(Michael van Laack) Schon wieder ein neues Kirchenjahr. Die Zeit scheint an uns vorüberzufliegen. Denn es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen, als ich genau dasselbe 2019 gedacht habe. Möge die Adventszeit für uns auch eine Zeit der Besinnung sein. Vor allem in diesen Tagen, in denen rechts wie links so viele nicht mehr ganz bei Sinnen zu sein scheinen. Im Staat, in der Gesellschaft, in der Kirche. Getrieben von Ängsten verlieren immer mehr Menschen das Wesentliche aus dem Blick.

Heute möchten wir unseren Lesern – wie zuvor schon zu anderen liturgischen Höhepunkten des Kirchenjahres – Texte von zwei Autoren vorstellen, deren Werke in den vergangenen Jahrzehnten gewissermaßen verdunstet sind, ohne dass adäquater Ersatz gefunden werden konnte. Denn heute gehört zu jeder Adventsbetrachtung aus dem einstmals unverbrüchlich römisch-katholischen Verlag Herder (Freiburg i. Br.) mindestens ein Querverweis auf Buddha oder Allah. Nur auf die Ankunft des Erlösers zu warten (der doch schon längst da ist, meinen sie), sei ebenso langweilig wie antiökumenisch und schon auch ein wenig islamophob.

Die in der Collage enthaltenen Bilder von Philipp Schumacher habe ich dem von ihm zusammen mit Victor Kolb (Texte) verfassten und von der Leo-Gesellschaft in Wien 1910 herausgebrachten Werk "Das Leben Mariae" entnommen. Sie finden sich dort auf Seite 22 (Mariae Vermählung) und 24 (Mariae Verkündigung). Beim Scan entstandene Vergilbungsschatten sind dem Alter des Papiers geschuldet.

Für heute habe ich aus meiner Bibliothek die kurze Einführung (A.) in die Adventszeit von Peter Morant (Das Breviergebet, Deutsche Ausgabe des Breviarium Romanum – Band 1: Advent bis Dreifaltigkeitssonntag, Freiburg, 1964) gewählt. Daran angeschlossen einige Gedanken (B.) von Franz Xaver Reck (Das Missale als Betrachtungsbuch, Erster Band, Freiburg, 1909) zum Evangelium des Sonntags. Letztere ist besonders gut geeignet für alle alten und jungen „Frohbotschaft statt Drohbotschaft“-Fans.

A. Vorbereitung auf die erste und zweite Ankunft Christi

Die Menschheit erfährt Gott dadurch, dass Er aus dem Dunkel der Verborgenheit heraustritt und Seine ewigen Heilspläne in der Zeit an ihr vollzieht. Bei aller Einheit und Geschlossenheit dieser Heilsgeschichte, in der Er jeden einzelnen Menschen aus der Verlorenheit der Sünde zu sich heimholt, lassen sich mehrere Entwicklungsstufen erkennen. Die entscheidendsten sind die Menschwerdung des Gottessohnes und die alles Weltgeschehen abschließende und vollendende Wiederkunft des Herrn.

Die Vorbereitung und der Anstieg zur ersten Stufe war das Alte Testament, und die Wegbereitung zur Parusie ist die ganze messianische Zeit. Die pilgernde Kirche als Ganzes und jeder Gläubige im Besondern haben immer wieder Grund, sich jährlich mit alttestamentlicher Sehnsucht auf das Kommen Jesu im Fleische vorzubereiten, also in Buße und Freude Advent zu feiern, weil unser Ja zur gnadenvollen Begegnung mit Ihm immer wieder verblasst und doch für die Annahme der Erlösung entscheidend ist.

Auf solche Weise erleben wir die Ankunft des Herrn in Gnade und Kraft und gewinnen die entsprechende innere Verfassung und Ausrichtung für die glorreiche Ankunft des ewigen Richters.Jesaja, Maria, Johannes – Wegbegleiter der Erwartung

Jesaja, Maria, Johannes: Auch sie waren (Er)Wartende

Der Doppelcharakter des Advents: Vorbereitung auf das Kommen des Herrn in der menschlichen Geburt und Sein Kommen zur Endvollendung, steht im Brevier-Gebet wie in der Messliturgie am ersten Adventsonntag im Vordergrund (vgl. Parusie-Erwartung in der 3. Lesung der Matutin und in allen Kapiteln dieses Tages) . Die übrigen Sonntage und alle Wochentage sind von der Blickrichtung auf Weihnachten beherrscht. Als Sprecher und Dolmetsch der altbundlichen Messias-Erwartung tritt in den Wechselgebeten und Antiphonen und vor allem in den Lesungen der Matutin der Prophet Isaias auf (mit gewissen Auslassungen liest die Kirche das ganze Buch).

Als unmittelbarer Wegbereiter des Heilandes erhebt Johannes der Täufer in den Evangelien der drei letzten Sonntage seine mahnende Stimme. Am Feste der Unbefleckten Empfängnis und am Mittwoch und Freitag der Quatember-Woche tritt Maria, die seligste Jungfrau und reine Mutter des Gottessohnes, bescheiden und erhebend vor das Auge des Beters. Drei große Gestalten führen uns in der Stille der lieblichen, erwartungsvollen Adventszeit zu Christus hin: der alttestamentliche Evangelist und Prophet Isaias, der ernste Bußprediger Johannes und die gütige, liebenswürdige Gottesmutter. Sie wecken in unserer Seele einen Dreiklang von seltener Harmonie: Sehnsucht, Buße und Liebe, und untermalen alle auf ihre Weise die Vaterunser-Bitte: Es komme Dein Reich!

