Gestern schloss die Buchmesse in Italien – ein Rückblick von unserem Autor Dr. Wulf D. Wagner.

Hunderte Verlage, über 1.500 Veranstaltungen – doch ein Verlag passt nicht ins Programm. Wie berichtet, fand vom 9. bis 13. Mai die Internationale Buchmesse in Turin „Salone del Libro“ statt, in deren Vorfeld das in einem neofaschistischen Verlag erschienene Buch des Innenministers Matteo Salvini für Aufregung und schließlich zur Ausschließung des Verlages von der Messe führte.

Salvini distanziert sich nicht

„Bücher zerreißen, verbrennen, zensieren? Verrückt. Das ist wahre Gewalt.“ Italiens Innenminister Matteo Salvini fasst sich auf seiner Facebook-Seite mehr als kurz zum Skandal um seinen Interviewband „Io sono Matteo Salvini“. Er kümmert sich derzeit um anderes: Er hält landauf landab Reden auf überfüllten Plätzen, Europawahlen stehen an; auch ein Verbot von Cannabis will er erreichen, und so hat er durchaus keine Lust „auch noch den Salone del Libro [zu] organisieren. […] lasst [mich] Innen- und nicht Kultusminister sein.“

Er distanziert sich nicht von dem CasaPound nahestehenden Verlag Altaforte Edizioni, in dem sein Interview mit der Journalistin Chiara Giannini erschienen ist. Die Leitung der Turiner Buchmesse sah den Fall anders und entschloss sich, nach Einspruch des Museums Auschwitz-Birkenau und der daraufhin erfolgten Anfrage der Stadt Turin – besonders der Bürgermeisterin Chiara Appendino vom Movimento 5 Stelle – und der Region Piemont zur Aufkündigung des Vertrages mit Altaforte. Der Verlag präsentierte das Buch daher am 11. Mai im Luxushotel „AllegroItalia Golden Palace“ in Turin.

Knappe Berichterstattung bei uns – Debatte in Italien

Die Berichterstattung in der deutschen Presse zu Italien ist ja seit der Regierungsbildung 2018 ein Paradebeispiel für Langeweile, Vereinfachung und Verschweigen oder scheint, wie bei der F.A.Z., immer weniger der selbstständigen Urteilskraft ihrer Leser zu vertrauen. Diese einst große Zeitung nicht nur des deutschen Bildungsbürgertums fühlt sich heute bemüßigt zu erklären, dass „der faschistische Diktator Benito Mussolini […] während des Zweiten Weltkrieges enger Verbündeter von Adolf Hitler und Nazi-Deutschland“ war, um ihren Lesern vom Skandal der Turiner Buchmesse zu berichten.

Der Hinweis auf „Nazi-Deutschland“ und darauf, dass das Museum Auschwitz-Birkenau sich von der Messe zurückziehen wollte, sollte Altaforte seinen Stand behalten, genügt heute in Deutschland, um sich nicht länger beim eigentlichen, weit komplexeren Thema aufzuhalten – der zunehmenden Zensur oder vorsichtiger ausgedrückt der Verdrängung wahrer Debatten in unserem Land.

Die italienischen Medien hingegen berichten mit langen Zitaten der gegensätzlichen Haltungen. In privaten Diskussionen zeigen sich Bedenken und Ängste in beide Richtungen, Verunsicherungen, das Unwissen auch um den alten oder einen neuen Faschismus. Die einen sagen „Wehret den Anfängen!“, „Salvini ist ein Provokateur“, ist „rozzo“ – der Klang des Wortes macht die Übersetzung unnötig – und Altaforte nebst CasaPound stehen für Rassismus und eine Verherrlichung des Faschismus, der in Italien unter Strafe steht, also ist das Verbot nicht nur gerechtfertigt sondern notwendig.

