Philosophia Perennis

Weihnachten 2020: Das Virus, die Krippe und die Liebe!

(Michael van Laack) Kirchgang? Der ist zwar an Weihnachten für deutlich mehr Menschen wichtig, als an den „normalen“ Tagen im Jahr, wo der Gottesdienstbesuch je nach Region zwischen 3 und 12 % liegt. Aber erst 2020 wurde er durch Corona Thema in der Breite der Gesellschaft. – Feiern unterm Weihnachtsbaum? Das gehört für viele Menschen dazu, ganz gleich, ob sie nun „praktizierende“ Christen, gewohnheitsmäßige Kirchensteuerzahler oder „Atheisten“ sind.

Dann sind da natürlich noch die Geschenke unterm Baum. Je nach Geldbeutel teuer und reichlicher. Oder auch bescheidener, aber von Herzen kommend. Sehr gutes Essen, viel Musik. Mal ein grellbuntes Fest, mal ein besinnliches. Je nach Gusto! Für manche auch die Gelegenheit zu einem Restaurantbesuch. Einem gewohnt exklusivem für die einen. Oder einem aus dem Jahr herausragenden, weil sonst oft das Geld fehlt, sich bedienen lassen zu können. Das wichtigste aber für die meisten: Gemeinschaft!

Mit der eigenen Familie, mit der ansonsten als „buckelig“ beschriebenen Verwandtschaft, mit Freunden. Auch für jene, die allein leben, gibt es immer irgendwelchen Angebote, um die Einsamkeit – die an solchen Tagen besonders schwer drückt, wenn andere sich freuen und gemeinsam feiern – für ein paar Stunden zu vergessen.

2020 – Ein trostloses Weihnachtsfest?

Zweifellos für alle, für die Weihnachten nichts anderes ist, als ein Konsum-Höhepunkt. Ein Tag, auf den man hinarbeitet, weil an ihm alles perfekt sein soll. So perfekt, wie es der Geldbeutel gerade noch erlaubt. Oder leider auch manchmal darüber hinaus, was dann später nur den Gerichtsvollzieher „freut“. Ein Tag, an dem es nicht so sehr um den eigentlichen Anlass des Festes geht, sondern um das „Sehen und gesehen werden“. Für alle, die die Freude in den Augen des Beschenkten (vielleicht sogar seine Beschämung, weil er solche Geschenke nicht erwidern kann) konsumieren wie einen guten alten Cognac. Diesen Menschen zumindest wurde durch die Corona-Restriktionen alles genommen, für das sich Weihnachten aus ihrer Sicht zu feiern lohnt.

Aber auch einer anderen Gruppe: Menschen, die Tage wie diese nutzen, alte Freunde wiederzusehen nach langer Zeit, vor allem aber entferntere Verwandte (dem Wohnort oder dem Blute nach). Denn an Weihnachten kann man sich wie an keinem anderen Tag innerhalb eines Jahres so schwer um die Annahme einer Einladung herumdrücken. Da kommen halt alle zusammen. Das war schon immer so! Die meisten Menschen freuen sich allerdings tatsächlich über die Einladung zur Weihnachtsgans und zur handverlesenen Gemeinschaft. Und so ist auch für diese Gruppe – wenn sie mit Glauben und Kirche nichts am Hut hat – das Corona-Weihnachten 2020 ein ganz besonders schreckliches.

Die kleine Gruppe der „praktizierenden Christen“

Aus ihrer Sicht ist besonders schlimm, dass nur noch wenige Gottesdienste gefeiert werden. In manchen Regionen seit Ende März durchgängig, in manchen erst wieder seit Anfang November. Und zu den wenigen Gottesdiensten muss man auch noch Platzkarten reservieren wie fürs Varieté auf der Reeperbahn. Den einen ist am Gottesdienst die Gemeinschaft das Wichtigste. Die Gemeinschaft der Gläubigen, die während der Liturgie zum Ausdruck kommt (oder zumindest kommen sollte). Vor allem jedoch das halbe Stündchen oder mehr nach dem Gottesdienst, wo man auf dem Kirchplatz ein wenig miteinander redet oder auch zu einer Veranstaltung nach der Messe im Pfarrheim einlädt

Die Verbindung mit Christus ist es – die beständige Möglichkeit, ihm im Tabernakel (bildlich gesprochen) näher zu sein, als an jedem anderen Ort. Und vor allem selbstverständlich die Kommunion. Der Konsum (das darf man ganz offiziell so nennen) des Fleisches und Blutes Christi. „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ – Nun kann man sich natürlich auf die Position zurückziehen: Sowohl nach dem alten als auch dem neuen Usus in der katholischen Kirche reicht die einmalige Kommunion im Jahr (dann möglichst zu Ostern), um den Willen der Verbindung und Gemeinschaft mit Christus sichtbar zu demonstrieren. Oder auch: Schalte einfach einen TV-Gittedienst anund empfange dann die „geistige Kommunion“.

