(Michael van Laack) Nur Minderbegabte halten andere für minderbegabt. Nur strategisch Unbedarfte jubeln in diesen Tagen über Meuthens Niederlage, die heute endgültig besiegelt worden sei mit der Erklärung, er habe einen großen Fehler gemacht mit dem Tichy-Interview.

Heute Vormittag hat sich der Bundesvorstand der AfD – in Corona-Zeiten eine Selbstverständlichkeit – virtuell zusammengefunden, um über Jörg Meuthens Denkanstöße zur Zukunft der Partei zu beraten, vor allem aber über die öffentlichen und internen Reaktionen, die seine Überlegungen in den vergangenen Tagen hervorriefen. In welcher Atmosphäre die Beratungen stattfanden, über die Stimmungs- und Tonlage also, wissen wir nichts, aber das ist auch nicht relevant.

Demütigende Niederlage für Jörg Meuthen?

Nach der Sitzung wurde der interessierten Öffentlichkeit lediglich das kurze und knappe Statement vor die Füße geworfen: „Bundessprecher Jörg Meuthen hat eingeräumt, mit seinem Interview in ‚Tichys Einblick‘ einen großen Fehler begangen zu haben. Meuthen erklärt, die Diskussion nicht weiter zu führen.

Er bekennt sich zur Geschlossenheit der AfD als einheitlicher Partei und bekräftigt, ausschließlich in diesem Sinne gemeinsam vorzugehen. Der Bundesvorstand begrüßt diese Klarstellung, bejaht die Einheit der Partei und spricht sich gegen jegliche Bestrebung aus, diese zu gefährden.“

…Oder doch ein brillanter Schachzug?

Der Vergleich mit einem Schachspiel trifft es zweifellos sehr gut. Setzt man sich ans Brett, hat man wie der Gegner eine Strategie im Kopf. Man zieht ein paar Figuren und schaut, wie er re(agiert). Wenn der Spielverlauf es nötig macht, bringt man Opfer (sei es ein Bauer oder notfalls auch mal einen Turm), dabei immer fest das Ziel im Auge, den Gegner in eine Position zu bringen, in der er entweder die Aussichtlosigkeit erkennt oder eben – wenn er seinem Ende ins Auge sehen möchte – offiziell Matt gesetzt wird.

In den allermeisten Fällen gewinnt jener Spieler, der mehr Züge vorausplanen kann, als sein Gegner und Mut zur Offensive zeigt. Einer strategischen Offensive, keinem ungeordneten Angriff um jeden Preis. In einem Turnier geht es zudem um langen Atem. Vier remis und ein Spielgewinn führen zum Siegergebnis von 3:2

Die Bauern des Flügels reagieren wie erwartet

Kaum hatte Tichy das Interview mit Jörg Meuten, das Alexander Wendt geführt hatte, veröffentlicht, wurde den Flügelbauern befohlen, geschlossen eine Reihe vorzutreten und dem Bundessprecher in den asozialen Netzwerken „Verräter“, „Spalter“, „Feindzeuge“ entgegenzurufen.

Tino Chrupalla, der sich nicht so ganz entscheiden kann, ob er für Weiß oder Schwarz auf dem Schachbrett der Partei steht und deshalb auch gern mal eine Rochade über die Farben hinaus macht, wenn er glaubt, dass gerade niemand hinsieht, griff zum übelsten Mittel in einer öffentlichen Debatte unter Parteikollegen und argumentierte ad personam, er sei von Jörg Meuthen „menschlich enttäuscht“ – was dem Subtext entspricht: „Hinweg mit Dir, Du Spalter und Verräter.“

AfD-Schachmeisterschaft: Meuthen versus Kalbitz

Nur Minderbegabte halten andere für minderbegabt. Nur strategisch Unbedarfte jubeln in diesen Tagen über Meuthens Niederlage, die heute endgültig besiegelt worden sei mit der Erklärung, er habe einen großen Fehler gemacht mit dem Tichy-Interview.

In der Parteiwirklichkeit aber hat er Schlimmeres verhindert mit diesem Schachzug, er ist einem Angriff des besten Spielers des Flügels zuvorgekommen… Nein, ich meine nicht Björn Höcke. Der ist bestenfalls ein Turm, der immer mal wieder ins Wanken gerät, weil er zu oft nach dem Mantel der Geschichte zu greifen trachtet, der in regelmäßigen Zeitfenstern an seinem geistigen Auge vorbeifliegt.

