Mit Hans von Seggern dürften sich bisher die wenigsten unserer Leser beschäftigt haben. Manchen mag er dunkel in Erinnerung sein als fast 102-jähriger Telefonjoker seines jüngsten Sohnes, für den er Mitte März 2016 die 125.000-Euro-Frage bei Günther Jauchs „Wer wird Millionär“  richtig beantwortete. Aber ein Blick auf sein Leben zeigt ganz andere Höhen als die Stimme aus dem Off in einer TV-Show. Allerdings auch manche Tiefen.

„Ich nehme mein Leben, so wie es gewesen ist, aus Gottes Hand und habe einen guten Platz gehabt, es zu gestalten.”

Als Hans von Seggern am letzten Freitag im April des Jahres 1914 in Oldenburg das Licht der Welt erblickt, ahnt noch niemand, in welche Dunkelheit Europa etwas mehr als zwei Monate später durch die Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Gemahlin Sophie Chotek, Herzogin von Hohenberg stürzen wird.

An den Krieg selbst hat das Geburtstagskind selbstverständlich kaum eine Erinnerung. In seinen Ohren hallt allerdings immer noch „das Dröhnen der Zeppeline über Oldenburg auf dem Weg von Ahlhorn nach London.” nach.

„Von Hitler hielten wir nichts und meinten, er würde schnell seine Unfähigkeit beweisen, und die Ernennung sei ein Trick, ihn loszuwerden.

Mathematik ist nicht jedermanns Sache und auch nicht sein Lieblingsfach im Abitur, denn Hans will Jura studieren und Diplomat werden. Allerdings kann man sich 1933 noch nicht aussuchen, welche Fächer man als Leistungs- oder Grundkurs belegen, in die Prüfung nehmen, in welchen Fächern man schriftlich oder mündlich geprüft werden möchte.

„Hänschens“ letzte Prüfung findet am Vormittag des 30. Januar 1933 statt. Als er am späten Nachmittag vom entspannenden Schlittschuhlaufen mit seinen Freunden nach Hause zurückehrt, erfährt er es: Reichspräsident Hindenburg hat Hitler zum Reichskanzler ernannt. Welche Bedeutung dieses Datum für den Kontinent aber auch für ihn selbst haben wird, kann er freilich an diesem Tag noch nicht ahnen. Und so werden seine Lebenspläne 1935 abrupt durchkreuzt.

„Doch nach zwei Jahren stellte sich heraus, dass mein Jahrgang 1914 mein weiteres Leben bestimmen würde.“

Zunächst sieht es so aus, als könne der junge Mann sich seine Träume erfüllen. Er beginnt in Heidelberg das Studium der Rechtswissenschaften und absolviert die ersten Semester erfolgreich. Dann aber kommt das Jahr 1935 und der erste vollständige Jahrgang Wehrfähiger wird eingezogen. Zunächst zum Arbeitsdienst, dann zum Militär. Es ist der Jahrgang 1914, Hans von Seggerns Jahrgang. Alle Pläne sind dahin.

Ihm gelingt es jedoch rasch (schließlich ist er ein ehrgeiziger junger Mann), sich mit der neuen Situation abzufinden. Von Seggern „ist klug, engagiert, er kann gut überzeugen und führen“, wie es in einer Bewertung seiner Ausbilder in der Offiziersschule nachzulesen ist. Eine „Karriere“ in der Deutschen Wehrmacht ist folglich nahezu unausweichlich. Nach wechselnden Diensten in zweiter Reihe wird von Seggern somit folgerichtig Kommandeur einer Kradschützen-Kompanie.

„Dass ich zunächst unverwundet aus unseren doch sehr gefährlichen Aufgaben herauskam, wurde von meinen Landsern so quittiert, dass sie sagten: Dem Chef passiert nichts, das soll so sein.”

Kradschützen erhalten oftmals Aufgaben hinter den feindlichen Linien, sollen die Spitzen feindlicher Einheiten umgehen, in der Flanke und im Rücken des Gegners Verwirrung stiften, gewissermaßen temporär eine zweite kleine Front eröffnen. Umso erstaunlicher ist es, dass der Kompanie-Chef – oftmals selbst im Feuer liegend – lange Zeit unversehrt bleibt.

