(Michael van Laack) Viele haben es geahnt, nicht wenige gewünscht, gar herbeigesehnt. Doch sicher sein konnte sich bis vor wenigen Minuten niemand. Andreas Kalbitz ist über seine Vergangenheit gestürzt. Seine Parteimitgliedschaft wurde vom Bundesvorstand mit 7:5 Stimmen bei einer Enthaltung aufgehoben, weil er unter falschen Voraussetzungen eingetreten war.

Er hatte unvollständige Angaben über vorherige Mitgliedschaften in Organisationen gemacht, die bereits bei seinem Eintritt in die AfD von staatlichen Diensten beobachtet wurden. Hauptgrund für die Entscheidung war allerdings wohl eine verheimlichte Mitgliedschaft bei den Republikanern, die zu dem Zeitpunkt, als er Mitglied wurde, unter Beobachtung standen.

Noch am Vormittag hatte Björn Höcke im Kreis von Vertretern der Landesverbände einen Sonderparteitag ins Spiel gebracht, auf dem man sich dann der „politischen Spinner“ entledigen könnte, die den lupenrein demokratischen Patrioten Andreas Kalbitz aus der Partei entfernt sehen wollten und den Flügel diffamierten. Ein vergeblicher Einschüchterungsversuch, wie wir nun sehen.

Nun könnte es eng werden für Höcke

Auf der einen Seite fehlt der strategische innerparteiliche Vordenker der Völkisch-Nationalen, der für Björn Höcke mehr war als nur ein Parteifreund. Diese Lücke zu schließen dürfte schwierig genug werden für den real immer noch existierenden „Flügel.“ Zudem wurden dem Geschichtslehrer seine Grenzen aufgezeigt. Es reicht nicht mehr zu drohen, zu zetern, zu relativieren. Auf Bundesebene hat der Flügel nicht mehr die Kraft, Mehrheiten zu generieren.

Der Druck der Flügel-Basis wird steigen

Die „Liquidierung“ von Kalbitz dürften die Protagonisten kaum ohne zeitnahen Gegenschlag hinnehmen können. Denn die einfachen Kader, Mitglieder und Sympathisanten der “wahren AfD“ werden entsprechend Druck machen. Nicht nur in den sozialen Netzwerken. Es wird also rasch gehandelt werden müssen. Formal kann Kalbitz zur Beruhigung erst einmal in einen Rechtsstreit eintreten. Das aber macht die Entscheidung des BuVo nicht schwebend unwirksam. Es könnte nur ein wenig zur Beruhigung dienen und als Signal: Seht ich kämpfe weiter für die Partei, ja gar um die Partei. Aber das wird nicht reichen.

Zwei Optionen liegen auf dem Tisch

Eine sofortige Spaltung, die Neugründung einer eigenen Partei. Das Szenario ist schon komplett durchgespielt. Vorbereitungen sind getroffen. Das Plan-B-Paket könnte binnen weniger Tage vom inneren Kreis um Höcke und Kalbitz aufgeschnürt werden. Allerdings gäbe es ein Glaubwürdigkeitsproblem. Denn es war vor allem Björn Höcke, der laut und eindringlich die Partei gegen Meuthen mobilisierte nach dessen Wink mit dem Zaunpfahl, dass die AfD nicht zugleich sozial-patriotisch und liberal-konservativ sein könne. Einigkeit und Geschlossenheit lauteten seine markigen Worte wenige Tage, nach dem er schon fast devot der Auflösung des Flügels zugestimmt hatte. Das konnte er allerdings bedenkenlos tun, denn er wusste: Die Strukturen sind nicht zerschlagen. Lediglich das Banner und einige Webseiten verschwanden.

