(Michael van Laack) Rolf Hochhuth ist tot. Er starb am gestrigen Tag im Alter von 89 Jahren. Möge seine Seele trotz allem in Frieden ruhen. Sein Theaterstück „Der Stellvertreter“ über das Verhältnis Papst Pius XII. (1939-1958) zu den Juden, dessen angebliche Untätigkeit während der Herrschaft Hitlers und Mussolinis, gar die ihm unterstellte Sympathie für die nationalsozialistische – weil antisemitische – Ideologie löste 1963 eine Kontroverse aus, die auch noch in unseren Tagen ausgetragen wird.

Bis heute verhindert dieser Historikerstreit die Aufnahme eines Seligsprechungsprozesses. Erst vor wenigen Monaten wurden die in vatikanischen Archiven lagernden Akten des Pacelli-Papstes für die Forschung öffentlich zugänglich. Bis dahin durften nur handverlesene Historiker Einsicht nehmen, doch selbst diese nicht in den ganzen Corpus.

Nachfolgend will ich nicht auf Rolf Hochhuths Werdegang eingehen oder seine Motivation ausleuchten. Auch eine Analyse des Theaterstücks mag ich nicht liefern. Beides haben viele, die berufener sind als ich, in den vergangenen Jahrzehnten ausgiebig getan. Ich könnte hier also nur anderer Leute Erkenntnisse referieren. Und das ist etwas, was ich nur mache, wenn es gar nicht anders geht.

Schweigen als Hauptvorwurf

Je, es stimmt: In keiner Rede, keiner Predigt, keiner Enzyklika und keinem sonstigen Schreiben spricht Eugenio Pacelli über Ghettoisierung und Deportation von Juden, von requirierten Vermögen und geschlossenen Geschäften. Auch greift er die NS-Politik und die Kriegstreiberei nie dezidiert an. Zweifellos aber hat er von vielem gewusst. Ausländische Dienste (vor allem die Amerikaner und die Franzosen) reichten Erkenntnisse an verschiedene Stellen im Vatikan weiter. Die deutsche Nuntiatur berichtete mindestens einmal wöchentlich.

Wieviel davon dem Papst zur Kenntnis gebracht wurde, ist kaum nachprüfbar. Bekanntlich sind diverse Mitarbeiter der Kurie ja auch heute noch aus taktischen Gründen, aus Eigeninteresse oder was auch immer geneigt, den jeweiligen Papst nur dann in Kenntnis zu setzen, wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt. In Internetzeiten gestaltet sich das freilich schon deutlich schwieriger als 1939 und den Folgejahren. Informiert war er allerdings über manches, wie wir heute wissen. Warum also hat er öffentlich geschwiegen?

Ein Blick auf Mussolinis Italien…

Manch einen mag es wundern, aber die italienischen Juden standen bis Anfang des letzten Drittels der 30er Jahre sehr eng an der Seite Mussolinis. Dem Faschismus des Duce war der Antisemitismus fremd, die Juden bejubelten den Sieg Italiens über Äthiopien. Tausende jüdische Dozenten lehrten an italienischen Universitäten. Erst um 1936 (nach den Olympischen Spielen) wurde das Deutsche Reich für die italienische Politik immer wichtiger. Mussolini wollte Hitler lieber zum Freund als zum Feind. So bildete sich eine zunächst rein strategische Allianz.

Nach und nach wurde Nazi-Deutschland allerdings fordernder, verlangte und erreichte letztendlich dann auch 1938 die Gleichschaltung in der Judenfrage. In zeitlich dichter Folge kam es zum Rassenmanifest (August), dass die Unterschiede zwischen der „Italienischen und jüdischen Rasse“ aufzeigte, der Ausweisung ausländischer Juden und Entfernung jüdischer Mitarbeiter aus dem Staatsdienst und der Schüler aus den Bildungseinrichtungen (September). Später dann auch zu öffentlichen Diskriminierungen. Zahlreiche Juden konvertierten zum katholischen Glauben, mehr noch emigrierten.

…und Pius XII. Karriere

1917 war der spätere Papst von Benedikt XV. zum Apostolischen Nuntius von Deutschland ernannt worden und residierte zunächst in München. Zwölf Jahre übte er dieses Amt aus. Weder während der Kaiserzeit noch in der Weimarer Republik war Antisemitismus Thema in der breiten Öffentlichkeit. Das Deutschland, in dem er lebte und das er 1929 verließ, war eine Demokratie. Negative Erfahrungen machte er lediglich zur Zeit der Räterepublik mit den Kommunisten.

