(Michael van Laack) Jens Kestner ist ein Patriot! Daran gibt es keinen Zweifel. Zumindest nicht, wenn man ihn ausschließlich nach den „Kestner kann’s!“-Kurz-Videos beurteilt, die unter den Mitgliedern und Sympathisanten des real immer noch existierenden Flügels der AfD, der „Patriotischen Plattform“ und den wahren, schönen und guten Rechten auf dem Rittergut Schnellroda teilweise Kultstatus erreicht haben.

Seit dem vergangenen Samstag ist Jens Kestner nun der neue Vorsitzende des AfD-Landesverbandes Niedersachsen, der mit der Neuwahl eigentlich aus den Negativschlagzeilen der vergangenen Monate herauskommen wollte. Mit Kestners Wahl ist er allerdings in eine dynamische Lage geraten, an deren eingefrorenem Ende vermutlich eine massive Austrittswelle, die Spaltung der Landtagsfraktion, die noch intensivere Beobachtung durch den Verfassungsschutz stehen wird. Ganz zu schweigen von der staatstreuen Presse, die den tatsächlichen Rechtsruck genüsslich übertrieben ausschlachten und so mit Blick auf das Wahljahr 2021 den Druck auf die Gesamtpartei erhöhen wird.

„Wir sehen uns in Braunschweig!“

Die bürgerliche Mitte der AfD, die stets verkündet, dass sie die Mehrheit der Parteimitglieder hinter sich wisse und auch strategisch stets alles vom Ende her denke, weshalb sie nun Schritt für Schritt die Partei zu einer wahrhaft bürgerlichen ohne national-konservative Einflüsse machen werde, hätte das Ungemach mehr als nur ahnen können, welches auf dem Landesparteitag am vergangenen Wochenende Wirklichkeit wurde. Nicht ohne Grund hatte Philosophia Perennis das unten eingebettete Video mit einem entsprechenden Hinweis versehen bereits am 24. August auf seiner Facebook-Seite  kommentiert veröffentlicht.

Zweieinhalb Jahre führte Dana Guth den Landesverband Niedersachsen. Sie galt als Vertreterin der so genannten bürgerlichen Mitte, lavierte aber doch hin und wieder. Dies könnte man mit ihrem Amt begründen. Denn Parteivorsitzende – so heißt es – müssten stets ausgleichend wirken, diplomatisch vorgehen, den Laden zusammenhalten. In den vergangenen Monaten munkelte man allerdings, dass ihr diese zunehmend nicht mehr gelänge. Manch einer aus der Mitte war irritiert über das ein oder andere Statement, dass jeder National-Konservative blind unterschreiben konnte. Aus dem Lager der „Flügler“ wurden sie für ihren weichgespülten sozial- und liberal-konservativen Kurs kritisiert. Augenscheinlich liefen bei ihr die Fäden nicht mehr zusammen. Nicht Fleisch, noch Fisch, nicht kalt noch warm. So kam es wie es nicht hätte kommen müssen, wie es aber nicht wenige mahnend vorausgesagt hatten.

Die weinende Dana Guth

Ich mag hier nicht darüber referieren, wer möglichweise im Vorfeld des Parteitags welche falschen Schlüsse gezogen hat. Doch viele Entscheider waren darüber informiert, dass Guths Wiederwahl gefährdet war, da sie in allen Parteiflügeln zunehmend an Zustimmung verloren hatte. Deshalb wäre es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit klüger gewesen sie hätte auf eine Wiederwahl verzichtet und die Mitte hätte einen anderen Kandidaten ins Rennen geschickt. Das hätte auch Kestners Strippen ziehen im Back-Office erschwert.

