
(David Berger) Gewalt, Drogen und sogar die Gefahr, von sogenannten „Loverboys“ in die Prostitution gedrängt zu werden: An deutschen Schulen muss die Polizei Jugendliche inzwischen vor Entwicklungen warnen, die früher eher mit kriminellen Milieus als mit dem Schulalltag verbunden wurden. Der Staat reagiert mit Präventionsprogrammen – doch damit stellt sich auch die Frage, warum Kinder überhaupt in einem solchen Ausmaß auf diese Gefahren vorbereitet werden müssen.
Was ist aus unseren Schulen geworden? Diese Frage drängt sich angesichts von Berichten über Gewalt, Drogen und sexuelle Ausbeutung immer häufiger auf. Wie „Der Westen“ berichtet, ist die Polizei inzwischen unmittelbar an Schulen präsent, um Jugendliche über Gefahren aufzuklären, denen sie im Alltag begegnen können. Dass Prävention notwendig ist, steht außer Frage. Wenn junge Menschen gefährdet sind, muss man sie schützen und ihnen zeigen, wie sie sich im Ernstfall verhalten können. Erschreckend ist vielmehr, vor welchen Gefahren Schüler heute überhaupt geschützt werden müssen.
Polizei im Klassenzimmer
Nordrhein-Westfalen hat die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Polizei zuletzt verstärkt. Im Rahmen eines Pilotprojekts gehen Polizeibeamte in den Unterricht und sprechen mit Schülern über Gewalt, Straftaten, Notwehr und Opferschutz. Das Programm ist Teil einer verstärkten Gewaltprävention an Schulen. Der WDR berichtete im April, dass entsprechende Angebote bei Schülern und Schulen auf positive Resonanz stoßen.
Natürlich ist es sinnvoll, wenn ein Zwölfjähriger weiß, wann aus einer vermeintlichen Rangelei eine Körperverletzung wird und wie er reagieren soll, wenn ein Mitschüler bedroht wird. Aber man sollte sich nicht daran gewöhnen, dass Polizeipräsenz und kriminalpräventive Schulstunden zunehmend als selbstverständlicher Bestandteil des Bildungsalltags erscheinen. Schule sollte zunächst ein Ort des Lernens sein. Ein geschützter Raum, in dem Kinder lesen, schreiben und rechnen lernen, Geschichte, Literatur und Naturwissenschaften entdecken und sich zu selbständigen Persönlichkeiten entwickeln können. Wenn jedoch immer mehr Zeit und Energie darauf verwendet werden müssen, Gewalt einzudämmen, Konflikte zu entschärfen und Jugendliche vor kriminellen Strukturen zu warnen, dann stimmt etwas Grundsätzliches nicht mehr.
Wenn aus der ersten Liebe ein Albtraum wird
Besonders erschütternd ist die Gefahr durch sogenannte „Loverboys“. Dabei handelt es sich keineswegs um irgendeinen modischen Begriff für problematische Teenagerbeziehungen. Hinter der Masche können Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung stehen.
Die Täter suchen gezielt den Kontakt zu jungen Mädchen und Frauen, täuschen ihnen Liebe und Zuneigung vor, machen sie emotional abhängig und isolieren sie zunehmend von Familie und Freunden. Am Ende werden Betroffene zur Prostitution gedrängt oder gezwungen. Das nordrhein-westfälische Opferschutzportal beschreibt genau diesen Mechanismus und weist darauf hin, dass Täter gezielt nach Mädchen suchen können, die Probleme in der Schule oder in der Familie haben.
Auch die Polizeiliche Kriminalprävention warnt ausdrücklich davor, dass Täter ihre Opfer nicht nur über soziale Netzwerke und Chats, sondern beispielsweise auch vor Schulen ansprechen. Das muss man sich vor Augen führen: Mädchen gehen morgens zur Schule, und der Staat muss sie darauf vorbereiten, dass Männer versuchen könnten, ihre jugendliche Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung auszunutzen, um sie schließlich sexuell auszubeuten.
