(Michael van Laack) Bei allem Respekt… Nein, eigentlich habe ich gar keinen mehr! Ich kann es nicht mehr hören. All das Gefasel über uns genommene Freiheiten, sei es nun der Restaurantbesuch oder die Urlaubsreise, der Geschäftsflug oder der Besuch im Puff! All die Verschwörungstheorien, die Wirtschaftsprognosen, die Diskussionen über gefakte Wahlumfragen, über die Aufnahme von Flüchtlingskindern. Und schon gar nicht das Jammern von Abermillionen Bürgern, die plötzlich das Fest der Auferstehung vermissen.

Welches Ostern wird Euch genommen?

Jenes mit dem Osterhasen in Bilderbüchern, aus denen Ihr (hoffentlich) in dieser Krisenzeit Euren kleinen Kindern mehr vorlest als ihr es bisher tatet, weil das ja die KITA-Tante für euch übernahm? Jenes mit den bunten Eiern, die ihr versteckt habt, um danach traditionell zum Osteressen beim Edel-Griechen, -Italiener oder gar -Deutschen ins Restaurant zu schreiten und Euch genüsslich fünf Gänge munden zu lassen, die jene für Euch zubereiten müssen, die Ostern deshalb nicht feiern können, weil Ihr ein Recht auf einen Feiertagsbesuch in der Gastronomie habt? Und keiner möge mir nun damit kommen: „Die hätten sich ja auch einen anderen Job suchen können!“

Vielleicht auch jenes Ostern, dass den Schichtarbeitern unter Euch 100 bis 150% Feiertagszulage bescheren würde (religionsunabhängig übrigens), die manch einer selbstverständlich wesentlich lieber genommen hätte, als am gleichen Tag die Osterkommunion? Oder gar jenes, dem Ihr eigentlich zu entfliehen trachtetet mit einer Reise in irgendein Land, in dem ihr mit Ostern und dem ganzen Sch… nichts mehr zu tun hättet haben müssen, sondern Cocktails schlürfend und Popos in Bikinis nachschauend den lieben Gott einen mehr oder weniger guten Mann hättet sein lassen können?

Volle Kirchen plötzlich leer?

Als sei dies kein Normalzustand! Bei uns Katholiken liegt der durchschnittliche Kirchenbesuch an Sonntagen je nach Bistum zwischen 6,5 und 12,5 %, Ostern und Weihnachten bei 20 bis 37%, an Wochentagen des Jahres bei 0,4 bis 5,0%.

Das bedeutet, 63 bis 80 % der Katholiken besuchen auch an hohen Feiertagen nicht die hl. Messe. Die sollten also jetzt in dieser Corona-Krise schon mal pauschal schweigen, weil es ihnen doch nun wirklich sch… egal sein kann, ob Gottesdienste stattfinden oder nicht, ob der Auferstehung Christi gedacht wird oder nicht.

Für einen großen Teil der 20 bis 37 % Feiertagsbesucher sollte das eigentlich auch kein Grund sein, sich in die öffentliche Debatte über die gottesdienstlose Zeit einzumischen. Denn schaut man auf die Gottesdienstbesuchszahlen an normalen Sonntagen, vermissen zwei Drittel der Feiertagsgottesdienst-Besucher das Kircheninnere fast ganzjährig nicht. Für die gehört das „einfach dazu“ an Weihnachten oder Ostern, bei Beerdigungen oder den wenigen kirchlichen Eheschließungen, zur Erstkommunion und Firmung in die Kirche zu gehen. Ist halt „schön“, „etwas Folklore“.

Vielen geht es nur um die Möglichkeit

Von den Nichtchristen rede ich hier nicht, obwohl sich auch von diesen manche in die Debatte einschalten. Ihre Motivation ist jedoch zumeist eine – wie sie es nennen – „übergeordnete“, denn sie zielen in ihren Beiträgen grundsätzlich auf die Freiheitfrage

Alle, die nichts mit dem Glauben an Christus zu tun haben und alle, die seltenst eine Kirche von innen sehen, sollten sich deshalb eigentlich ebenfalls aus der Debatte heraushalten. Tun sie aber eher nicht. Denn für sie geht es um die Freiheit, also darum, eine Möglichkeit zur Wirklichkeit werden lassen zu können, nicht zu müssen. Bei Begriffen wie „Sonntagspflicht“ sträuben sich jenen zumeist ebenso die Haare wie nun beim Gegenteil, dem „Gottesdienstverbot“.

