine Kläranlage eröffnet würde, würde sich der Chef neben dem Kloakenbecken, lächelnd, auch „freuen“. Sch… macht lustig.

Ich erinnere mich. Da gab es mal einen Shop in unserer Kleinstadt, der tütenlos gegen die verplastikten Meere aufbegehrte, indem die Kunden faire Beutel aus Stoff, am besten selbst gestrickt oder so mitbringen mussten; nein: freiwillig mitbrachten, aus Verantwortung für unseren Planeten, den es bekanntlich nur 1x gibt!. Der Unverpackt-Shop ist schon wieder pleite. Davon hab ich nix im Käseblatt gelesen. Die Eröffnung war doch ein medialer Knaller!

Stopp! Beinahe vergessen: Hündchen und Kätzchen suchen ein neues Zuhause. Das Tierheim hat noch weniger Plätze frei als das örtliche Altenheim. Niedliche und possierliche Fotos. Ach ja, diese Tiere sind doch auch sowas wie alleingelassene Menschen, oder?

Im Briefkasten – spätnachmittags, früher war mehr vormittags – ein freundliches Briefchen der Redaktion zu meiner Nachlässigkeit. „Kann mal passieren“ schreiben sie. Ich habe wohl vergessen, die Abo-Zeitung zu bezahlen.

Ich sollte noch erwähnen, dass ich die automatische Einziehung nicht erlaube. Mein Gedanke dazu: Für den Fall, ich erlebe den nächsten, fälligen Termin der Bezahlung nicht: Eine einzige Einzugsgebühr ohne den Genuss der Lektüre des umgefallenen Reissacks in China vor meinem Ableben wäre ein ärgerlicher Verlust. Dieses Risiko gehe ich nicht ein.

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An dieser Stelle stand in den letzten 5 Tagen eine dringende Bitte zur finanziellen Unterstützung der Technik dieses Blogs (Server etc). Dieser sind einige Leser so großzügig nachgekommen, dass die Kosten für die kommenden 6 Monate gedeckt sind. Deshalb hier ein ganz großes Dankeschön an alle, die sich daran beteiligt und auch allen anderen ein kostenloses Lesen von „Philosophia Perennis“ weiter ermöglicht haben.


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