(Michael van Laack) Ich hätte es nicht für möglich gehalten, jemals veranlasst – ja fast schon genötigt – sein zu können, in diesen Spalten Götz Kubitschek zu verteidigen. Und schon gar nicht gegen oder doch zumindest in Zusammenhang mit Georg Restle, der in Fragen der Grundrechte oft nicht auf der Seite unserer allweisen Regierung und des Bundesverfassungsgerichts steht.

Heute aber ist es dann doch soweit. Grund: der aus meiner Sicht schäbigste Tweet, den Restle veröffentlicht hat, seit ich ihn auf Twitter lese. Der AfD-Slogan „Deutschland, aber normal“ ist für Georg Restle lediglich der Versuch einer rechsextremen Partei, ihr völkisches Gedankengut in den Köpfen der Bürger zu verankern.

Was meint „Normalisierungspatriotismus“?

Am letzten Septembertag 2019 veröffentlichte Götz Kubitschek unter der Überschrift „Normalisierungspatriotismus“ im Netz einen Artikel, der sich gedruckt in der Sezession 92 (10/19) findet. In diesem Artikel spürt er der Frage nach, wie eine Gesellschaft, der über mehrere Jahrzehnte das Denken in bestimmten Kategorien und die Verwendung bestimmter Begriffe von einer sich immer weiter nach Links verschiebenden politischen und medialen Mehrheit abgewöhnt wurde, wieder mit diesen „Unworten“ und Tabuthemen und so mit den sie verkörpernden politischen Werten in Fühlung gebracht werden könnte.

Dieser Weg, so Kubitschek, ist kein einfacher, denn die Bürgerlichen, Konservativen und Patrioten haben über viele Jahre geschlafen, sich sedieren lassen von den Angeboten der etablierten Parteien, in ihnen konservative Nischen zu bewohnen.

So kommt er zu dem Schluss: „Wer politisch gestalten will, braucht Macht, und Macht ist in einer Demokratie nur über demokratisch legitimierte Mehrheiten zu erreichen – parlamentarisch, direkt oder appellativ. Auf dem mühsamen Weg dorthin muss die mögliche Mehrheit an Vokabeln, Argumente, Grundlagen, Wertungen und Tabus gewöhnt werden, deren sie jahrzehntelang entwöhnt wurde. Die Neudeutung und Rekonstruktion der kaputten Begriffe und falschen Schlussfolgerungen muss dabei wie ein langsames Unterschieben organisiert werden.“

„Unterschieben“ – Wie schändlich und demokratiegefährdend

Könnte man auf den ersten Blick meinen. Oder zu der Ansicht gelangen, dass die CDU und die Grünen Kubitschek intensiver gelesen und besser verstanden haben, als alle Vorläufer der AfD und diese Partei zusammen. Denn sie waren es, die über viele Jahre Begriffe mit neuen Inhalten gefüllt haben, die gängige Vokabeln zu Kampfbegriffen gegen konservative oder neurechte politische und auch kirchliche Position gemacht haben. Und nun ernten sie den Erfolg ihrer Bemühungen.

Durch die Anwendungsausweitung von Begriffen wie Rassismus oder deren Verengung (Antisemitismus), die sie vor Jahren in die Debatte eingeführt haben, ist es ihnen gelungen, weite Teile der Bevölkerung durch die „Wertung“ einer politischen Position oder der Ansicht einer Person z. B. als rassistisch zu veranlassen, sich inhaltlich mit der Position oder den Äußerungen der Person erst gar nicht selbst zu befassen.