Irgendwann aber erwischt es jeden. Von Seggern so schwer, dass sein Leben fünf Monate im Lazarett am seidenen Faden hängt und er nach seiner Genesung nicht mehr frontfähig ist. Er wird Taktiklehrer an Offizierschulen, bildet sich weiter fort und bekleidet, als WK II an sein Ende kommt, den Rang eines Majors im Generalstab.

„Wach auf, wach auf, Du deutsches Land, Du hast genug geschlafen.”

In den letzten Tagen des Krieges rücken die Franzosen und Amerikaner in Württemberg weiter vor und die Front ist so nah, dass Hans von Seggern glaubt, den Siegesjubel des Feindes hören zu können. Er sucht ein Radiogerät und findet auf diesem einen Feindsender, den Schweizer Sender Beromünster. Auf diesem werden in diesen Minuten alle Strophen eines bekannten Kirchenlieds herauf- und heruntergespielt.

Für den gläubigen Offizier ist dies ein Zeichen. Allen ihm unterstellten Soldaten stellt er die entsprechenden Dokumente aus und schickt sie nach Hause, obwohl es keinen Befehl dazu gibt.

Dennoch kommt es nach dem Krieg, wie es kommen muss: Zu Frau und Kindern gerade erst glücklich zurückgekehrt wird er als Generalstabs-Offizier verhaftet und gerät in Belgien in Kriegsgefangenschaft.

„Dass ich so bewusster Christ wurde und dass das mein weiteres Leben so geprägt hat, ist ein unverdientes Geschenk von oben.“

Da von Seggern weder an Kriegsverbrechen beteiligt war noch sich in anderer Weise als glühender Verehrer des Nationalsozialismus hervorgetan hat, dauert seine Kriegsgefangenschaft nur etwas mehr als zwei Jahre. In dieser Zeit ist die Bibel das einzige Buch, dass man ihm zur Lektüre zur Verfügung stellt.

In die Heimat zurückgekehrt, ist nun erneut Berufsplanung angesagt. Das unterbrochene Jura-Studium kann er aus verschiedensten Gründen nicht wieder aufnehmen, so dass Hans zunächst im Reisebüro der Eltern tätig wird, was ihn aber nicht sonderlich erfüllt. Über Bethel geht es für ihn zurück nach Heidelberg, dorthin, wo er 1935 sein Studium abbrechen musste, um erneut zu studieren. Diesmal allerdings Evangelische Theologie.

„Einem solchen Ruf darf man sich nicht versagen.“

Und so ist sich Hans von Seggern sicher, das Thema Militär ein für alle Mal hinter sich gelassen zu haben. Doch weit gefehlt. Nach siebenjährigem Dienst als Pfarrer wird er reaktiviert und als Militärseelsorger nach Fontainebleau bei Paris berufen, wo zu diesem Zeitpunkt der deutsche General Hans Speidel als Oberbefehlshaber der alliierten Landstreitkräfte in Mitteleuropa wirkt.

Und so lässt von Seggern sich ein weiteres Mal in eine andere Richtung führen, als die erhoffte und geplante. Der Zeit in Frankreich folgen zehn Jahre als theologischer Referent im Evangelischen Kirchenamt der Militärseelsorge und danach noch einmal bis 1983 der Dienst als „einfacher“ Pfarrer.

Doch auch im Pensionsalter lebt der ehemalige Major i. G. eher im Unruhestand. Er schreibt Bücher und Broschüren, steht jüngeren Kollegen mit Rat und Tat zur Seite, unterstützt allerdings auch die Familie nach Kräften, so zuletzt am 14. März 2016, als er für seinen Sohn die 125.000-Frage bei „Wer wird Millionär“ richtig beantwortet: „Die Frage hat mich erst etwas verwirrt. Ich konnte die beiden Deutschen ausschließen. Dann habe ich gezockt.“

Zum Schluss noch ein paar Gedanken von Hans von Seggern zu den beiden Weltkriegen. Manches davon scheint mir – in unsere Lebenswirklichkeit übertragen – so aktuell wie eh und je.

