(Michael van Laack) Wir erinnern uns: Am Freitag hatte ein mittlerweile als 36-jähriger Libanese identifizierter Mann zunächst mehrere Fahrzeuge mit einem Messer und Tritten beschädigt, einige davon angehalten und Passanten sowie Autofahrer mit einem Messer bedroht. Die Polizei konnte ihn nicht anders stoppen, als ihn zu erschießen…

ARD und ZDF sowie manch anderen großen Medien war die Tat selbst zunächst keine Meldung wert. Erst als klar wurde, um wen es sich beim Täter handelte, witterten die üblichen Verdächtigen Gefahr von rechts, die aufkommen könnte, wenn die Tat nicht sofort entsprechend geframt und verharmlost würde.

Paradebeispiel für das Framing der Aufrechten und Anständigen

Einen besseren Teaser konnte man kaum finden. Das bewaffnete von einem Polizisten hingemeuchelte libanesische Opfer, das aus einem vollständig unbekannten Motiv handelte:

Klickt man auf den verlinkten Artikel des Tagesspiegels, bekommt man nach wenigen Sätzen die entscheidende Beruhigungsdosis gespritzt: „Anhaltspunkte für ein religiöses Motiv haben sich demzufolge bislang nicht ergeben, wie ein Polizeisprecher sagte.“, heißt es im Text.

Ab jetzt lesen nur noch 10 % weiter

Kommunikationswissenschaftliche Studien verschiedener Universitäten weltweit aus den vergangenen Jahrzehnten haben nachgewiesen, dass nach klarer Einordnung eines Ereignisses in den ersten fünf bis zehn Sätzen das Interesse der meisten Leser, mehr zu erfahren, rapide abnimmt. Die einen lesen nicht weiter, weil sie sich bestätigt fühlen (hier: Der arme unschuldige Libanese), andere weil ihnen das Ereignis insgesamt als nicht wichtig erscheint und zudem die Wertung der Redaktion klar und deutlich ist.

Das seien zwischen 85 und 90 % aller Zeitungs- und Online-Leser. Eine wirklich große Zahl. All diese Leute bekommen dann nämlich nicht mehr das mit, was nach gelungenem Framing im Artikelverlauf beschrieben wird. Denn im Artikelverlauf werden (auch das zu fast 70 %) oft Informationen gegeben, die im absoluten Widerspruch zum Framing stehen. So auch hier.

„Allahu Akhbar“ und aggressives Verhalten gegenüber Bürgern und Polizisten

Der Täter rief mehrfach laut „Allahu Akhbar“, als er seine Attacken und Bedrohungen durchführte, heißt es im Fortgang des Artikels. das hat selbstverständlich nichts mit religiösen Motiven zu tun. Schließlich ruft jeder Christ, bevor er in der Öffentlichkeit eine Straftat begeht auch laut: „Vater unser, geheiligt werde Dein Name!“ Oder?   Klar, das muss so sein! Denn würden der „Tagesspiegel“ und die Polizei uns vielleicht Teile der Wahrheit vorenthalten, weil sie uns beunruhigen könnten? Nein, niemals!

Der Libanese war ein Opfer, lesen wir zudem. Das glauben nun – wie oben erwähnt 85 bis 90 % der Leser. Sie wissen leider nicht, was Ihnen an Erkenntnissen entgeht, weil sie den Artikel nicht zu Ende lesen: „Weil der Mann mit der Messerklinge in der Hand auch die Beamten bedrohte und sich weder von Pfefferspray noch dem Einsatz eines Tasers stoppen ließ, hatte ein Polizist mehrere Schüsse auf den Mann abgegeben. Der Mann starb noch am Einsatzort.“ und „Eine extremistische Motivation für sein Verhalten könne nicht ausgeschlossen werden…“

Nicht „Lügenpresse“ sondern Täuschungspresse

So geht Framing nach den Handbüchern. Herzlichen Dank dafür an den „Tagesspiegel“, der mir die Gelegenheit gab, mal etwas dezidierter zu diesem Thema zu schreiben. Und nein: Ihr seid keine „Lügenpresse“. Denn Ihr entstellt nur immer wieder die Wahrheit mäßig bis unmäßig, in dem Ihr oft in Teaser und Artikeleinleitungen Fakten nicht aussprecht, sondern ein tiefschwarzes Bonbon in weißes Papier einpackt und das Produkt mit „Heller Genuss“ bewerbt.

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Jahrgang 1965 – Wohnsitze in Bayern und NRW - Deutscher und US-amerikanischer Staatsbürger – Zunächst Berufsausbildung zum Industriekaufmann/Wirtschaftsassistent – Danach Diplomstudiengänge (Katholische Theologie, Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaften) u.a. in Bochum und Passau. – Einige Jahre Erzieher in privaten Internaten (u.a. Schloss Neubeuern und St. Ottilien) – In kirchlichen und politischen Milieus je nach Betrachtungsweise mehr oder weniger gut vernetzt – Aktuell im politischen Betrieb als „Ghost“ Reden- und Vortragsschreiber sowie Mitautor und Korrektor. Zudem strategischer und konzeptioneller Berater bei diversen Wahlkampagnen außerhalb Deutschlands. Bis zu meinem Engagement für den Blog eher öffentlichkeitscheu. Das bin ich in gewisser Weise auch heute noch. Persönliche Kontakte pflege ich am liebsten nur beruflich oder in der Familie. Aktuelle Fotos von mir oder Fotos im Zusammenhang mit dem ein oder anderen Projekt vermeide ich, so gut es geht. Ein guter Freund nannte mich einmal einen Semi-Soziopathen. Auch wenn das ein hartes Wort ist: es beschreibt keine psychische Erkrankung, wie man vermuten dürfte und trifft deshalb sehr gut! Zwar bin ich prinzipiell sehr empathisch, doch schätze ich nicht die Nähe von Hinz und Kunz, lasse also ungern Menschen an mich heran. Ich spiele gern und hin und wieder auch erfolgreich mit Sprache, schotte meine Familie so weit es geht von der Öffentlichkeit ab und mache auch immer wieder mal – so auch hier - ein Geheimnis aus meinem vollständigen Lebenslauf. Diese Geheimniskrämerei hat schon manchen dazu verleitet, Legenden über mich zu verbreiten. Aber das ist OK. Ich habe ein sehr dickes Fell und Desinformation ist ja auch ein gern genommenes Tool im politischen Betrieb.