Andreas Kalbitz ist es – der Chefstratege des Flügels – vergleichbar mit dem jungen Himmler in einer anderen Partei zu Beginn 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Er wird selten laut, steht weniger im Vordergrund und hält doch die Flügel-Zügel fest in der Hand.

Kalbitz‘ Eröffnungszüge und Meuthens offensive Verteidigungsstrategie

Bereits Mitte vergangenen Jahres wurden in der AfD im Kreis um den nationalen Sozialisten Jürgen Elsässer – befeuert von prominenten Flüglern – Stimmen laut, die AfD aufzuspalten und eine Ost-AfD zu gründen.

Klar, das ist kein aktuell wahrscheinliches Szenario, es wird aber wahrscheinlich, sobald der Flügel sich im Rückzugsgefecht sieht. Der stets alles vom Ende her denkenden Jörg Meuthen will diese Rückzugschance von vornherein verbauen, um Schaden von der Partei abzuwenden.

Meuthens erste Antwort: Das Verbot des Flügels

Nein, Jörg Meuthen ist kein Schwachkopf, kein unüberlegt Handelnder. Er ist keineswegs politisch so instinktlos wie Bernd Lucke oder Frauke Petry. Deshalb war ihm selbstverständlich klar, dass mit der Auflösung des Flügels weder die Personen noch deren Ideologie verschwinden würde.

Aber eine Schwächung der Struktur – wenn vielleicht auch nur im unteren Mittelfristbereich – konnte so erreicht werden und das deutliche Signal: Wir wollen Eure Ideologie nicht!

Kalbitz‘ Reaktion: das geht gegen den Osten!

Kaum hatte der BuVo die Auflösung bis spätestens zum 30. April 2020 gefordert (mit der Gegenstimme von Kalbitz), ging es wieder los. In einer internen E-Mail nannte Kalbitz den Beschluss „eine Generalattacke gegen den Osten“ und offenbarte damit, dass er die AfD in den Ostbundesländern als ein eigenständiges Konglomerat betrachtete.

Jörg Meuthen war nun klar: Der Zeitpunkt ist gekommen, zu dem Kalbitz – auch die wahrscheinliche Veröffentlichung des VS-Berichtes im Sommer im Blick – die Läufer und Springer vorschicken und vorsichtshalber die Ostpartei vorbereiten würde.

Nun hatte Kalbitz zwei Möglichkeiten: Das Angebot annehmen oder es als einheitszerstörend scharf verurteilen. Hätten die Flügler sich auf Meuthens Vorschlag eingelassen, wären sie der zweite Sieger gewesen. Man hätte sie entweder als jene bezeichnet, die sich vor einem liberalkonservativen Weichei aus der Partei vertreiben lassen oder schlimmstenfalls gar selbst als die Spalter betrachtet, die gingen, weil sie sich nicht den Beschlüssen der Gesamtpartei auf diversen Politikfeldern unterwerfen wollten.

Meuthens scheinbare Niederlage ist ein Sieg

„Nein, wir sind doch keine Spalter“, wird man sich im inneren Kreis des Flügels gedacht haben. Wir sind doch die „wahre AfD“, die „Manifestation der Einheit“ „der Garant für die Erschaffung eines neuen Deutschlands.“

Die Konsequenz: Von jetzt auf gleich sind alle Pläne zerstört. Jetzt kann der Osten oder auch der Flügel nicht mehr ohne Gesichtsverlust gehen. Und er kann es sich auch nicht mehr leisten, innerparteilich permanent politische Beschlüsse zu torpedieren.

Denn das Damokles-Schwert des Rauswurfs schwebt nun beständig über den Köpfen der TOP-Protagonisten des Flügels. Die Zeiten, wo man Opposition in der eigenen Partei spielen konnte, sind vorbei. Man ist nun zur Einheit verpflichtet, weil man sich zur Verteidigung dieser Einheit gegen Meuthen gestellt hat.

Meuthen ist gestärkt, nicht beschädigt

Ja, er hat heute das Wording zugelassen, sein Interview sei ein Fehler gewesen. Und ja, den Flügelvertretern inkl. Tino Chrupalla als Wanderer zwischen den Welten sei ihr öffentliches Triumphgeheul oder auch die stille Freude kurz vor dem heutigen zu Bett gehen gegönnt.

