Nach einer neuen Studie der Deutschen Bischofskonferenz und der EKD wird sich die Zahl von Katholiken und Protestanten bis 2060 nahezu halbieren. Michael van Laack kommentiert die Prognose und fragt nach Ursachen.

Studien, die ihre Ergebnisse auf zukünftige Entwicklungen projizieren, sind selbstverständlich grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen. Dies gilt zweifellos auch für die hier vorliegende des „Forschungszentrums Generationenverträge an der Albert-Ludwig-Universität Freiburg“. 40 Jahre nach vorne zu schauen, birgt Risiken. Hätte 1979 jemand plausibel die demografische Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland 2019 voraussagen können? Nein! Und dennoch lohnt es sich, einen kurzen Blick in diese wissenschaftliche Arbeit zu werfen und sie aus einem anderen Blickwinkel zu beleuchten.

Die Zahlen sind ebenso nüchtern wie ernüchternd: Von den aktuell 23,3 Millionen Mitgliedern der katholischen Kirche sind 24 % älter als 65, 60 % zwischen 20 und 64 und nur 16 % jünger.

Auf Basis dieser Zahlen und anderer Entwicklungen wird sich bis 2060 die Zahl der Katholiken in Deutschland um 48 % verringern. Vier Faktoren werden dafür hauptsächlich verantwortlich sein:

1. Neugetaufte

Immer weniger Paare oder Alleinerziehende, die selbst Kirchenmitglied sind, lassen ihre Kinder taufen. Das liegt zum einen daran, dass der Glaube ihnen selbst nicht sonderlich viel bedeutet und sie einfach nur noch Mitglied der Kirche sind, weil das eben immer so war. Wie ja auch manch einer noch viele Jahre die Partei wählt, welche die Eltern wählen und erst später beginnt, sich auch in diesem Bereich abzunabeln.

Zum anderen, weil sich nicht wenige Paare von der neuzeitlichen Pädagogik haben einflüstern lassen, in Fragen der Religion solle man erst als Heranwachsender entscheiden, ob und woran man glaubt. Einen Säugling taufen zu lassen, bedeute, ihm einen Glauben aufzuzwingen. In einer zunehmend hedonistischen Gesellschaft, geführt von einer politischen Klasse, welche die Trennung von Staat und Kirche eher als Kampf des Staates gegen christliche Moralvorstellungen versteht, wird so eine Taufe immer unwahrscheinlicher.

2. Austritte

Unzählige Gründe gibt es, die einen Katholiken dazu bewegen, die Institution Kirche (den „Verein“, wie viele es nennen) zu verlassen. Eines der Hauptprobleme für die katholische Kirche in Deutschland ist die weltweit fast einzigartige Möglichkeit, auszutreten. In keinem anderen Land ist das möglich. Und so kann eben auch in keinem anderen Staat die Statistik einen Schwund der Kirchenmitglieder erfassen. Dort bleibt man der Kirche zugerechnet durch die Taufe, ganz gleich, ob man christlich lebt und die Kirche besucht, oder nicht. Das mag die Aussagekraft der Studie ein wenig schmälern. Doch nun zu den Austrittsgründen:

  1. Die Kirchensteuer: Nicht wenige argumentieren auch heute noch, es ginge ihnen um das Geld. „Warum soll ich für etwas zahlen, von dem ich keinen Nutzen habe?“, fragen sie. Dass sie durch einen Austritt in der Endabrechnung nichts sparen, sondern auf anderen Wegen stärker zur Kasse gebeten werden, wenn bestimmte Dienstleistungen im sozialen Bereich, die bis dahin die Kirche erbracht hatte, nun in staatlicher Eigenregie erfolgen müssen, sehen sie in der Regel nicht. Doch dieses Thema soll hier nicht weiter vertieft werden.
  2. Die Lehren der Kirche: Die Sexualmoral der Kirche ist seit Jahrzehnten für Kirchenmitglieder in den hedonistischen Gesellschaften des Westens ein Problem. Vorehelicher Geschlechtsverkehr, Verhütung, eheliche Treue… Wer Spaß haben will, kann damit selbstverständlich nicht sonderlich viel anfangen, empfindet die Forderungen der Kirche in diesem Bereich als Bevormundung: „Die wollen uns doch nur ein schlechtes Gewissen machen.“ oder „Sex gehört doch zu Natur des Menschen.“, hört man dazu allenthalben. MORAL und Sexualität? Sex ist moralfrei, so die Denke vieler. – Weitere Reibungsflächen, die ich hier nicht weiter auffächern möchte, sind die Fragen nach dem Zölibat, der Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubensfragen, der Bewertung der Homosexualität, Abtreibung, Euthanasie, Pränataldiagnostik, die Haltung zu anderen christlichen Kirchen wie dem Protestantismus, die Stellung zum Islam.
  3. Die Glaubwürdigkeit der Kirche: Schon seit Jahrzehnten sehen wir dieses Glaubwürdigkeitsproblem. Das geflügelte Wort von den „Wasser predigenden aber Wein trinkenden“ Klerikern macht seit Jahrzehnten die Runde. Schon in den 70ern und 80ern hatten wir die ersten öffentlich bekannt gewordenen Finanzskandale der Vatikanbank oder die Beteiligung der Kirche an Waffen produzierenden Unternehmen. – Die Verweltlichung des Priesterstandes seit den Reformen des II. Vatikanischen Konzils, das Reden von der notwendigen Versöhnung von Kirche und Welt, hat ebenfalls mehr geschadet als genutzt. Bischöfe und Priester verstehen ihre Tätigkeit eher als Beruf, weniger als Berufung. Auch möchten sie „Augenhöhe“ zwischen sich und den „einfachen“ Gläubigen erreichen – die Gläubigen danken es, in dem sie den Priester als Autorität nicht mehr ernst nehmen, denn „der will ja so sein wie wir – der ist ja auch nicht besser.“ Die Vorbildfunktion ist also dahin.