1929 wechselte er auf Befehl Pius XI. nach Rom und wurde 1930 Staatssekretär. Über die Zustände im faschistischen Italien bis 1938 habe ich ja gerade berichtet. Für den Bischof und Kardinal Pacelli war all das also nie ein Thema. Noch vor Kriegsbeginn starb Pius XI. und Eugenio Pacelli wurde am 2. März 1939 zu seinem Nachfolger gewählt. Am 1. September begann WK II – Italien trat in diesen Krieg im Juni 1940 ein. Erst wenige Wochen zuvor hatten sichtbare Maßnahmen gegen die Juden begonnen. Zigtausende wurden interniert, weil einige Gestörte befürchteten, sie würden im Kriegsfall gegen das eigene Land kämpfen.

Was wusste Pius XII. über den Holocaust

In den ersten Papstjahren vermutlich nichts. Erst als die Dienste vermehrt Informationen übersandten und auch in Italien selbst die Maßnahmen gegen die Juden immer massiver wurden, erhielt er Kenntnis. Selbstverständlich kannte er die NS-Rassenlehre und Rassengesetze. Auch die Kirchenfeindlichkeit des inneren Kreises um Hitler war ihm nicht verborgen geblieben. Schließlich hatte er bereits 1937 mitgewirkt an der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ von Pius XI., die Hitlerdeutschland als Affront und gewissermaßen geistige Kriegserklärung an den Nationalsozialismus verstand.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit waren ihm ab Ende 1943 auch Berichte über die Zustände in den KZs zugetragen worden. Verifiziert freilich war nichts von alledem, das wahre Ausmaß des Holocaust wurde erst nach 1945 deutlich.

Vatikan tat, was er konnte

Der Vatikan war vermögend in den 30ern des letzten Jahrhunderts. Wirklich reich nicht (ist er ja auch heut nicht, wenn man auf Barvermögen schaut). Pius XII. und die Seinen taten jedoch, was sie konnten. Es gab finanzielle Unterstützung für zahlreiche Juden, vielen wurde die Flucht ermöglicht, mit Wissen des Papstes auch manche Juden versteckt in Räumen der Kirche, bis man ihnen eine neue Perspektive bieten konnte. Mehr war nicht drin!

Vatikan besetzen – Papst entführen oder töten

Pläne dazu gab es schon früh. Himmler selbst wäre gern Papst geworden. Das ist kein Witz. Im Rahmen des Endsieges sollte das Christentum ausgelöscht werden. Jedoch nicht in einem Zug, sondern in mehreren Phasen. Einer dieser Phasen wäre Papst Heinrich (Himmler) gewesen, dem ein blondes, germanisches, einfach herrlich arisches Christentum vorschwebte. Gemixt mit der Edda, denn schließlich war die Bibel gefälscht und Christus stammte nicht aus Palästina.

Auch Mussolini hat den Papst immer wieder gewarnt, seine Priester und Bischöfe nichts Kriegsschädliches oder Ideologiefeindliches schreiben oder predigen zu lassen. Immer mal wieder wurde das Hoheitsgebiet des Vatikans umstellt, während der deutschen Besatzungszeit dann kontinuierlich.

Hätte Pius eine ähnliche Enzyklika veröffentlichen lassen zu Italien oder zu Deutschland, wie es Pius XI. noch möglich war, gäbe es vermutlich den Petersdom heute nicht mehr. Drohend waren zeitweise gar Flakgeschütze auf seine Kuppel gerichtet. Heute wissen wir, dass Pius XII. an einer solchen Enzyklika geschrieben hat, aber sie nie veröffentlichte. Der Entwurf liegt in den Vatikanischen Archiven.

Nach dem Krieg

Rolf Hochhuth wirft Pius XII auch vor, er habe nach dem Krieg geholfen, zu vertuschen. Mehrere Kriegsverbrecher seien durch Vermittlung und aktives Tun vatikanischer Dienste die Flucht nach Südamerika gelungen. In der Tat gab es solche Vorgänge, aber in diese war der Papst nicht involviert. In der Kurie saßen freilich schon einige, die den italienischen Faschismus sympathisch fanden.

