(Michael van Laack) Der „Flügel“ hat die offiziellen Accounts gelöscht, seine ehemaligen Frontmänner und -frauen fressen zu dessen Lieblingsthemen Kreide, der Ausschluss seiner ehemaligen „Mitglieder“ (offiziell gab es ja gar keine, weil der Flügel nicht mehr gewesen sein soll als eine innerparteiliche Interessensvertretung für besonders vaterlandsliebende Mitglieder) ist vom Tisch. Friede, Freude, Eierkuchen?

Bis kurz nach Beginn der Corona-Krise war dies die primäre Botschaft der Partei: Man wollte endlich Ruhe hineinbringen in den gärigen Haufen und gleichzeitig das Bundesamt für Verfassungsschutz vor ein juristisches Problem stellen: „Was wird jetzt aus dem Beobachtungsfall? Dürfen wir weiterhin die Akteure in einem Gebilde beobachten, das offiziell nicht mehr existiert?“

Corona erwischt den vorerkrankten Parteikörper voll!

Trotz der nach außen zur Schau gestellten Einigkeit. Das Virus traf auf eine geschwächte Partei. Seit Jahren systematisch ausgegrenzt im Bundestag und den Landtagen, von den regierungshörigen Medien diffamiert, faktisch aus dem Diskurs ausgeschlossen. In den sozialen Medien systematisch angegriffen, ungeprüft oder doch zumindest lediglich tendenziös geprüft der Verbreitung von Fake-News beschuldigt. Dazu massive Sperrungen oder Löschungen von Sympathisanten-Accounts, Verweigerung der Vermietung durch die Gastronomie usw. usf.

Zudem im Innern tief gespalten in die angeblich real immer noch existierende „wahre AfD“ um Höcke, Kalbitz & Co. auf der einen und der ebenso angeblich farb- wie gesichtslosen bürgerlichen Mitte auf der anderen Seite. Obwohl letztere in der zahlenmäßigen Mehrheit war (und ist), fanden ihre Protagonisten nicht den Mut, sich als eine weitere „Fraktion“ innerhalb der Partei zu etablieren. Die AM begnügte sich über mehrere Jahre damit, ihr Schicksal zu beweinen. Sie wurde nicht laut – wagte nicht, sich durchzusetzen. Denn immer gab es irgendwelche Wahlen (nicht nur die im Osten), so dass es immer wieder als nicht opportun erschien, gegen den Flügel zu schlagen.

Außerdem wollte man auf gar keinen Fall zugeben, dass manche Vorwürfe aus den Reihen von „Betreutes Denken-TV“ zutreffend waren. Dann kam der Beobachtungsfall. Nun wurde überstürzt gehandelt, denn ein Masterplan existierte trotz der eigentlich ausreichend langen Vorlaufzeit nicht. Fast wie bei meiner Schwiegermutter, für die Weihnachten Jahr um Jahr ganz überraschend vor der Tür steht.

Leichter Reizhusten: Die Partei zeigt sich solidarisch mit der Bundesregierung.

„Keine Sorge, Schatz! Das ist nur ein wenig Husten. Ist von allein gekommen und geht auch wieder von allein“. – Als step by step die Restriktionen kamen, als es um Finanzfragen ging und all das, um Kurzarbeit, Schließung der Schulen und was sonst noch, blieb der Partei nichts anderes übrig, als mitzustimmen.

Wenn ein äußerer Feind das Vaterland bedroht, steht man stramm an der Seite der Regierung, lässt allen Streit zu anderen politischen Fragen für kurze Zeit ruhen. So war es auch in diesem Fall. Alle schauten auf das sich abzeichnende große Sterben im Süden und kaum jemand wagte in diesen Tagen, sichere Prognosen zu stellen. Zwar betonte die AfD schon früh (als erste der Bundestagsparteien) wie wichtig es sei, im Interesse der Wirtschaft so schnell als möglich Exit-Pläne auszuarbeiten, aber mehr war da zunächst mal nicht. Denn man hatte ja selbst noch keinen Plan.

Die Kopfschmerzen beginnen: Der Mitglieder- und Umfragedruck steigt.

