(Michael van Laack) Jörg Meuthen steckt in einem Dilemma. „Nur in einem?“ werden sich gewiss manche fragen. Vermutlich nicht, aber das Dilemma, um das er hier geht, ist nach meiner Ansicht das entscheidende. Für die zukünftige Richtung der Partei und für sein mehrfach erklärtes Ziel, die AfD step by step zu reformieren. Wird Jörg Meuthen mit Blick auf die Bundestagswahl die Frage „Quo vadis?“ mit „Nach Berlin!“ beantworten?

Brüssel ist eine Weidel-freie Zone. Über 500 km liegen zwischen dem Bundessprecher und der baden-württembergischen Landesvorsitzenden. Christina Baum, Wolfgang Gedeon, Stefan Räpple? Diese Namen stehen nicht auf der Tagesordnung des EU-Parlaments oder seiner Ausschüsse. Zwar ist Meuthen als einer der beiden Bundessprecher hin und wieder auch mit Vorgängen in Landesvorständen und Kreisverbänden befasst, aber wenn es ihm zu nervig wird, kann er die entsprechenden Dokumente rasch zur Seite legen und sich z.B. um die Frage kümmern, ob in griechisches Sonnenblumenöl eingelegter Fisch auch unter dem Namen „Sardinische Spezialität“ verkauft werden darf… Um mal ein krasses Beispiel zu wählen, denn in Brüssel geht es ja vor allem um Geldpolitik, den Green Deal und „Gender-Gerechtigkeit“.

Furcht vor einer Entscheidung?

Wer soll Spitzenkandidat der AfD zur Bundestagswahl 2021 werden? „Ach das ist noch lange hin!“ höre ich manche sagen. „Wir sind doch nicht so bekloppt wie die SPD, die den 15%-Scholz frühzeitig zum Verbrennen als Kanzlerkandidaten freigibt! Die Nominierungen in den Kreisen und die Wahl der Listen finden ja ohnehin erst später statt!“ Das stimmt wohl. Und dennoch befindet sich die AfD vor allem wegen der beiden Lager – des hinsichtlich der Gesinnung immer noch real existierenden „Flügels“ und der so genannten „Alternativen Mitte“ – in einer Situation, in der klare Ansprache und Führung geboten ist.

Deshalb ist es m. A. wichtig, dass Jörg Meuthen so früh als möglich – definitiv vor dem Bundesparteitag der CDU, der zu einer Richtungsentscheidung führen wird, die je nach Ausgang die AfD-Strategie mit Blick auf die BTW mitbestimmt – ansagt, wohin für ihn die Reise geht. Selbstverständlich muss er dann ggf. wieder häufiger baden-württembergische Luft atmen, die viele Flügel-Partikel enthält. Er muss sich zur Wahl stellen. Fürchtet er sich vielleicht vor Widerstand aus dem Landesverband und vor einer Niederlage, die ihn zweifellos beschädigen würde?

Würde Meuthen im Weidel-Land verbrannt?

Als vor einigen Monaten die Entscheidung öffentlich wurde, dass Alice Weidel den Vorsitz der BaWü-AfD übernähme, um dort aufzuräumen und die Rechtsaußen der Partei einzuhegen, war meine erste Reaktion: „Hier wird der Bock zum Gärtner gemacht“. Und meine zweite: Ist das schon eine klare Ansage von Meuthen, dass er 2021 nicht in den Bundestag will? Denn dass Weidel bei Gauland stand, dass dieser Höcke protegierte, beide gut vernetzt sind im Dunstkreis der „guten, schönen und wahren Rechten“ um Kubitschek… Das alles wissen wir nicht erst seit Alexander Gaulands Outing in der Causa Kalbitz.

