(Michael van Laack) Es gibt Deppen, es gibt Volldeppen und es gibt Leute, die Christian Lüth über Jahre gestützt und geschützt haben, obwohl er sich intern und manchmal „versehentlich“ auch öffentlich in Wort und Schrift wie Reinhard Heydrich oder Heinrich Himmler geäußert hat. Jetzt wird in den Kreisen der AfD-Fraktion und des Bundesvorstands wieder einmal der Katzenjammer groß sein. Und man wird wieder nicht die eigenen Fehler reflektieren, sondern nach Ausreden suchen.

Die Schuldigen an dem Skandal, der nun mit großer Wahrscheinlichkeit der AfD größeren Schaden zufügen wird, als alle großen und kleinen Gedeons, Sayn-Wittgensteins, Kalbitzens und Kestners zusammen, dürften für Meuthen, Chrupalla, Weidel und Gauland schnell gefunden sein. Lisa Licentia – die vermutlich von Beginn an ein linker Maulwurf in neurechten Milieus war. Ebenso schuldig: Ein Pro7-Team, das die Aufnahmen gemacht. Dann wird man sich noch ein wenig empören über Lüth, darauf hinweisen, dass man ihn ja schon vor Wochen vom Amt des Pressesprechers beurlaubt hat und zur Tagesordnung übergehen. Denn die AfD ist nicht die FPÖ. Die AfD – so wie aktuell in der Top 50 besetzt – wird die Causa Lüth nicht zum Anlass nehmen, aus- und umzukehren auf die Gefahr hin, dann erst einmal als 6%-Partei herumzukrebsen für eine Legislatur.

„Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD. Das ist natürlich scheiße, auch für unsere Kinder. (…) Aber wahrscheinlich erhält uns das.“ 

Mein Mitleid hält sich in sehr engen Grenzen. Immer wieder sitzt die Parteiführung – ganz gleich ob Mitte oder Flügel – wie das Kaninchen vor einer Schlange, das darauf wartet, dass dieser die Giftzähne von ganz allein ausfallen. Meuthen und die Seinen waren nicht willens, das Risiko einer Parteispaltung in Kauf zu nehmen, als es noch möglich gewesen wäre. Die Einheit der Partei wurde und wird weiterhin wie eine Monstranz von allen Top-Leuten der Mitte und des Flügels (von Letzteren aus Eigennutz, von ersteren aus Naivität) durch die Gassen des journalistischen Berlins und anderer Orte getragen.

Nun ist es ohnehin zu spät, die Partei liegt in Scherben. Und da ist niemand, der eine Putzkolonne zusammenstellen kann, um sie aufzukehren. In Schleswig-Holstein und Niedersachen ist der Fraktionsstatus durch Austritte jener, die eben nicht mehr Kaninchen spielen wollen, verlorengegangen. In Brandenburg, NRW und Bayern stehen weitere massive innerparteiliche Auseinandersetzungen bevor. Meuthen erklärt sich nicht und lässt Weidel in Baden-Württemberg weiterhin alle Trumpfkarten mit Blick auf die Landesliste zur Bundestagswahl. Und nun noch die Causa Lüth.

„Wir können die [Migranten] nachher immer noch alle erschießen. Das ist überhaupt kein Thema. Oder vergasen, oder wie du willst.“

Lisa Licentias Rolle ist freilich eine sehr dunkle in diesem Vorgang. Mittlerweile hat sie ja offen die Seiten gewechselt. Ob sie schon von Beginn an falsch gespielt hat? Das ist sehr wahrscheinlich, aber vollkommen unerheblich. Ja, sie mag ein Köder gewesen sein. Die gleichzeitige Anwesenheit von ihr und dem TV-Team war kein Zufall. Aber auch das ist zweitrangig.

Denn die Frage, die sich die Parteiführung – hauptsächlich in der Fraktion aber auch im Bundesvorstand – stellen muss: Warum hat man diesen Mann so lange gehalten? Nicht nur in seiner Funktion, sondern in der Partei. Denn es hätte vielen klar sein müssen, dass Lüth eine gefährliche Schwachstelle darstellt. Jemand, der sich selbst als „Faschist“ bezeichnet  und auch zuvor schon Grenzwertiges von sich gegeben hat.. Lüth aber wurde nur beurlaubt, weil man offensichtlich noch Bedenkzeit benötigte, ob Faschisten im Namen der Partei Handeln und Sprechen dürfen oder nicht.

Alexander Gauland – Schutzherr eines „Faschisten“?

Dass Gauland Lüth absolut vertraute und – was im politischen Betrieb eher selten ist – sogar ein tiefes Freundschaftsverhältnis zwischen ihnen bestand, bringt nun natürlich auch den Ehrenvorsitzenden in Erklärungsnöte. Denn warum sollte Lüth zwar in einer öffentlich zugänglichen Bar über „Vergasen“ und „Erschießen“ schwadronieren, solche Gedanken aber niemals im privaten Gespräch bei einem Glas Whiskey oder einem guten Rotwein am Kaminfeuer unter Freunden geäußert haben?

