(Michael van Laack) Manche haben Panik, andere machen Panik, einige demonstrieren Gelassenheit. Fragt man jedoch gezielt nach, trifft man auch bei diesen auf eine keineswegs sehr tief vergrabene Panikschicht der einen oder anderen Sorte. Urängste erwachen bei vielen, seien es nun Atheisten oder Angehörige welcher Religion auch immer. Angst vor dem Sterben bzw. dem Tod; vor dem Ableben geliebter Menschen; Furcht vor dem Verlust von Wohlstand und Sicherheit, Freiheit oder Demokratie.

Bereits sehr früh (im ersten Märzdrittel) habe ich diese Zeit eine „bleierne“ genannt. Und das ist sie für die allermeisten. Allen drückt etwas auf der Seele. Die Kompensation dieses Drucks ist selbstverständlich so vielfältig wie die Individuen, denn jede „Seele“ ist anders besaitet!

Entlang einiger Freud-Zitate werde ich – was mich betrifft letztmalig – das Thema Corona anfassen im Bezug auf Restriktionen und Reaktionen darauf. Zur politischen oder wirtschaftlichen Entwicklungen werde ich vielleicht das ein oder andere schreiben in den nächsten Wochen und Monaten, aber ich mag weder mit den Regierungswölfen heulen, noch mich jenen Hyänen weiterhin in den Weg stellen, deren Ziel es ist, Unfrieden und Unzufriedenheit zu stiften, Gesellschaft zu spalten und unsere Republik in den Grundfesten zu erschüttern.

„Der Mensch ist eben ein

»unermüdlicher Lustsucher«,

und jeder Verzicht auf eine einmal

genossene Lust wird ihm sehr schwer.“

Das Leben in vollen Zügen genießen und sich so Befriedigung verschaffen. Vor Corona für sehr viele Menschen eine Selbstverständlichkeit. Ganz egal, ob es nur das Sonnenbad am Baggersee ist, Unternehmungen und Gespräche mit Freunden, ein gutes Essen, schöne Kleidung, die perfekte Frisur, die Ausfahrt mit dem von vielen bewunderten Cabrio… Vieles davon ist selbstbefriedigend oder generiert Bestätigung des Selbst durch Dritte. So lange wir es haben, nehmen wir es gar nicht als solches wahr. Erst dann, wenn es uns fehlt, wenn wir es nicht mehr bekommen können, fällt uns auf, dass z.B. der Herkules-Grillteller beim Griechen, der Theaterbesuch, die Pilates-Selbsterfahrungsgruppe, das Bundesliga-Spiel im TV oder das Flaschenbier unter Kollegen an der Trinkhalle das gleiche Resultat liefert wie Sex: Lustgewinn.

In Corona-Zeiten fehlt ein großer Teil dieser (Selbst)-Befriedigung, (Selbst)-Darstellung und (Selbst)-Bestätigung. Privat und beruflich. Es müssen Schuldige her, die diese Mängel verursacht haben. Das Virus ist keine Person, wir können es nicht zur Verantwortung ziehen. Also müssen andere her. Politiker oder Mediziner bieten sich da selbstverständlich in vorderster Front an.

„Die Religiosität führt sich biologisch auf die langanhaltende Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit des kleinen Menschenkindes zurück, welches, wenn es später seine wirkliche Verlassenheit und Schwäche gegen die großen Mächte des Lebens erkannt hat, seine Lage ähnlich wie in der Kindheit empfindet und deren Trostlosigkeit durch die regressive Erneuerung der infantilen Schutzmächte zu verleugnen versucht.“

Diesen Artikel schreibe ich nicht aus Sicht eines Katholiken, der ich ja nun mal bin und bis zu meinem biologischen Tod zu bleiben beabsichtige. Das ändert aber nichts daran, dass sich mit Freud erklären lässt, warum so viele Menschen sich gerade in der Krise verlassen fühlen von der Kirche, der Synagoge, der Moschee oder dem Tempel. Gar regelrecht verraten! Denn augenscheinlich ist den Führern der jeweiligen Religion die Weisung des Staates wichtiger, als die jeweiligen Gebote, die Gottesdienste, das Ausleben des Glaubens in gleichgesinnter Gemeinschaft.

