Ein Gastbeitrag von Andrea Charlotte Berwing

Alte Gefüge brechen zusammen. Neues entsteht. Mitten drin Deutschland. Mein Land. Kein Unbekanntes und doch immer wieder enden Gedankengänge mit vielen Fragezeichen.

„Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“ (Clausewitz)

Inmitten dieser Kriege entstanden Zivilisationen, deren höchstes demokratisches Gut der Diskurs ist. Nicht mit Knüppeln wird sich „Recht haben und bekommen“ erkämpft, sondern im gegenseitigen Ringen mit Worten. Sprachfähigkeit als das entscheidende Kennzeichen des Menschen, Habermas. Der Fall der Mauer kam unerwartet. Habermas kritisiert später Kohls Wiedervereinigung:

„Die Einigung sei von Kohl und anderen als ein reiner Verwaltungsakt betrachtet worden und nicht als ein normativ gewollter Akt der Bürger beider Staaten, die sich politisch selbstbewusst zu einer gemeinsamen Staatsbürgernation zusammenschließen.“

Günter Grass folgert, die Einigung sei übereilt gewesen. Auch die Angst Europas vor einem geeinten Deutschland ist hinsichtlich des zweiten Weltkrieges verständlich.

Nur ein „in sich gespaltenes Deutschland“ wird Sicherheit für Europas Völker und der Welt garantieren. Nur ein neutralisiertes Deutschland wird zwei verheerenden Weltkriegen, von Deutschland ausgehend, gerecht. Dieser Zeitgeist findet Anklang und Anhänger. Der kalte Krieg ist vorbei, die liberale Demokratie soll sich entfalten und ganz Europa erfassen. Am liebsten. Grenzen zwischen den Ländern sollen aufgehoben werden, während alte Konfliktherde verschwinden, entstehen Neue.

Balkankrise, EU und Zusammenbruch der Sowjetunion

Die Balkankrise, 1992, mitten in Europa die Belagerung einer Stadt: Sarajevo, nur zwei Monate nach Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht, lassen an dem guten Stern zweifeln, unter dem die Geburtsstunde der EU steht.

Umwälzungen kündigen sich an. Die Auflösung der Sowjetunion, der Rückzug der Roten Armee am 15. Februar 1989 unter dem Druck des afghanischen Dschihad, von den Saudis finanziert und von der Central Intelligence Agency (CIA) bewaffnet, aus Kabul. Die Fatwa Chomeinis, der mit ihr alle Muslime aufrief, Salman Rushdie, einen indisch-britischen Schriftsteller, hinzurichten. In Algerien die Gründung der Islamischen Heilsfront (Front islamique du Salut – FIS). In China werden wird die Protestdemonstration am Platz des Himmlischen Friedens blutigen niedergeschlagen.

Die EU entsteht und mit ihr die Lösung der immer im Raum stehenden „deutschen Frage“. Doch der Lösung eines Problems folgen immer neue Probleme. Ein Urgesetz. 2007/2008 folgt eine dramatische Wirtschafts- und Finanzkrise in Europa. Deutschland sieht sich als „Hüter“ über die europäischen Verträge und neue deutsche Fragen tauchen auf. Es ist kompliziert.

 „Der Euro war ein vergifteter Kelch. Er war gemacht, um Deutschland an Europa zu binden, doch hat er die schwächeren Länder an Deutschland gebunden.“ Cohen, „The German Question Redux“

Und heute? Die Wirtschaft und der aufblühende Neoliberalismus lassen den Menschen keine Zeit, auch Deutschland nicht. Dem Versprechen, die EU Grenzen zu schützen folgt eine Öffnung der Grenzen.

In Frankreich blühen erste Proteste, die niedergeschlagen werden, auf. Verschiedene Gruppierungen vermischen sich, manche machen es friedliebenden Demonstranten schwer, andere wollen den Straßenkrieg. Die Bewegung der Gilets jaunes wird in die Geschichte eingehen und sie ist auch, wenn sie zur Zeit abflaut, nicht beendet. Macron muss Zugeständnisse in der Steuerpolitik und Rentenpolitik machen.