Jetzt freilich könnte er eine neue Geschichte erzählen: „Wir sind keine Spalter, wir sind Vertriebene. Der Feind hat die “wahre AfD“ gedemütigt und will aus der Partei schrittweise einen Merkel-Unterstützer-Verein machen, so dass wir genötigt sind (um Deutschland, der Freiheit und was auch sonst willen und Bla Bla Bla), eine eigene Partei zu gründen.“

„Putsch“ auf einem Sonderparteitag

Die zweite Option: Einen Sonderparteitag verlangen, auf dem das aus Sicht der Flügler verräterische Gebaren der Mitte von den Delegierten abgestraft wird und die „wahre AfD“ die Macht ergreifen kann. Risiken, wenn es denn überhaupt gelänge, die nötigen Stimmen zusammen zu bekommen für die Ansetzung eines solchen Parteitags, wären u.a.:

  1. Höckes Mannen und Frauen könnten auch hier scheitern. Dann wären sie auch gegenüber den eigenen Unterstützern (nicht nur im Osten) so geschwächt, dass eine Partei-Neugründung kaum mehr Aussicht auf Erfolg hätte.
  2. Der Mitglieder-Exodus aus der Partei würde sich im Fall des Gelingens der Machtübernahme noch schneller fortsetzen, als bisher. Die meisten, die in den letzten Monaten die Partei verließen, taten dies, weil sie nicht mehr mit Völkischen Gemeinschaft haben wollten und den BuVo als „Lame Duck“ empfanden.
  3. Im Westen käme der Flügel allein bei Wahlen auf Landesebene kaum über 5%
  4. Die Beobachtung der Gesamtpartei noch 2021 vor der Bundestagswahl wäre dann wahrscheinlich.

„Der Mantel der Geschichte weht an uns vorbei…“, sagte Höcke einmal sehr pathetisch. Er und die Seinen mögen ihn auch kurz in der Hand gehabt haben mit Blick auf die Parteigeschichte. Doch jetzt scheint er ihnen entglitten zu sein.

Ob der Wind sich noch einmal drehen wird?

Warten wir die nächsten Wetterberichte ab!

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Jahrgang 1965 – Wohnsitze in Bayern und NRW - Deutscher und US-amerikanischer Staatsbürger – Zunächst Berufsausbildung zum Industriekaufmann/Wirtschaftsassistent – Danach Diplomstudiengänge (Katholische Theologie, Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaften) u.a. in Bochum und Passau. – Einige Jahre Erzieher in privaten Internaten (u.a. Schloss Neubeuern und St. Ottilien) – In kirchlichen und politischen Milieus je nach Betrachtungsweise mehr oder weniger gut vernetzt – Aktuell im politischen Betrieb als „Ghost“ Reden- und Vortragsschreiber sowie Mitautor und Korrektor. Zudem strategischer und konzeptioneller Berater bei diversen Wahlkampagnen außerhalb Deutschlands. Bis zu meinem Engagement für den Blog eher öffentlichkeitscheu. Das bin ich in gewisser Weise auch heute noch. Persönliche Kontakte pflege ich am liebsten nur beruflich oder in der Familie. Aktuelle Fotos von mir oder Fotos im Zusammenhang mit dem ein oder anderen Projekt vermeide ich, so gut es geht. Ein guter Freund nannte mich einmal einen Semi-Soziopathen. Auch wenn das ein hartes Wort ist: es beschreibt keine psychische Erkrankung, wie man vermuten dürfte und trifft deshalb sehr gut! Zwar bin ich prinzipiell sehr empathisch, doch schätze ich nicht die Nähe von Hinz und Kunz, lasse also ungern Menschen an mich heran. Ich spiele gern und hin und wieder auch erfolgreich mit Sprache, schotte meine Familie so weit es geht von der Öffentlichkeit ab und mache auch immer wieder mal – so auch hier - ein Geheimnis aus meinem vollständigen Lebenslauf. Diese Geheimniskrämerei hat schon manchen dazu verleitet, Legenden über mich zu verbreiten. Aber das ist OK. Ich habe ein sehr dickes Fell und Desinformation ist ja auch ein gern genommenes Tool im politischen Betrieb.