(Michael van Laack) „Drei Gruppen von Menschen sollst Du nicht trauen: Politikern, Journalisten und Meinungsforschern.“, sagte meine US-amerikanische Großtante schon 1981 zu mir. Dieses Wort kam mir wieder in den Sinn als ich heute die neuste Umfrage des ZDF zu den Corona-Maßnahmen las. 84 Prozent der Bundesbürger halten demnach die aktuellen Grundrechts-Einschränkungen für angemessen, ein Viertel von ihnen fordere sogar noch härtere Maßnahmen.

„Repräsentativ“ nennt man diese Umfragen. Sie bilden – so die Meinungsforscher – einen Querschnitt durch die Bevölkerung nach Alter, Geschlecht, schulischer und beruflicher Qualifikation und Parteizugehörigkeit bzw. Parteipräferenz ab. Diese Angaben kann selbstverständlich niemand kontrollieren. Es gibt nun mal keinen „Faktencheck“ für solche Behauptungen. Zudem kommt es ja auch darauf an, wie die Fragen gestellt werden.

Nur 14 % der Bevölkerung haben Probleme mit Grundrechtsentzug

Die „Forschungsgruppe Wahlen“, die die Umfragen im Auftrag des ZDF durchführt, ist in punkto Transparenz eine Nullnummer. Sie veröffentlich grundsätzlich nie den Wortlaut der Fragestellungen, die zum Ergebnis führte. Zudem ist fraglich, ob sie zu jeder Umfrage den angestrebten repräsentativen Querschnitt an Befragten zusammenbekommt.

Denn nicht jeder, der angerufen oder online angefragt wird, ist bereit, Auskunft zu erteilen. Oder etwa doch? Ruft man vielleicht regelmäßig die gleichen Personen an, weil man mit ihnen schon gute Erfahrung hinsichtlich der Auskunftsfreudigkeit hat? oder weil man sicher sein kann, dass sie die „richtigen“ Antworten geben? Auch das wissen wir nicht, denn das Politbarometer hält – aus Datenschutzgründen selbstverständlich – alle personenbezogenen Angaben (auch tu Mehrfachanrufen) geheim.

Bevölkerungsanteile sprechen gegen die Umfragewerte

Laut Statistischem Bundesamt sind aktuell 2,6 Millionen Beschäftigte im Einzelhandel (ohne Lebensmittelhandel) beschäftigt. Und 2,4 Millionen in der Gastronomie und im Catering. Im Bundesschnitt leben zwei Drittel der Deutschen in einer Beziehung (Ehe oder dauerhafte Partnerschaft). Da hätten wir noch einmal 2,5 Millionen Bürger, die von der Schließung dieser Betriebszweige mitbetroffen sind. Laut der Statistik aus 2019 leben ca. 65 Millionen über 18-jährige in Deutschland. In der Regel befragt die Forschungsgruppe keine nicht Volljährigen.

Hier haben wir also schon mal elf Millionen Menschen, die selbst von Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit betroffen sind oder deren Partner mitbetroffen sind. Wird auch nur einer von diesen die jetzigen Restriktionen als angemessen empfinden oder gar nach Verschärfungen gieren? Und stammen repräsentativ acht Prozent der Befragten aus dem Gastgewerbe? Sicherlich nicht.

Distanz-Unterricht und Home-Office

8,33 Millionen Schüler gibt es laut Statistischem Bundesamt aktuell in Deutschland. Da auch viele Alleinerziehende schulpflichtige Kinder  oder solche im Kita-Alter haben, rechne ich mal großzügig statt 16,66 nur 12 Millionen Elternteile, die vom Distanzunterricht betroffen sind. Eine verschwindend geringe Zahl von ihnen arbeitet in systemrelevanten berufen mit Recht auf Notbetreuung. Hat die Forschungsgruppe Wahlen bei ihrer Umfrage diese Gruppe mit ca. einem Fünftel der Befragten berücksichtigt?

Kann es sein, dass Eltern in großer Zahl damit einverstanden sind, dass ihre Kinder sozial verkümmern (Ein-Freund-Politik) und ihre Schulbildung nicht vorankommt. Oder darüber, dass der digitale Unterricht häufig nicht funktioniert, sie sich zusätzlichen Urlaub oder Krankschreibungen nehmen müssen. Oder dass sie mit ihren Kindern streiten, ob nun das Home-Office oder der ausnahmsweise mal funktionierende Digitalunterricht Vorrang hat. Und was ist mit den vielen Sozialhilfe- oder ALG-II-Empfängern mit Kindern, die sich nicht einmal einen Laptop leisten und ihren Kindern nicht beim Lernen helfen können. Sind sie auch repräsentativ eingepreist?

