(Michael van Laack) Ist das noch Satire oder schon Bosheit? Auf jeden Fall ist es selten zielführend. – Auf Youtube und anderen Plattformen versuchen sich in diesen Wochen abertausende besorgter, enttäuschter und verbitterter Bürger an Kritik in Wort und Schrift mit Blick auf die Corona-Politik der Bundesregierung. Das ist auch gut so! Jeder hat das Recht, seine Meinung zu äußern, sei sie auch noch so abwegig.

Die entscheidende Frage aber ist: Cui bono? Wem nützt es? Und hier fürchte ich: Nicht den Anliegen der Opposition, weder der FDP noch der AfD – den beiden aktuell die schärfste Kritik übenden Parteien. Und erst recht nicht jenen, die auf die Straße gehen.

Straße contra Regierung? „Das ist Rechts, Basta!“

Nennen wir sie „Querfront der bürgerlichen Mitte“. Denn die von manchen (auch mir) in den ersten Tagen nach Verschärfung der Corona-Restriktionen erwartete breite Rechts-Links-Querfront ist nicht zustande gekommen. Was vor allem daran liegen dürfte, dass die ANTIFA sich ihres Kerngeschäftes (dem Kampf gegen Rechts) neu bewusst wurde nach einer kurzen Verunsicherungsphase. Auch dürften ihre rotgrünen Freunde im politischen Berlin sie daran erinnerten haben: „Ihr seid eine der tragenden Säulen für den Machterhalt der Altparteien. Kritik an Merkels Corona-Politik dürft ihr genauso wenig unterstützen wie Kritik an der Klima- und Migrationspolitik. Und wo Menschen gegen diese Politik auf die Straße gehen, habt ihr umgehend eine Gegen-Demo zu organisieren oder zumindest die Demonstrierenden in Kleingruppen zu stören und zu provozieren. Ihr müsst Euch keine allzu großen Sorgen machen, dass die Polizei Euch belästigt, wenn ihr die Regierungsgegner verängstigt oder zurückdrängt.“

Doch nicht alles ist zielführend

Anlass für diesen kurzen Artikel gab mir dieses heute erschienene und deshalb bisher noch kaum aufgerufene Video, über das ich zufällig stolperte, als ich auf Youtube die Stichworte Corona und Satire eingab:

Aus meiner Sicht ein Beispiel, wie man es nicht machen sollte: Ja, Merkel muss weg und andere auch. Da sind wir uns zweifellos einig. Was mich an Beiträgen wie diesem stört, ist keineswegs die Skinhead-Tonlage bei „Weg, Weg, Weg“. Auch gegen einfache Botschaften habe ich nichts. Gegen einfache Lösungen schon eher. Zum einen, weil es eine solche für kein aktuelles Problem gibt; zum anderen weil wir wissen, wie sich Nationen entwickelten, in denen jene an die Macht kamen, die mit einfachen Lösungen Wahlen und entsprechend die Macht gewannen.

Das Entfernen von Personen löst keine Probleme

Ganz abgesehen davon, dass sich die Gegner der bürgerlichen Mitte und liberalkonservativer Politik durch solche Beiträge bestätigt fühlen in ihrer Meinung über uns. Alles Nazis! DEnn Parolen wie diese skandieren ja auch immer mal wieder gern die Leute aus unserem eigenen Lager: „Merkel muss weg! „Alle ab in den Knast“. „Die Regierung muss zurücktreten.“ „Die sind alle dumm wie altes Brot.“ Deshalb mag manchen unserer Leser dieses Video sogar gefallen trotz der augenscheinlich fehlenden Gesangsausbildung des Vortragenden. Die Melodie ist bekannt und eingängig, die Botschaft fließ sanft durch unsere Ohren ins Hirn. „Der Mann hat recht!“ ist man dann schnell zu sagen geneigt. OK… Und dann?

Dann gehen wir auf die Straße und stellen uns mit Plakaten in diesem Tenor auf öffentliche Plätze. Was erreichen wir so? Nichts außer Empörung. – Die meisten Menschen in unserer Republik haben Phrasen so satt. Überall lesen und hören sie Plattes. Von Politikern, von Fußballtrainern der unterlegenen Bundesliga-Mannschaft, von Show-Moderatoren und immer häufiger auch von Bischöfen auf den Kanzeln.

Phrasen dreschen macht das Land nicht besser

Und dann kommen wir… und tun nichts anderes! Nur die wenigsten von uns suchen das Gespräch und argumentieren sachlich. Wir wollen nicht überzeugen, wenn wir uns auf die Plätze stellen. Wir wollen nur unsere Meinung kundtun. Wenn wir das dann getan haben, gibts noch eine Grillwurst auf die Hand und ein Bierchen aus dem Pappbecher. Dann geht es nach Hause. Zweifellos haben wir für einen kurzen oder auch etwas längeren Moment das gute Gefühl: Ich (Wir) habe(n) heute etwas bewegt!

Bis wir wieder ins Gesichtsbuch schauen oder auf das, was gezwischert wird im Netz. Und dann machen wir dort weiter, wo wir aufgehört haben: „Merkel muss weg!“, lautet unser erstes Posting nach der Demo und unsere Klicks und Herzchen bekommen zuerst jene, die Ähnliches schreiben.

