(Michael van Laack) In wenigen Wochen wissen wir, welchen Weg die AfD in der kommenden Legislatur und wohl auch darüber hinaus gehen wird. Unterschiedlicher könnten die Teams nicht sein (sowohl programmatisch als auch charakterlich), die die AfD in den Bundestagswahlkampf führen wollen.

Und so müssen die Mitglieder der Partei einen Richtungsentscheid treffen. der für die Zukunft der Partei bedeutungsvoller sein wird, als alles, was die Mitglieder jemals auf Parteitagen zu entscheiden hatten. Denn es geht um nicht mehr und nicht weniger als die Frage: Werden sich die Mitglieder für Stabilität entscheiden oder für Wankelmut? Wählen sie mehrheitlich das Spitzenduo der AfD oder der Flügelpartei? Wollen Sie Einheit oder Spaltung, inhaltliche Auseinandersetzung mit den politischen Mitbewerbern oder deren kontinuierliche inhaltsleere Provokation?

Chrupalla und Weidel – Die Macher?

Aktuell machen sie jedenfalls nicht viel. Was die Entscheidung um den Sieg bei der Wahl zum Spitzenduo betrifft, scheinen sie sich bereits sehr sicher zu sein. Vielleicht sogar ein wenig überheblich? Zu diesem Ergebnis kommen jedenfalls gute Freunde des Flügels und der „Identitären Bewegung“. So der Feldzug-Blog, den Daniel Sebbins „Okzident Media“ betreibt, der immer mal wieder gern die heimelige Rittergut-Atmosphäre des Clubs der toten Denker um Götz Kubitschek genießt. Er verbreitete gestern öffentlich diesen Weckruf:

Und auch inhaltlich kommt nichts. Weidel und Chrupalla verlassen sich nicht erst seit der Bekanntgabe ihrer Spitzenkandidatur darauf, dass schon alles so laufen wird, wie beim Parteitag in Dresden in entscheidenden Fragen wie z. B. dem Dexit. Sie sind siegessicher. Wohl auch deshalb lesen wir auf ihren Twitter- und Facebook-Profilen in den letzten Wochen kaum Substantielles. Aus ihrer Sicht scheint alles gesagt. Merkels „Sie kennen mich!“ scheint innerparteilich ihr Leitwort zu sein.

Nur Allgemeinplätze! Also eine Wundertüte?

Wohl auch deshalb – oder weil er es sich nicht erlauben zu können glaubt, bestimmte Wählergruppen im Dunstkreis der Unvereinbarkeitsliste zu vergraulen – hat sich Tino Chrupalla nicht einmal öffentlich zum aktuellen Thema der antijüdischen Hasswelle geäußert. Geschweige denn zum Angriff auf Israel. Aber auch in Fragen der Corona- und Wirtschaftspolitik kommt nahezu nichts. Auf Twitter von Alice Weidel ein Gruß zum Muttertag, von Chrupalla innerparteiliche Mandatsrückgabe-Forderungen (Lars Patrick Berg) und auf Facebook ein kurzer Hinweis auf den Kohleausstieg, ohne Altenrnativen aufzuzeigen. Dazu das – wie es den Anschein hat – einzige Thema das die beiden wirklich können: „Grenzen sichern, illegale Migration verhindern.“

Eine Wundertüte sind Chrupalla und Weidel dennoch nicht. Wer Sie wählt, wählt nicht die AfD, sondern die Flügelpartei in den Bundestag. Wählt die Nähe zur „Identitären Bewegung“ und den Ethnopluralisten des Ritterguts. Wählt ein Duo, das keinerlei Ideen zur Reformierung der EU hat, sondern nur „Dexit, Dexit über alles!“ grölen kann. Klar, nicht wenige Parteimitglieder wollen genau das hören. Aber sie vergessen vollkommen: es sind nicht die Parteimitglieder allein, die eine starke AfD-Fraktion in den Bundestag wählen. Und Deutschland nicht nur aus Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Keine unterfütterten Statements

Das Team der Flügelpartei wird viele Wähler abschrecken, denn zu sehr ist es verbandelt mit jenen, die nicht einfach nur berechtigte Kritik am Verfassungsschutz üben, sondern gemeinsam mit der Linkspartei seine Auflösung fordern. Fast ausschließlich spielt das Team Weidel/Chrupalla den zweifellos wichtigen Themenkomplex Migration, Islam, Innere Sicherheit – als gäbe es Wirtschafts- und Sozialpolitik überhaupt nicht. Als sei Außenpolitik nichts anders, als in der Welt herumzureisen und den anderen Nationen klar zu machen, was sie zu tun haben, damit sie von Deutschland geliebt und beachtet werden.

Befragt man die beiden Flügler zu Themen außerhalb ihrer Spielwiese, gibt es zumeist nur Verweise auf das Wahlprogramm, ohne Fleisch an die Knochen zu bringen oder gar zu begründen, warum die Partei denn nun dieses oder jenes als Ziel vorgebe oder fordere.

Cotar und Wundrak – Die zukunftsfähigen Außenseiter

Die Vertreter der „Bürgerlichen Mitte“ um Wundrak und Cotar mobilisieren kaum. Man kann man den Eindruck gewinnen, viele von ihnen hätten schon aufgegeben, bevor es überhaupt los ging. Nichts das Spitzenduo selbst, aber doch jene, die sie wählen werden bzw. geäußert haben, das zu tun. Bisher ist die Unterstützung für das Team in den sozialen Netzwerken sehr verhalten. Während Weidel nur „Pieps“ sagen muss, damit ihr die Likes und Teilungen aus der Flügelpartei zufliegen, müssen Cotar und Wundrak – so hat man den Eindruck – im eigenen Lager beinahe schon darum betteln, in den sozialen Netzwerken unterstützt zu werden.