Wie Hunde sind weite Teile der Bevölkerung mittlerweile darauf trainiert, auf das Zurufen eines Codewortes hin auf die eigene Auseinandersetzung mit einer Fragestellung zu verzichten, weil sie mit einem gängigen negativen Prädikat „ausgezeichnet“ wurden. Und zwar von jenen, die sich selbst die Prädikate „aufrecht“, „anständig“ oder „demokratisch“ verliehen haben. Dies taten sie gegenseitig über einen längeren Zeitraum öffentlich und redundant, bis Mehrheitsfähigkeit der Einschätzung hergestellt war. Zu dieser Gruppe, die sich das aktuell genossene Vertrauen der Mehrheit der Bevölkerung auf diese Weise „erarbeitet“ (konstruiert) hat, gehören auch die sogenannten „Faktenchecker“.

Die neue Normalität liegt im „rechts“freien Raum

Auch der Gerechtigkeitsbegriff wurde nach Kubitscheks Anregungen umgestaltet. Jedermann hat von der bloßen Vokabel Gerechtigkeit die gleiche Vorstellung: Folglich macht es für die Linke Sinn, Debatten über den Klimawandel oder Gender Mainstream mit diesem Begriff zu komponieren: Geschlechtergerechtigkeit, Klimagerechtigkeit. Oder in der aktuellen Corona-Debatte Impfgerechtigkeit. Welcher Bürger möchte schon als Verteidiger der Ungerechtigkeit dastehen: „Du Ungerechter unter den Völkern.“ Das möchte gewiss niemand über sich sagen hören.

Somit sind Kubitscheks Überlegungen im Ganzen vollständig legitimiert durch jene Akteure des linken Spektrums, die sich bereits seit vielen Jahren dieser Strategie bedienen. Und folglich ist es  auch legitim, dass die AfD ihre Positionen als solche normal denkender Menschen einführt. Ihr allerdings gelingt es  – wie der neuen Rechten insgesamt – nahezu gar nicht, neuen Wein in alte Schläuche zu füllen und damit in manchen Fragen mit Blick auf die Begriffe Deutungshoheit zu erlangen. Das liegt hauptsächlich an linken Journalisten wie z. B. Georg Restle.

Sprachhygiene versus Normalisierungspatriotismus

Der politischen Linken gelingt es zunehmend, dem bisher in keiner Gesellschaft Normalen diesen Rang zuzusprechen. Das Abnormale, die Minderheit-Meinung oder -lebensform, soll in den Status des Normalen erhoben werden. Denn alles ist normal für Linke. Außer dem Normalen, Das ist verstaubt, mittelalterlich, nationalistisch – einfach nur „menschenfeindlich“. Nicht nur Begriffe wie Solidarität und Gemeinschaft füllt die Linke mit neuen Inhalten, die Exklusivität suggerieren, sondern sie nimmt auch zunehmend Einfluss auf Sprechen und Sprache.

Sei es, indem sie den Menschen abtrainiert, in Tweets oder Postings Begriffe wie Neger oder Zigeuner zu schreiben; sei es, indem sie das Sprechen und Schreiben des Gendersternchens mit der Begründung, nur der sei ein gerechter Bürger, der sich der Geschlechtergerechtigkeit nicht in den Weg stellt, forciert. Auch schafft sie neue Begriffe wie z. B. „Zivilgesellschaft“. Um diesem exklusiven Club der Zivilisierten angehören zu können, darf man weder normal noch unpolitisch sein. Wer Zutritt zum Diskursraum erhalten möchte, muss den Jargon und die Hermeneutik der Normalisierungssozialisten verinnerlicht haben.

Normalisierungssozialismus

Und deshalb kann ich die Aufregung von Georg Restle und manch anderem Vertreter der Linken nicht verstehen. Denn das, was Kubitschek von der neuen Rechten befürchtet, vollzieht in diesen Tagen die alte und die neue Linke. Wenn auch mit Werten und Methoden, die außerhalb des Normalen und oft auch außerhalb des Bodens stehen, auf dem unsere Demokratie ruht: Auf dem Grundgesetz.