Der heute Verstorbene wirft dem Papst auch vor, er sei ein politischer Antisemit gewesen, habe nicht einfach nur stillschweigend alles zugelassen. Hochhuth verwechselt (bzw. vertauscht absichtlich) den politischen Antisemitismus mit dem, was ich den religiösen Antisemitismus nenne. Ja, der Begriff ist zweischneidig. Die Juden haben Christus an Pilatus ausgeliefert. Ihr Blut, so schrien sie, solle über sie und ihre Kinder kommen. Ans Kreuz mit ihm! Deshalb galten die Juden stets im Verständnis der Theologie als „Gottesmörder“. Das war es dann aber auch schon.

Wie bei der Hexenverbrennung die staatliche Inquisition deutlich mehr Opfer forderte, als die kirchliche Inquisition, so sehen wir auch bei der Verfolgung der Juden im Mittelalter und später bis in 17. Jahrhundert hinein staatliche (materielle) Interessen die religiösen dominieren.

Hochhuths Schlammvorrat war groß

Pius XII. habe sich nie entschuldigt, lautet ein weiterer Vorwurf. Ich frage mich: Wofür? Dafür, dass nicht alle Priester, Bischöfe und die beiden während des Nationalsozialismus regierenden Päpste öffentlich Widerstand geleistet und den Martyrertod erlitten haben? Dafür, dass man die nationalsozialistischen Mörder nicht so sehr provoziert hat, bis sie alle Klöster und Kirchen dem Erdboden gleich machen ließen?

Hochhuth und seine Genossen haben Pius XII. und anderen das Unterlassen eines Verhaltens vorgeworfen, dass ihre sozialistischen, liberalen oder atheistischen Väter noch viel weniger an den Tag legten. Denn diese sind mitmarschiert. Der Klerus der Kirche hat lediglich geschwiegen und still geholfen, wo es ihm möglich war!

***

Sie lesen gern die Debattenbeiträge und Analysen fernab des Mainstreams, die Ihnen Michael van Laack auf PP bietet? 

Dann können Sie ihn für sein Engagement hier unterstützen:

Paypal

Vorheriger ArtikelCorona: Wer bestellt, der zahlt? Den Deckel für die Virus-Runde ganz sicher nicht!
Nächster ArtikelAlles Nazis? Zu Besuch bei einer Anti-Lockdown-Kundgebung in Leipzig
Jahrgang 1965 – Wohnsitze in Bayern und NRW - Deutscher und US-amerikanischer Staatsbürger – Zunächst Berufsausbildung zum Industriekaufmann/Wirtschaftsassistent – Danach Diplomstudiengänge (Katholische Theologie, Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaften) u.a. in Bochum und Passau. – Einige Jahre Erzieher in privaten Internaten (u.a. Schloss Neubeuern und St. Ottilien) – In kirchlichen und politischen Milieus je nach Betrachtungsweise mehr oder weniger gut vernetzt – Aktuell im politischen Betrieb als „Ghost“ Reden- und Vortragsschreiber sowie Mitautor und Korrektor. Zudem strategischer und konzeptioneller Berater bei diversen Wahlkampagnen außerhalb Deutschlands. Bis zu meinem Engagement für den Blog eher öffentlichkeitscheu. Das bin ich in gewisser Weise auch heute noch. Persönliche Kontakte pflege ich am liebsten nur beruflich oder in der Familie. Aktuelle Fotos von mir oder Fotos im Zusammenhang mit dem ein oder anderen Projekt vermeide ich, so gut es geht. Ein guter Freund nannte mich einmal einen Semi-Soziopathen. Auch wenn das ein hartes Wort ist: es beschreibt keine psychische Erkrankung, wie man vermuten dürfte und trifft deshalb sehr gut! Zwar bin ich prinzipiell sehr empathisch, doch schätze ich nicht die Nähe von Hinz und Kunz, lasse also ungern Menschen an mich heran. Ich spiele gern und hin und wieder auch erfolgreich mit Sprache, schotte meine Familie so weit es geht von der Öffentlichkeit ab und mache auch immer wieder mal – so auch hier - ein Geheimnis aus meinem vollständigen Lebenslauf. Diese Geheimniskrämerei hat schon manchen dazu verleitet, Legenden über mich zu verbreiten. Aber das ist OK. Ich habe ein sehr dickes Fell und Desinformation ist ja auch ein gern genommenes Tool im politischen Betrieb.