Denn Jörg Meuthens erste Züge zur Verteidigung der Partei der bürgerlichen Mitte waren höchst erfolgreiche. Schon bald werden weitere folgen. Einige davon kenne ich, andere nicht.

Auch deshalb bin ich zuversichtlich, dass in den Büchern, die über die Geschichte der Partei in Zukunft geschrieben werden, auch der Abschnitt zu finden sein wird:

„Jörg Meuthen hat eine scheinbare Niederlage in einen grandiosen Sieg verwandelt. Mit der Auflösung des Flügels begann nicht die Durchsetzung der Gesamtpartei mit völkisch-nationalen Idealen, sondern die schrittweise Austrocknung von deren Hotspots. Zu Hilfe kam Jörg Meuthen dabei auch die Uneinigkeit innerhalb des Flügels, die – nachdem seine Strukturen und mit diesen die innerparteiliche Parallel-Hierarchie weggefallen waren, zudem Alexander Gauland als Erster Ritter Höckes in den Ruhestand getreten war und die Kleidung seiner Schutzmantel-Madonna Alice Weidel immer mehr Flecke bekam – zu seinem Zerfall binnen knapp zwei Jahren führte.“

Nicht überall, wo Flügel draufsteht, ist auch Höcke drin

Wichtig zu wissen ist auch: Im Flügel gärt es. Nicht alle sind glücklich mit der Strategie der Hardliner um Weidel, Gauland, Höcke, Hartwig, Kalbitz. Während die Genannten nicht Einheit der Partei meinen, wenn sie Einheit sagen, sondern Deutungshoheit und Alleinvertretungsanspruch, gibt es immer mehr Flügel-Kader in den Kreisverbänden, die hochunzufrieden sind mit der Ausrichtung.

Denn „Völkisch-National“ denken die Wenigsten von ihnen. Ehrliche nationalbewusste Patrioten wollen sie sein, hängen aber nicht wie ihre Führer an einem Menschenbild und einer Vorstellung von Nation und Gemeinwesen, die wir längst für immer überwunden glaubten.

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Jahrgang 1965 – Wohnsitze in Bayern und NRW - Deutscher und US-amerikanischer Staatsbürger – Zunächst Berufsausbildung zum Industriekaufmann/Wirtschaftsassistent – Danach Diplomstudiengänge (Katholische Theologie, Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaften) u.a. in Bochum und Passau. – Einige Jahre Erzieher in privaten Internaten (u.a. Schloss Neubeuern und St. Ottilien) – In kirchlichen und politischen Milieus je nach Betrachtungsweise mehr oder weniger gut vernetzt – Aktuell im politischen Betrieb als „Ghost“ Reden- und Vortragsschreiber sowie Mitautor und Korrektor. Zudem strategischer und konzeptioneller Berater bei diversen Wahlkampagnen außerhalb Deutschlands. Bis zu meinem Engagement für den Blog eher öffentlichkeitscheu. Das bin ich in gewisser Weise auch heute noch. Persönliche Kontakte pflege ich am liebsten nur beruflich oder in der Familie. Aktuelle Fotos von mir oder Fotos im Zusammenhang mit dem ein oder anderen Projekt vermeide ich, so gut es geht. Ein guter Freund nannte mich einmal einen Semi-Soziopathen. Auch wenn das ein hartes Wort ist: es beschreibt keine psychische Erkrankung, wie man vermuten dürfte und trifft deshalb sehr gut! Zwar bin ich prinzipiell sehr empathisch, doch schätze ich nicht die Nähe von Hinz und Kunz, lasse also ungern Menschen an mich heran. Ich spiele gern und hin und wieder auch erfolgreich mit Sprache, schotte meine Familie so weit es geht von der Öffentlichkeit ab und mache auch immer wieder mal – so auch hier - ein Geheimnis aus meinem vollständigen Lebenslauf. Diese Geheimniskrämerei hat schon manchen dazu verleitet, Legenden über mich zu verbreiten. Aber das ist OK. Ich habe ein sehr dickes Fell und Desinformation ist ja auch ein gern genommenes Tool im politischen Betrieb.