Und so möchte ich zum Schluss noch einmal Götz Kubitschek mit einem ernüchternden Fazit zu Wort kommen lassen. Und damit die Hoffnung verknüpfen, das Georg Restle das Heraufziehen eines neuen Weimars bis auf Weiteres aus seinem Visions-Repertoire streicht, da es weder in unserer Absicht liegt, Weimar neu auferstehen zu lassen noch wir dazu in absehbarer Zeit die Möglichkeit hätten, wenn wir es doch wollen würden. Daher meine persönliche Bitte an ihn: beteiligen sie sich nicht weiter an dem Vernichtungsfeldzug gegen den Konservativismus und die bürgerliche Mitte der Gesellschaft. Auch wenn Sie uns für zu normal halten sollten. Normalität stellt entgegen allem, was Sie vielleicht so gehört haben mögen, keine Gefahr für die Demokratie dar.

Normalisierungpatriotismus: Keine blühende Blume, nur ein zartes Pflänzchen

„Normalisierungspatriotismus: Das ist die Wiederherstellung des Selbstverständlichen und Tragfähigen, die Rekonstruktion des Angemessenen und Zuträglichen, und bereits das ist, so bescheiden es klingt, eine Herkulesaufgabe. Sie anzugehen und zu meistern, bedarf eines Bekenntnis- und Widerstandsmutes, der weit jenseits dessen liegt, was dem durchschnittlichen Bürger unserer Tage zuzumuten wäre.

Der Normalisierungspatriotismus ist der kleinste gemeinsame Nenner und das maximal erreichbare politische Ziel. Man muss es beschreiben, formulieren, seine Sprödigkeit betonen, und man muss eine Art zurückhaltender Begeisterung für diese Sprödigkeit, diesen Rückbau, diesen nüchternen Dienst an und in einer Massendemokratie wecken.

Wer aufseiten der Alternative (und das heißt: auf Seiten der Normalisierung) mittun möchte, muss wissen: Dort geht es um Politik, und das ist: das Anti-Erhabene und seine zähen Vertreter. Mehr gibt es nicht.“ (ebd.)

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Jahrgang 1965 – Wohnsitze in Bayern und NRW - Deutscher und US-amerikanischer Staatsbürger – Zunächst Berufsausbildung zum Industriekaufmann/Wirtschaftsassistent – Danach Diplomstudiengänge (Katholische Theologie, Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaften) u.a. in Bochum und Passau. – Einige Jahre Erzieher in privaten Internaten (u.a. Schloss Neubeuern und St. Ottilien) – In kirchlichen und politischen Milieus je nach Betrachtungsweise mehr oder weniger gut vernetzt – Aktuell im politischen Betrieb als „Ghost“ Reden- und Vortragsschreiber sowie Mitautor und Korrektor. Zudem strategischer und konzeptioneller Berater bei diversen Wahlkampagnen außerhalb Deutschlands. Bis zu meinem Engagement für den Blog eher öffentlichkeitscheu. Das bin ich in gewisser Weise auch heute noch. Persönliche Kontakte pflege ich am liebsten nur beruflich oder in der Familie. Aktuelle Fotos von mir oder Fotos im Zusammenhang mit dem ein oder anderen Projekt vermeide ich, so gut es geht. Ein guter Freund nannte mich einmal einen Semi-Soziopathen. Auch wenn das ein hartes Wort ist: es beschreibt keine psychische Erkrankung, wie man vermuten dürfte und trifft deshalb sehr gut! Zwar bin ich prinzipiell sehr empathisch, doch schätze ich nicht die Nähe von Hinz und Kunz, lasse also ungern Menschen an mich heran. Ich spiele gern und hin und wieder auch erfolgreich mit Sprache, schotte meine Familie so weit es geht von der Öffentlichkeit ab und mache auch immer wieder mal – so auch hier - ein Geheimnis aus meinem vollständigen Lebenslauf. Diese Geheimniskrämerei hat schon manchen dazu verleitet, Legenden über mich zu verbreiten. Aber das ist OK. Ich habe ein sehr dickes Fell und Desinformation ist ja auch ein gern genommenes Tool im politischen Betrieb.