An die treuen Kirchgänger, die „tiefgläubigen!“

Ja, es ist schmerzlich, es tut sauweh, nicht mehr gemeinsam mit anderen beten, nicht täglich oder wöchentlich dem Messopfer beiwohnen zu können, manche Kirchen auch nicht mehr spontan zu einem Gebet vor dem Tabernakel oder an einem Marienaltar aufsuchen zu können, für Beichten weit im Voraus Termine ausmachen zu müssen, Taufen, Hochzeiten oder Beerdigungen nur im kleinsten Kreis begehen zu können.

Unsere Vorfahren zur Zeit der „Spanischen Grippe“, von denen uns leider heute keiner mehr ein Glaubenszeugnis ablegen kann, weil seit dem Ereignis bereits fünf oder gar sechs Generationen nachgefolgt sind, haben das auch erlebt. – Wie haben sie das kompensiert? Sie haben ihren Schmerz aufgeopfert, den der Verlust mit sich brachte. Im stillen Gebet, im Rosenkranzgebet. Und sie haben gebetet für all die Schwerkranken und Verstorbenen, Mitgefühl und Mitleid leiteten sie. Da gab es keine Empörungswellen, Appelle an Bischöfe, Ärger über die Regierungen und tägliche Forderungen nach dem Ende der Beschränkungen.

Was ich in diesen Tagen auch von vielen Christen lesen muss, macht mich mehr als nur erschrocken: „Regt Euch nicht auf, jedes Jahr sterben an der normalen Grippe viel mehr Menschen!“ „Meine Güte, das sind doch meist nur alte Menschen. Die haben ihr Leben gelebt. Ist doch sogar schön, wenn sie jetzt ihren Frieden mit Gott machen können!“ Oder gar: „Dann sollen wenigstens alle in die Kirche gehen können bis 65. Die anderen können ja Fernsehgottesdienste gucken. Meinetwegen auch für die nächsten drei Jahre.“

Zuerst komm‘ ich und dann die vielen Andern!

Christus ist nicht am Kreuz gestorben, weil sein Vater ihn dazu gezwungen hat, weil er gerade nichts Besseres mit seiner Tagesfreizeit anzufangen wusste oder einfach Bock darauf hatte, unter den Römern und Juden mal für ein wenig Stimmung zu sorgen.

Um unserer Sünden willen ist er FREIWILLIG ans Kreuz gegangen, hat den menschlichen Tod mit allen vorausgehenden Qualen durchlitten. Er hätte es sich leichter machen können. Wäre er als römischer Bürger geboren, wäre auch eine Enthauptung infrage gekommen. Kurz und schmerzlos: Ssst, Krack, Plumps! – Ebenso hätte er sich mit Pontius Pilatus oder dem Hohen Rat arrangieren können: „Lasst uns gemeinsam eine Strategie zu einer Reichseinheits-Religion entwickeln. Die ersten fünf Jahre mache ich dem Volk den Erlöser, dann machst Du das, Pontius. Anschließend der aktuelle Hohepriester Und vielleicht können wir Herodes auch noch irgendwie ins Boot holen, ohne dass der Kaiser in Rom nervös wird.“

Hat er aber nicht. Er hat all diese Qualen auf sich genommen und schon während der Zeit seines öffentlichen Auftretens zahlreiche Verächtlichmachungen und Hetze, Missinterpretation und Ausgrenzung erfahren und ertragen.

Viele Christen verhalten sich irrational

Und was machen wir Kirchgänger, wir „Erzkatholiken“? Viele von uns fordern wie auch die „Welt“ (Wirtschaft, Medien, Profisport usw.), jetzt müsse aber ganz rasch wieder Normalität hergestellt werden, Kompromisse müssten her. „Zumindest für uns!“ sagen sie. „Jene, die älter oder schwächer sind als wir, sollen ruhig weiterhin in ihren Wohnungen und Einrichtungen eingeschlossen bleiben. Wir wollen wieder raus: In die Kirchen, in die Parks, in die Fußballstadien und Restaurants. Und wenn wir dann jemanden anstecken? Pech gehabt. Das ist der Lauf des Lebens. Der liebe Gott hatte das schon längst im Plan seiner Vorsehung, dass ich diese 52 Jahre alte Frau anstecken werde und sie dann qualvoll unter künstlicher Beatmung verreckt! Ich will mich dem Staat nicht unterordnen. Ich will jetzt und sofort Gott so dienen, wie ich es für richtig halte!“

Mehr Mut zur temporären Unfreiheit!