Menschen tun sich mit Veränderungen schwer. Und wie sollte es anders sein, der Spiegel nach innen, nach Deutschland zeigt ein ähnlich zersplittertes Bild.

Verrohung der dialektischen Mittel mitten im Land der Dichter und Denker

Es wird gestritten und nicht gestritten. Über Hass und Hetze, Diskriminierung, Rassismus, die Verrohung der dialektischen Mittel mitten im Land der Dichter und Denker, der doch so hoch gehaltenen Diskurskultur, erhält Aufschwung.

Blogs entstehen, die Altparteien erschaffen durch ihre eigene Farblosigkeit eine Alternative, die zum einen zum Sündenbock herhalten muss, zum anderen sich selbst nicht von rechtsextremen Erscheinungen trennen kann oder will.

Doch auch Vertreter der Altparteien glänzen nicht durch einen kultivierten Streitdiskurs, stellen sich nicht den doch so notwendigen Debatten. Es wird mit dem Finger auf den Sündenbock gezeigt und jegliche Kritik soll verstummen, indem dem vermeintlich schwarzen Schaf die Lämmer überführt werden. Wahr ist jedoch, dass viele Politiker aus den Altparteien auch dorthin wechselten.

Die Steuereinnahmen steigen rasant, um fast ein Fünftel im letzten Jahr, irgendetwas macht Deutschland richtig. Und wiederrum falsch, die Infrastruktur lässt zu wünschen übrig, Gelder für Sanierungen (Schulen), Bildung werden nicht abgerufen. Das Entbürokratisierungsgesetz III wird eingeführt, Kleinunternehmer dürfen mehr verdienen, das ist toll. Alte Menschen sammeln Flaschen aus Papierkörben, viele Rentner leben unter der Armutsgrenze, Generationenvertrag? Hat die SPD ein heimliches eigenes wirtschaftliches Interesse an der Einführung der Bonpflicht? Das wäre ein Skandal. 

Das geliebte Leben geht weiter und doch gibt es Debatten um Minderheiten in unserem Land, um die Migrationskrise. Um die Menschen, die mit falschen oder mit richtigen Angaben in unser Land kommen. Um die Erhöhung der Terrorgefahr in unserem Land, die ungezählten Messerattacken, das, was verschwiegen wird und um das, was an den Pranger gestellt wird.

David Berger ist ein streitbarer Zeitgeist. Definitiv. Immer wieder bricht er eingefahrene Strukturen auf, provoziert und demaskiert, oft auch sich selbst. Während ich diese Zeilen schreibe, muss ich lachen. Von Menschen, denen seine Meinung nicht passt, wird er in die rechte Ecke gestellt, anderen Rechten ist er zu liberal. Zu schwul. Auch von dort erfährt er Beleidigungen, Morddrohungen und schießt zurück.

Doch wo sind die Grenzen eines Diskurses? In der Ausübung von Gewalt. Im Niederschreien, im Bedrohen, in Hetzjagden. So, wie kürzlich geschehen in Köln. Berichte sind zu finden auf diesem Blog.

Bushido erhält den Bambi für Integration. Das war 2011. Schwulenfeindliche Texte auch sein Credo: „Ihr Tunten werdet vergast.“

Denkverbote sind falsch. Sie radikalisieren

Ich bin für die Kunstfreiheit. Die Jugend braucht einen Katalysator, um sich ihren Frust freisingen und -tanzen zu können. Denkverbote sind falsch. Sie radikalisieren. Dahinter werden Verschwörungen gewittert und eine Radikalisierung beginnt. Kunst soll provozieren und zum Nachdenken anregen, verboten werden darf nichts. Inzwischen gibt es auch, 8 Jahre später, Rockkonzerte gegen Rechts, wo auf Gräbern von Toten getanzt wird. In alle Richtungen schrecklich. Das darf angeprangert werden, ist aber nicht verboten. Das ist das Theater der Moderne, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen. Aktiver Frieden.