Zu WK I: „Solche Art von Krieg gab es bis dahin nicht. Man wundert sich auch nachträglich, wenn man das so im ruhigen Sessel lesend überlegt, warum die das so lange durchgehalten haben. Erstaunlich – aber das sind die Folgen der eingefahrenen Gleise.”

Zum Nationalsozialismus und zu WK II:

„Die Nazizeit ist kein Ereignis unserer Geschichte, sondern eine Schreckensepisode, wo allerdings auch unsere Mängel eine Rolle gespielt haben. Und zwar dieses etwas selbstverständliche Vertrauen zur Obrigkeit und dieses Heimweh nach der glanzvollen Darstellung früherer Zeiten. Und ich habe im Krieg keinen einfachen Soldaten und keinen General erlebt, der das Tausendjährige Reich oder Hitler gepriesen hätte. Die das taten, waren niemals an der Front oder mussten dort zumindest niemals wirklich kämpfen, wie z.B. die von der SS oder den Spezialkommandos.“

Als wichtigstes Fazit aber bleibt für den Mann, der eine enge Verbindung zu Rommel hatte und frühzeitig vor dem Versagen der deutschen Eliten warnte: „Wir haben viel gelernt, es haben viele nachgedacht über ihr Leben und deren Bücher sind ja auch gut verkauft worden. Wendepunkt von Menschen, das Ändern ihrer Betrachtungsweise, das Geloben von Besserung. Alles schön und gut! Doch am Ende ist es Gottes Wille, der Richtung und Weg bestimmt. Wir machen unsere Entscheidungen häufig größer, als sie sind!“

Und auch, wenn es in diesem Alter ein wenig unangemessen klingen mag:

AD MULTOS ANNOS,

LIEBER HANS VON SEGGERN!

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Jahrgang 1965 – Wohnsitze in Bayern und NRW - Deutscher und US-amerikanischer Staatsbürger – Zunächst Berufsausbildung zum Industriekaufmann/Wirtschaftsassistent – Danach Diplomstudiengänge (Katholische Theologie, Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaften) u.a. in Bochum und Passau. – Einige Jahre Erzieher in privaten Internaten (u.a. Schloss Neubeuern und St. Ottilien) – In kirchlichen und politischen Milieus je nach Betrachtungsweise mehr oder weniger gut vernetzt – Aktuell im politischen Betrieb als „Ghost“ Reden- und Vortragsschreiber sowie Mitautor und Korrektor. Zudem strategischer und konzeptioneller Berater bei diversen Wahlkampagnen außerhalb Deutschlands. Bis zu meinem Engagement für den Blog eher öffentlichkeitscheu. Das bin ich in gewisser Weise auch heute noch. Persönliche Kontakte pflege ich am liebsten nur beruflich oder in der Familie. Aktuelle Fotos von mir oder Fotos im Zusammenhang mit dem ein oder anderen Projekt vermeide ich, so gut es geht. Ein guter Freund nannte mich einmal einen Semi-Soziopathen. Auch wenn das ein hartes Wort ist: es beschreibt keine psychische Erkrankung, wie man vermuten dürfte und trifft deshalb sehr gut! Zwar bin ich prinzipiell sehr empathisch, doch schätze ich nicht die Nähe von Hinz und Kunz, lasse also ungern Menschen an mich heran. Ich spiele gern und hin und wieder auch erfolgreich mit Sprache, schotte meine Familie so weit es geht von der Öffentlichkeit ab und mache auch immer wieder mal – so auch hier - ein Geheimnis aus meinem vollständigen Lebenslauf. Diese Geheimniskrämerei hat schon manchen dazu verleitet, Legenden über mich zu verbreiten. Aber das ist OK. Ich habe ein sehr dickes Fell und Desinformation ist ja auch ein gern genommenes Tool im politischen Betrieb.