Ein Gastbeitrag von Michael van Laack

Als Christ soll man bekanntlich hin und wieder seinen Nächsten eine Freude machen. Und so lag ich gestern Abend im Bett und dachte darüber nach, wie ich den Politikern von CDU, CSU, SPD, FDP. Linkspartei und Grüne eine solche machen könnte. Aber auch den vielen Journalisten bei ARD, ZDF und den zahlreichen anderen Medienhäusern.

Herausgekommen ist dabei eine Geschichte, die ihnen im ersten Teil gefallen dürfte. Denn so stellen sie sich bekanntlich all die AfD-Politiker, ihre Berater, Wähler, Sympathisanten und sicherlich auch „rechte“ Ghostwriter und Multiplikatoren wie mich vor: Total Nazi eben!

Aber wie das nun mal ist mit freudigen Überraschungen und Geschenken: sind sie ausgepackt und die Minute der Freude und Dankbarkeit verflogen, wird man ganz schnell wieder eingeholt von der Realität des Alltags. Weshalb der zweite Teil dieser Geschichte den Beschenkten vermutlich weniger gut gefallen dürfte.

1. MEIN MORGEN, WIE „DEMOKRATEN“ SICH IHN VORSTELLEN‘

Ordnung und Struktur sind mir sehr wichtig. Da bin ich wie ein Autist. Der Tagesablauf muss vorhersehbar sein, ein gleichbleibender Ritus ist unerlässlich.

Es ist 5:35 Uhr: Mein Wecker reißt mich mit dem Klingelton des Horst Wessel-Liedes aus meinen süßen Träumen. Gerade eben noch stand ich bei der erneuten Machtergreifung –  die meine  neurechten Freunde und ich für den 31.01.2020 vorgesehen haben – neben dem Bundesführer und wurde unter dem Fest-Geläut des Münchener Leibfrauendoms und der jubelnden, weil von der CSU befreiten Bevölkerung als Reichskirchen-Minister eingeführt…

Nun aber geht es zurück in die Lebenswirklichkeit des Deutschlands von heute, dem ich das Deutschland von gestern vorziehe, weil es eben kein Vogelschiss war, sondern das Potential hat, das Deutschland von morgen zu werden.

Noch nicht ganz von den Nachwirkungen des Traums befreit, bete ich zu Thor um die Wiederkehr des Eismondes. Dann schleppe ich mich mühsam ins Arbeitszimmer. Dort steht – von brennenden 72-Stunden-Grablichtern und seinen Orden umgeben – das Bildnis meines Urgroßvaters, einem Oberst der Fallschirm-Panzer-Division 1 „Hermann Göring“. Die Tagebücher, die er der Familie hinterlassen hat, haben mich den deutschen Glauben gelehrt, aus dem heraus ich auch heute wieder übers Internet die im Dunkel der Demokratie und des Christentums schlummernde zukünftigen Volksgenossen missionieren werde.

Es wird Zeit, zurückzuschießen!

Pünktlich um 5.45 Uhr sitze ich dann auf der WC-Schüssel. Bekanntlich wird ab jetzt zurückgeschossen… Nach Verrichtung der Notdurft (ich hätte gestern doch nicht so viel Wein aus den Gauen des Rheinlandes trinken sollen), betrachte ich mein von blonden Haaren umwalltes Haupt. Und wieder erkenne ich ein paar graue Haare. Na ja… mit 54… aber das muss gefärbt werden. Sonst sehe ich bald aus wie dieser vermutlich dreivierteljüdische Kommunist Hans-Christian Ströbele.

Ich suche meine farbigen Kontaktlinsen, denn braune Augen geht trotz meiner politischen Haltung gar nicht. Wo sind denn diese strahlendblauen Teile? Ich überlege angestrengt. Was hast Du gestern Abend als Letztes getan? Ach ja, die habe ich vermutlich schon in der Bibliothek entfernt, nachdem ich bis 22.30 150 Seiten von Alfred Rosenbergs Mythus des 20 Jahrhunderts“ gelesen hatte.  Egal, nicht ganz so schlimm, meine Familie macht sich nicht viel daraus, dass ich augenfarbentechnisch nicht dem arischen Ideal entspreche. Ihnen kommt es auf meine Haltung und mein Vorbild, meine deutschen Tugenden und den unbändigen Drang, die Wahrheit zu sagen, an.

Aus dem Führerbunker in die Bäckerei

So, nun Waschen, Kämmen, Brille aufsetzen, anziehen. Dann ab zum Bäcker und Metzger ein paar Häuser weiter. Hier in einem urbayrischen Dorf, wo die Menschen noch fleißig und anständig sind, öffnen diese Läden schon um 6 Uhr. Ich kaufe einige „Kaisersemmeln“. Der Name gefällt mir zwar nicht sonderlich, weshalb ich auch schon eine Bürgerinitiative gestartet hatte, sie in Führersemmeln umzubenennen, aber die Linksfaschisten von der CSU wussten das dann leider zu verhindern. – Mit dem Hinweis, dass die Semmeln auch schon mal brauner waren, verlasse ich die Bäckerei, kaufe schnell noch ein paar Wiener Würstchen (Deutschländer haben die nicht, aber auch Österreich hat für uns wahre Deutsche bekanntlich eine wichtige Bedeutung) und bereite das Frühstück vor.