Es ändert sich nichts, weil wir immer nur auf uns schauen. Tausend Leute kommen zusammen. Jeder von ihnen verteidigt seine eigene Meinungsfreiheit und seine Grundrechte entsprechend der eigenen Definition. Alle eint der Frust, die Wut, vielleicht der Hass. Und dennoch verstehen nur die Wenigsten von uns sich in diesen Minuten des Protests als eine reale Schicksalsgemeinschaft. Wir kommunizieren selten tief miteinander. Dazu ist es freilich auf der Demo oft zu laut und hektisch.. Doch nach der Veranstaltung kommunizieren die allermeisten ebensowenig. Im Freundeskreis, bei den Arbeitskollegen, im Netz. Wir argumentieren nicht. Wir dreschen gelesene und gehörte Phrasen und Hunderte grölen sie uns dann nach.

Ein solcher Protest lässt die Regierenden kalt

Warum sollten sie uns auch ernst nehmen? Wir geben ihnen ja die Möglichkeit, die Vorurteile über uns zu verstärken. „Die wissen nichts, die können nichts, die grölen nur! Und sie fordern ‚Die müssen weg!‘ Typisch Nazi!“.

Ich habe in den vergangenen Jahren an mancher Demo gegen Regierungspolitik teilgenommen. Immer wieder habe ich oben Beschriebenes erlebt. Aber auch weit Negativeres. Denn machen wir uns nichts vor: In die Demos der Bürgerlichen schleichen sich immer Rechtsextreme ein. Wenn es uns auffällt, schweigen wir zumeist. Statt uns zumindest räumlich von diesen Gruppen zu distanzieren, laufen oder stehen wir neben ihnen. Wo ANTIFA steht, da verlassen wir die Szene; wo z.B. NPD steht, nicht: „Die tun uns ja nichts, die wollen ja nur spielen.“ Manchmal schleichen sie sich nicht einmal in die Demos, denn wir laden sie ein. Wir geben ihnen ein Podium, weil wir doch so gern all die beliebten Phrasen hören. Da ist es uns oft ganz egal, ob der Phrasendrescher auch zwischenzeitlich vom „großen Austausch“ faselt, vor „jüdischen Logen“ warnt, oder Hitlers Außenpolitik als klüger bezeichnet als die von Heiko Maas. Hauptsache, er sagt auch das, was wir hören wollen: Merkel muss weg!

Lasst Euch nicht verführen!

Deshalb: Meidet diese Leute, meidet ihre Nähe. Hört ihnen nicht zu auf den Märkten und Plätzen. Lasst Euch Eure berechtigten Anliegen nicht stehlen von den Feinden der Republik.

Und: Geht auch weiter auf die Straße und zeigt Euren Protest. Aber IMMER friedlich. Lasst Euch nicht auf linke Provokateure ein. Bleibt gegenüber den Polizisten, die nur ihren Job machen (ihre Dienstpflicht erfüllen) höflich. Beschimpft sie nicht. Wer beschimpft wird, nimmt automatisch eine abweisende Haltung an und seine Toleranzschwelle verändert sich negativ.

Vor allem aber: Geht nicht nur auf die Straße und drescht Phrasen. Seid eine wandelnde politische oder sonstige Überzeugung auf zwei Beinen. Diskutiert, multipliziert, sucht den Diskurs! Wenn es überhaupt eine Möglichkeit geben sollte, gesellschaftsverändernd zu wirken und Merkels politische Religion – als deren Oberpriester sich auch ihre Nachfolger verstehen werden – zu deinstallieren, wird das nur mit vielen feinen Werkzeugen funktionieren. Mit einer Legion Vorschlaghämmer machen wir lediglich das Land oder – was wahrscheinlicher ist – uns selbst kaputt!

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Jahrgang 1965 – Wohnsitze in Bayern und NRW - Deutscher und US-amerikanischer Staatsbürger – Zunächst Berufsausbildung zum Industriekaufmann/Wirtschaftsassistent – Danach Diplomstudiengänge (Katholische Theologie, Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaften) u.a. in Bochum und Passau. – Einige Jahre Erzieher in privaten Internaten (u.a. Schloss Neubeuern und St. Ottilien) – In kirchlichen und politischen Milieus je nach Betrachtungsweise mehr oder weniger gut vernetzt – Aktuell im politischen Betrieb als „Ghost“ Reden- und Vortragsschreiber sowie Mitautor und Korrektor. Zudem strategischer und konzeptioneller Berater bei diversen Wahlkampagnen außerhalb Deutschlands. Bis zu meinem Engagement für den Blog eher öffentlichkeitscheu. Das bin ich in gewisser Weise auch heute noch. Persönliche Kontakte pflege ich am liebsten nur beruflich oder in der Familie. Aktuelle Fotos von mir oder Fotos im Zusammenhang mit dem ein oder anderen Projekt vermeide ich, so gut es geht. Ein guter Freund nannte mich einmal einen Semi-Soziopathen. Auch wenn das ein hartes Wort ist: es beschreibt keine psychische Erkrankung, wie man vermuten dürfte und trifft deshalb sehr gut! Zwar bin ich prinzipiell sehr empathisch, doch schätze ich nicht die Nähe von Hinz und Kunz, lasse also ungern Menschen an mich heran. Ich spiele gern und hin und wieder auch erfolgreich mit Sprache, schotte meine Familie so weit es geht von der Öffentlichkeit ab und mache auch immer wieder mal – so auch hier - ein Geheimnis aus meinem vollständigen Lebenslauf. Diese Geheimniskrämerei hat schon manchen dazu verleitet, Legenden über mich zu verbreiten. Aber das ist OK. Ich habe ein sehr dickes Fell und Desinformation ist ja auch ein gern genommenes Tool im politischen Betrieb.