Wie auch immer! Fatal fand ich das Signal unmittelbar nach Kestners Wahl. Mehr als 200 Delegierte (zum größten Teil Mitte, aber auch ein paar gemäßigte Flügler) verließen danach den Versammlungsort. Und Dana Guth brach öffentlich in Tränen aus. – Ja, es ist menschlich, dass man weint, wenn man das eigene Scheitern sieht, wenn man sich vielleicht gar von manchen verraten fühlt. Es zeigt aber auch, dass Dana Guth nicht die Persönlichkeit war, die es braucht, um einen Landesverband wie den niedersächsischen zu führen. Konfliktbereitschaft, Härte und das Reden in der einzigen Sprache, die Rechtsaußen versteht. alles das fehlt ihr. Nicht weil sie eine Frau ist, sondern weil es ihr schlicht und einfach nicht gegeben ist. Es ist keine Schande, wenn man nicht das Talent hat, sich in einer Schlangengrube zu bewegen, ohne gebissen zu werden.

Die Mitte hatte keinen Plan B

Nun war also Kestner gewählt. Statt – wie er es getan hatte – nun für die weiteren Vorstandswahlen zumindest Kampfkandidaturen zu wagen (ob die Mitte diese Wahlen gewonnen hätte ist für die Betrachtung hier irrelevant) kam der totale Rückzug. Wie beleidigte Kinder, die nicht das erwünschte Lieblingsspielzeug auf dem Geburtstags-Gabentisch vorfinden, zogen sich die meisten Bürgerlichen zurück.

Augenscheinlich war niemand in der Partei auf dieses Ergebnis vorbereitet. Das ist absolut unverständlich. Es gab keinen Plan B. Im Vorfeld wurde nicht abgeprüft, welche bürgerlichen Parteitagsmitglieder ggf. bereit wären, in einen von Jens Kestner geführten Vorstand eizutreten. Resignation machte sich breit. Ein fatales Signal! Und ein weiteres unübersehbares Zeichen, dass es der bürgerlichen Mitte der AfD an strategischen Beratern fehlt, die vom Ende her denken. Nicht nur in Niedersachsen.

Das mag auch damit zusammenhängen, dass die Partei prinzipiell mahnende Worte Dritter – also externer wohlmeinender Berater oder Unterstützer – fast zu 100% kein Gewicht gibt und kein Gehör schenkt. Man traut nur dem eigenen Bauch (und Verstand?) und fällt deshalb seit Jahren immer wieder auf die Knabberleiste. Zu langsam und inkonsequent bei Parteiausschluss-Verfahren, zu halbherzig agierend gegenüber national-konservativen Landesverbänden. Immer und immer wieder  warnt und mahnt man sie und immer und immer wieder erklären sie, dass sie es aber diesmal ganz sicher besser wissen, als solche, die von außen drauf schauen. Und immer und immer wieder fallen sie auf die Fr… und die Partei zerfällt Schritt für Schritt.

Kestner und Hampel geht es primär um sich

2021 haben wir Bundestagswahlen. Bald wird also auch der LV Niedersachsen seine Liste aufstellen. Ein bürgerlich geführter Vorstand und eine zumindest im Wesentlichen bürgerlich dominierte Landtagsfraktion wären keine guten Voraussetzungen für Jens Kestner und z.B. Armin-Paul Hampel (Dana Guths seit Jahren auf Rache sinnender Vorgänger im Amt des Landesvorsitzenden) gewesen, auf vorderen Plätzen zu landen. Nun wird Kestner Anspruch auf Platz 1 erheben. Und gewiss wird er seine Freunde nicht vergessen. Wie Hampel z.B. – Für beide hängt viel davon ab, dass sie wieder MdB werden, denn sonst bestünde die Gefahr, dass sie bald nicht mehr – wie man bildhaft sagt – zweimal am Tag warm essen können.

Noch kann die bürgerliche Mitte die Schmach von Braunschweig wettmachen. Jetzt muss auch sie endlich mit der Hinterzimmer-Politik beginnen. Sie muss nun auch Delegierten die Fahrtkosten und das Hotel erstatten, ihnen  abends an der Bar mindestens ein paar edle Freigetränke spendieren oder mit Karriere-Optionen winken. Die bürgerliche Mitte muss endlich lernen, dass man sich hin und wieder schmutzig machen muss im politischen Geschäft, will man auch in der Zukunft vor den Kameras als Frontmann oder -frau seine weiße Weste oder Bluse  den Kameraleuten und Fotografen zur Schau stellen.