In den Monaten vor Covid-19 gab es bereits einen leichten – allerdings unklaren, weil in manchen Bundesländern abweichenden – Abwärtstrend. Die Partei blieb aber im sicheren zweistelligen Bereich. Das änderte sich schlagartig mit Corona. Wie in Krisenzeiten üblich, stieg das Vertrauen der Bundesbürger in die Kanzler-Partei massiv an. Das ist eine normale Entwicklung in Krisen, deren Entstehen die Bevölkerung nicht der Regierung zuschreibt.

Erfahrene und/oder altersweise Abgeordnete der Partei wie auch viele ihrer Berater wussten um solch eine Entwicklung. Gelassenheit hätte also die Botschaft lauten müssen in dieser Phase. Mag sein, dass der BuVo das auch so in die Partei zu sprechen beabsichtigt hatte, wäre da nicht so ein massiver Druck einfacher Parteimitglieder gekommen, aber auch diverser Wähler und sonstiger Unterstützer.

„Mit der Regierung stimmen geht gar nicht. Und Ihr seht ja auch, was ihr davon habt: Vier bis fünf Prozent Verlust. Ihr entwickelt Euch zu Merkels Speichelleckern!“ Binnen weniger Tage kam in zahlreichen LaVo’s Titanic-Stimmung auf, während die Sprecher der Partei und der BuVo mehrheitlich (die vier Flügler in ihm murrten schon ein wenig) noch Ruhe bewahrten.

Plötzlich 40 Grad Fieber: Ende des Lockdown sofort!

Opposition ist Mist, aber eine Opposition ohne Gegenpositionen, die in der Öffentlichkeit laut knallen, ist noch größerer Mist. Stimmt! Klug war die „Null auf Hundert“-Strategie allerdings nicht, es fehlten die Zwischentöne, die langsame Steigerung des Kritik-Levels. So wie es gelaufen ist, war das Murks: Zuerst Zustimmung, dann einige Tage schweigend zugeschaut, ab und an mal aus Kreisverbänden und (wenn ich es recht erinnere) zwei Landesverbänden Gruppenbilder. Und dann – nahezu ohne Vorwarnung und Übergang – der Knall: „Bundespartei fordert Lockdown sofort!“

Eine vollkommen sinnlose – weil unerfüllbare – Forderung! Eine gefährliche noch dazu. Denn im Land haben sich längst zwei Querfronten ausgebildet. Die eine, die unabhängig von ihrer Parteifarbe und mit Blick auf die internationale Entwicklung zum Augenmaß mahnt, zur stufenweiser Rücknahme der stufenweise eingeführten Restriktionen. Die andere, deren Experten vereint mit Verschwörungstheoretiker aller Fachgebiete Stimmung machen. Deshalb nehmen viele den Beschluss der Partei zwar zur Kenntnis, aber es gibt außer Kritik von den üblichen Verdächtigen (MSM) fast nichts. Wenig Applaus, kaum positive Konnotation. Das liegt hauptsächlich daran, dass andere schneller waren, Fake-News streuend und Angst schürend die Restriktionsgegner und die eine Gesundheits-Diktatur Befürchtenden um sich sammelnd auf youtube oder sonst wo Erfolg um Erfolg einheimsten.

Die Strategie der AfD war von Beginn an zum Scheitern verurteilt. In jeder Phase vom Beginn der Krise an nahm sie immer nur wenige Leute mit, ließ Begründungen vermissen, unterfütterte nicht, erklärte nicht. In other words: Es gab kein einheitliches Konzept, keinen vom Ende her gedachten Reaktionsplan, der in nachvollziehbaren Stufen verlief. „Jetzt sind wir dafür, jetzt neutral und jetzt dagegen.“ So musste es kommen, wie es kam.

Atemnot und Panik: Die real existierende interne Spaltung führt ins „Widerstand2020“-Desaster.

Gut, dass Doris Fürstin von Sayn-Wittgensteins schon aus der Partei ausgeschlossen werden konnte und sich das Verfahren nicht so lange hinzog wie z.B. bei Gedeon. Sie fährt bekanntlich einen ähnlichen Schlingerkurs wie Martin Sellner in der Frage des Umgangs mit der neuen Partei, die angeblich aus dem Stand binnen weniger Tage über 60.000 Mitglieder gewinnen konnte, wobei die Kriterien, ab wann man für die Damen und Herren um die Gallionsfigur Dr. Schiffmann als Mitglied gilt, bisher nicht transparent dargestellt wurde.

