(Michael van Laack) Kurz vor Weihnachten des vergangenen Jahres stolperte ich in einem Antiquariat über das Buch „Ganz in Gottes Hand. Briefe gefallener und hingerichteter Katholiken 1939-1945“, das 1957 bei Herder in Wien erschienen ist. Herausgeber war Franz König, der späterer Erzbischof und Kardinal (1905-2004). Das Buch im Laden nur kurz durchblätternd erwartete ich eine Zusammenstellung von Erlebnisberichten. Briefe von der Front oder aus den Gefängnissen, die Einblick in die damaligen Verhältnisse ermöglichen würden.

Die gibt es freilich auch auf den etwas mehr als 200 Seiten. Aber nicht nur. Mancher Arbeiter, Student, Jugendführer, Priester und Ordensmann schrieb auch zu anderen Themen, die ihn bewegten, als er an der Front täglich den Tod erwarten musste.

Einer von diesen war Floridus Josef Klee. 1920 in Wien geboren, besuchte er zunächst die Staatsoberrealschule. Nach Abschluß der Schullaufbahn trat er sogleich in das Augustiner-Chorherrenstift Klosterneuburg ein, wo er am 8. November 1939 die Gelübde ablegte und 1940 die niederen Weihen bis zum Lektorat empfing. Der geistliche Stand bewahrte in freilich nicht davor, Wehrdienst leisten zu müssen. Am 1. Oktober 1940 wurde er zur Luftwaffe eingezogen. Am 5. Mai 1944 kehrte er von einem Feindflug nicht mehr zurück. Ob er an diesem Tag starb oder in Kriegsgefangenschaft geriet (wie nicht wenige Flugzeugbesatzungen, die den Absturz ihrer Maschine überlebten), ist ungeklärt. Er taucht zumindest in keinem Gefangenenverzeichnis auf.

Wir überschätzen die Wichtigkeit unseres Tuns

In einem Brief vom 2. April 1942, den wir hier in Auszügen bringen, formulierte Klee – mal subtil und mal direkt – Kritik an der Verfasstheit seiner Kirche und dem (zeit)geistigen Zustand des Klerus. Gedanken, die wir heute mühelos mit- und weiterdenken können:

„Die Ernte ist reif und der Arbeiter sind wenige. Ich glaube, dieses Herrenwort war allzu oft der Anlass, dass wir uns und unser Wirken, angesteckt vom Zeitgeist, der in der rastlosen Tätigkeit alles Heil erblickt, allzu sehr überschätzen. Von derselben Einstellung ist man auch zur Verwerfung des Mönchtums gekommen, dessen Verzieht und Beten in unserer Lebensanschauung doch eine andere Wertung erfährt als in der allgemeinen Meinung. Wenn auch wenige Arbeiter – einmal waren es nur zwölf und diese zwölf Werkzeuge in Gottes Hand, arm an irdischen Schätzen, an Macht, an Bildung und Wissen, haben die Keime gelegt, auf denen wir heute noch weiterbauen.

Der unerschütterliche Glaube fehlt

Sie haben aber immer ihre Arbeit im Vertrauen auf Gott getan, mit einem unerschütterlichen festen Glauben, der uns heute leider fehlt. Sie haben gewusst, dass all ihr Mühen nutzlos ist, wenn Gott es nicht segnet. Wir aber bilden uns ein, der Herrgott müsse es segnen, wenn wir nur recht geschäftig sind, und ein Priester erscheint uns umso wertvoller, je mehr er sich betätigt. Wir haben das Heiligste bereits rationalisiert und beten die Zahl an. Die Zahl ist der Maßstab für uns geworden für Dinge, die so nie gemessen werden können, die überhaupt nicht zu bemessen sind, weil Gott selbst sich ihre Wägung vorbehalten hat. Die Priester der vergangenen Jahre haben die ganze Welt vor ihr Forum (Gericht) gezogen und sie gerichtet. Sie waren über alles unterrichtet in Wissenschaft und Kunst und Wirtschaft und Politik und haben allen ihre Ansicht und Meinung aufdrängen wollen. Für alle Wunden wussten sie die richtige Medizin, und als sich die ersten Misserfolge einstellten, weil eben der Herrgott nicht immer den Scheck einlösen wollte, den sie so freizügig unterschrieben hatten, da wurden die Menschen an ihnen irre, selbst die, die im blinden Vertrauen gefolgt waren, weil sie doch Gottes Vertreter auf Erden waren.