Prävention ist notwendig – aber sie löst nicht das Grundproblem
Die politische Antwort auf solche Entwicklungen lautet fast immer: mehr Prävention, mehr Sozialarbeit, mehr Projekte, mehr Sensibilisierung. All das kann sinnvoll sein. Aber Prävention darf nicht zum Ersatz für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Ursachen werden.
Denn wenn Gewalt, Drogenhandel und sexuelle Ausbeutung junge Menschen erreichen, genügt es nicht, ihnen lediglich beizubringen, wie sie sich davor schützen können. Ein funktionierender Staat muss zugleich dafür sorgen, dass diejenigen, die Kinder bedrohen, Drogen verkaufen oder junge Frauen sexuell ausbeuten, möglichst wenig Gelegenheit dazu bekommen. Dazu gehören eine handlungsfähige Polizei und Justiz ebenso wie klare Regeln an Schulen, konsequente Sanktionen bei Gewalt und ein gesellschaftliches Klima, das Autorität, Verantwortung und Grenzen nicht grundsätzlich unter Verdacht stellt.
Die Normalisierung des Unnormalen
Vielleicht liegt genau hier eine der gefährlichsten Entwicklungen unserer Zeit: Wir gewöhnen uns an Zustände, die vor wenigen Jahrzehnten noch einen gesellschaftlichen Aufschrei ausgelöst hätten. Gewaltprävention im Unterricht? Dann entwickeln wir ein Programm. Drogenprobleme? Dann brauchen wir einen Workshop. Loverboys, die Mädchen in die Prostitution treiben? Dann erstellen wir Informationsmaterial.
Jede einzelne dieser Maßnahmen kann notwendig und hilfreich sein. Doch zusammengenommen entsteht der Eindruck einer Politik, die nur noch Symptombehandlung ist, weil sie Angst hat die Ursachenbehebung könnte politisch nicht ins linke Weltbild passen und „unschöne Bilder“ produzieren, von einer Gesellschaft, die sich immer besser darin organisiert, mit den Folgen ihrer Probleme zu leben, anstatt deren Ursachen entschieden zu bekämpfen. Das gilt umso mehr, als die Probleme keineswegs auf das Schulgebäude begrenzt bleiben. In Nordrhein-Westfalen wird beispielsweise über offene Drogenszenen in unmittelbarer Nähe von Schulen berichtet. In Kleve schilderte der WDR erst im Juli, wie in einem Wohngebiet nahe einer Schule praktisch rund um die Uhr gedealt werde.
Kinder brauchen wieder Schutzräume
Eine Gesellschaft zeigt ihren Zustand nicht zuletzt daran, wie sicher ihre Kinder aufwachsen können. Eltern müssen erwarten dürfen, dass ihre Tochter morgens zur Schule gehen kann, ohne von Kriminellen angesprochen zu werden. Sie müssen erwarten dürfen, dass ihr Sohn keine Angst vor Gewalt haben muss. Und sie dürfen erwarten, dass Schule nicht zum Reparaturbetrieb für sämtliche gesellschaftlichen Fehlentwicklungen wird.
Dazu braucht es mehr als Projekte und Broschüren. Es braucht die Bereitschaft, Ordnung durchzusetzen, Grenzen zu ziehen und Fehlentwicklungen auch dann offen zu benennen, wenn deren Ursachen politisch unangenehm sind. Die Polizei im Klassenzimmer kann Kindern helfen, Gefahren zu erkennen. Dafür verdienen die beteiligten Beamten Unterstützung. Eine erfolgreiche Politik müsste jedoch dafür sorgen, dass Kinder möglichst selten überhaupt in Situationen geraten, in denen sie dieses Wissen benötigen. Denn der Maßstab einer funktionierenden Gesellschaft kann nicht sein, wie professionell sie Zwölfjährige auf Gewalt, Drogen und sexuelle Ausbeutung vorbereitet. Der Maßstab muss sein, wie gut sie Kinder davor schützt.






