Gastbeitrag von Meinrad Müller
Der Morgen nach dem Faschingsdienstag war anders. Man schüttelte die restlichen Konfetti ab und ging zur Kirche. Ob mit oder ohne Restalkohol vom Vortag, dem Faschingsdienstag, kniete man in der barocken Kirche unseres Dorfes und wurde ruhig. Die vergoldeten Putten und Engel an den Wänden blickten auf die Gemeinde herab, und mancher mochte gedanklich noch beim Faschingsball im Gasthof Linde gewesen sein, der am Abend zuvor stattgefunden hatte. Doch nun begann ein anderer Abschnitt des Jahres.
Mit dem Aschermittwoch setzte die Fastenzeit bis zum Ostersonntag ein. Vorbei mit den fleischlichen Genüssen, so hieß es. Wenn der Herr von den Toten auferstanden war, würde alles wieder erlaubt sein. Die Entbehrungen trafen uns Kinder allerdings kaum. Fleisch gab es ohnehin nur sonntags. Der Unterschied lag weniger auf dem Teller als im Bewusstsein: Man aß einfacher und hielt sich zurück.
Die Fastenzeit wurde damals nicht übergangen. Sie gehörte zum Jahreslauf wie Saat und Ernte. Üppige Mahlzeiten blieben aus, nicht aus Mangel, sondern aus Gewohnheit und Überzeugung.
Vorräte im Keller
Unsere Vorratshaltung begann lange vor Aschermittwoch, meist im Januar. Was morgens im Stall noch grunzte, war nachmittags zerlegt, wurde geräuchert, tiefgefrorenen oder eingeweckt. Weißer Presssack und Leberkäse wurden in Tongefäße gefüllt. Der Presssack nahm alles auf, was sonst keiner Rubrik zuzuordnen war. Der Keller lag zwei Meter tief im Garten, von den Vorvätern gegraben. Von außen wirkte er wie ein germanischer Grabhügel. Die Treppe führte zu einer schweren Eichentür, die nie abgesperrt war und dennoch kam nichts weg. Das Einhaltung des siebten Gebots war Selbstverständlichkeit.
Fisch in quadratischer Form
In unserer Heimat gab es keine Jagdgründe für Fische. Der Bach durch den Ort war kaum vier Meter breit und führte keine Tiere, deren Fang sich gelohnt hätte. Fisch kam daher nicht aus dem Wasser, sondern aus dem Laden. Der Tante-Emma-Laden, im Dorf schlicht „bei der Zenzi“, führte tiefgefrorenen Seelachs in quadratischer Form. Die Mutter panierte ihn, dazu gab es Kartoffelsalat. on besonderem Genuss konnte keine Rede sein, aber genau das war der Sinn des Tages.
Das Aschekreuz an der Stirn
In der letzten Abteilung der Messe schritten alle zur Kommunionbank, knieten nieder, und der Herr Pfarrer tauchte Daumen und Zeigefinger in eine Schale mit Asche. Diese war aus den verbrannten Palmkätzchen des Vorjahres hergestellt worden.
Damit zeichnete er ein kleines Kreuz auf jede Stirn. Wir wurden daran erinnert, dass alles ein Ende hat und nicht etwa zwei wie die Wurst.
„Gedenke, o Mensch, dass du Staub bist und wieder zu Staub wirst.“
Der Satz wurde vom hochwürdigen Herrn Pfarrer ruhig gesprochen, beinahe sachlich. Er gehörte zum Jahr wie das Läuten der Glocken. Und danach ging man doch, samt diesem kurzzeitigen Tattoo ins Gasthaus „Zur Rosl“, um mit einem Liter Starkbier sich langsam und hochprozentig auf die Fastenzeit einzustimmen. Und Bier war ja kein Fleich.
Das Aschekreuz machte nicht traurig, es machte nüchtern. Und wem täte heute ein nüchterner Blick nicht gut?
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