Folglich muss Jörg Meuthen – der von sich sagt, dass er immer alles vom Ende her denkt, was ich ihm auch glaube – gesehen haben: Wenn die Meinen und ich keinen Widerstand gegen Weidels Vorsitz in BaWü leisten, wird es für mich deutlich schwerer, in den Bundestag einzuziehen. Denn die Zahl der Freunde des Bundessprechers im Land der Häuslebauer ist äußerst überschaubar. Auch manche Demütigung hatte er dort schon erleben müssen.

Stellvertretender Vorsitzender einer blau-braunen Fraktion

„Blau-Braun“ nenne ich sie, weil in der Fraktion „Identität und Demokratie“ viele vertreten sitzen, die denken und handeln wie die Mehrheit der AfD-Mandatsträger. Aber eben auch die „Lega Nord“ und Le Pens „Rassemblement National“. Dazu zahlreiche kleinere Parteien, die vergleichbar sind mit der deutschen NPD. Wie verträgt sich dieser stellvertretende Vorsitz mit Meuthens Bestrebungen, die AfD zu reinigen? Eigentlich gar nicht! Klar, die AfD hat als drittstärkste Partei in dieser Fraktion Anspruch auf einen stellvertretenden Vorsitz. Den aber muss nicht zwingend der Bundessprecher innehaben. Würde er sich entscheiden, nach Berlin zu gehen, gäbe es ein paar Kandidaten, die glaubwürdiger und konfliktärmer mit den Rechtsaußen in der EU-Fraktion zusammenarbeiten könnten.

Z.B. Maximilian Krah. Allerdings wird gemunkelt, er strebe ebenfalls eine Veränderung an. Entweder als Kandidat für den Bundestag auf aussichtsreichem Listenplatz, was im Erfolgsfall eine Genugtuung für ihn darstellen würde, denn die CDU hatte ihm – als es dort noch Mitglied war – die Kandidatur verhagelt. Oder um im Osten die Lücke zu schließen, die Kalbitz nach dem noch ausstehenden Gerichtsentscheid hinterlassen würde. Hier könnte der hochbegabte und strategisch brillante Max Krah sehr gut Höckes Protektor Kalbitz ersetzen und gleichzeitig die Beziehungen zu Kubitschek intensivieren, damit dieser Höcke bzw. dem „Flügel“ weiterhin wohlgesonnen bleibt und seine Ressourcen zur Verfügung stellt.

„All In, Herr Meuthen“ – Das ist das Gebot der Stunde!

Irgendwer muss die AfD in den Bundestagswahlkampf führen, muss die großen Linien vorgeben und das Gesicht der Kampagne sein. Zu viele Köche verderben immer den Brei. Einer muss vorne stehen. Theoretisch kann das selbstverständlich auch jemand leisten, der selbst nicht für den Bundestag kandidiert, doch das käme beim Wähler nicht sonderlich gut an. Wer also sollte es machen, wenn Jörg Meuthen sich entscheiden würde, im Schatten des Atmiums zu bleiben? Spontan müsste dann der Name Tino Chrupalla fallen, der als der andere Bundessprecher Erstzugriffsrecht hätte. Wenn es aber tatsächlich so sein sollte (und in der Tat spricht vieles dafür), dass das Verhältnis Mitte zu Flügel bei den Mitglieder 65 zu 35 oder vielleicht gar 70 zu 30 steht, wäre denen kaum vermittelbar, dass ein flügelnaher Mann die Kampagne führt.

Aber es muss ein bekanntes Gesicht sein. Jemand, mit dem die Öffentlichkeit nicht erst vertraut gemacht werden muss, jemand der zumindest schon einige Male vor die Kameras von ARD und ZDF gezerrt wurde. Doch wer? Curio, von Storch, Baumann? Gar ein Überraschungskandidat namens Pazderski? Alles sehr kluge Köpfe. Aber – ohne diesen zu nahe treten zu wollen – keine Typen, die Kampagne-Fähigkeit herstellen könnten. Weder strategisch noch mit Blick auf die Notwendigkeit, Wahlkämpfer mitzureißen und sie zu motivieren, an den Ständen und in Versammlungen bis zum Samstag vor der Wahl kontnuierlich für den Erfolg der Partei zu kämpfen.