Und das, obwohl die beiden im Gegensatz zu den Konkurrenten in diesem Lagerwahlkampf viel zu sagen haben, absolut integer sind und – ohne auch nur den leisesten Zweifel aufkommen zu lassen – voll und ganz auf dem Boden der freiheitlichen Grundordnung unserer Republik stehen.

Zudem haben sie klare Vorstellungen zu den Themen, die viele Bürger aktuell bewegen: wirtschaftliche Not, Klimawandel, Innen- und Außenpolitik. Sie stehen für die AfD, nicht für die Flügelpartei. Mit ihnen wird es keinen einseitig auf das Thema Migration, Bundesverfassungsschutz und Coronapolitik-Bashing ausgerichteten Wahlkampf geben. So werden breitere Wählerschichten angesprochen, die aktuell noch unsicher sind, ob sie von der CDU zur AfD, zur FDP oder den „Freien Wählern“ wechseln sollen.

Warum die mangelnde Unterstützung im eigenen Lager

Die Bürgerlichen der Partei sind träge, nehmen oft die Haltung ein, dass am Ende schon alles gut gehen wird. Und einige ihrer Mandatsträger wagen sich auch nicht zu weit aus dem Fenster, weil sie sich von der internen Flügel-Propagandamaschine mürbe und mutlos haben machen lassen. Sie glauben nicht an den Sieg ihrer eigenen Kandidaten und taktieren.

Um störungsfrei in Ländern und Bund ihre eigene nächste Legislatur überstehen zu können, glauben sie, sich nicht outen zu dürfen als Unterstützer von Wundrak und Cotar, weil sie so bei den vermeintlichen Siegern auf der Abschussliste stünden. Was vermutlich auch so sein würde, aber dennoch kein Grund sein darf, das Gewissen in den Tresor zu packen und den Schlüssel wegzuwerfen, wenn man sich nicht einreihen will bei jenen Unionsabgeordneten, die Merkel nur um ihrer Karriere willen stützen.

Stillschweigen der Bürgerlichen ist das größte Pfund der Flügelpartei

Und so steht zu befürchten, dass, wenn jetzt nicht jeder Bürgerliche mobil macht, die sich selbst erfüllende Prophezeiung vor der Tür steht. Zu oft in den vergangenen Jahren scheuten die Bürgerlichen sich vor Auseinandersetzungen mit der Flügelpartei, zu oft schloss man Kompromisse oder ging zwei Schritte vor und einen zurück. Dieses eine Mal dürfen sie es nicht tun! Sie dürfen sich jetzt nicht mehr verstecken, sondern müssen offen ihre Überzeugung in die Netze hinausrufen: „Um der Zukunftsfähigkeit der Partei willen, ja, um der Zukunft unseres Vaterlandes willen stellen wir uns gemeinsam an die Seite des bürgerlichen Spitzenduos.“

Stillschweigen bedeutet Zustimmung zum Spitzenduo der Flügelpartei, deren einziger Erfolg in den vergangenen Jahren darin bestand, für die Gesamtpartei negative Schlagzeilen zu produzieren, sie im Westen massiv schrumpfen und im Osten kaum Potenzial hinzugewinnen zu lassen. Eine echte Alternative kann die AfD für Deutschland nur werden und bleiben, wenn ihr politische Vernunft statt ewigem Protest und dem weiteren Austesten des Sagbaren innewohnt.

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Jahrgang 1965 – Wohnsitze in Bayern und NRW - Deutscher und US-amerikanischer Staatsbürger – Zunächst Berufsausbildung zum Industriekaufmann/Wirtschaftsassistent – Danach Diplomstudiengänge (Katholische Theologie, Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaften) u.a. in Bochum und Passau. – Einige Jahre Erzieher in privaten Internaten (u.a. Schloss Neubeuern und St. Ottilien) – In kirchlichen und politischen Milieus je nach Betrachtungsweise mehr oder weniger gut vernetzt – Aktuell im politischen Betrieb als „Ghost“ Reden- und Vortragsschreiber sowie Mitautor und Korrektor. Zudem strategischer und konzeptioneller Berater bei diversen Wahlkampagnen außerhalb Deutschlands. Bis zu meinem Engagement für den Blog eher öffentlichkeitscheu. Das bin ich in gewisser Weise auch heute noch. Persönliche Kontakte pflege ich am liebsten nur beruflich oder in der Familie. Aktuelle Fotos von mir oder Fotos im Zusammenhang mit dem ein oder anderen Projekt vermeide ich, so gut es geht. Ein guter Freund nannte mich einmal einen Semi-Soziopathen. Auch wenn das ein hartes Wort ist: es beschreibt keine psychische Erkrankung, wie man vermuten dürfte und trifft deshalb sehr gut! Zwar bin ich prinzipiell sehr empathisch, doch schätze ich nicht die Nähe von Hinz und Kunz, lasse also ungern Menschen an mich heran. Ich spiele gern und hin und wieder auch erfolgreich mit Sprache, schotte meine Familie so weit es geht von der Öffentlichkeit ab und mache auch immer wieder mal – so auch hier - ein Geheimnis aus meinem vollständigen Lebenslauf. Diese Geheimniskrämerei hat schon manchen dazu verleitet, Legenden über mich zu verbreiten. Aber das ist OK. Ich habe ein sehr dickes Fell und Desinformation ist ja auch ein gern genommenes Tool im politischen Betrieb.