Der Schlingerkurs besteht darin, dass die Fürstin wie der bauernschlaue IB-Vordenker Sellner (dessen Einfluss auf deutsche Flügler fast so erheblich ist wie jener von Götz Kubitschek) sinngemäß sagen: „Es ist wichtig, dass es diese Bewegung gibt. Der Protest gegen die Willkür der Regierung muss auf die Straße getragen werden. Die Corona-Lügen müssen offenbart werden. Denn es geht ja um unser aller Freiheit. Auf der anderen Seite aber darf man der Partei natürlich nicht beitreten, denn in der Migrations- und Islamfrage vertreten ihre Führer linksgrünversiffte Positionen.“ Klingt nach Joint Venture mit Links! Oder: „Ich wasche Dich, aber ich fasse Dich nicht an!“ Riecht nach der frühen NSDAP, die hin und wieder gemeinsam mit den Roten auf die Straße ging.

Diesen Schlingerkurs sehen wir allerdings auch bei mehr oder weniger prominenten Vertretern der Bundes-AfD. So bei Nicole Höchst, die nicht nur in ihren Jouwatch-Kolumnen demonstriert, dass sie den Verschwörungstheoretikern und NWO-Spinnern  nahe steht. Das typische Verhalten eines Opportumäleons, von denen sich in der Partei nicht wenige finden. Auf der einen Seite zeigen sie ein freundliches liberalkonservatives und patriotisches  Gesicht, auf der anderen in geheimen WhatsApp- oder Facebook-Gruppen beschwören sie Szenarien zu einer in wenigen Jahren bevorstehenden Ergreifung der Weltherrschaft durch Obama, Gates, Merkel und Macron.

In diesen Tagen sind es zumeist maskierte Flügler wie Nicole Höchst, die – nach mehreren vergeblichen Anläufen, die Parteiführung in einem kalten Putsch zu erobern – eine neue Chance sehen, über die Radikalisierung der AfD in der Corona-Frage die „Zauderer und Zögerer“ zu entmachten. Deshalb tut auch sie ihr „Bestes“, um überall Zweifel zu sähen. Jörg Meuthen z.B. ist für Frau Höchst jemand, der die gleiche Ziele wie der Verfassungsschutz verfolgt und somit auch in der Corona-Frage nur halbherzig Widerstand gegen das „Regime Merkel“ zu leisten bereit sei.

Macht Beatmung noch Sinn? Als Arzt hat die Partei versagt! Sie erklärt den „Patienten“ nichts!

Viel zu viele Kader auf kommunaler Ebene werden im Stich gelassen. Nicht nur in der Corona-Frage. Die Führung ist selten „Erklärbär“, hilft nicht bei der Unterscheidung der Geister. Das Schwarz-Weiß-Denken hat sich fest etabliert. Gut sind alle, die gegen Merkels Politik auf die Straße gehen oder schreiben. Mit denen können wir auch mal Seit an Seit marschieren. Der Rest ist böse: Unpatriotisch, demokratiefeindlich, vielleicht auch nur Feindzeuge durch Stillschweigen.

Spätestens an dem Tag, als der Schiffmann-Clan tönte, jetzt würde es Zeit, dass Mandatsträger aus anderen Parteien in seine überwechselten, damit man ungewählt in Bund und Land vertreten sei, hätte ein Ruck durch die Mitte der Partei gehen müssen. Nicht nur ein paar interne Rundmails an die Mitglieder, nicht nur das ein oder andere nette Posting. Redundant hätte die AfD frühzeitig klarmachen müssen, dass sie der Querfront um den Schwindelarzt keinerlei Unterstützung gewähren wird; dass man nicht mit ihm und den Seinen oder Gestalten wie Beate Bahner auf die Straße gehen wird in den nächsten Wochen; dass es definitiv niemals ein Joint Venture mit einer linksgrünversifften Pseudo-Volksfront geben kann; dass ein öffentliches Bekenntnis in Wort und Schrift zu den Zielen von „Widerstand2020“ mandatsunwürdig macht; dass ein Beitritt zu dieser Partei, die mancher AFD-Kader verharmlosend „Bewegung“ nennt, zum sofortigen Parteiausschluss als Tatstrafe führen muss.

Aber nichts dergleichen kam oder kommt in diesen Stunden. Man muss aktuell den Eindruck gewinnen, die AfD hoffe, im Schatten dieser Bewegung aus dem aktuellen Tief herauszukommen.