In BaWü aufrecht sterben oder in Berlin triumphieren…

…aber bitte nicht in Brüssel vermodern. – Das größte Manko der so genannten Mitte der Partei ist: Ihr fehlen Persönlichkeiten, die theatralisch wie Höcke in einer Rede nach dem Mantel der Geschichte greifen können, den sie vor ihren geistigen Augen an sich vorbeiwehen sehen. Oder herausragende Rhetoriker, die am Anfang einer Rede einen Haufen Scheiße vor sich aufs Pult legen und die Zuhörer am Schluss davon überzeugt haben, dass es sich um braunlackiertes Gold handelt.

Da ist niemand, der auch nur annähernd an Meuthen herankommt, ohne in jedem zweiten Satz – je nach Intellektualität der Zuhörerschaft – „Messermänner“ oder „Ethnopluralismus“ zu sagen. Also muss er es sein. Von Brüssel aus – wie oben beschrieben – allerdings fast unmöglich und zudem unglaubwürdig. Wie ein Vater, der auf Montage ist, sich darauf verlassen können muss, dass Andere im Netzwerk der Familie Sorge targen, dass die Kinder nicht auf den Tischen tanzen, so kann auch Meuthen innere Führung nur dann effektiv gestalten, nur dann erfolgreich und glaubwürdig Wahlkampf machen, wenn er nach Hause kommt. Dass einige Tanten und Onkels ihm vorhalten werden, sie könnten mittlerweile seine Kinder viel besser erziehen und bräuchte ihn nicht mehr… dieses Risiko muss er eingehen. All In, Herr Meuthen! Oder – weil ich ja immer mal wieder gern den Schluss meiner Artikel mit einer persönlichen Ansprache färbe: Lieber Jörg Meuthen, warte bitte nicht so lange, bis die Bank den Tisch im Casino schließt!

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Jahrgang 1965 – Wohnsitze in Bayern und NRW - Deutscher und US-amerikanischer Staatsbürger – Zunächst Berufsausbildung zum Industriekaufmann/Wirtschaftsassistent – Danach Diplomstudiengänge (Katholische Theologie, Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaften) u.a. in Bochum und Passau. – Einige Jahre Erzieher in privaten Internaten (u.a. Schloss Neubeuern und St. Ottilien) – In kirchlichen und politischen Milieus je nach Betrachtungsweise mehr oder weniger gut vernetzt – Aktuell im politischen Betrieb als „Ghost“ Reden- und Vortragsschreiber sowie Mitautor und Korrektor. Zudem strategischer und konzeptioneller Berater bei diversen Wahlkampagnen außerhalb Deutschlands. Bis zu meinem Engagement für den Blog eher öffentlichkeitscheu. Das bin ich in gewisser Weise auch heute noch. Persönliche Kontakte pflege ich am liebsten nur beruflich oder in der Familie. Aktuelle Fotos von mir oder Fotos im Zusammenhang mit dem ein oder anderen Projekt vermeide ich, so gut es geht. Ein guter Freund nannte mich einmal einen Semi-Soziopathen. Auch wenn das ein hartes Wort ist: es beschreibt keine psychische Erkrankung, wie man vermuten dürfte und trifft deshalb sehr gut! Zwar bin ich prinzipiell sehr empathisch, doch schätze ich nicht die Nähe von Hinz und Kunz, lasse also ungern Menschen an mich heran. Ich spiele gern und hin und wieder auch erfolgreich mit Sprache, schotte meine Familie so weit es geht von der Öffentlichkeit ab und mache auch immer wieder mal – so auch hier - ein Geheimnis aus meinem vollständigen Lebenslauf. Diese Geheimniskrämerei hat schon manchen dazu verleitet, Legenden über mich zu verbreiten. Aber das ist OK. Ich habe ein sehr dickes Fell und Desinformation ist ja auch ein gern genommenes Tool im politischen Betrieb.