Gerade in Zeiten der Bedrängnis, der Furcht vor der Seuche, vor Arbeitsplatzverlust oder gar jenem der bürgerlichen Existenz zeigt sich die Bindekraft von Religion – ihr Zufluchtspotential – überdeutlich. Nicht nur bei denen, die regelmäßig Gottesdienste besuchen (den so genannten Praktizierenden). Nein, mit Blick auf schwere Krankheit und Tod sind es in diesen Zeiten oft die so genannten „Lauen“, die nur noch gewohnheitsmäßig Kirchensteuer Zahlenden, sogar ausgesprochene Leugner der Allmacht welchen Gottes auch immer. Sie spüren unterbewusst, wie wichtig Religion in Krisenzeiten ist. Allerdings eben nicht nur für das Individuum, sondern als Klebstoff. Als Kitt, der das Gemeinwesen zusammenhält. Wirklich zugestehen wollen Atheisten das aber selbstverständlich nicht; so tritt ihr unterunterbewusstes Erkennen heraus, in dem sie die Freiheit als oberstes Prinzip zur Begründung ihrer Forderungen einführen.

„Worte und Zauber waren ursprünglich ein

und dasselbe. Auch heute besitzt

das Wort eine starke magische Kraft.“

In dieser Krisenzeit sehen wir einmal mehr die Wirkmächtigkeit des Wortes. Um den richtigen Weg wird gerungen mit gewaltigen Kräften von jenen, die berufen sind und jenen, die sich für auserwählt halten. Zauberworte bestimmen die Debatte:

„Coronoia“, das magische Wort der radikalen Gegner der aktuellen Einschränkungen. Ein Wahn läge über den Regierenden, der sie dazu zwinge, die radikalen Entscheidungen zu treffen. Oder ihre Lust am Herrschen sei übermächtig, vergleichbar mit der Sexsucht, die eben auch rücksichtlos mit den Nächsten umgeht, um ihre Gier nach mehr zu befriedigen. Der Glaube an das Wahnhafte in den unsere Befriedigungsmöglichkeiten einschränkenden Akteuren macht viele anfällig für falsche Propheten jeglicher Coleur.

„Social distancing“ ist ein anderes dieser magischen Worte. Haltet Abstand von einander und alles wird gut. Es ist der Glaube an eben dieses „gut werden“, der so viele die geforderten Anstände freiwillig einhalten lässt; der den Sinn von Maskenpflicht nicht hinterfragt; der sich keine Gedanken darüber macht, warum es in Kaufhäusern mit 799 qm ungefährlicher sein soll als in Geschäften mit 801 qm.

Freiheit ist immer relativ

Das Wort, dem der größte Zauber innewohnt, ist allerdings „Freiheit“. Denn jedes Individuum, ja gar jede Materie, strebt scheinbar nach ihr: nach selbstbestimmter Bewegung. Unberücksichtigt lasse ich, dass letztendlich das Universum nach Bewegungslosigkeit, nach Ruhe strebt. Das ist hier ja kein Traktätchen zur Kernphysik. Also: Jede Bewegung ist Ausdrucks des Willens, sich den Gesetzen der Schwerkraft nach Belieben zu entziehen und nicht entsprechend der Weisung Dritter Bewegungen zu vollziehen und Akte zu setzen.

In unseren Zeiten wird dieses Zauberwort von allen Seiten missbraucht. Von der Regierung, die Freiheit bloß in Aussicht stellt, aber sie niemals vollständig gewähren kann, denn Gesetze schränken Freiheit immer ein. Strafen ebenso.

Die Regierungsgegner schüren Ängste: „Man will Euch die Kraft nehmen, die der Freiheit innewohnen. Ihr sollt entzaubert werden, zu Sklaven der Freiheitsdiebe. Corona ist Lüge, ist Panik, ist Werkzeug zum Erreichen eines Totalitarismus.“ Übersehen wird hier, dass jene, die so nach Freiheit rufen, am Ende der Geschichte an der Spitze Herrscher über die Freiheitsbewegten sein wollen. Denn wer manipulative Tools einsetzt, um Unzufriedenheit und Widerstand zu generieren, wird sich dieser Tools auch dann wieder bedienen, wenn – um in Deutschland zu bleiben, „das Regime Merkel hinweggefegt ist.“ Freiheit ist diesen Leuten immer nur die eigene Freiheit. Sie kennen keine Freunde, sie brauchen nur Steigbügelhalter.