Alles richtig, aber kein Ersatz für das oben Beschriebene. Jeder Mensch ist zwar Mensch, ohne das es anderer bedürfe, die sein Menschsein legitimierten. Krassester Auswuchs dieses „Gemeinschaftsdenkens“ist das üble „Du bist nichts, Dein Volk ist alles“. Und dennoch gilt: Ohne ein Du stirbt das Ich zwar nicht, aber es verkümmert, verödet..

Was uns bleibt, ist das Kind in der Krippe

Wie viele andere Kinder auch in der damaligen Zeit wurde Christus unter Bedingungen geboren und gebettet, bei denen heute jedes Gesundheit- oder Jugendamt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde. Materiell arme Eltern eines Knaben, der – würden wir heute sagen – seine Zukunft schon in den Windeln hinter sich hatte. Denn aus diesem bildungsfernen Milieu würde er niemals herauskommen! Und doch ist er – wie wir glauben –  schon von Geburt an jener König, als der er sich vor Pontius Pilatus über drei Jahrzehnte später erweisen wird.

Ein König – in einem Stall auf Stroh gebettet. Manche Historiker meinen, es könnte auch eine Höhle gewesen sein. Wie auch immer. Das war die „Bühne“ für den ersten Weihnachtstag, dem ersten Tag der christlichen Zeitrechnung. Die Nacht war definitiv kühl, an Insekten dürfte es dennoch nicht gemangelt haben… Noch viel weniger allerdings mangelte es dem Kind in der Krippe an Liebe. Das Weihnachtsgeschenk von Maria und Joseph! Das erste, was diesem Kind dargegbracht wurde (vor der Anbetung durch die Hirten und die Geschenke der Könige), was  bildlich gesprochen in sein Herz drang, war die Liebe seiner Eltern.

Die Liebe ist das schönste und wertvollste Geschenk

„So ein Quatsch,“ könnten jetzt die ewigen Unken-Rufer einwenden. „Liebe ist nicht abhängig vom Weihnachtsfest. Ich liebe meine Frau, meine Kinder oder wen auch immer ganzjährig.“ – Nun… das ist hoffentlich auch so! Aber der Blick auf die Krippe schärft den Sensus dafür, dass Liebe eben nichts ist, für das eine Gegenleistung garantiert werden kann; das Liebe nichts ist, was sich erzwingen ist. Sondern das Liebe etwas ist, auf das wir alle angewiesen sind, ein Teil des Lebenselixiers. Wem wenig Liebe geschenkt wurde, der wird im späteren Leben oft entweder grausam im wahrsten Sinne des Wortes oder aber doch zumindest wenig empathisch bis beziehungsunfähig.

Und deshalb meine Empfehlung für dieses Weihnachtsfest, an dem vieles wirklich anders ist: Schaut auf die Krippe, auf diese drei Menschen. Auf die zwei Erwachsenen, die ihre Liebe bedingungslos verschenken  – und auf das Kind, dass in diesem Moment nichts anderes kann und will, als sich an dieser Liebe zu wärmen. Um sie dann später, als die Welt immer kälter wurde, abertausendfach zurückzustrahlen. Nicht nur auf seine Eltern, sondern auf alle Menschen. Viele haben damals dankbar diese Wärme aufgenommen, andere sind vor ihr geflohen, wieder andere wollten sie gar vertreiben. Wie immer in der Weltgeschichte, wenn es „kalt“ wurde. Aber das ist eher ein Thema für Ostern…

Einstweilen: Schenkt Euch in diesem Jahr bewusster den Menschen, die Euch besonders wertvoll sind. Damit habt Ihr mehr getan, als in all den Jahren, in denen Eure Liebe oft in vielen Ablenkungen, Glitter, Glitzer und Geschenkpapier-Bergen unterging. Ablenkungen, die leider üblich sind an Weihnachtstagen, an denen nicht ein geräuschlos brüllender Löwe durch die Gassen und auf die Plätze läuft, um zu schauen, wen er verschlingen könne.

Wie damals in der Römerzeit
Die Menscheit lag gebunden,
Des Paradieses Herrlichkeit
Von hinnen war geschwunden,
Als Du sie zu entsühnen,
auf Erden warst erschienen;
***
So liegt sie nun gebeugt, gedrückt,
In namenlosen Wehen;
Dein Licht, o Herr, ist ihr entrückt,
Ihr Licht scheint auszugehen;
Wollst wieder sie erlösen,
von der Gewalt der Bösen.
***
Dich rufen Leid und Klageton,
Dir winkt ein Meer von Tränen,
Und leise Seufzer kaum entfloh’n
Bescheid’nem bangen Sehnen,
Zum Retten, zum Befreien,
Das Alte zu erneuern.
Max von Schenkendorf (1783-1817)

***

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