B. Gedanken zum ersten Adventssonntag

Lesung: Röm 13, 11-14  /  Evangelium: Lk 21, 25-33

Der Herr redet vom Weltgericht; diese Rede fällt in seine letzten Lebenstage, da die Stunde nahe war, wo er von einem menschlichen Gericht als Übeltäter gerichtet und verdammt werden sollte. Er hatte sein Ende längst vor Augen. Und da es unmittelbar nahe war, redet er vom Weltende und Weltgericht und lässt keinen Zweifel, dass dieser Tag kommen wird und kommen muss und er selber der Richter sein wird und sein will.

Am Ende also wird die Welt doch noch das Fürchten lernen. Man hat nichts gefürchtet im Leben oder hat gefürchtet, was zu fürchten nicht nötig, am Ende gar unwürdig war. Man hat nur einen nicht gefürchtet: Gott den Herrn. Nun lernt man seine Furcht noch am Ende der Tage. Wäre man klug gewesen, man hätte mit ihr begonnen, nicht geendet, dann wäre das Ende gewiss ein anderes.

Gehört denn aber die Furcht Gottes in das Leben des Menschen hinein? Ist sie wirklich ein Element der göttlichen Pädagogik – auch die Furcht vor Gericht und Verdammnis? Dass sie dies ist, ergibt sich klar aus den Worten des Herrn: ‚Fürchtet Euch nicht vor denen, die den Leib töten, aber die Seele nicht töten können. Fürchtet vielmehr den, der Leib und Seele in der Hölle zu verderben vermag.‘ (Mt 10, 28).

Fürchtet Euch nicht so sehr vor Gott, sondern mehr vor Euch selbst!

Wenn es uns aber anstößig erscheint, dass selbst Christus, sonst so milde, uns diese Furcht zumutet, so liegt der Grund hiervon nicht in Gott, sondern in uns. Gott ist seinem Wesen nach die Liebe: Deus caritas est (1. Joh 4, 16) – und sein Verhältnis zu uns ist Offenbarung dieser Liebe. Und unser Verhältnis zu ihm? Es soll Bestätigung unserer Liebe sein! Derselbe göttliche Heiland, welcher gebietet: ‚Fürchtet vielmehr jenen, der Seele und Leib in der Hölle zu verderben vermag‘, hat auch das Gebot bestätigt: „Du sollst den Herrn, Deinen Gott lieben aus Deinem ganzen Herzen…“ (Mk 12, 30).

Wenn wir dieses Gebot akzeptieren und befolgen, kann der Herr auf das Gebot der Gottesfurcht verzichten: denn das Gebot der Liebe ist, wo es beachtet und befolgt wird, Gottes und des Menschen würdiger. Aber auch am Gebot der Furcht vor Gericht und Verdammnis haftet nichts Gottes Unwürdiges; er verlangt diese Furcht nicht, damit er gefürchtet sei, denn er will geliebt werden; aber er verlangt dieselbe, damit wir durch sie den Schrecken der Verdammnis entgehen und verlangt sie von uns Menschen, weil er uns besser kennt, als wir uns selber kennen!

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Jahrgang 1965 – Wohnsitze in Bayern und NRW - Deutscher und US-amerikanischer Staatsbürger – Zunächst Berufsausbildung zum Industriekaufmann/Wirtschaftsassistent – Danach Diplomstudiengänge (Katholische Theologie, Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaften) u.a. in Bochum und Passau. – Einige Jahre Erzieher in privaten Internaten (u.a. Schloss Neubeuern und St. Ottilien) – In kirchlichen und politischen Milieus je nach Betrachtungsweise mehr oder weniger gut vernetzt – Aktuell im politischen Betrieb als „Ghost“ Reden- und Vortragsschreiber sowie Mitautor und Korrektor. Zudem strategischer und konzeptioneller Berater bei diversen Wahlkampagnen außerhalb Deutschlands. Bis zu meinem Engagement für den Blog eher öffentlichkeitscheu. Das bin ich in gewisser Weise auch heute noch. Persönliche Kontakte pflege ich am liebsten nur beruflich oder in der Familie. Aktuelle Fotos von mir oder Fotos im Zusammenhang mit dem ein oder anderen Projekt vermeide ich, so gut es geht. Ein guter Freund nannte mich einmal einen Semi-Soziopathen. Auch wenn das ein hartes Wort ist: es beschreibt keine psychische Erkrankung, wie man vermuten dürfte und trifft deshalb sehr gut! Zwar bin ich prinzipiell sehr empathisch, doch schätze ich nicht die Nähe von Hinz und Kunz, lasse also ungern Menschen an mich heran. Ich spiele gern und hin und wieder auch erfolgreich mit Sprache, schotte meine Familie so weit es geht von der Öffentlichkeit ab und mache auch immer wieder mal – so auch hier - ein Geheimnis aus meinem vollständigen Lebenslauf. Diese Geheimniskrämerei hat schon manchen dazu verleitet, Legenden über mich zu verbreiten. Aber das ist OK. Ich habe ein sehr dickes Fell und Desinformation ist ja auch ein gern genommenes Tool im politischen Betrieb.