Die Ecken bleiben rund – Ben Becker, seine Schwester und #allesdichtmachen

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(c) Manfred Werner/Tsui - CC by-sa 3.0, CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons

Unter #allesdichtmachen haben mehr als 50 Künstler eine Debatte über die Verwandlung unseres Rechtsstaates in ein totalitäres System eröffnet. Dafür haben sie Wut, Hass und üble Staatspropaganda zu spüren bekommen. Und dann hat sich Ben Becker zu Wort gemeldet. Ein Beitrag von Andrea Charlotte Berwing.

Mehr als 50 namhafte Künstler, Schauspieler und Fernsehleute starten einen wertvollen künstlerischen Beitrag unter dem Motto #allesdichtmachen. Es sind satirisch ironische Beiträge, die sich sehen lassen können. Sie zeigen ihre menschliche Seite, eine durchaus auch kritische, tragen bei zu einem vernünftigen Diskurs über eine Regierungspolitik, die nun auch vor Ausgangssperren nicht zurückschreckt. Dem Föderalismus, der gebotenen Menschlichkeit und Verhältnismäßigkeit den Rücken kehrend.

Ein Aufschrei geht durch die Medien, es wird diskutiert, doch nicht nur fair. Im Westen nichts neues. Einige der Künstler rudern zurück, werden in die Rechtfertigungsecke gedrängt. Biermann wurde damals aus der DDR ausgewiesen, als er zu kritisch wurde, zu aufmüpfig. Die Mehrheit der Menschen im Land dankt Jan Josef Liefers.

#DankeJanJosefLiefers trendet. Endlich.

Doch dann schlägt ihnen das entgegen, was vielen aus dem Diskurs ausgeschlossenen Menschen seit Jahren entgegenschlägt: Wut, Moralisieren, Einschüchterung, wie konnten sie nur – so undankbar – sein, wie können sie nur den Diskurs verschieben zu dem doch Unaussprechlichen hin und dann meldet sich Ben Becker zu Wort. In Maske, angemalt, wie passend zu unserer Zeit. Gerade am Set. Er ist wütend über Plastikgeschirr statt Porzellan. „Gerade uns Künstler trifft die Pandemie!“ „Ab morgen ist Altmeier nicht mehr schwul oder was? Wir haben Fragen, … das heißt aber nicht, dass ich mich in eine rechte Ecke drängen lasse. Die bösen Onkels sind auch nicht rechts.“

Durchaus sympathisch, doch zeigt er das, woran unsere Gesellschaft krankt: den ständigen Rechtfertigungszwang, sobald man/frau sich nicht unter eine einzige und heute regierungskonforme Haltung subsumiert.

Der neue Fluchttunnel heute heißt Distanzeritis. Viele geteilte Himmel

Und vielleicht steht dieses Bild Ben Beckers genau für diese Zeit. Wer weiß das schon. Seine Schwester Meret Becker zog nun ihren kritisch satirischen Regierungskurskommentar zurück. Und sah dabei gar nicht so gut aus. Schade.

„Wissen Sie, wir leben in einer Gesellschaft… “

Ja, in was für einer? Ist uns eigentlich bewusst, was wir verloren haben? Es geht nicht nur um Porzellan- oder Plastikteller? Oder vielleicht ja eben doch. Darunter. Es hat etwas mit Stil zu tun, für den es eine genaue Kenntnis der Normen braucht, um ihn leben zu können, zu durchbrechen. Frei zu sein. Uns in etwas hineinbegeben zu können, mit dem wir glücklich sind.

Fühlen zu können. Lieben zu können. Genau das. Champagner oder und Selter. Dieser Lebensstil wird uns von einer billigen trivial, böse banal daherkommenden Regierungspolitik genommen. Und sensible Menschen drehen frei. Wie soll man sich eigentlich gegen eine Diktatur demokratisch noch wehren können, wenn nicht einmal Diskurs möglich ist. Satire. Böser Witz. Eine anzudenkende Wahrheit oder wenigstens die ewige Suche danach. Nach dem ungeschliffenen Diamanten.

Und übrigens nicht erst seit heute. Im Grunde genommen ist die Aktion der Künstler #wirmachenallesdicht ein bisschen spät dran. Sie haben leider das dunkle Schweigen mitgetragen. Lange. Zu lange. Und bemerken nun den Lagerkoller. Die abgrundtiefe Angst dieser Gesellschaft vor Kritik.

Vor dem lustigen Diskurs. Wie ich ihn liebte und liebe

Die kognitive Fähigkeit dieser Gesellschaft war schon lange im Schwund inbegriffen, ein dunkler Brunnen, dessen Wasser schon lange sich vor der Sonne versteckte und schwarz und braun sich einfärbte, voller Keime die fröhlichen Gänge in das Leben verstopfte und die Reflektion dieses wundervollen Geschöpfes weder zuließen, noch wirklich fördern wollten. Über Jahre verloren die ihr zugesicherten Verbindlichkeiten immer weiter an Wert. Im Haifischbecken von angefertigten Listen, Böhmermann, den ich bezahle, damit er alte Ideen von Lagern, Ausgestoßenen ganz im Nazi und SED-Stil wieder aufleben ließ und lässt, konform im Gleichschritt mit der schwarzen Masse. Aber sie machten mit, unsere von Wegelagerern – und welchen ? – bezahlten. Die Künstler und Schriftsteller und Schauspieler. Sie waren ganz leise. So lange Zeit. Zu lange Zeit. Sie ließen sich wirklich zu lange – ewige Zeit.

Es ist installiert. Das Schweigen. Die Ecken sind fest geschraubt in Beton, tief verankert schon im Unterbewusstsein der fröhlichen Masken.

Und hatten wir soeben begonnen zu sehen, so werden wir doch genauso genuin und konsequent uns die Masken wieder anmalen, um blind bleiben zu dürfen. Nur noch tastend und vorsichtig uns fortbewegend. Wir wollen lustig sein und unterhaltsam, doch auch immer politisch korrekt. Seien wir doch nett zueinander und vor allem zum Regierungskurs.

Seit wann war echte Kunst nett? Die kleine Schwester von.

Aber nein, wir sind nicht rechts und wir sind schon gar keine Aluhüte oder Schwurbler oder sonstewas. Was ihr nicht mögen könntet. Das wäre schlimm. Wir benötigen den Beifall. Den Konformitätsschritt. Der ist nur mit Maske möglich: Und egal, welch Maske uns kleidet, schmückt, wichtig ist nur eins:

Die Ecken bleiben rund

Masken sind Folter.. Vor unseren Herzen die Harten. Vor unseren Seelen die scheinbar Intellektuellen. Vor unserem Staat das dunkle Schweigen. Vor unserem Lebensatem begonnen zuerst mit dem dünnen angefütterten und doch immer fester und undurchdringlicher werdenden Stoff, der die Firnis der höchst dubiosen Motivationsstruktur durchbricht:

Anpassung noch im Ersticken!

Das Leben ist ein Schauspiel und ist es auch wieder nicht.

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