Wir alle sehen den Weg nicht. Wir alle wissen nicht, welche dieser Maßnahmen richtig oder falsch ist. Vieles mag sich in der Zukunft rückblickend als untauglich erweisen. Doch wie heißt es so schön: „Hinterher ist man immer schlauer!“.

Dass aber nicht wenige von uns den Anspruch erheben, ja das Recht zu haben glauben, an einer Karfreitags-Liturgie und an der Osternacht teilzunehmen – ein ausschließlich der liturgischen Schönheit verpflichteter Gründer einer Gesellschaft päpstlichen Rechts hatte sogar die Chuzpe, dies vor Gericht erstreiten zu wollen…

Ist Euch, die Ihr so redet, schreibt und fordert, eigentlich bewusst, dass vielleicht durch Euer trotziges Verhalten zwei Wochen, nachdem Ihr mit Christus am Kreuzweg geschwitzt und gelitten, seine Todesängste in der Betrachtung durchlebt und seinen Tod beweint habt oder zwei Tage später seiner Auferstehung ein vielstimmiges Alleluja entgegengeschmettert habt, ein Mensch stirbt, weil ihr gewohnheitsmäßig nicht in die Armbeuge genießt oder einer älteren Dame die Tür aufgehalten und sie dabei freundlich angeatmet habt? Die Person wäre doch eh irgendwann an irgendwas gestorben? Wenn nicht so, dann vielleicht vom Auto überfahren! Oder jemand anderes hätte sie mit Grippe angesteckt.

Beruhigt Ihr meinetwegen Euer Gewissen. Ich kann das nicht! Zwar gefallen auch mir manche Entscheidung nicht, aber: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist!

***

Sie lesen gern die Debattenbeiträge und Analysen fernab des Mainstreams, die Ihnen Michael van Laack auf PP bietet? 

Dann können Sie ihn für sein Engagement hier unterstützen:

Paypal

Vorheriger Artikel„Ti Amo Italia“: Die Solidarität geht nicht in Quarantäne
Nächster ArtikelHoher muslimischer Geistlicher: Homo-Ehe schuld an Coronavirus-Epidemie
Jahrgang 1965 – Wohnsitze in Bayern und NRW - Deutscher und US-amerikanischer Staatsbürger – Zunächst Berufsausbildung zum Industriekaufmann/Wirtschaftsassistent – Danach Diplomstudiengänge (Katholische Theologie, Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaften) u.a. in Bochum und Passau. – Einige Jahre Erzieher in privaten Internaten (u.a. Schloss Neubeuern und St. Ottilien) – In kirchlichen und politischen Milieus je nach Betrachtungsweise mehr oder weniger gut vernetzt – Aktuell im politischen Betrieb als „Ghost“ Reden- und Vortragsschreiber sowie Mitautor und Korrektor. Zudem strategischer und konzeptioneller Berater bei diversen Wahlkampagnen außerhalb Deutschlands. Bis zu meinem Engagement für den Blog eher öffentlichkeitscheu. Das bin ich in gewisser Weise auch heute noch. Persönliche Kontakte pflege ich am liebsten nur beruflich oder in der Familie. Aktuelle Fotos von mir oder Fotos im Zusammenhang mit dem ein oder anderen Projekt vermeide ich, so gut es geht. Ein guter Freund nannte mich einmal einen Semi-Soziopathen. Auch wenn das ein hartes Wort ist: es beschreibt keine psychische Erkrankung, wie man vermuten dürfte und trifft deshalb sehr gut! Zwar bin ich prinzipiell sehr empathisch, doch schätze ich nicht die Nähe von Hinz und Kunz, lasse also ungern Menschen an mich heran. Ich spiele gern und hin und wieder auch erfolgreich mit Sprache, schotte meine Familie so weit es geht von der Öffentlichkeit ab und mache auch immer wieder mal – so auch hier - ein Geheimnis aus meinem vollständigen Lebenslauf. Diese Geheimniskrämerei hat schon manchen dazu verleitet, Legenden über mich zu verbreiten. Aber das ist OK. Ich habe ein sehr dickes Fell und Desinformation ist ja auch ein gern genommenes Tool im politischen Betrieb.