Folgt dem künstlichen Koma der Exitus? Wie stellt sich die AfD für 2021 auf?

Wie wird es nun weitergehen? Die weltweite Rezession kommt. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Die Corona-Restriktionen werden nach und nach fallen. Es wird so etwas wie „Normalität“ eintreten. Auch im politischen Betrieb. Und dann? Wie weiter, AfD? Wo wollt ihr die Regierung Merkel stellen? Wollt Ihr Euch wieder schwerpunktmäßig auf das Migrationsthema als Basis für den Wiedereinzug in den Bundestag konzentrieren? Macht sicher Sinn. Aber das wird nicht reichen. Ihr werdet schon bald gefordert sein bei den Themen Wirtschaft, Finanzen, Soziallehre, Klimaschutz. Und ihr werdet die Regierung auch stellen müssen zu den Fehlern und Defiziten in der Corona-Krise. Stellen müsst Ihr sie, nicht einfach nur dagegen plärren. Denn das kann jeder Depp. Wenn man kein eigenes Konzept hat, kommt es beim Wahlvolk ganz schlecht an, wenn man jenes der anderen kritisiert.

Also macht das endlich mal professionell. Stellt Euch nicht in den Bundestag und zitiert irgendwelche zweifelhaften Ärzte. Faselt nicht von der Bill Gates-Verschwörung oder einem weltweiten Szenario, dass nichts anderes erreichen wolle als Merkel die ewige Kanzlerschaft oder ihren Nachfolgern Huxleys schöne neue Welt zu sichern. Macht endlich Realpolitik. Habt Mut zur Wahrheit und entledigt Euch endlich der Lügner und Trauma-Erzeuger in der Partei.

Und vor allem: Erklärt! Erklärt! Erklärt!

Euren Parteimitgliedern und den potentiellen Wählern. Zeigt vor allem die Unterschiede auf zu jenen Parteien und Bewegungen, die für die aktuellen AfD-Sympathisanten auch attraktiv sein könnten.

Beweist in dieser krisenhaften Zeit, dass ihr wirklich nicht nur „eine“ sondern „die“ Alternative für Deutschland seid. Versenkt die Völkisch-Nationalen im Meer der Parteigeschichte und verlasst endlich die „Feinde meiner Feinde“-Strategie! Ansonsten ist die Partei spätestens 2025 nicht mehr im Bundestag vertreten.

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Jahrgang 1965 – Wohnsitze in Bayern und NRW - Deutscher und US-amerikanischer Staatsbürger – Zunächst Berufsausbildung zum Industriekaufmann/Wirtschaftsassistent – Danach Diplomstudiengänge (Katholische Theologie, Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaften) u.a. in Bochum und Passau. – Einige Jahre Erzieher in privaten Internaten (u.a. Schloss Neubeuern und St. Ottilien) – In kirchlichen und politischen Milieus je nach Betrachtungsweise mehr oder weniger gut vernetzt – Aktuell im politischen Betrieb als „Ghost“ Reden- und Vortragsschreiber sowie Mitautor und Korrektor. Zudem strategischer und konzeptioneller Berater bei diversen Wahlkampagnen außerhalb Deutschlands. Bis zu meinem Engagement für den Blog eher öffentlichkeitscheu. Das bin ich in gewisser Weise auch heute noch. Persönliche Kontakte pflege ich am liebsten nur beruflich oder in der Familie. Aktuelle Fotos von mir oder Fotos im Zusammenhang mit dem ein oder anderen Projekt vermeide ich, so gut es geht. Ein guter Freund nannte mich einmal einen Semi-Soziopathen. Auch wenn das ein hartes Wort ist: es beschreibt keine psychische Erkrankung, wie man vermuten dürfte und trifft deshalb sehr gut! Zwar bin ich prinzipiell sehr empathisch, doch schätze ich nicht die Nähe von Hinz und Kunz, lasse also ungern Menschen an mich heran. Ich spiele gern und hin und wieder auch erfolgreich mit Sprache, schotte meine Familie so weit es geht von der Öffentlichkeit ab und mache auch immer wieder mal – so auch hier - ein Geheimnis aus meinem vollständigen Lebenslauf. Diese Geheimniskrämerei hat schon manchen dazu verleitet, Legenden über mich zu verbreiten. Aber das ist OK. Ich habe ein sehr dickes Fell und Desinformation ist ja auch ein gern genommenes Tool im politischen Betrieb.