Diese Verweltlichungstendenzen haben dann auch im Klerikerstand mit Blick auf die auch für Gläubige „anstößige“ Sexualmoral dazu geführt, dass immer mehr Priester auf Sex nicht verzichten wollten. Die einen zogen daraus ehrlich die Konsequenz und ließen sich laisieren, die anderen taten und tun es heimlich und doch nicht für alle Gläubigen ihrer Gemeinden immer verborgen.

Und dann das Gräuel des Missbrauchs durch – man verzeihe mir den Begriff oder nicht – Kinderficker, Zerstörer der Seelen junger Menschen; dazu der verheerend intransparente und kommunikativ stümperhafte Umgang mit diesem systemischen Problem; allerdings auch das Verhalten unauffälliger Homosexueller, die statt des Outings heimliche Beziehungen wählen, welche zu einem Skandalon für die Kirche werden, wenn Dritte sie aufdecken.

Die von der Anpassung an den Zeitgeist Enttäuschten: Sicher mittlerweile die kleinste Gruppe, denn die meisten Gläubigen, die die alte Kirche (die tridentinische, vorkonziliare) mit ihren festen Prinzipien in Dogma, Moral und Liturgie schätzten, sind verstorben. Jedoch haben nicht wenige, die Gottesdienste traditionalistischer römisch-katholischer Ordensgemeinschaften besuchen, die Kirche mittlerweile verlassen und geben lieber den Priestern ihres Vertrauens Spenden. Übrigens: Im Verhältnis zu Bistümern und Gemeinden wachsen diese Gemeinschaften seit fünf Jahrzehnten langsam aber stetig. Sie kennen keinen Priestermangel und sind im Schnitt fast 20 Jahre jünger als die Mitglieder einer konventionellen Pfarrgemeinde.

3. Eintritte

Nur sehr selten geschieht es heute noch, dass jemand im Erwachsenenalter in die katholische Kirche eintritt. Wenn, so war er zumeist vorher ohne jegliche Konfession oder kommt – wenn seine Haltung eine konservative ist – aus der evangelischen Kirche. Die meisten dieser Konvertiten wirken allerdings mehrheitlich nicht in den Bistumsgemeinden, sondern schließen sich traditionalistischen Gemeinschaften wie der Petrus- oder Piusbruderschaft an, denn wie die Austretenden so lehnen auch sie die Strukturen und Entscheidungen der Amtskirche ab. Nur eben aus anderen Gründen.

Zugewinne aus anderen Religionsgemeinschaften gibt es nahezu gar nicht mehr, was auch daran liegen mag, dass man den Auftrag des Gründers, in alle Welt zu gehen und zu lehren, innerkirchlich mittlerweile als Proselytenmacherei ablehnt. In den Ländern des Westens ist die Mission tot! Die Kirche strahlt nicht mehr, sie wirbt nicht mehr bei denen, die nicht an Christus glauben. Sie setzt auf freiwilliges Erkennen des Richtigen…. Man stelle sich eine Partei vor, die darauf vertraut, dass die Bürger sich auf die Suche nach ihrem Wahlprogramm machen und einzig so Mitgliederzuwachs und das Kreuz auf dem Wahlzettel erreichen zu können glaubt.

4. Demographische Faktoren

Katholische Paare bekommen weniger Kinder als die Generation ihrer Eltern, Großeltern oder gar Urgroßeltern. Damit liegen sie natürlich im Schnitt der biodeutschen Gesellschaft. Das aber hat zur Folge, dass mehr Katholiken sterben, als geboren werden. Selbst wenn alle – was, wie oben beschrieben, nicht der Fall ist – Neugeborenen katholischer Paare getauft würden, so würde die Kirche schrumpfen. Denn es sterben mehr Katholiken, als geboren werden. – Nun könnte man sich beruhigt zurücklehnen und sagen: „Na, das ist doch bei den Evangelischen und den Konfessionslosen mindestens genau so dramatisch!“ Stimmt, aber bei den Muslimen ist es nicht so!

Und hier kommen wir zu einem Faktor, den die Studie nicht beleuchtet. Sie geht davon aus, dass 2060 nur noch ein Viertel der Bevölkerung christlich ist. Sie sagt aber nichts darüber, was die anderen 75 % sein werden. Allesamt konfessionslos? Wohl kaum! – Wenn man die aktuelle demografische Gesamtentwicklung in der Bundesrepublik zugrunde legt, wird die Gesellschaft 2060 – aus 25 % Christen, 35 % Muslimen und 40 % Konfessionslosen bzw. Angehörigen anderer Minderheitsreligionen bestehen. Es gibt also für jene, die nicht glauben, dass es einen Gott gibt, nicht den geringsten Grund zu (hämischer) Freude über das Ergebnis dieser Studie.

Den Christen aber sollte sie Mahnung sein! Und ihren Amtsträgern Warnung, dass es ein „Weiter so“ nicht geben darf, dass die Anpassung an den sog. Zeitgeist die Botschaft Christi nicht weiter verbreitet hat, sondern im Gegenteil vielleicht bald in der öffentlichen Wahrnehmung ganz zum Schweigen bringen wird.

Auch wenn die Fastenzeit hinter uns liegt: Maranatha – Kehrt um!“ Denn ihr habt noch weniger Zeit, die Glaubenskatastrophe zu verhindern als die Klimakatastrophe!

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