Lüth war gerade erst wieder eingestellt worden, weil der Fraktionsvorstand um Alexander Gauland versäumt hatte, ihn nach einer Freistellung fristgerecht zu entlassen. Aber auch das ist zweitrangig! Geklärt werden muss öffentlich, welche Gründe Gauland und Alice Weidel bewegten, sich mit anderen dafür einzusetzen, dass Lüth nicht umgehend entlassen wurde! Und auch, warum mehreren Bundesvorstandsmitgliedern bekannt gemachte WhatsApp-Kommunikation von Lüth aus 2018 und 2019, in denen er sich glasklar zu nationalsozialistischen Ideen bekannte, nicht weiterverfolgt wurden. Ähnlich wie in der Causa Drubavko Mandic mag es auch da primär Alice Weidel gewesen sein, die auf Zeit spielte in der Hoffnung, andere Mehrheitsverhältnisse in Bundespartei und den Landesverbänden würden das „Problem“ im post-weimarer Sinn lösen.

Dennoch: Wen soll man wählen, wenn nicht die AfD?

In den vergangenen Monaten hörte ich immer wieder von Bekannten: „Eigentlich kann ich die AfD nicht mehr wählen, weil ich indirekt nicht wenige Leute mitwähle bzw. im Mitarbeiterstab der Abgeordneten dulde, die eine andere Republik wollen. Wenn man so will, einen rechten System-Change propagieren. Aber was soll ich dann wählen? Keine der ‚Altparteien‘ ist für mich eine Alternative, denn da ist doch nur eine Allparteienkoalition, die sich auf eine politische Religion links der Mitte zubewegt. Also werde ich weiter AfD wählen. Aus Protest, nicht weil ich überzeugt bin von der Partei.“

Manche Strategen und Berater der AfD wissen selbstverständlich um dieses Wahlverhalten. Sie sollten daraus jedoch nicht den Schluss ziehen: „Wir können tun und lassen, was wir wollen, denn die Leute haben niemanden außer uns, den sie wählen könnten.“ Allen, die so denken, zur Erinnerung: Die AfD profitierte in der Vergangenheit nicht unerheblich von ehemaligen Nichtwählern. Sollten die Herren Meuthen, Chrupalla (oder wie auch immer sie heißen mögen) glauben, dass „Weiter so, bis uns eine Lösung eingefallen ist!“ die einzig richtige Strategie wäre… Das Nichtwählerlager kann zu Ungunsten der AfD ebenso schnell wieder anwachsen, wie es  zuvor geschrumpft ist. Und in manchen Bundesländern stellen so genannte „Freie Wähler“ mittlerweile auch eine Alternative rechts von der CDU dar. Ihr alle, liebe MdE, MdB, MdL usw. der AfD solltet also nicht darauf vertrauen, dass diese Legislatur nicht Eure letzte sein wird, weil ihr doch alternativlos seid!

Update 15:30 Uhr. Soeben heisst es, Lüth sei wegen menschenverachtenden Verhaltens fristlos entlassn worden. Zu spät aus meiner Sicht, wenn man auf die Vorgeschichte schaut. Die nächsten tage werden zeigen, ob sich daraus für die Partei ein kleiner Strache entwickelt!

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Jahrgang 1965 – Wohnsitze in Bayern und NRW - Deutscher und US-amerikanischer Staatsbürger – Zunächst Berufsausbildung zum Industriekaufmann/Wirtschaftsassistent – Danach Diplomstudiengänge (Katholische Theologie, Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaften) u.a. in Bochum und Passau. – Einige Jahre Erzieher in privaten Internaten (u.a. Schloss Neubeuern und St. Ottilien) – In kirchlichen und politischen Milieus je nach Betrachtungsweise mehr oder weniger gut vernetzt – Aktuell im politischen Betrieb als „Ghost“ Reden- und Vortragsschreiber sowie Mitautor und Korrektor. Zudem strategischer und konzeptioneller Berater bei diversen Wahlkampagnen außerhalb Deutschlands. Bis zu meinem Engagement für den Blog eher öffentlichkeitscheu. Das bin ich in gewisser Weise auch heute noch. Persönliche Kontakte pflege ich am liebsten nur beruflich oder in der Familie. Aktuelle Fotos von mir oder Fotos im Zusammenhang mit dem ein oder anderen Projekt vermeide ich, so gut es geht. Ein guter Freund nannte mich einmal einen Semi-Soziopathen. Auch wenn das ein hartes Wort ist: es beschreibt keine psychische Erkrankung, wie man vermuten dürfte und trifft deshalb sehr gut! Zwar bin ich prinzipiell sehr empathisch, doch schätze ich nicht die Nähe von Hinz und Kunz, lasse also ungern Menschen an mich heran. Ich spiele gern und hin und wieder auch erfolgreich mit Sprache, schotte meine Familie so weit es geht von der Öffentlichkeit ab und mache auch immer wieder mal – so auch hier - ein Geheimnis aus meinem vollständigen Lebenslauf. Diese Geheimniskrämerei hat schon manchen dazu verleitet, Legenden über mich zu verbreiten. Aber das ist OK. Ich habe ein sehr dickes Fell und Desinformation ist ja auch ein gern genommenes Tool im politischen Betrieb.