Das Attentat – eine literarische Degustation

oder: Wer in das Buch hineinliest, spürt, dass es etwas taugt und kauft es.

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Den Kriminalroman „Das Attentat“ von Frank Jordan muss man nicht ganz gelesen haben, um von seiner Qualität überzeugt zu sein. Die ersten 100 Seiten lassen erkennen, dass man ihn ganz lesen muss. Auch wenn es Zeit kostet. Freilich: 560 Seiten sind kein Pappenstil. Dennoch: Die Zeit, die man zur Lektüre des Gesamten braucht, ist sicher nicht verplempert. Das zeigt das Resümee nach den ersten 100 Seiten. Ein Gastbeitrag von Josef Hueber

Wer Wein nicht nur deswegen kauft, weil Alkohol drin ist, legt Wert darauf, vor dem Kauf zu erahnen, was sich unter dem Korken an Genuss  bereithält. Wer ein Buch mit Verstand kauft, liest nicht nur den Klappentext. Warum? Er wäre vergleichbar mit einem  Weinliebhaber, der beim Weinkauf nur die  schmeichelnde Form der Flasche oder das ansprechende Etikett entscheiden lässt.

Eine Vorwarnung trotzdem: Wer im Roman „Das Attentat“ von Frank Jordan den Raum des Gaunertums betritt, wird gefordert, bis er bisweilen das Gefühl hat, überfordert zu sein. Namen, Orte, Zeiten – alles protokollarisch festgehalten, aber mächtig füllig. Man kann sich in einen Richter versetzen, der mit einem Berg von Akten konfrontiert wird, mit der Vorgabe, bald ein Urteil zu sprechen.

Greifen wir dennoch an. Öffnen wir die Flasche. Anders gesagt: Gehen wir hinein in ein Haus des Unmoralischen, nehmen wir einen ersten Blick in das Haus. Kennt sich jemand sofort aus, wenn er ein unbekanntes Gebäude betritt?

Kleine Vorwegnahme in der Sprache der Literaturwissenschaft. Das hat man am schönsten in Shakespeares Dramen gelernt. Garant zu erwartender  Qualität ist die Exposition. Dort sind alle relevanten Themen angedeutet und grundgelegt, sie werden sich  im Fortgang der Handlung entfalten. Wer Exposition kann, kann den Rest.  Beim Barden aus England sind die Themen immer Gültige, in Das Attentat von Jordan kommen dazu noch aktuelle.

Immer Gültiges: Liebe, Tod, Vertrauen, Enttäuschung, Unmoral. Alles auch im Attentat.

Aktuelles dazu: Gesellschaftskritik, EU, Datenschutz, Politik, Macht, Brüssel.

Bitte nicht nachfragen, wie sich diese Welten im Fortgang öffnen. Hier nur ein paar Beispiele zur Degustation. Weiterlesen empfohlen.

Liebe: im Anfang der Flug in der Luxusklasse einer Privatmaschine. Der „Bankier des Kremls“ und seine Frau: Evgenija Iwanowna Laritskaja,  Gemahlin des Aleksei Wladimirowitsch Laritski. (Zugegeben: Mit den russischen Namen tut man sich schwer, auch wenn man Dostojewski gelesen hat.)

„Es gab kein Wort für solch atemraubendes Sehnen nach dem anderen, für den zerrenden Schmerz – als wär sie ein Stück von ihm, als hätte man sie mit scharfer Klinge aus ihm herausgeschnitten. Er stieß das Namenlose weg von sich. Für den Mann, den sie geheiratet hatte, hatte es solches nicht zu geben.“

Viel später der Tod:  „Was dort die Laken nur geringfügig zu heben vermochte, konnte kaum als Mensch durchgehen. Lautlos schritt sie über den hohen Flor des Teppichs, kam neben dem Bett zu stehen. Mit dem Schaft des Schalldämpfers berührte sie die gelbgespannte Haut von Kolkos Wange. Auch diese Bezeichung war irreführend: Da war nur die Haut über dem Schädel. …Das hier war schlimmer als der Tod.“

Datenschutz: „Denn glaub‘ mir: Abseits des Geschreis der Tagespolitik schlummern in den Tiefen unseres Grundgesetzes die wahren Leckerbissen in puncto Vertraulichkeit im Umgang mit anderer Leute Daten. Ich sage nur: Weißgeldstrategie, Sozialgesetzgebung. Da werden die wahren Tragödien des Datenschutzes geschrieben.“

Das Sowjetsystem: „Ein paranoides, geschlossenes Regierungs- und Machtsystem, das darauf ausgerichtet war, alles zu kontrollieren und alles zu vernichten, was nicht kontrollierbar war.“

Brüssel und die EU: „Sie, die Vorsteherin des Amts für Auswärtige Angelegenheiten, …war es gewesen, die der per Abstimmung geforderten Einschränkung der Personenfreizügigkeit gegen jeden Widerstand aus dem politischen Apparat zum Durchbruch verholfen und den selbsternannten Götzen in Brüssel die Stirn geboten hatte.“

Kulturkritik: „Was sagt er zur Lage der Nation mitten in einem Europa, das in einem albtraumhaften Sumpf von Dekadenz, Staatshörigkeit und islamischer Immigration feststeckt? … Freiheit sichern. Und damit Wohlstand. Das Verrückte daran: Damit gewann man heutzutage keine Wahlen oder Abstimmungen mehr. Freiheit interessierte nur noch als Parole. Rohe, ungekochte, harte Freiheit, damit einhergehende Verantwortung und die stets drohende Möglichkeit der Schuld schreckten ab. Die Leute wollten bequeme Sicherheit. Dazu Politik mit Unterhaltungswert. Demokratie die moderne Version von Brot und Spielen.“

Ein paar Worte zur Erzähltechnik: Sie ist protokollarisch. Ort (meist auch Zeit)  werden  mitgeteilt, was dem Erzählten den Eindruck des Fiktiven wegnimmt.  Anklänge an Brechts Episches Theater drängen sich auf: Szenen, welche die Problematik erhellen, ohne ständig nur chronologisch und  sequentiell zu wirken. Der Leser muss, bis er im Geschehen uneingeschränkt verstehender Zuschauer ist, zunächst die Leistung erbringen, Puzzleteile auf ihre Umrisse zu untersuchen, bevor er sie  zusammenzusetzen kann. Der auktoriale, also allwissende, Erzähler gibt zwar Hinweise als Hilfestellung, man wird aber nicht mit der  Nase  auf die Zusammenhänge gestoßen.

So what? Kaufempfehlung?

Wer nur im Liegestuhl am Strand entspannen, endlich seine Probleme und die der Welt hinter sich lassen will, soll sich diesem Thriller nicht stellen. Das Attentat ist zu bedrängend, weil absolut aktuell, und der Text braucht die volle Konzentration des Lesers. Mal so vor-sich-hinlesen geht gar nicht. Auch zur Überwindung von nächtlichen Schlafunterbrechungen eignet er sich nicht.

Wer Sprache schätzt, die phraseologisch nicht aus dem Baukasten der Trivialliteratur entnommen ist, die mit ungewohnten Vergleichen überrascht, wer gekonnte Bilder liebt, und  wer Banalität nicht als den Inbegriff des Chillens sieht- er geht mit dieser Lektüre in ein intellektuelles und literarisches Fitness-Studio.

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