Auch andere Künstler erhalten Bambis. Nicht Bushido wirft ein Licht auf unsere Gesellschaft, es gibt verschiedenste Strömungen, die Tabubrüche generieren, es ist die Jury, die ein bezeichnendes Licht auf unsere Gesellschaft wirft. Und diese Jury scheint nach wie vor wie von unsichtbarer Hand gelenkt, zu existieren. Im Grunde demaskiert Bushido unsere Gesellschaft, ob gewollt oder ungewollt, egal.

Es sind die Entlassungen von Menschen, die kritisch sind, aus ihrem Arbeitsverhältnis, die unsere geliebte Demokratie zerstören. Es sind die Überfälle, die einen gesamtgesellschaftlichen medienwirksamen Aufschrei hervorrufen – berechtigt, aber es sind auch die, die verschwiegen werden, die unsere Seele stören. Unter den Teppich gekehrt.

Die Transsexuelle Frau, die die AfD wählt, die darf man schon verunglimpfen und jagen und angreifen

Die Transsexuelle Frau, die den Liedtext singt: „Stirb leise“, nicht.

Und wer will schon leise sterben? Ich nicht.

Doch die Toleranz gegenüber Freigeistern in unserem Land lässt erheblich nach und zerstört so nach und nach unser Klima in unserem Land. Und das ist wirklich menschengemacht.

Es ist doch besser, über schreckliche Aussagen „Ihr Tunten werden vergast.“ zu streiten, als diese Aussagen indirekt zu verbieten. Wie viele Aussagen stehen im Koran zum Beispiel, wie werden diese ausgelegt und will man darüber streiten, ist es Mode geworden, Menschen als Nazi zu diffamieren. Da fängt es doch an, Diskurse zu verbieten.

Wir befinden uns in einer rechthaberischen Gesellschaft. Minderheiten wollen die Hoheit über die Mehrheit haben und durchsetzen. Jeder gegen jeden. Das Demokratieverständnis hat sich verschoben, auch die Diskurse. Es bleibt nie so, wie es mal war. Ob es uns passt oder nicht.

Die Argumente sind auf allen Seiten dieselben. Ein jeder fühlt sich in einer gewissen Opferrolle, ungerecht bestraft, missachtet und seiner bürgerlichen Rechte beraubt. Nur was sind das für Rechte?

Das Recht, für sich eine Anarchie in Anspruch zu nehmen, sich über unsere Gesetze zu stellen und für andere Verbote zu generieren?

Wie viele Menschen habe ich inzwischen kennengelernt, die eine unheimlich sagenhafte Angst haben, aus ihrem „Gefängnis“ – sozialem Umfeld- herauskatapultiert zu werden durch kritische Aussagen innerhalb ihres festgelegten Meinungsdiktums.

Das ist schrecklich. Ich kenne das Gefühl, immer und immer wieder, nie dazuzugehören. Dem Auferstehen dunkler Mächte soll Einhalt geboten werden. Der Staat hat die Pflicht und das schließt keine Partei aus, den Diskurs zu schützen, sich einzusetzen für die Kunstfreiheit, das Demonstrationsrecht, das freie Wort.

Faschismus entsteht aus der Gruppe heraus. Die Methode zeigt sein Gesicht

Noch können wir umkehren, in dem wir Individuum und kritischen Zeitgeist hie wie da lassen mit ganz eigenständigen Meinungen, ohne sie in irgendwelche Ecken zu stellen. Das hatten wir schon mal. Diese Fußstapfen müssen nicht weiter ausgetreten werden.

Ich bin mir sicher, es wird so nicht bleiben. Weil es nicht so bleiben kann. Friktion. Ein Erwachsen der Vernunft.

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Andrea Charlotte Berwing, die Autorin des Textes ist vor allem für ihre Romane bekannt.

Als letztes erschienen: „Die Wahrheit ist anders.“ Wenz Verlag, „Jetzt spinnen wir um die Wette, Henriette.“ und „Und zerrissen die Raben mein Herz.“ – Der letztgenannte Roman kann hier bestellt werden: Nibe-Verlag.

Dazu auch mein PP-Frühstücksgespräch mit der Autorin.

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