Ausgerechnet der Direktor der Frankfurter Buchmesse will den Italienern erklären, was Zensur ist

Andere sehen in der Kündigung Zensur, betrachten die Bücher des Verlages wie auch die Zeitschrift „Il primato nazionale“ als notwendigen Beitrag innerhalb der geschichtlichen und kulturellen Debatten, zumal gerade in Italien bedeutende Historiker wie Emilio Gentile die Idee eines neuen Faschismus deutlich von dem vor über siebzig Jahre besiegten Faschismus scheiden.[1]

Die Breite der Diskussion zeigt sich etwa in dem ausführlichen Interview, dass die Zeitung Corriere della Sera (Turiner Ausgabe) am 10. Mai mit Jürgen Boos führte, dem Direktor der Frankfurter Buchmesse – die als bedeutendste Europas vorgestellt wird. Er äußerte hier seine Bedenken gegen eine eigenmächtige Zensur der Turiner Messe: „Allein Richter können zensieren.“

„Kultur sollte weder der Rechten noch der Linken angehören. Kultur heißt, verschiedene Ideen anzuerkennen,“ fügte er hinzu. Auch wies Boos zum Vergleich nochmals kurz auf den Auftritt 2017 des Antaios-Verlages und AfD-Politiker Björn Höcke auf seiner Buchmesse hin. Daher erschließt sich seine Aussage nicht, dass „die extreme Linke und die extreme Rechte etwas gemeinsam hätten: die Meinungen anderer auszugrenzen“; bei den Ereignissen in Turin wie auf den letzten deutschen Buchmessen grenzten andere aus oder waren nicht zum Gespräch bereit.

Müsste man Boos an die für seine Buchmesse peinliche, indessen amüsante Geschichte um den „Loci“ bzw. Antaios-Verlag auf der Buchmesse 2018 und zugleich die Tatsache, dass andere Verlage – wie die Junge Freiheit – bewusst ins abseits abgedrängt wurden, erinnern?

Islamisten und Linke stellen aus

Unter denen, die sich auf die Seite Altafortes stellen, findet sich auch das Vorstandsmitglied Giampaolo Rossi von der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt RAI; er sieht in der Ausschließung ein „Diktat einer immer arroganter werdenden intellektuellen Elite“.

In diesem Zusammenhang wurde mittlerweile auf die Heuchelei der Messeleitung hingewiesen, die scheinbar keinerlei Probleme mit dem nahe dem Eingang positionierten großen Stand der Vereinigten Arabischen Emirate habe. Der bekannte Kunstkritiker Vittorio Sgarbi, der einen politischen Lebensweg von den Kommunisten über die Liberalen zur Forza Italia und anderen politischen Kleinstgruppen hinter sich hat und für Polemiken nicht unbekannt ist, äußerte: „Der wahre Skandal ist nicht der Interviewband, sondern der Auftritt der Vereinigten Arabischen Emirate“, die für Folter, Unterdrückung der Frau usw. stehen. Dazu aber hätten „die Antifaschisten nichts zu sagen“.

Auch sind selbstverständlich linke Verleger oder solche mit einer linksradikalen Vergangenheit auf der Messe vertreten, wie der Verlag Feltrinelli, der von dem linksradikalen Verleger Giangiacomo Feltrinelli gegründet wurde, der 1972 vermutlich bei den Vorbereitungen eines Anschlages ums Leben kam. Betritt man heute eine der in ganz Italien verbreiteten Buchhandlungen La Feltrinelli, so stehen an den auffälligsten Stellen bzw. im Regal „Empfehlungen“ immer neue Bücher gegen Rassismus, Populismus, Faschismus – und Greta hat uns mittlerweile auch einiges in Buchform mitzuteilen. Als Salvinis Interviewpartnerin Chiara Giannini am Samstag mit ihrem Buch über die Messe spazierte, um gegen die Zensur zu protestieren, versuchten einige schon ergraute Linke sie vor dem Stand von Feltrinelli mit dem antifaschistischen Partisanenlied „Bella ciao“ – das derzeit bei Auftritt von Gegnern Salvinis gerne angestimmt wird – an Gesprächen zu hindern.

Werden die Buchläden Salvinis Buch anbieten?

Nun bleibt unklar, ob die einzelnen Buchläden Innenminister Salvinis Buch verkaufen werden; einzelne Filialen haben sich bereits dagegen ausgesprochen. Ist dieser dünne Band so gefährlich, sind die dort geäußerten Argumente soviel stärker als die Stapel anderer Literatur, dass der mündige Leser am Kauf behindert werden muss? Und das alles in vorauseilender Zensur, denn das Buch selbst wird noch kaum jemand der Kritiker gelesen haben.

Nun – Fortsetzung folgt, ich muss noch nachschauen, ob ich den Band schon in einer Buchhandlung in Palermo finde.

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[1] Vgl. etwa das bisher nicht ins Deutsche übersetzte, aber derzeit überall in italienischen Buchhandlungen ausliegende Buch von Emilio Gentile: Chi è fascista. Editori Laterza, Bari 2019.

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