Nun hat auch Italien seinen Buchmessenskandal. Innenminister Matteo Salvinis Interviewband erscheint an diesem Wochenende im Verlag Altaforte auf der Buchmesse in Turin. Altaforte aber steht den Neofaschisten von CasaPound nahe. Ein Gastbeitrag von Dr. Wulf D. Wagner

Es ist noch gar nicht erschienen und sorgt schon für Aufregung. Italiens Innenminister hat ein Interview gegeben, das am 9. Mai als Buch „Io sono Matteo Salvini“ erscheinen wird. Es wird nun aber nicht etwa in einem der großen italienischen Verlage herausgebracht, sondern in einem winzigen, erst 2018 gegründeten Verlag: Altaforte Edizioni.

Kennen Sie nicht? Kannten Sie Antaios oder Manuscriptum vor den Buchmessenskandalen in Frankfurt und Leipzig? Nun also hat auch Italien seinen Buchmessenskandal und ein Verlag erhält seine Aufmerksamkeit.

Die jungen Linken kündigen, die alten Linken wissen noch, was Debatte heißt

Die Wogen schlagen hoch, seit der Schriftsteller Christian Raimo (* 1975) in einem Post auf Facebook darauf hinwies, dass die Neofaschisten im „Salone del Libro“ in Turin mit einem Stand vertreten sein werden. Er lieferte zugleich eine Liste jener, deren Teilnahme verhindert werden müsse, darunter auch Konservative wie der junge Francesco Giubilei.

Nun, sie werden nicht verbannt, denn die Messe war und ist „ein Ort der Freiheit, der Debatten und Konfrontationen von Ideen und Kulturen sowie der Offenheit, der Vielfalt und der Demokratie“. Raimo hingegen war gezwungen als Berater zurückzutreten.

Ihre Teilnahme kündigten auch einige linke Schriftsteller auf, etwa der römische Comicautor Zerocalcare (* 1983), der „keine Faschisten sehen will“. Das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau gab bekannt, die Buchvorstellung von Halina Birenbaum an einen anderen Ort in Turin zu verlegen, sollte Altaforte auf der Messe bleiben.

Andere hingegen sprachen sich deutlich für ihr Erscheinen aus – man wolle den Faschisten nicht das Feld im antifaschistischen Turin überlassen. Wiederum andere, wie der Journalist und Altachtundsechziger Giampiero Mughini (* 1941) stellen sich gegen die, die „im Namen des Antifaschismus Zensur“ verlangen: „CasaPound hat jedes Recht auf sein eigenes Verlagshaus und darauf Bücher, wie sie es wollen, zu publizieren, über die wir dann von Buch zu Buch urteilen werden.“

Salvini im neofaschistischen Verlag

Der Verlag Altaforte steht der faschistischen Bewegung CasaPound nahe, bringt das Monatsmagazin „Il primato nazionale“ heraus und ließ in schneller Folge seit 2018 Bücher zu den verschiedensten Themen erscheinen; ins Deutsche übersetzt, ist davon noch keines. An diesem Wochenende wird er mit seinem Programm und dem Band von Salvini, „dem meist diskutierten Mann Europas“, also auf der Internationalen Buchmesse in Turin erstmals vertreten sein.

Das Interview mit Salvini führte die Journalistin Chiara Giannini, die als Expertin für Terrorismus und Migration unter anderem Afghanistan bereiste und darüber im gleichen Verlag ein Buch „Reiseerinnerungen einer Frau im Krieg“ veröffentlichte und auch für die Entscheidung, Salvinis Interview bei Altaforte erscheinen zu lassen, verantwortlich sein soll.

Salvini selbst hat sich zu dem Spektakel in den Medien noch nicht zu Wort gemeldet – etwa auf seiner Facebookseite. Wie stets kann er sich gelassen zurücklehnen, bei Amazon.it klettern die Vorbestellungen. Und der Herausgeber von Altaforte, Francesco Polacchi, dankt bereits denen, die unfreiwillig die Werbetrommel gerührt haben; dem Museum Auschwitz-Birkenau gegenüber drückt er hingegen sein Bedauern aus, will sich aber nicht zurückziehen.

Wer wird die deutsche Übersetzung zeitnah herausbringen?

Warten wir also den 9. Mai ab. Warten wir ab, was Salvini Europa in seinem Buch zu sagen hat. Und warten wir ab, welcher deutsche Verlag der erste sein wird, der sich an die Übersetzung dieses Buch traut.

Vermutlich wird es keiner der großen Verlage sein, die sich schon seit Jahren scheuen, kritische italienische Bücher als Übersetzung dem deutschen Publikum zu präsentieren, anders als der linke PapyRossa Verlag oder der neurechte Antaios Verlag – doch dazu ein andermal. Fortsetzung folgt nach der Buchmesse!

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