Unsere Senioren

Vulnerable Gruppen muss man schützen. Das stimmt! Und deshalb muss man auch besonders auf die älteren und alten Menschen mit einer besonderen Vorerkrankung schauen und auch solche ab Pflegestufe 3 von 5. Aber das schafft man nicht einmal in den Seniorenheimen. Schon gar nicht in privaten Haushalten. Letztere gehören deshalb auch nicht zur Gruppe der Erstzuimpfenden. So z. B. mein Vater. 78 Jahre alt, mit Meiner Mutter zusammenlebend, Pflegestufe 3, COPD Stufe 4, sauerstoffpflichtig. Er wird wohl mindestens bis Mai warten müssen auf die Impfung.

Interessant für dieses Thema sind allerdings die noch rüstigen Senioren ab dem Rentenalter 65. Alle Vereinsaktivitäten sind eingestellt. Der Kaffeeklatsch zuhause wie auch sämtliche Freizeit- und Reiseaktivitäten müssen ausfallen. – Sicherlich. In dieser Gruppe mag die Angst vor einer Erkrankung mit schwerem Verlauf am größten sein, ber ich kenne sehr viele Senioren, die Unverständnis für die Schließung vor allem der Theater und Gastronomie zeigen. Wurden die Senioren auch repräsentativ ausgewählt. Nach Alters- und Krankheitsklassen. Nach ihrem Aufenthaltsort (eigenes zuhause oder Seniorenheim)?

„Wünsch Dir was-Umfrage“

Nein, die Bundesregierung zahlt nicht für das richtige Umfrageergebnis. Denn wie man es erreichen kann, wissen die Meinungsforscher sehr gut. Mit Schein-Repräsentativität und den richtigen Fragen. Deshalb vertraue ich hier mehr dem, was den wirklichen Zustand unserer Republik beschreibt: dem Hinhören beim kurzen Gespräch auf der Straße oder im Lebensmittelladen. Und den seriösen Äußerungen in den sozialen Netzwerken, von denen es deutlich mehr gibt als Hasskommentare und Verschwörungstheorien.

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Jahrgang 1965 – Wohnsitze in Bayern und NRW - Deutscher und US-amerikanischer Staatsbürger – Zunächst Berufsausbildung zum Industriekaufmann/Wirtschaftsassistent – Danach Diplomstudiengänge (Katholische Theologie, Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaften) u.a. in Bochum und Passau. – Einige Jahre Erzieher in privaten Internaten (u.a. Schloss Neubeuern und St. Ottilien) – In kirchlichen und politischen Milieus je nach Betrachtungsweise mehr oder weniger gut vernetzt – Aktuell im politischen Betrieb als „Ghost“ Reden- und Vortragsschreiber sowie Mitautor und Korrektor. Zudem strategischer und konzeptioneller Berater bei diversen Wahlkampagnen außerhalb Deutschlands. Bis zu meinem Engagement für den Blog eher öffentlichkeitscheu. Das bin ich in gewisser Weise auch heute noch. Persönliche Kontakte pflege ich am liebsten nur beruflich oder in der Familie. Aktuelle Fotos von mir oder Fotos im Zusammenhang mit dem ein oder anderen Projekt vermeide ich, so gut es geht. Ein guter Freund nannte mich einmal einen Semi-Soziopathen. Auch wenn das ein hartes Wort ist: es beschreibt keine psychische Erkrankung, wie man vermuten dürfte und trifft deshalb sehr gut! Zwar bin ich prinzipiell sehr empathisch, doch schätze ich nicht die Nähe von Hinz und Kunz, lasse also ungern Menschen an mich heran. Ich spiele gern und hin und wieder auch erfolgreich mit Sprache, schotte meine Familie so weit es geht von der Öffentlichkeit ab und mache auch immer wieder mal – so auch hier - ein Geheimnis aus meinem vollständigen Lebenslauf. Diese Geheimniskrämerei hat schon manchen dazu verleitet, Legenden über mich zu verbreiten. Aber das ist OK. Ich habe ein sehr dickes Fell und Desinformation ist ja auch ein gern genommenes Tool im politischen Betrieb.