Durch Corona wächst – so scheint es in den letzten Wochen zumindest – manches zusammen, was nicht zusammengehört. Viele sind angetreten, angeblich uneingeschränkbare Freiheiten zu verteidigen und sich einer heraufdämmernden bzw. gar schon installierten „Gesundheitsdiktatur“ zu erwehren. So bilden sich Querfronten, die oftmals unheilige Allianzen darstellen, weil sie (wie uns die Geschichte lehrt) das Potential in sich tragen, zu einer Volksfront anzuwachsen, die nicht selten in einer die bisherige Verfasstheit des Staates hinwegfegende Volksfront-Regierung mündet.

War die Zahl jener, die sich am Anfang der Krise empörten über ein im Auftrag der ARD produziertes „Satire“-Video – in dem das Sterben der Alten und Schwachen als gerecht beschrieben wurde, da diese mit ihrem Lebenswandel den Klimawandel herbeigeführt hätten – noch sehr groß, meldeten sich in vergangenen Wochen vermehrt Berufene und Unberufene zu Wort, die – wie z.B. Bundestagspräsident Schäuble – den Schutz des Lebens nicht mehr prinzipiell allem untergeordnet wissen wollten.

Ob alle Maßnahmen notwendig und angemessen waren, kann heute noch niemand abschließend bewerten.

Es wird eine Rezession geben, das steht außer Frage. Wie tief und lang diese sein wird, hängt allerdings nicht nur von den Entscheidungen der Bundesregierung ab, sondern von vielen Faktoren. Im Netz ist die Welt ein Dorf, in der Wirtschaft auch. Fällt heute ein Sack Reis in China um, kann dies schon übermorgen wegen eines Domino-Effekts zu einem mittleren Erbeben beim DAX führen. Bleibt in den USA die Zahl der Arbeitslosen über einen längeren Zeitraum auf einem hohen Niveau, hat das massive Auswirkungen auf deutsche Global Player. Beuten asiatische Staaten nicht bald wieder Kinder und Frauen aus, werden bei uns alle Ein-Euro-Läden in den Konkurs gehen.

Die Belastungsfähigkeit vieler Eltern stößt schon heute an ihre Grenzen. Das liegt zum einen an räumlicher Enge, die zu vermehrtem psychosozialen Stress führt. Ebenso daran, dass viele Paare genötigt sind, als Doppelverdiener dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen, weil es hinten und vorne nicht reicht; auch sehen wir zahlreiche Alleinerziehende, die eben nicht allein erziehen können, weil sie auf staatliche Betreuungs- und Erziehungsdienste angewiesen sind; last but not least haben auch manche die Fähigkeit verloren, selbst zu erziehen, weil sie es in den vergangenen Jahren nur selten tun mussten. Die elterliche Wohnung ist für nicht wenige Kinder und Jugendliche im Normalfall nur noch Schlafstätte, nicht mehr Sozialraum.

Und dennoch: Jeder Mensch ist einmalig, jedes Menschen Leben bedingungslos schützenswert!

Vor einigen Tagen stolperte ich über einen Artikel aus der Feder von Liane Bednarz, die sich als eine der wenigen Journalistinnen mal mehr und mal weniger erfolgreich bemüht (Misserfolge sind oft nicht ihr zuzuschreiben, sondern den Berührungsängsten unserer eigenen Blase oder Störfeuern aus anderen) und dazu aufgerufen hat, „mit Rechten zu reden.“, also Diskurs zu treiben. So entstand zwischen ihr und mir ein reger Gedankenaustausch, nicht kontinuierlich, eher anlassbezogen, den ich bisher als sehr fruchtbar empfinde.

Allerdings macht das auch angreifbar. Wenn „Nicht-Rechte“ mit Rechten reden, sehen wir Andere Links und Rechts, die gleich Übles vermuten, von Feindzeugen und U-Booten reden, von falschen Signalen und der Bereitschaft, sich instrumentalisieren zu lassen. Sei’s drum!

Liane Bednarz‘ Artikel trägt den Titel: „Vorerkrankt“ – wie aus einem medizinischen Begriff ein semantischer Abgrund wurde.