Seelsorge wird vernachlässigt

Weil sie als Menschen aber naturnotwendig nur über eine bestimmte Arbeitskraft verfügten, mussten sie über dieser rastlosen Tätigkeit ihre eigentliche Aufgabe vernachlässigen. Ich will damit kein Urteil über sie fällen, das steht mir nicht zu, weil ich selbst schwach und irre bin. Aber ich habe die Folgerung für mich daraus gezogen: Sie haben alle ihre menschliche Kraft eingesetzt zur Ausbreitung des Gottesreiches und glaubten es auf diese Weise am besten zu erreichen. Und doch hat die Kirche schwere Einbußen erlitten – weil Gott es so wollte, weil er uns wieder zeigen wollte, dass wir auf uns allein angewiesen ein Nichts sind, jedoch alles können, wenn er uns stärkt. Selbst wenn wir wenige sind und noch weniger werden!

Einsicht und Demut

Und das ist meine Bitte an den auferstandenen Heiland: Schenke uns die richtige Einsicht und Demut und vor allem den tiefen Glauben der ersten Jünger und Apostel und eine tiefe innige Liebe zu allen Mitmenschen, die durch Dich unsere Brüder und Schwestern sind. Lass Dein Opfer für sie und für uns nicht vergeblich sein. Hilf uns, dass sie durch uns zu Dir gelangen, weil Du uns ja selbst zu Mittlern bestellt hast. Hilf uns auch, unsere menschlichen Schwächen und Fehler abzutun, die so vielen den Weg zu Dir versperren. Wir sind bereit, Dir zu folgen, wohin Du uns auch führst. Gib, dass diese Bereitschaft nie nachlässt, es sei denn, dass Du uns ganz zu Dir rufst. Heute wie vor zweitausend Jahren klingt das Alleluja gleich froh und verheißend: Er ist auferstanden und das ist unser Sieg!“

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Soweit Floridus Josef Klee. Auch in unseren Tagen vertraut der Klerus zu oft der Wirkung der Wissenschaft. Weniger der Theologie und Philosophie zwar, aber noch immer glauben nicht wenige Priester: In dem Moment, als der Bischof mir die Hände auf den Kopf legte, wurden sämtliche Wissenschaften in mich eingegossen. Ich benötige keinen Rat. Ich bin Soziologe, Wirtschaftswissenschaftler und Biologe zugleich. Ebenso sehen wir, dass Bischöfe immer mehr liturgische Funktionen und seelsorgliche Aufgaben von den Priestern wegdelegieren. Sie begründen das mit notwendiger Entlastung und der Stärke der Rolle der Laien.

So aber verdunstet das, was den Priester ausmacht – sei es als „alter Christus“ am Altar, als Beichtvater oder als Tröster in der Not – immer mehr und rascher. Ein gut bezahlter Funktionär, der sich dem Himmel allerdings vermutlich immer noch ein Stückchen näher fühlt, als es aus seiner Sicht das Volk ist. Mehr ist nicht übriggeblieben. Die Selbstüberwältigung der Kirche schreitet voran!

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Jahrgang 1965 – Wohnsitze in Bayern und NRW - Deutscher und US-amerikanischer Staatsbürger – Zunächst Berufsausbildung zum Industriekaufmann/Wirtschaftsassistent – Danach Diplomstudiengänge (Katholische Theologie, Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaften) u.a. in Bochum und Passau. – Einige Jahre Erzieher in privaten Internaten (u.a. Schloss Neubeuern und St. Ottilien) – In kirchlichen und politischen Milieus je nach Betrachtungsweise mehr oder weniger gut vernetzt – Aktuell im politischen Betrieb als „Ghost“ Reden- und Vortragsschreiber sowie Mitautor und Korrektor. Zudem strategischer und konzeptioneller Berater bei diversen Wahlkampagnen außerhalb Deutschlands. Bis zu meinem Engagement für den Blog eher öffentlichkeitscheu. Das bin ich in gewisser Weise auch heute noch. Persönliche Kontakte pflege ich am liebsten nur beruflich oder in der Familie. Aktuelle Fotos von mir oder Fotos im Zusammenhang mit dem ein oder anderen Projekt vermeide ich, so gut es geht. Ein guter Freund nannte mich einmal einen Semi-Soziopathen. Auch wenn das ein hartes Wort ist: es beschreibt keine psychische Erkrankung, wie man vermuten dürfte und trifft deshalb sehr gut! Zwar bin ich prinzipiell sehr empathisch, doch schätze ich nicht die Nähe von Hinz und Kunz, lasse also ungern Menschen an mich heran. Ich spiele gern und hin und wieder auch erfolgreich mit Sprache, schotte meine Familie so weit es geht von der Öffentlichkeit ab und mache auch immer wieder mal – so auch hier - ein Geheimnis aus meinem vollständigen Lebenslauf. Diese Geheimniskrämerei hat schon manchen dazu verleitet, Legenden über mich zu verbreiten. Aber das ist OK. Ich habe ein sehr dickes Fell und Desinformation ist ja auch ein gern genommenes Tool im politischen Betrieb.