Faktisch ist die Partei bereits gespalten

Der real existierende Flügel um Kestner, Hampel und andere hat bereits eine fertige Liste, hat bereits Termine für Hinterzimmer-Deals fix gemacht. „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“ Wer unser geliebtes Vaterland mittelfristig weder weiterhin in der Hand des Merkel-Regimes sehen noch in die Hand völkischer Nationalisten gegeben sehen möchte, der muss jetzt endlich seinen Hintern bewegen.

Von allen Seiten hört man die Phrase „Die Einheit der Partei bewahren“. Aber die Partei ist nicht eins und wird es auch nicht mehr. Zwei Lager stehen sich in ihr unversöhnlich gegenüber. Das bürgerliche Lager hat in Biedersachsen und in Zukunft an an anderen Orten nur zwei Möglichkeiten: Weglaufen, sich aus der Verantwortung stehlen wie auf dem Parteitag in Braunschweig oder den Kampf aufnehmen und endlich nicht mehr nur reagieren, sondern agieren. Die Zögerlichkeit herausragender Mandatsträger und anderer Akteure der Mitte hat die aktuelle Lage ermöglicht. Strategisch haben sie für die Zukunft allerdings nicht nur zwei, sondern drei Möglichkeiten: Die Partei verlassen bzw. ihr den Unterstützerstatus entziehen, sich feige einzureihen (unterzuordnen) oder zu kämpfen. Was mich selbst betrifft: Wenn ich auch nur ein kleines Lichtlein bin – Der Christ ist zum Kampf geboren, auch auf dem Schlachtfeld der Politik!

Kestner kann’s? Dann wird es Zeit, ihm und manch anderen zu zeigen, wie man es besser kann! Und wer weiß: Vielleicht lässt sich dann auch der Mantel der Geschichte von jenen ergreifen, die ihn nicht anziehen wollen, um Geschichte oder zumindest manchen Fehler zu wiederholen!

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Jahrgang 1965 – Wohnsitze in Bayern und NRW - Deutscher und US-amerikanischer Staatsbürger – Zunächst Berufsausbildung zum Industriekaufmann/Wirtschaftsassistent – Danach Diplomstudiengänge (Katholische Theologie, Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaften) u.a. in Bochum und Passau. – Einige Jahre Erzieher in privaten Internaten (u.a. Schloss Neubeuern und St. Ottilien) – In kirchlichen und politischen Milieus je nach Betrachtungsweise mehr oder weniger gut vernetzt – Aktuell im politischen Betrieb als „Ghost“ Reden- und Vortragsschreiber sowie Mitautor und Korrektor. Zudem strategischer und konzeptioneller Berater bei diversen Wahlkampagnen außerhalb Deutschlands. Bis zu meinem Engagement für den Blog eher öffentlichkeitscheu. Das bin ich in gewisser Weise auch heute noch. Persönliche Kontakte pflege ich am liebsten nur beruflich oder in der Familie. Aktuelle Fotos von mir oder Fotos im Zusammenhang mit dem ein oder anderen Projekt vermeide ich, so gut es geht. Ein guter Freund nannte mich einmal einen Semi-Soziopathen. Auch wenn das ein hartes Wort ist: es beschreibt keine psychische Erkrankung, wie man vermuten dürfte und trifft deshalb sehr gut! Zwar bin ich prinzipiell sehr empathisch, doch schätze ich nicht die Nähe von Hinz und Kunz, lasse also ungern Menschen an mich heran. Ich spiele gern und hin und wieder auch erfolgreich mit Sprache, schotte meine Familie so weit es geht von der Öffentlichkeit ab und mache auch immer wieder mal – so auch hier - ein Geheimnis aus meinem vollständigen Lebenslauf. Diese Geheimniskrämerei hat schon manchen dazu verleitet, Legenden über mich zu verbreiten. Aber das ist OK. Ich habe ein sehr dickes Fell und Desinformation ist ja auch ein gern genommenes Tool im politischen Betrieb.