„Auf die Dauer kann der Vernunft

und der Erfahrung nichts widerstehen.“

Aktuell sehe ich nur Unvernünftige. Auf der einen Seite die Regierenden, die heute ihr Geschwätz von gestern nicht mehr interessiert. Sie nennen das „Die Lage ist dynamisch.“ Sie könnten auch sagen „Wir betreiben ‚learning by doing‘, weil wir nicht die geringste Ahnung haben, was richtig und was falsch ist.“

Das spüren die Bürger selbstverständlich, die in der Mehrheit keineswegs so dumm sind, wie es sich manche Entscheider sich wünschen. Denn letztendlich ist es ja doch (trotz des überproportionalen Freiheitsgeschreis) klare Führung, was die meisten Bürger erwarten. Doch in diesen Tagen spüren viele, dass diese Führung nur ein mit Wasserfarben von zahlreichen Haltungsjournalisten prachtvoll gezeichnetes Pseudo-Ölgemälde ist.

Dies wiederum treibt viele an, jenen Vertrauen zu schenken, die das Virus und den Rest der Problemwelt mit einfachen Worten erklären zu können vorgeben und einfache Lösungen anbieten. Das ist der Grund, warum so vielen hauptberuflichen Zweiflern und Verschwörungstheoretikern Glauben geschenkt wird. Die Bevölkerung spürt die Verunsicherung ihrer Führung. Diese Verunsicherung greift über und so sucht man nach Heilsbringern, die sich als „vernünftig“ verkaufen oft aber Erfahrung nur suggerieren mit zahlreichen magischen Worten arbeiten.

Ich hoffe, dass dieser Zustand nur von kurzer Dauer sein wird und Vernunft bei den Bürgern (wieder) die Oberhand gewinnt, deren Abwesenheit es ja hauptsächlich ist, die Angst und Furcht auslöst.

Zum Ende – weil mir für diesen Artikel einfach kein guter Schluss einfallen mag – ein weiteres Wort des Psychoanalytikers Freud, das manchen Leser überraschen oder gar irritieren mag.

„Gewollte Vereinsamung

und Fernhaltung von den anderen

ist der nächstliegende Schutz

gegen das Leid, das einem

aus menschlichen Beziehungen

erwachsen kann.“

***

Sie lesen gern die Debattenbeiträge und Analysen fernab des Mainstreams, die Ihnen Michael van Laack auf PP bietet? 

Dann können Sie ihn für sein Engagement hier unterstützen:

Paypal

Vorheriger ArtikelRamadan: Thüringen öffnet Gotteshäuser wieder – trotz Corona
Nächster ArtikelAlexander Gauland: Es wird Zeit, die Beschränkung der Grundrechte zu lockern!
Jahrgang 1965 – Wohnsitze in Bayern und NRW - Deutscher und US-amerikanischer Staatsbürger – Zunächst Berufsausbildung zum Industriekaufmann/Wirtschaftsassistent – Danach Diplomstudiengänge (Katholische Theologie, Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaften) u.a. in Bochum und Passau. – Einige Jahre Erzieher in privaten Internaten (u.a. Schloss Neubeuern und St. Ottilien) – In kirchlichen und politischen Milieus je nach Betrachtungsweise mehr oder weniger gut vernetzt – Aktuell im politischen Betrieb als „Ghost“ Reden- und Vortragsschreiber sowie Mitautor und Korrektor. Zudem strategischer und konzeptioneller Berater bei diversen Wahlkampagnen außerhalb Deutschlands. Bis zu meinem Engagement für den Blog eher öffentlichkeitscheu. Das bin ich in gewisser Weise auch heute noch. Persönliche Kontakte pflege ich am liebsten nur beruflich oder in der Familie. Aktuelle Fotos von mir oder Fotos im Zusammenhang mit dem ein oder anderen Projekt vermeide ich, so gut es geht. Ein guter Freund nannte mich einmal einen Semi-Soziopathen. Auch wenn das ein hartes Wort ist: es beschreibt keine psychische Erkrankung, wie man vermuten dürfte und trifft deshalb sehr gut! Zwar bin ich prinzipiell sehr empathisch, doch schätze ich nicht die Nähe von Hinz und Kunz, lasse also ungern Menschen an mich heran. Ich spiele gern und hin und wieder auch erfolgreich mit Sprache, schotte meine Familie so weit es geht von der Öffentlichkeit ab und mache auch immer wieder mal – so auch hier - ein Geheimnis aus meinem vollständigen Lebenslauf. Diese Geheimniskrämerei hat schon manchen dazu verleitet, Legenden über mich zu verbreiten. Aber das ist OK. Ich habe ein sehr dickes Fell und Desinformation ist ja auch ein gern genommenes Tool im politischen Betrieb.