Frontbild des Artikels

Wenn die Kämpfer(innen) für bedingungslose Grundrechte kein Problem damit haben, temporär und anlassbezogen Querfronten zu bilden (bestes Beispiel hierfür ist die „Pseudo“-Partei „Widerstand2020“ und die offene Sympathie mancher AfD-Mandatsträger mit dieser Bewegung), ist es für einen Liberalkonservativer und Christen wie mich vollkommen legitim, mir die Argumente aller ohne Rücksicht auf Parteibücher oder Differenzen in diversen Politikfeldern zueigen zu machen und Seit an Seit mit diesen öffentlich dafür zu streiten, dass der höchste Wert jeden Gemeinwesens nicht das Recht auf uneigeschränkte Bewegungs-, Konsum- und Atemmasken-Freiheit ist, sondern der Schutz des Lebens. Ein Konto lässt sich wieder füllen, ein neuer Arbeitsplatz suchen, ein Urlaub verschieben. Ein Leben aber, das beendet ist, kann man nicht neu kaufen!

Hier nun Bedenkenswertes aus Liane Bednarz Feder:

Ein Begriff macht die Runde, und zwar ein solcher, der bis dato dem medizinischen Betrieb vorbehalten war: ‚Vorerkrankt‘. Im Zuge der Corona-Krise wird er zunehmend zu einem semantischen Abgrund.

In jener Zeit, als es das Corona-Virus noch nicht gab, diente der Befund ‚vorerkrankt‘ Haus- und Spezialärzten dazu, Patienten durch regelmäßige Termine in der Praxis oder bei Hausbesuchen engmaschig zu überwachen, also zu checken, ob die jeweilige Medikation weiterhin ausreichend war. Auch galt es, weitere Erkrankungen des oder der „Vorerkrankten“ zu verhindern. Also etwa Schlaganfälle und Herzinfarkte bei Diabetikern oder Menschen, die bereits einen Schlaganfall oder Herzinfarkt erlitten hatten. All diese drei Krankheiten kamen und kommen zwar vorwiegend, nicht aber ausschließlich bei älteren Menschen vor. Auch Jüngere können also ‚vorerkrankt‘ sein.“

„Vorerkrankung“ als Verharmlosung der tödlichen Folgen des Corona-Virus

Beginnen wir mit der Verharmlosung. Vollmundig wies der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel gegenüber dem „Hamburger Abendblatt“ vom 27. April darauf hin, dass alle von ihm bis dato Obduzierten eine „Vorerkrankung“ gehabt hätten. Wörtlich sagte er „Der überwiegende Anteil der Verstorbenen war schon vorher relativ alt und schwerkrank“. Was er unter „schwerkrank“ versteht, bleibt indes offen, außer dass es heißt, es seien Menschen gewesen, die schon zuvor „im Altenheim oder in Krankenhäusern darniederlagen“. Ansonsten ist nur die Rede von „80 Prozent Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, „60 Prozent“ mit „geschädigten Lungen, wie man sie von Rauchern kennt“ und „Krebserkrankungen“. Es gebe, so Püschel, ergo „keinen Grund für die Bevölkerung, in Deutschland, übermäßige Angst zu haben“. Vielleicht erkennt man den Zynismus in dieser Aussage nicht sofort, aber mindestens auf den zweiten Blick ist selbiger evident.

Wer so redet wie Püschel wirft den Menschen auf sich selbst, den Partner und die eigenen Kinder zurück, erklärt aber das Schicksal der „vorerkrankten“, älteren verwandtschaftlichen Generation für letztlich irrelevant. Hauptsache, man und jene, die so alt sind wie man selbst oder jünger, bleiben gesund. An der Lebensrealität der meisten Menschen, die sich um ihre Eltern und Großeltern sorgen und deren Gewissen nicht derart abgekocht wurde, dürfte ein solcher Utilitarismus hoffentlich vorbeigehen. Mal ganz abgesehen davon, dass durchaus auch viele junge Menschen an Corona sterben.

Boris Palmer, der Sarrazin des Corona-Tabubruchs

Vielleicht sind „vorerkrankt“ und „alt“ aktuell noch keine weit verbreiteten Stigmata, aber leider geht die Entwicklung rasant in exakt diese Richtung. So hat der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, der sich bekanntlich gerne ins Gespräch bringt, gerade erst gegenüber dem Sender „Sat1“ Folgendes kundgetan: „Ich sag es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären.“ Und weiter: „Wenn Sie die Todeszahlen durch Corona anschauen, dann ist es bei vielen so, dass viele Menschen über 80 sterben – und wir wissen, über 80 sterben die meisten irgendwann“.

