„Du Heuchler!“ Bischof Feige und die AfD

Mit scharfen Worten rechnet der Magdeburger Bischof Gerhard Feige in seinem Hirtenbrief mit der AfD ab – und warnt vor dem angeblichen Ende von Demokratie und Religionsfreiheit. Doch der Vorwurf des Rechtsextremismus kehrt wie ein Bumerang zurück und wirft die Frage auf, wer hier eigentlich mit zweierlei Maß misst. Gastbeitrag von Frank Steinkron.

Feiges Anbiedern

In seinem Hirtenbrief zur Fastenzeit hat der Magdeburger Bischof Gerhard Feige vor einer Regierungsübernahme der AfD in Sachsen-Anhalt gewarnt. Auf das Regierungsprogramm der Partei ausdrücklich Bezug nehmend, prophezeite er das Ende von Demokratie, Pluralismus und Religionsfreiheit. Christen müssten damit rechnen, als Feinde betrachtet und diskriminiert zu werden.

Dass die hohe Geistlichkeit beider Amtskirchen sich im vermeintlichen „Kampf gegen Rechts“ der Politik bis zur Selbstentstellung anbiedert, ist bekannt. Dabei übersehen die Herrschaften nicht nur die eigentlichen Gefahren für Demokratie, Freiheit und Christentum, nämlich den Linksextremismus und den radikalen Islam; sie diffamieren auch die vielen aufrechten Christen, die es in der AfD gibt. Etliche davon haben die Courage, sich bei Demonstrationen zum Schutz des ungeborenen Lebens dem Hassgeschrei woker Antifanten auszusetzen, wohingegen viele katholische Würdenträger lieber zuhause bleiben. Auch Bischof Feige ließ sich bei Lebensschutzaktionen bislang nicht blicken. Nomen est Omen?

Ist Feige rechtsextrem?

Aber ist es nur Feigheit, die den Magdeburger Bischof antreibt? Oder ist er womöglich auch ein Überzeugungstäter? Sattelfest vielleicht nicht in allen Fragen des Glaubens, dafür aber umso gläubiger gegenüber der politischen Propaganda, die da lautet: „Die AfD ist rechtsextrem. Man muss sich ja nur den Höcke anschauen mit seiner SA-Parole „Alles für Deutschland“.

Vermutlich denkt Bischof Feige wirklich so. Dann macht er genau das, was er anderen unterstellt: Er erklärt Andersdenkende zu Feinden. Damit nicht genug, tut er auch genau das, was man Björn Höcke vorwirft. In seiner Bußpredigt gegen die AfD hat er den Satz „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ als zentrale Losung verwendet: wie die Nationalsozialisten in ihrem von Hitler höchstselbst unterzeichneten Parteiprogramm von 1920. Dieses Motto gefiel den Nazis übrigens so gut, dass sie es nach ihrer Machtergreifung mehrfach auf Münzen prägen ließen: anstelle der Devise „Einigkeit und Recht und Freiheit“.

Innerhalb seiner eigenen Logik gibt sich Herr Feige allein mit diesem Zitat als Rechtsextremist zu erkennen. Und als führender Repräsentant setzt er seine Kirche dem Verdacht aus, ihrerseits freiheitsfeindlich, antipluralistisch und intolerant zu sein.

Nun mögen manche einwenden, man könne die Äußerungen von Feige und von Höcke doch unmöglich miteinander vergleichen. Doch, man kann!

Beginnen wir mit den Formalien: Sind die jeweils verwendeten Sätze mit den von den Nationalsozialisten gebrauchten Wendungen identisch? Die Antwort bei Feige lautet Ja, bei Höcke Nein. Denn Höckes Slogan „Alles für Sachsen-Anhalt, alles für unsere Heimat, alles für Deutschland“, so ausgesprochen bei einer Wahlkampfveranstaltung im Mai 2021 in Merseburg, taucht in keinem nationalsozialistischen Kontext auf.

Streng genommen, wäre die Causa damit erledigt. Aber fragen wir weiter: Wie verhält es sich mit der Herkunft? Das Feige-Motto geht auf die französische Aufklärung zurück, während das inkriminierte letzte Drittel der Höcke-Losung schon in den Freiheitskriegen gegen Napoleon und später in der Weimarer Republik mehrfach vom sozialdemokratischen „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ verwendet wurde. Ergo: Die Nazis haben weder „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ noch „Alles für Deutschland“ erfunden.