Meine Tochter legt mir ein Formular vor. Die „Fridays For Future“ sollen ab jetzt regelmäßig als Halbtagsveranstaltungen der Schule gelten. Dieser Reglung müssen aus versicherungstechnischen Gründen die Erziehungsberechtigten noch zustimmen. „Und…“ frage ich sie „willst Du Dir zusammen mit diesem bunten Dreck einmal wöchentlich die Füße platt stehen?“ Sie schüttelt den Kopf und ihre wunderschönen nicht Greta-konformen Zöpfe schwingen durch die Luft: „Nein Papa, ich gehe lieber jeden Samstag zur Gauveranstaltung „Aktion Lebensborn für Jugendliche!“ „Brav mein Schatz!“ Sanft streichle ich ihr über die deutsche Mädelstirn. „Dann ab zur Schule! Lass dir vom Ausländerpack nichts gefallen. Und vergiss nicht: Auch deutsche Mädel kennen weder Schmerz noch Mitleid!“

MEIN MORGEN, WIE ER WIRKLICH IST!

Einem Tag die Struktur zu geben und so auch den Kindern ein Vorbild sein zu können… Schön wäre das. Aber das lassen mein Job und die ehrenamtlichen virtuellen Aktivitäten kaum zu. An manchen Tagen zwanzig berufliche Text-„Baustellen“ und vierzig Telefongespräche, an anderen nicht einmal  ein Viertel davon. Vielleicht ist Autist sein ja doch gar nicht so schlecht…

Der Wecker klingelt um 5.30 Uhr. Jeden Tag. Meistens bin ich rasch wach, denn ich schlafe selten mehr als fünf Stunden und bin doch immer gut erholt. Schnell eine Zigarette am Fenster und noch vor dem Bad E-Mails, Kommentare auf Blogs und FB-Privatnachrichten checken.

Jeden Tag wünsche ich mir, dass diesmal keine Hassmails irgendwelcher linksradikaler Spinner oder auch rechter Deppen dabei sind, die mich zunehmend in den Fokus nehmen, weil ich „die wahren, guten und schönen Rechten“ immer mal wieder offen in Artikeln oder Postings kritisiere.

Und wieder grüße das Murmeltier

„Mist – sieh leider heute wieder genauso vollgemüllt aus, wie fast jeden Tag in diesem Jahr.“ denke ich mir und sage halblaut zu mir selbst „Vielleicht sollte ich auch mal alle Hass- und Drohmails veröffentlichen, wie das seit neuestem alle Spitzenpolitiker tun. Aber wer würde das schon lesen wollen.“

So, nun noch schnell ein kurzes Morgengebet vor den Bildern des hl. Joseph und des hl. Bonifatius in meinem Arbeitszimmer und dann ab ins Bad. Ein flüchtiger Blick in den Spiegel „So sehen heute Nazis aus!“ erkläre ich meinem ungewaschenen und verstrubbelten Spiegelbild, das mir nicht widerspricht. Trotzdem bin ich frustriert, während ich auf dem WC sitze und denke die immer selben Gedanken: Die einen werfen mir vor, dass ich als Christ den christenfeindlichen Islam nicht unterstütze bei seinem Wunsch, hier Heimat zu finden. Andere sind empört, dass ich zwei Väter und ein Kind nicht als „normale“ Familie akzeptieren kann. Wieder andere sind fassungslos über meine Frauenfeindlichkeit, die werdenden Müttern die Freiheit nehmen wolle, das wachsende Leben unter ihrem Herzen nach Lust und Laune „sozial indiziert“ entfernen zu lassen. Auch, dass ich der Ansicht bin, zu viele Flüchtlinge vor allem aus vollkommen anderen Kulturen würden diese Gesellschaft zerstören, nicht einfach nur spalten. Oder, dass ich daran zweifle, die Welt-Klimarettung könne gelingen, wenn man den Plänen der Grünen bedingungslos folge in Deutschland. – Gemeinsam ist ihnen allen der Vorwurf: DU bist ein Nazi, weil DU all diese Positionen vertrittst; und DU unterstützt eine Nazi-Partei, die AfD!

Und doch gibt es Licht auf dem Weg durch den Tag

Jetzt erst einmal kalt und heiß im Wechsel duschen, um die Gedanken zu vertreiben. Anziehen, Brille auf die Nase und ab zum Bäcker und Metzger im Dorf. Beim Bäcker haben sie seit ein paar Monaten einen neuen Mitarbeiter am frühen Morgen. Er stammt aus Pakistan. Kinderfreundlich und immer zu einem Scherz aufgelegt! Er kennt meine politische Einstellung. Heute Morgen sagt er: „Na Meister, wie viele Politiker in Berlin wirst Du heute wegjagen? Keinen vermutlich, oder? Aber verdient hätten sie es fast alle.“ Wir lachen. Kurz bevor ich den Laden verlasse, ruft er mir in den Rücken: „Und lass dich von den Spinnern nicht fertig machen. Wir wissen, dass Du kein Schlimmer bist. Lass sie reden!“

Das tut mir gut, aber dennoch hat er leicht reden. Am Frühstückstisch reicht mir meine Tochter eine Vorlage der Schule zur Unterschrift: Es geht um den Besuch einer großen Moschee. Die Mädchen müssten ein Kopftuch tragen, wenn sie die Moschee betreten. Die Schulleitung bittet um interreligiöses Verständnis – „Und?“ frage ich meine Tochter „Hast Du überhaupt ein Kopftuch?“ Sie lacht laut: „Ich könnte eins von Oma bekommen oder was kaufen. Aber ich will da nicht hin. Das sollst Du mir unterschreiben. Kopftuchzwang ist voll Nazi!“ Wir lachen.

Ich schreibe ihr kurz was für die Schule: „So dann sieh zu, dass Du wegkommst! Und lass Dich nicht ärgern!“ Sie wird plötzlich ernst: „Du aber auch nicht! – Vor allem nicht von denen, die gar nicht wissen, wie Du in Wirklichkeit bist!“ – Und schon habe ich wieder Kraft für einen neuen Tag, reich an neuen Diskreditierungen!

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