Nach der von ihm gewiss einkalkulierten großen Empörung wollte Palmer sich zunächst nicht entschuldigen, um es dann letztlich doch zu tun. Sonderlich ernst nehmen muss man diese Entschuldigung indes nicht. Der Provokateur Palmer hat halt irgendwann gemerkt, dass er sich diesmal nicht als „Contrarian“ in die Talkshows bringen kann, sondern überzogen und weithin Entsetzen ausgelöst hat. Kurz: sein Kalkül ist nicht aufgegangen, jetzt muss er Rufrettung betreiben.

Die Palmer-Adepten und das zunehmende Ressentiment gegen die „Vorerkrankten“

Paradoxerweise sind es aktuell jene Publizisten und Intellektuelle mit pseudoliberaler Pose, die nun meinen, sich gegen das Heraufziehen einer Art diktatorischer Gesundheitsregierung zur Wehr setzen zu müssen, weil sie es satt haben, zu viel Rücksicht auf Risikogruppen zu nehmen, die damit selbst die Voraussetzung dafür schaffen, dass Menschen künftig übervorsichtig in Sachen eigener Gesundheit werden und so das öffentliche Leben auch nach Corona aseptisch werden könnte.

Insofern schüttele ich persönlich in diesen Tagen auch den Kopf über die jüngste Einlassung der Schriftstellerin Juli Zeh, deren futuristisches, gutes Buch „Corpus Delicti“ (2009) über eine Gesundheitsdiktatur in einem meiner Bücherregale steht. Zeh rief jüngst zusammen mit fünf anderen öffentlichen Personen in einer Art Großintellektuellen-Pose mit viel Empörung und umso weniger validen Argumenten zu sofortigen Lockerungsmaßnahmen auf.

Kurz: die Gefahr zieht auf, dass es in und auch nach der Corona-Krise künftig einen wahlweise vorwurfsvollen Fingerzeig oder ein indifferentes Abwinken verbunden mit den Slogan gibt: „Du bist vorerkrankt“. Das gilt es zu verhindern.

ENDE DES ZITATBLOCKS

Und auch das Ende des Artikels. Gewiss ist das letzte Wort zum Thema noch lange nicht gesprochen und erst recht sind die letzten Zeilen zu Corona noch nicht geschrieben. Für heute aber soll es genug sein.

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Jahrgang 1965 – Wohnsitze in Bayern und NRW - Deutscher und US-amerikanischer Staatsbürger – Zunächst Berufsausbildung zum Industriekaufmann/Wirtschaftsassistent – Danach Diplomstudiengänge (Katholische Theologie, Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaften) u.a. in Bochum und Passau. – Einige Jahre Erzieher in privaten Internaten (u.a. Schloss Neubeuern und St. Ottilien) – In kirchlichen und politischen Milieus je nach Betrachtungsweise mehr oder weniger gut vernetzt – Aktuell im politischen Betrieb als „Ghost“ Reden- und Vortragsschreiber sowie Mitautor und Korrektor. Zudem strategischer und konzeptioneller Berater bei diversen Wahlkampagnen außerhalb Deutschlands. Bis zu meinem Engagement für den Blog eher öffentlichkeitscheu. Das bin ich in gewisser Weise auch heute noch. Persönliche Kontakte pflege ich am liebsten nur beruflich oder in der Familie. Aktuelle Fotos von mir oder Fotos im Zusammenhang mit dem ein oder anderen Projekt vermeide ich, so gut es geht. Ein guter Freund nannte mich einmal einen Semi-Soziopathen. Auch wenn das ein hartes Wort ist: es beschreibt keine psychische Erkrankung, wie man vermuten dürfte und trifft deshalb sehr gut! Zwar bin ich prinzipiell sehr empathisch, doch schätze ich nicht die Nähe von Hinz und Kunz, lasse also ungern Menschen an mich heran. Ich spiele gern und hin und wieder auch erfolgreich mit Sprache, schotte meine Familie so weit es geht von der Öffentlichkeit ab und mache auch immer wieder mal – so auch hier - ein Geheimnis aus meinem vollständigen Lebenslauf. Diese Geheimniskrämerei hat schon manchen dazu verleitet, Legenden über mich zu verbreiten. Aber das ist OK. Ich habe ein sehr dickes Fell und Desinformation ist ja auch ein gern genommenes Tool im politischen Betrieb.