Der Amtseid des Bundespräsidenten? Eine Naziparole?

Nun kann man überlegen, ob die jeweiligen Passagen – ungeachtet ihrer Entstehung – nicht doch ein irgendwie geartetes nationalsozialistisches Gedankengut zum Ausdruck bringen. Schließlich dürften die Nazis sie nicht grundlos aufgegriffen haben.

Wieder fällt die Antwort negativ aus. Zugegeben, der Gedanke, dass Gemeinnutz vor Eigennutz geht, lässt sich zu einem Kollektivismus zuspitzen, der auf die Entrechtung des Individuums abzielt: die (gleichgeschaltete) Volksgemeinschaft ist alles, der Einzelne (mit seinen natürlichen Grundrechten) bedeutet nichts. Aber die Grundaussage ist doch eine andere: Der Dienst am Gemeinwohl erweist sich für den sozialen Frieden als unerlässlich, gerade in einer Demokratie.

Diese Erkenntnis liegt aber auch Höckes Aufruf zugrunde. Natürlich lässt er sich ebenfalls nationalistisch übersteigern. Andererseits ist es eine Selbstverständlichkeit, alles für seine Heimat und für sein Land zu tun. Für den Politiker ist es laut Amtseid sogar Pflicht. Und so gilt der lateinische Grundsatz: „Abusus non tollit usum: Der Missbrauch hebt den richtigen Gebrauch nicht auf.“ In diesem Sinne ist beispielsweise auch die preußische Staatsdevise „Suum cuique“, wiewohl sie in der deutschen Übersetzung „Jedem das Seine“ über dem Tor von Buchenwald steht, keine Naziparole. Der ihr zugrundeliegende Gedanke, „gegen jedermann Gerechtigkeit“ zu üben, ist sogar Bestandteil der Eidesformel von Bundespräsident und Bundeskanzler.

Wie rechtsextrem ist der Fußball?

Bleibt abschließend die Frage nach der Wirkung. Wecken die beiden Formulierungen nationalsozialistische Ressentiments? Werden sie bevorzugt von Neonazis verwendet? Auch hier ein klares Nein! Selbst die verkürzte Form „Alles für Deutschland“ ist längst zu einer Allerweltparole geworden, besonders in der Fußballszene (Franz Beckenbauer, Cathy Hummels).

Feige und Höcke – politische Doppelmoral?

Was also bleibt? Aufgrund seiner Äußerung ist Gerhard Feige ebenso wenig wie Björn Höcke als rechtsextrem zu bezeichnen. „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ ist keine genuine Naziparole, noch weniger ist es „Alles für Sachsen-Anhalt, alles für unsere Heimat, alles für Deutschland“.

Und weil dem so ist, spielt es auch überhaupt keine Rolle, ob Herr Feige oder Herr Höcke wussten, wer besagte Worte vor ihnen bereits verwendet hat. Davon abgesehen dürfte ein Gericht zumindest im Fall von Bischof Feige historische Unkenntnis als Entlastungsgrund bereitwillig anerkennen. Staatliche Doppelmoral? Ein Schelm, wer dabei Böses denkt!

Zeit für Buße und Umkehr

Einen Unterschied zwischen den Herren Feige und Höcke gibt es allerdings tatsächlich. Anders als Feige die AfD hat Höcke die katholische Kirche niemals angegriffen, geschweige denn sonst jemanden pauschal verleumdet. Ein solches Vorgehen ist für einen Bischof umso verwerflicher, als er eine höhere moralische Instanz darstellt.

Es ist Exzellenz sicherlich nicht vorzuwerfen, dass sie nie etwas von einem 95 Jahre alten Parteiprogramm der NSDAP gehört haben. Das aktuelle Regierungsprogramm der AfD von Sachsen-Anhalt sollten man indes schon gelesen haben, wenn man daraus so gravierende Schlüsse zieht. Und erst recht sollte ein Bischof die Heilige Schrift kennen. Ein Wort aus der Bergpredigt gilt für ihn sogar besonders (Matthäus 7,5):

„Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.“

Noch ist die Fastenzeit nicht vorbei. Eine gute Gelegenheit für den Bischof, Buße zu tun.

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